Brüste - Und was keiner über sie wissen möchte

Zeit meines Lebens hatte ich das, was man gemeinhin als "gute Figur" bezeichnet. Trotzdem dauerte es lange, bis ich meinen Körper und mein Frau-Sein akzeptieren konnte.

Auszug aus der Korrespondenz mit einer meiner Leserinnen (Februar 2020):

Leserin:
2016 kam durch reinen Zufall eine Brustkrebserkrankung zu Tage. Aber was ist schon Brustkrebs gegen damals 8 Jahre Gesichtsschmerzen! Mit Schmerzen ist man immer die Idiotin, die sich dämlich anstellt, mit Brustkrebs gibt es Hilfe. Der erste Gedanke damals war: „Jetzt muss ich das nicht selber tun. Das macht der Krebs für mich“. (das Töten).
In der Chemo stand ich vor dem Ende meiner Existenz. Ich habe abends oft gedacht, dass ich den Morgen nicht erleben werde. Das brachte mir unerwartete Perspektiven. Heute gibt es immer wieder Situationen, in denen ich sage, diese Erkenntnis hat mir der Krebs geschenkt. 

Ich:
Es freut mich auch, dass Sie in Ihrer Krebskrankheit etwas Positives sehen können. Meine Frauenärztin sagte kürzlich, dass Krebs nicht zufällig kommt. Er wäre eine chronische Krankheit, bei der das komplette System einfach überreagiert. Ich denke, dass die erhöhte Brustkrebsrate zeigt, dass viele Frauen im FrauSein Probleme haben. Dafür gibt es natürlich keine wissenschaftliche Untersuchung oder einen Beweis. Für mich ist der Körper Sprachrohr der Seele. In der Metamedizin steht die Brust für Mütterlichkeit. Wenn uns Töchter die sogenannte „Mütterlichkeit“ seelisch beeinträchtigte, ist es vielleicht nicht verwunderlich, wenn das, was unser Körper als eigene „Mütterlichkeit“ symbolisiert, erkrankt. Ich wollte mir meine Brüste bereits in jungen Jahren amputieren lassen. Wie sehr muss man unter „Mütterlichkeit“ gelitten haben, um sich des FrauSeins so rabiat entledigen zu wollen, um ja nicht mit der eigenen Mütterlichkeit konfrontiert zu werden. Mit anderen Worten – Wie krank muss man sein? Aber …. Wer will das sehen? All diese Dinge passieren ja im Unsichtbaren. Im Tabu.

Es gibt so viele Dinge, die hinterfragt werden, aber missbrauchende Mütter stehen noch immer unter gesellschaftlicher Immunität. Unantastbar.

Ich war frühentwickelt. Zu einem Zeitpunkt, an dem sich meine Altersgenossinnen sehnlichst Brüste wünschten und mich beneideten, fühlte ich mich von ihnen verraten. Ich beendete den Sport, den ich damals betrieb. Turnen. Ich hasste den hautengen roten Turnanzug mit dem weißen V-Ausschnitt, den ich zu Wettkämpfen tragen musste. Ich hasste die Blicke der Männer auf meinen Brüsten. Ich konnte sie auf meinem Körper spüren, wenn ich Anlauf für den Kastensprung nahm. Ich zog T-Shirts an, aus denen ich längst rausgewachsen war. Sie pressten meine Brüste flach. Darüber zog ich einen XL-Pulli. Ich tat alles, um sie zu verstecken.
In den 70ern war es Mode keinen BH zu tragen und im Freibad oben ohne herumzulaufen. Die große weibliche Befreiung. Eine emanzipierte Frau zeigte sich als solche, wenn sie ihre Brüste freiließ. Auch meine Mutter hielt sich oben ohne an dem Badeweiher auf, an dem unsere Familie so manchen Sonntagnachmittag verbrachte. Immer wieder forderte sie mich dazu auf, mein Oberteil auszuziehen. Zwischen all den wippenden oder baumelnden Brüsten waren meine immer gut verpackt. Ich wollte sie nicht und schon gar nicht wollte ich sie zeigen.
Der einzige Mensch, mit dem ich, noch keine zwanzig, darüber redete, war meine Frauenärztin. Ich erzählte ihr von meinem Wunsch, sie wegoperieren zu lassen. Sie sagte "Viele Frauen würden sich solche Brüste wünschen. Bekommen Sie erst mal Kinder, dann erledigt sich das von alleine".
Ich bekam zwei wundervolle Kinder. Meine Brüste taten ihren Dienst. Sie produzierten mehr Milch als erfordert. Mit ihnen konnte ich beide Kinder voll und bis zu einem Jahr stillen. Nur ich blieb ungestillt. Als ich Mitte dreißig war, wiederholte ich meinen Wunsch vor der Ärztin. Sie sah mich an und meinte "Jetzt ist es Zeit für eine Therapie".


 Dieser Beitrag ist Bestandteil der Themensammlung Traumatisierte Familien - Warum Kontaktabbruch auf meiner Homepage.

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