Deutsche = Inländerfeinde?


Gestern fuhren wir ins Muttodayakloster, das im Frankenwald liegt, ein Waldkloster, das thailändischen Buddhismus praktiziert.
Unser Sohn interessiert sich für die buddhistische Lehre und während seine Klassenkameraden das alljährliche heimische Bierfest besuchen, hat er sich für Stille, Einsamkeit und Meditation entschieden. In dem Mönchskloster kann sich jeweils eine Frau aufhalten, die allerdings nicht im Haupthaus schlafen darf, sondern in einer kleinen Holzhütte am Waldrand untergebracht ist. Während ich mich mit dem einzigen weiblichen Gast vor der Hütte über ihre Erfahrungen unterhielt, beobachtete ich meinen Sohn, wie er still auf der Stupa vor dem Buddha saß, in sich versunken und ich fragte mich, wie er fünf Tage ohne virtuelle Welten, Laptop, Fernseher und iPod, nur sich selber überlassen, zurecht kommt.

Aus der Abgeschiedenheit und Stille des Klosters fuhren wir zur diesjährigen Landesgartenschau des Weltkulturerbes Bamberg.
Ich freute mich auf Farbenpracht und Duft unterschiedlichster Blumen, stattdessen gab es viel Konstruiertes zwischen vereinzelten Beeten von Stiefmütterchen, Phlox, verwelkten Tulpen und Ziertabak. Kleine Hütten, in denen virtuell für heimische Produkte geworben wurde, um dann an einem der Getränkeausgaben einen halben Liter Apfelsaftschorle in der PET-Flasche zu erhalten. Grün waren die integrierten Schrebergärten, bereits vor der Landesgartenschau ansässig, und die Blumenverkaufsstände. Dazwischen Werbeflächen von Sponsoren, Mitmachplätze wie Beachvolleyballsandplatz und Basketballfläche. Außerdem viele Kinderspielplätze mit und ohne Wasser. Zwei Bühnen, auf denen Kabarettisten krakeelten. Event und Werbung, wohin das Auge schaut.
Einzige Oase ein historischer Garten, dessen Rasenflächen verziert mit knallbunten Hängematten eines Sponsors. Wir freuten uns über den kleinen Ort der Stille, ohne Musik, Sams oder Lautsprecherkabarettistenwitze. Die Hängematte hielt tatsächlich zwei Leute aus und wir blickten von unten in das Laubwerk einer uralten Linde. Unser Fazit: Ein bisschen Land, wenig Garten, viel Show auf der Landesgarten-"Show".

Als wir an der Bushaltestelle auf den Bus warteten, der die Leute zum P+R-Parkplatz brachte, stand vor uns eine badisch sprechende Familie. Oma, Tochter, Schwiegersohn und zwei kleine Kinder. Die Großmutter, bewaffnet mit einem Regenschirm, versicherte ihren Enkelkindern immer wieder, dass sie diesen auch einsetzen würde, wenn sie diesmal nicht im Bus mitkämen, so wie bei der Hinfahrt, als sie auf den nächsten warten mussten, weil der Bus überfüllt war. Sie sprach laut ihre Drohungen gegen alle Umstehenden, so wie gegen den Busfahrer aus, damit auch ja keiner auf die Idee käme, ihnen ihren Platz wegzunehmen. Das erinnerte mich an die Geschichte einer Kollegin, die mir erzählte, dass auf einer Ausstellungseröffnung ein Mann im Rentenalter lautstark in der ersten Reihe während der Rede mit seinem Mobilfunktelefon telefonierte. Diese Kollegin ist Mitte zwanzig und fand das Benehmen des älteren Herren respektlos. Auch mich befremdete das Verhalten der Großmutter.
Ich fragte mich, welche Bezeichnung diese beiden Herrschaften für das Verhalten, das sie an den Tag legten, wählen würden, wenn Jugendliche in ihrer Gegenwart bei einer Eröffnungsrede lautstark mit dem Handy telefonierten. Rücksichtslos? Wichtigtuerisch? Ohne Manieren? Oder wenn sie in einer Menge unter lautstarken Drohungen mit einer "Waffe" rumfuchteln und ihren Platz einfordern. Ellenbogenmentalität? Aggressiv? Feindlich?

Im Zeitmagazin gibt es eine wöchentliche Deutschlandkarte, auf der die Antworten zu Fragen anschaulich grafisch dargestellt werden. Im Heft Nr. 20 lautet die Frage: Wer hasst wen?
Die Karte zeigt deutlich: In Deutschland hasst so ziemlich jeder jeden.
Der Text dazu heißt:
Die Deutschen mögen sich nicht besonders. Sich selbst im Ganzen nicht, und untereinander leben sie in geradezu familiärer Zwietracht. Kaum eine Region, die nicht von einer anderen Region gehasst wird. Anders als die Ausländerfeindlichkeit ist die Inländerfeindlichkeit in fast allen Schichten beliebt.

Unter den Gästen im Kloster konnte ich niemanden im Rentenalter ausfindig machen.
Und ich frage mich, was würde mit diesen beiden älteren Herrschaften passieren, wären sie sich fünf Tage selber ausgeliefert?

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