Am Sterbebett meiner Mutter ...

Ein Update für verlassene Kinder und eine Hypothese

Im Juni hat unsere Tochter geheiratet.
Es ist das einzige Familienfest, an dessen Teilnahme ich nicht zu verzichten bereit war. Seit dem Eklat nahm ich an keinem Fest mehr teil, an dem meine Mutter anwesend war. Der Hass auf sie, der sich damals zeigte und der Impuls sie zu schlagen, trafen mich zutiefst.

Das Wissen, dass ich meiner Mutter nach Jahren wieder begegnen würde, versetzte mich in vielerlei Gemütszustände. Der schlimmste Zustand ist immer die Phase der Destabilisierung. Der Zustand der Vierjährigen, die verraten und geschädigt wurde. Der eine Last aufgebürdet wurde, für die die erwachsenen Verantwortlichen keine Verantwortung übernehmen wollten. Der Zustand der vierjährigen Schutzbefohlenen, die nicht beschützt wurde. Dann liege ich im Bett und weine einen weiteren See an ungeweinten Tränen (wie viele davon - Himmelherrgott - gibt es in mir?). Das mache ich alleine, so bin ich das gewohnt. Kummer zu zeigen war und ist ein Tabu. Ich funktioniere wunderbar im Alltag, das habe ich gelernt.
Aus der Phase der Destabilisierung habe ich mich gerettet, indem ich mir vorstellte, meiner Mutter gegenüber zu treten und ihr all den Rotz vor die Füße zu werfen, der sich im Laufe der Jahre angesammelt hat. Ihr zu sagen, dass sie es mir zu verdanken hat, dass sie an dem Fest teilnehmen kann. Weil ich einverstanden war, dass meine Kinder weiterhin Kontakt zu ihr haben. Weil ich ertragen habe, dass sie nach Hause kamen und mir erzählten, dass die Oma schlecht über mich spricht. Weil ich es ausgehalten habe, dass sie versuchte meine Kinder und meinen Mann von mir zu entfernen. Weil ich darauf vertraute, dass die Menschen, die ich liebe, ihre Manipulationsgabe durchschauen und ihre eigenen Lösungen finden damit umzugehen. Weil ich niemanden auf meine Seite gezogen habe und forderte "Sie oder ich!". Im Geiste habe ich diese Szene so oft durchgespielt, dass es auf der Hochzeit nicht mehr nötig war. Ich wappnete mich, indem ich alle Dramen durchging, die für mich im Rahmen des Möglichen standen, indem ich alle Gefühle durchfühlte, die ich fühle, wenn das Wort "Mutter" fällt. Dann stand ich ihr gegenüber und fühlte - Nichts.
Sie hat ihre Macht über mich verloren.

Vor zwei Wochen fragte mich meine 15-jährige Nichte "Wünscht du dir, dass es zwischen deiner Mutter und dir wieder gut wird?" Sie kommt aus einem christlich-religiösen Rahmen, der meint, dass es doch zumindest möglich sein muss miteinander zu reden. Ich wusste, dass ich meine Worte mit Bedacht wählen sollte. Wollte ihr aber auch eine ehrliche Antwort geben. Ich sagte ihr, wie man es anstellen soll etwas wieder gut zu machen, was nie wirklich gut war. Dass es Menschen gibt, die einem eher schaden als dass sie einem gut tun. Darunter auch Eltern. Dass ich der Meinung bin, dass man sich von solchen Menschen entfernt halten sollte. Egal welche Rolle sie im eigenen Leben spielen.

Auch meinem Stiefvater bin ich in den letzten beiden Wochen zweimal begegnet. Wir hatten ein gutes Verhältnis zueinander. An meinem fünfzigsten Geburtstag rief er an, gratulierte mir und fragte mich, ob es mir gut gehe. Als ich bejahte, forderte er "Dann kannst du doch jetzt wieder auf deine Mutter zugehen. Ihr geht es nicht so gut". Ich schrieb ihm einen seitenlangen Brief und bat ihn darum, nicht mehr als Mittler aufzutreten. Wenn es meiner Mutter schlecht geht und sie ein Gespräch möchte, soll sie sich bitte selbst melden. Ich stellte ihm frei, den Brief meiner Mutter zum Lesen zu geben. Was er tat. Es folgte - Nichts.
Bei den letzten beiden Begegnungen hatte ich den Eindruck, dass er mir gegenüber unsicher und gehemmt war. Wenn ich ihn fragte "Wie hat dir dies oder das gefallen?", antwortete er "Uns - deiner Mutter und mir - hat das gefallen". Er hat sich positioniert. Ganz eindeutig an der Seite meiner Mutter. Was ich gut finde. Mir persönlich ging es nach diesen Treffen nicht so gut. Ich merkte, dass ich nicht nur köperlichen Abstand zu meiner Mutter brauche, sondern auch Abstand zu ihrem Leben und all den Geschichten, die damit verbunden sind.

Es gibt eine Sache, die mich schwer beschäftigt hat. Für die ich eine Lösung suchte.
In einem Forum schrieb ein Teilnehmer, dass er im Hospiz arbeitet. Dass er nicht verstehen kann, wie grausam Kinder sein können, wenn sie den letzten Wunsch eines sterbenden Elternteils nicht erfüllen wollen, indem sie nicht am Sterbebett erscheinen. Ich kann das sehr gut verstehen.
Auch meine Mutter wird sterben. Keine Ahnung wie. Aber für den Fall, dass sie am Sterbebett den Wunsch äußert, mich sehen zu wollen, muss ich mich schwer wappnen. Das wurde mir durch den Forumsteilnehmer klar. Ich muss mich nicht nur dafür wappnen, was meine Mutter mir noch sagen möchte, sondern auch dagegen, was mir entgegenwehen könnte, wenn ich diesen Wunsch ausschlage. Was also würde ich machen? In einem Gespräch mit einer Sterbebegleiterin wurde mir klar, dass ich eine neutrale Person vorschicken könnte, die die wahre Intention meiner Mutter ausmachen könnte. Mir wurde auch klar, dass ein Besuch bei ihr lediglich von der Hoffnung geleitet wäre, dass sie am Ende ihres Lebens Einsicht zeigt. Dass sie Verantwortung für ihr Päckchen übernimmt, das sie mir aufgeladen hat.
Brauche ich das (noch)?
Und ist es nicht wesentlich wahrscheinlicher, dass sie noch einmal ihr Gift über mir versprüht? Geht und mich endgültig alleine lässt damit?
Was also erhoffe ich mir? Die große Aussöhnung? Genugtuung? Wiedergutmachung? Möchte ich tatsächlich meiner Mutter diese Vierjährige anvertrauen, die ihr ganzes Leben darauf wartet getröstet zu werden? Möchte ich wirklich dieser Illusion unterliegen, dass meine Mutter, die das ihr ganzes Leben nicht geschafft hat, es im Moment des Sterbens schafft?
Oder will ich nicht ein für alle Mal die Verantwortung für mein inneres Kind übernehmen und es einfach aus jeder möglichen Gefahrenzone entfernt halten? Und meiner Mutter die Verantwortung für ihr eigenes Leben überlassen. Ungeachtet dessen, was ihr wahrer Wunsch ist. Ungeachtet dessen, was alle Familienmitglieder, Hospizmitarbeiter, etc. davon halten.

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie sehr mich die Forderung meines Stiefvaters an meinem Geburtstag aus dem Gleichgewicht brachte. Ich möchte das nie mehr wieder erleben müssen. Ahne aber, dass der letzte Wille eines Menschen ein ganz anderes Kaliber ist.
Wie also kann ich es für mich möglich machen diesen (hypothetischen) Wunsch nicht zu erfüllen?

Die Lösung: Indem ich meiner Mutter vergebe.

Viele Jahre hätte ich kotzen können, wenn jemand von Vergebung oder Verzeihung sprach. Nie im Leben!

Heute weiß ich, dass Vergebung ein Akt der Selbstbefreiung ist.
Ich habe mich intensivst mit dem Leben meiner Mutter auseinandergesetzt. Therapeuten finden das nicht gut. Diese Art von Beschäftigung nimmt einem die Energie für das eigene Leben. Ich bin anderer Meinung. Auf einer rationalen Ebene kann ich heute verstehen, warum meine Mutter zu dem Menschen wurde, der sie ist. Warum sie das Wohlergehen ihres Kindes dem eigenen und dem der Familie geopfert hat. Das Verständnis für ihre Entwicklung lässt es zu, dass ich ihr auf Erwachsenenebene vergeben kann. Vergebung heißt für mich: Ich kann es nachvollziehen. Was nicht heißt, dass ich es für gut befinde.
Das geschädigte Kind in mir will nie mehr wieder etwas mit ihr zu tun haben. Weil es nicht mehr vertrauen kann.
Ich gebe dem Kind Priorität. Weil nur ich es beschützen kann. Kein anderer. Ich kann meiner Mutter also vergeben und muss ihr aus dem Weg gehen.

Falls meine Mutter von ihrem Sterbebett aus wieder einen ihrer Botschafter schicken sollte, der von mir fordert "Deine Mutter möchte dich sehen. Diesen letzten Wunsch kannst du ihr nicht ausschlagen", werde ich antworten "Richte ihr aus, ich habe ihr vergeben".

Als mein Stiefvater mir bei der letzten Begegnung vorschwärmte, wie gesund meine Mutter ist, wie fit sie beide noch die Welt bereisen, dass sie keinerlei Verschleißerscheinungen zeigt, keine Arthrose hat, kein Problem mit dem Herzen, keine Depression, keinen Krebs, keine chronische Krankheit, wurde ich stinkwütend und dachte mir "Kein Wunder. Hat sie ja all die Jahre ihr Päckchen auf mir abgeladen und habe ich die Last für sie getragen".

Ihr seht, auf der Skala der Vergebung (oder des Gleichmuts) ist noch Luft nach oben.






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