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Gestern las ich einen interessanten Artikel. Geschrieben von einem niederländischen Regressionstherapeuten, der über das schreibt, was mich schon seit längerem beschäftigt.
Ich war nicht gut in Physik und kann nicht behaupten, dass ich Einsteins Relativitätstheorie durchdringe, aber die Theorie, dass Zeit und Raum lediglich Illusion sind, die ist hängengeblieben und beschäftigt mich. Wenn ich es richtig verstanden habe, erschaffen wir ein Erfahrungsfeld, indem wir den Moment, in dem alles ist, aufspalten in zwei Punkte a und b (oder in 3 Dimensionen, Höhe Breite Tiefe). Dieses Feld zwischen a und b ergibt einen Raum, das was passiert, wenn wir von a nach b gehen, nennen wir Zeit. Unser Erfahrungsfeld umfasst also diesen Gang von a nach b in einer gewissen Zeit. Erinnerung ist das, was hinter uns liegt - Vergangenheit. In unserer Erinnerung knüpfen wir an einem Punkt an, der hinter uns liegt. Das was vor uns liegt, die Zukunft, können wir nicht erkennen, da sie sich aus dem ergibt, was wir jetzt tun.

Regressionstherapeuten beschäftigen sich mit "alten Leben". Falls man an das Modell der Wiedergeburt glaubt, können wir uns nicht nur an das erinnern, was in diesem Leben stattfand, sondern auch an das, was in vorherigen passierte. Die These ist, dass viele undefinierbare Gefühle, wie Ängste, aus einem früheren Leben stammen und heute noch Vermeidungstaktiken auslösen. "Gebranntes Kind scheut das Feuer". Wenn wir in unserer Geschichte zurückblicken, war es nie besonders lebenserhaltend, wenn wir rebellierten, die Wahrheit sprachen, Kräuterkunst vertrauten, widersprachen, nicht dienen, nicht konform gehen wollten. Falls es das Modell der Wiedergeburt gibt, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass ein jeder von uns in einem "alten Leben", aufgehängt, erschossen, zu Tode gefoltert, verbrannt, misshandelt wurde, weil er irgendetwas nicht einhielt. So wie uns auch in unserem jetzigen Leben eher die Erfahrungen prägen, die uns verletzen, so ist das dann wohl auch mit der "Vergangenheit" hinter der jetzigen Vergangenheit. Höhenangst kann eine "alte Erinnerung" an eine Erfahrung sein, zu der wir in diesem Leben keinen Bezugspunkt finden. Weil wir in einem "alten Leben" von einem Turm geworfen wurden. Wir scheuen die Höhe, weil die Erfahrung des Todes damit verbunden ist. Das kann in Panik münden.

Wie gesagt - das ist eine Hypothese. Daran mag man glauben oder nicht.
Ich finde die Idee spannend und war bereit zu experimentieren. Heute weigere ich mich von "alten Leben" zu sprechen. Das hat viele Gründe. Ein Grund ist, dass diese "Bilder" (wie ich sie heute nenne) aus meinem Gefühl heraus entstanden. Sie hatten so immer einen Bezugspunkt zu meinem jetzigen Leben. Diese "Bilder" sind für mich Metaphern oder Filme, die sich aus meinem persönlichen Gefühl heraus kreieren. Da ich viel Fantasie habe, schrieb ich die tollsten Drehbücher. Man kann sehr viel hineininterpretieren in die Rollen, die man in so "alten Leben" spielt. Hier ein kleines Licht, in der Vergangenheit der große Zampano. Das birgt die Gefahr zum Abheben.

Es gab "Bilder", die mich sehr beschäftigten, da ich wusste, sie haben etwas mit meiner jetzigen Situation zu tun. Damit, dass ich etwas nicht erkennen kann, weil ich zu nahe dran bin. Je surrealer die Filme waren, die vor meinem inneren Auge abliefen, desto greifbarer wurde für mich der Kern der Sache. Das Gute an diesen "Filmen" ist, dass wir sie bis zum Ende abspulen und so fast einen Blick in unsere "Zukunft" werfen können. In meinen "Filmen" gab es einen Punkt, an dem ich von meinem Weg abkam, was ich, in der Regel, mit meinem Leben bezahlte. Für mich galt es diesen Punkt zu finden, WANN und WARUM ich abkam. Was mir half, war das Gefühl meiner damaligen "Todeszeitpunkte". Sie waren immer mit Scham verbunden. Auch in diesem Leben schämte ich mich entsetzlich. Ich hatte "damals" entweder nicht die Aufgabe erfüllt, mit der ich angetreten bin oder ich habe mich von der Aufgabe, die ich für mich entwickelt hatte, abbringen lassen. Es hat gedauert, bis ich für mich dahinterkam, was die Auslöser waren und noch immer sind.
Das eine ist das fehlende Bewusstsein dafür, dass ich als Mensch die Fähigkeit der Entscheidung habe. Ich kann mich für oder gegen etwas entscheiden. Ich kann etwas tun oder lassen. Die Konsequenzen aus meinem Tun oder Nichttun trage ich.
Das andere ist die Tatsache, dass ich der Schmeichelei verfalle.
In dem Moment, in dem ich mir nicht meiner Entscheidungsfähigkeit bewusst bin oder der Tatsache, dass mich Schmeichelei im Sinne eines anderen dirigiert, verlasse ich die Loyalität mir selbst gegenüber. Und das ist es, was mich am meisten leiden lässt. In diesem Leben.
Ob ich das ohne diese "Bilder" herausgefunden hätte? Ich weiß es nicht. Ich bin froh und dankbar, dass mir diese Option gezeigt wurde. Es ist eine Möglichkeit unter vielen, nicht mehr und nicht weniger.

Da ich diese "alten Leben" ziemlich "unheilig" betrachte, habe ich ein weiteres Experiment durchgeführt. Ich habe die Drehbücher zu meinen Filmen umgeschrieben. Schließlich bin ich Drehbuchschreiber, Regisseur, Kostümbildner, Kulissenschieber und Schauspieler in einem. Wer also sollte mich davon abhalten vom Drama Abstand zu nehmen und dem Film ein Ende zu geben, das mich gut fühlen lässt. Und so habe ich den Film an den Punkt zurückgespult, an dem ich die Loyalität mir selbst gegenüber verließ und drehte den Film so, dass er in Loyalität mir selbst gegenüber endete. Das war nicht immer ein glückliches Ende, aber die Scham war vorbei. Darum ging es.

Zurück zu Einsteins Relativitätstheorie.
Wenn es keine Vergangenheit und keine Zukunft gibt, sondern nur den Augenblick, wie kann es dann alte Leben geben? Oder zukünftige? Wenn ich meine Zukunft verändern kann, indem ich mich heute anders entscheide als gestern, warum nicht die Gegenwart verändern, indem ich mich in der Vergangenheit anders verhalte? Kann ich als "jetziges Ich" "back to the future" und meinem "damaligen Ich" einen Rat aus der "Zukunft" geben, die sich als Jetztzeit herausstellt und damit meine "Zukunft" verändern? Weil ich heute einen besseren Überblick habe? Und kann ich dann auch als "Ich aus der Zukunft" mir heute schon Ratschläge geben, wie ich mich in diesem Leben verhalten könnte, so dass es gut für mich ausgeht? Hören wir nicht manchmal eine Stimme, die uns ganz klar von innen heraus sagt, was zu tun und was zu lassen ist? Ist Intuition unsere Stimme aus der Zukunft? Die, die einen besseren Überblick auf unser Leben heute hat, als wir haben könnten, weil wir mittendrin sind?
Und was ist dann mit dem Konstrukt von Ursache und Wirkung?
Kann ich durch klare Entscheidung und Visualisierung meinen Bezugspunkt in der Vergangenheit ändern und somit auch meine Gegenwart? Und welche Auswirkung hat das auf die Menschen, mit denen ich verbunden bin?

Es gibt Dinge, die können wir nicht ändern. Schicksalsschläge.
Was wir ändern können, sind die Gefühle, die sie in uns auslösen und die uns leiden lassen. Eine der Methoden, die ich lernte und die mich überzeugt, ist die "Innere Kindarbeit". Sie ist nichts anderes als das "Arbeiten in alten Leben". In diesem Fall unser "altes Leben" als Kind, das wir denken hinter uns gelassen zu haben. Wir spüren Anteile von uns auf, die eine schlechte Erfahrung gemacht haben. Als Kinder in diesem Leben. Aber wer weiß? Vielleicht sind traumatische Kindheitserfahrungen aus diesem Leben Erinnerungen an Bezugspunkte davor? In der "Inneren Kindarbeit" gehen wir in die Momente, in denen wir verletzt wurden und Gefühle wie Ohnmacht, Scham oder Minderwert entwickelten. Aus einer übergeordneten Sicht und in Verbindung mit unserem "jetzigen Ich", das weiß, dass es diese Situation gemeistert und überlebt hat, können wir besser verstehen und sehen, was falsch lief. Und dann schreiben wir das Drehbuch um. Denn wenn Vergangenheit und Zukunft Illusion sind, dann gilt das Jetzt und im Jetzt können wir kreieren. Eine Geschichte, in der wir uns gut fühlen, ungeachtet dessen, was war und was sein wird.
Dieses Gefühl im Hier und Jetzt ist wichtig.
Die Gehirnforschung hat herausgefunden, dass "Erinnerungen" nicht immer ganz zuverlässig sind. Sie wandeln sich - je nach unserem Bezugspunkt. Geschichte ist dann Geschichte, wenn sie festgehalten ist in Wort und Schrift. Aber - ist es wirklich so gewesen? Und wann kann Geschichte beschrieben, Zusammenhänge erfasst werden? Wenn fünf Schreiber dieselbe Begebenheit beschreiben, würden sie das alle gleich tun? Gäbe es Abweichungen? Es gibt Fakten, die können belegen. Was nicht belegt werden kann, unterliegt der Interpretation.

An mein Büro grenzt eine kleine Kammer. Ich nenne sie "Nostalgiekammer". Dort sammle ich an Schnüren alle kleinen und großen Liebesgrüße und Dankschreiben. Auch ein Schild hängt dort, darauf steht "Es ist nie zu spät für eine glückliche Kindheit".
Wenn es Vergangenheit und Zukunft nicht gibt, wenn Zeit und Raum lediglich ein Erfahrungsfeld schaffen, das, was unsere Gefühle betrifft, unserer persönlichen Auslegung unterliegt, dann kann es auch nicht zu spät sein für eine glückliche Kindheit.

Was ich hier beschreibe ist wissenschaftlich nicht fundiert, nicht belegbar, nicht erwiesen, nicht bewiesen. Es ist eine Idee. Und ein Experiment.


***

Dieser Beitrag ist Teil einer Themenzusammenfassung, die Sie unter "RaumZeiten" auf meiner Homepage finden.


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