Worte sind heute dicker als Blut

In einer der letzten ZEIT-Magazin Ausgaben gibt die 30-jährige Teresa Bücker 30 Antworten auf die Frage, wie es ist, heute 30 zu sein.
Unter den 30 Antworten auf verschiedene Stichworte sind mir diese besonders aufgefallen:
2 - Großeltern
Opa erzählt nicht vom Krieg. In Sekundenschnelle kann ich heute im Netz so gut wie alles recherchieren: bereits verstorbene Zeitzeugen berichten in Videos vom Holocaust. Doch die Quellen, die mir am nächsten stehen, sind ein verschlossenes Buch. Opa sagte, ich solle etwas Anständiges lernen, als ich nach dem Abitur Kunst studieren wollte. Was ich immer noch lernen möchte, ist, mit meinen Großeltern echte Gespräche zu führen, denn meine Kinder werden keine Menschen mehr kennenlernen, die vom Zweiten Weltkrieg erzählen können. Worte sind heute dicker als Blut.
4 - Perspektiven
Vielleicht will ich ein Kind, um wieder Fragen und Gedanken zu hören, die mich überraschen. Zynismus ist die Überlebensstrategie meiner Generation, die Gespräche sind davon geprägt. Mit 30 verabschiede ich mein inneres Kind und will es gleichzeitig erhalten, um mit Liebe auf die Welt zu schauen. Jetzt, wo ich selbst noch keine kleinen Menschen um mich herum habe, wünsche ich mir oft, ihre Gedanken zu lesen und zu hören, anstatt dass Medien immer wieder hasserfüllten Leuten eine Bühne bieten, die nichts von der Welt von morgen wissen wollen.
7 - Eltern
Mit 30 muss man einsehen, keine Ahnung mehr davon zu haben, was es bedeutet, heute ein Jugendlicher zu sein. Ältere Menschen rücken emotional näher. Wenn die eigenen Eltern in den Ruhestand gehen, obwohl sie einem selbst noch so jung erscheinen, verändert sich das Zeitgefühl. Man beginnt darüber nachzudenken, wie es ist, ohne sie zu sein. Ich fand meine Eltern immer modern und merkte trotzdem, wie sehr sich mein Lebenslauf von ihrem unterscheidet. Jobwechsel, Kündigungen und befristete Stellen kennen sie aus eigener Erfahrung nicht. Je älter wir nun miteinander werden, desto weniger geht es um Erwartungshaltungen, sondern um gegenseitiges Verstehen.
11 - Religion
"You know how us Catholic girls can be, we make up for so much time a little too late", ist eine Songzeile von Alanis Morissette, die mir in Erinnerung geblieben ist. "So sind wir katholischen Mädchen, wir holen so vieles ein bisschen zu spät nach." Ich habe noch gebeichtet, konnte nicht Messdienerin werden, weil ich kein Junge war, und hatte dennoch katholische Religion als Abiturfach. Kritik am Papst war in Klausuren als Fehler rot angestrichen. Eine weltfremde katholische Erziehung machte mich schließlich zur Atheistin. Mein Hunger auf Spiritualität bleibt. Jeden Sonntagmorgen, wenn ich auf meiner Yogamatte liege, wünsche ich mir, da wäre ein wenig mehr als Schweiß und gelöste Muskeln. 
17 - Therapie
"Austherapiert bist du auch nicht, oder?", brüllt die weibliche Hauptfigur von Fack ju Göhte ihrem Kollegen entgegen. Diesen Satz habe ich mindestens schon einmal über eine andere Person gedacht. In meiner Altersgruppe gehört psychologische Beratung so selbstverständlich dazu wie die Kontrolluntersuchung beim Zahnarzt. Depressionen kommen nun einmal häufiger vor als Beinbrüche. Gespräche mit Psychologen sind Mainstream, und das ist gut. Sich selbst besser zu verstehen, Wut und Trauer Raum zu geben ist wertvoller als ein weiterer Studienabschluss.
30 - Risiko
40 ist nicht "das neue 30". Wir können nicht erwachsen werden, wenn wir zugleich alles dafür tun, jung zu bleiben. Erwachsen werden bedeutet, Dinge loszulassen, anstatt eine Lebensphase, die man schon sehr gut kennt, immer wieder zu verlängern. Es bedeutet, dass man aufhört, mit der Vergangenheit zu hadern, und sich damit anfreundet, dass wir nicht planen können, was passiert.
Die Essenzen dieser Antworten sind für mich folgende:

Worte sind heute dicker als Blut.
Mit 30 verabschiede ich mein inneres Kind und will es gleichzeitig erhalten, um mit Liebe auf die Welt zu schauen.
Je älter wir nun miteinander werden, desto weniger geht es um Erwartungshaltungen, sondern um gegenseitiges Verstehen.
Mein Hunger auf Spiritualität bleibt.
Sich selbst besser zu verstehen, Wut und Trauer Raum zu geben ist wertvoller als ein weiterer Studienabschluss.
Erwachsen werden bedeutet, Dinge loszulassen, anstatt eine Lebensphase, die man schon sehr gut kennt, immer wieder zu verlängern. Es bedeutet, dass man aufhört, mit der Vergangenheit zu hadern, und sich damit anfreundet, dass wir nicht planen können, was passiert.

Ich bin 51 und meine Antworten über das Leben mit 50 würden anders aussehen als die Antworten von Teresa Bücker. In ihrer Essenz wären sie sehr ähnlich.

Ich habe 50 Jahre gebraucht um zu erkennen, dass ich nicht planen kann, was passiert. Dass es gilt die Dinge zu nehmen wie sie kommen. Dass ich in Würde altern möchte und mich deswegen kein Tattoo verzieren muss. Dass es wichtig ist ehrliche Gespräche zu führen. Auch mit sich selbst. Sich die eigenen Gefühle anzuschauen und der Wut und dem Hass auf den Grund zu gehen anstatt sie in die Welt hinauszuschleudern. Dass es darum geht wirklich zuzuhören. Um zu verstehen und nicht um zu antworten oder gute Ratschläge zu geben. Weil unsere Erfahrungen unseren Kindern zum großen Teil nicht weiterhelfen. Weil sich die Welt so schnell dreht und sie andere Fähigkeiten benötigen wie wir, damit sie nicht hinauskatapultiert werden.

Eine religiöse, missionarische Nachbarin meinte einmal zu mir, dass Menschen nur noch der Zynismus bleibt, wenn sie vom Glauben abgefallen sind. Vor 4 Jahren habe ich meine Mitgliedschaft in der katholischen Glaubensgemeinschaft gekündigt. Letzte Woche erhielt ich einen Brief vom Pfarrer der katholischen Gemeinde, der ich zugeordnet wurde/werde. Ich habe ihn tatsächlich bis zu einem gewissen Punkt gelesen, da ich neugierig war, was er mir zu erzählen hat. Da stand, dass er jetzt erst schreibt, damit eine gewisse Zeit zwischen Austritt und Kontaktaufnahme liegt. Schließlich habe ich nicht das Gespräch gesucht. Der Brief flatterte in den Papiermüll, als die alten, wohlbekannten Geschütze der katholischen Kirche aufgefahren wurden, mit denen sie jahrhundertelang überleben konnte. Vorwürfe. Schlechtes Gewissen machen. Drohen.

Ich bin vom katholischen Glauben abgefallen. Aber ich glaube. Ich glaube an ehrliche Gespräche. Ich glaube an das Ende von Autorität und Dominanz. Ich glaube daran, dass es möglich ist auf Augenhöhe zu leben. Alte auf Augenhöhe mit Jungen, Männer auf Augenhöhe mit Frauen, Erwachsene auf Augenhöhe mit Kindern. Weil ich daran glaube, dass wir alle voneinander lernen können. Ich glaube an diese Strömung einer jungen Generation, die mit 30 bereits weiß, was ich mir bis 50 mühsam aneignete. Ich glaube daran, dass die Liebe größer ist als der Zynismus. Und ich glaube daran, dass dem Reden in Zukunft eine größere Bedeutung zugeordnet wird als Tradition, Religion und Blutsbande. Wir müssen reden.

Der Weg dorthin scheint weit, aber ich glaube fest daran, dass nachfolgende Generationen dieses Ziel erreichen. Ich selber kann einen Schritt in diese Richtung machen. Einen Anfang.

***
Dieser Beitrag ist Teil eines Themas, das ihr auf meiner Homepage unter "Traumatisierte Familien -Stricke lösen" findet.


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