Posts

Brief an meinen Sohn

Bild
 Lieber Sohn,  deine Quarantäne läuft bald aus.  Ich wünsche dir, dass du gut Fuß fassen kannst in A.R., dir das Klima behagt und dein Körper zur Ruhe kommen kann. Nach 58 Jahren habe ich herausgefunden, dass wir Heimat in uns selbst finden müssen, wenn wir inneren Frieden erfahren wollen. Es gibt Menschen, denen ist das gegeben. Sie gehen leichter durchs Leben. Andere sind auf der Suche und gehen auf Reise. Es gibt natürlich Orte, an denen man sich wohler fühlt als an anderen. Aber die innere Unruhe kann letztendlich nur im eigenen Inneren zur Ruhe kommen. Für mich begann der Umkehrpunkt, als ich anfing, mich als Mensch zu begreifen und zu akzeptieren. Es war entsetzlich, mich meinem Hass zu stellen. Aber ja, ich kann hassen. Ich bin kein Gutmensch und will auch keiner sein. Ich bemühe mich, ein liebenswürdiger Mensch zu sein und bin bereit, hart auf einer Ebene zu arbeiten, von der die meisten gar keine Ahnung haben. Deswegen gibt es für mich keinen Erfolg im Außen. Ich weiß das. Ich

Von Glück und Existenzangst

Bild
Letzte Woche erlebte ich einen Moment tiefen Glücks. Es passierte, als ich durch die Tür eines Krankenhauses in die Sonne trat. Mit einem dicken Mullpflaster an meinem rechten Handgelenk ging ich durch Licht und Schatten, den die Sonne durch hohe Bäume warf. Ich spürte die Wärme in den sonnigen Abschnitten und die Kühle in den schattigen. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal in meinem Leben so große Dankbarkeit und tiefes Glück empfunden habe dafür, dass ich einfach nur hier sein darf. Atmen, leben, lieben. Wochen vorher Arzttermine, Untersuchungen, Eventualitäten. Ich hatte eindeutige Symptome, die ich abklären lassen wollte. Innerlich war ich sicher, dass der Grund dafür die Aufregungen des letzten Jahres waren. Ein Umzug stand bevor. Ein ganzes Jahr voll mit Räumen, Verabschieden, Ausmisten, Achterbahnfahren lag hinter mir. "Wenn der Umzug erst mal vollzogen ist, verschwindet das alles wieder", wird der Kardiologe sagen. Da war ich mir sicher. Dem war nicht so. Seine Eins

Menschen, denen ich gerne begegnen würde

Bild
Es ist Freitag - Putztag. Egal wo, ob zuhause oder im Büro. Keine Putzfrau (geschweige denn Putzmann) in Sicht, es gibt nur Herr und Frau Putz. Ich muss gestehen: Ich mache alles, fast alles, aber putzen ist schrecklich. In meinen jungen Jahren war ich mal an der Uni eingeschrieben (Kunstgeschichte und Italienisch). Mehr als die Universität besuchte ich die Studentenvermittlung. Ich brauchte Jobs - sprich Geld. Und ich nahm alles an: Kartoffeln schälen in der Großkantine, Lichtpauserei von überdimensional großen Plänen in einem Architekturbüro, eine Statistenrolle in einer regionalen Serie, einen Putzjob für ein Büro. Der in einem Privathaus befindliche Büroraum war schnell sauber gemacht. Dann kam die Dame des Hauses und forderte, dass ich das private Badezimmer putze. Würg ... der Job war nach der ersten Erledigung ad acta gelegt. Kartoffelnschälen lag mir mehr. Kartoffeln haben keine langen schwarzen Haare, die sich partout in allem verfangen. Seitdem habe ich eine "lange-schwa

Brief an meinen Vater

Bild
 Lieber Papa, bester Schaschlikzubereiter, ich weiß nicht mehr, was wir gegessen haben, aber wir haben es scheinbar genossen. Wir hatten einen ähnlichen Geschmack - lieber salzig als süß, lieber deftig als lasch. Ich mochte deine Tomaten mit rohen Zwiebeln drauf und die selbstgeriebenen Baggers. Wenn wir über deinem Schaschlik saßen, brauchte es keine Worte mehr. Ich erinnere mich an unser Gespräch im Auto, als ich dich zur Beerdigung deiner Schwester M. begleitete. Ich sagte, dass ich alt werde. Du hast gelacht und geantwortet "Mädel, ein paar Falten hast du bekommen, aber von der Ahnung, was es bedeutet alt zu werden, bist du noch weit entfernt." Das war im Sommer 2007. Manchmal sehe ich dich mit R. einen Walzer tanzen. Nie im Leben konntest du das, es ging immer nur ein "Schieber", wie du es nanntest. R. liebte den Rock´n Roll und überragt dich kleinen Mann um eine ganze Kopflänge. Aber vor meinem Auge tanzt ihr beide einen formvollendeten Walzer. Ich kann sogar

Brief an meine Mutter

 Am 1.1.2021 klingelte unser Telefon. Der zweite Ehemann meiner Mutter richtete uns aus, dass wir, auf ausdrücklichen Wunsch meiner Mutter, zum Kaffee oder Wein eingeladen sind. Ich ging in mich. So viele Jahre hatte ich auf ein Zeichen gewartet. Nun war es da. Das Fatale: Ich will es nicht mehr. Es passt nicht. Es passt hinten und vorne nicht. Wie soll ich nach über 13 Jahren Nicht-Kontakt wieder am Kaffeetisch meiner Mutter sitzen, über das Leben zu Corona-Zeiten plaudern und all das, was sich in den letzten 20 Jahren in mir entwickelt hat, wegwischen? Und: Ich bin so unendlich müde. Ich kratze all meine Energie zusammen, um meinen Alltag zu bewältigen. Ein Treffen mit ihr war schon immer ein Kraftakt für mich gewesen. Sie nimmt ohne zu geben. Sie saugt mich aus. Und merkt es nicht. Um ihr nicht völlig Unrecht zu tun, hörte ich mich um. Ob es bei ihr Entwicklung gibt. Vielleicht hat der Lockdown mit seinem Rundum-Stillstand ungeahnte oder unerwartete Veränderungen bewir

Weg von mir

Bild
Vor drei Wochen machte sich bei mir Lagerkoller und eine mentale Dysbalance bemerkbar. Ich war sehr gereizt. Vor langer Zeit brachten mich Reisen, hauptsächlich alleine, wieder ins Gleichgewicht. Völlig auf mich gestellt, musste ich Neues meistern. Auch ohne Gesellschaft am Tisch zu sitzen und alleine zu essen, gehörte dazu. Vor drei Wochen überlegte ich, wie ich mich wieder ausgleichen könnte. Ich suchte nach einer einsamen Berghütte und wurde fündig. Sie war aber über Wochen ausgebucht. Wen könnte ich besuchen? Einfach mal weg. Ganz schnell. Am besten sofort. Mir fiel das Ferienhaus von Freunden ein, in das wir schon oft eingeladen wurden, das aber am anderen Ende der Republik liegt. Lange Anreise, großes Haus, wäre schön, wenn jemand dabei ist, mit dem ich reden und schweigen kann. Meine Tochter. Als ich meinem Mann vom Plan erzählte, fiel mir ein, dass unser Schwiegersohn frei hat. Meine bessere Hälfte fand den Gedanken an eine kleine Flucht auch sehr reizvoll. Alle waren dabei und

Überfluss

Bild
Die ältere, weise Frau, nach der ich mich ein Leben lang sehnte, traf ich in meinen Mittvierzigern. Ich lernte sie nie persönlich kennen - sie erreichte mich mit ihrem geschriebenen Wort. Ich hatte es damals so leid mich als Opfer zu fühlen und war auf der Suche nach Selbstermächtigung. Sie kam zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben. Ich war offen für ihre Arbeit, die manchem als gnadenlos oder schonungslos vorkommen kann. Für mich war es genau richtig, ich war auf der Suche nach Wahrhaftigkeit. In einem Gespräch mit meinem Sohn, dem Theravada-Mönch, stellten wir fest, dass ihre Arbeit der buddhistischen Auffassung von Leid gleicht. Nicht das, was uns widerfährt, lässt uns leiden, sondern das, was und wie wir darüber denken. Es ist immer unsere eigene Re-Aktion, die unser Befinden ausmacht. Sie sagt Keiner kann mich angreifen. Verteidigung ist der erste Akt des Krieges. Ich habe gebraucht bis ich das verstanden oder besser - verinnerlicht habe. Jemand kann mich nur angreifen, wenn ich d