Neue Männer braucht das Land oder Sind Männer die neuen Opfer der Gesellschaft?


In der aktuellen ZEIT-Ausgabe gibt es einen Beitrag, der da heißt "Das geschwächte Geschlecht".
Es geht um Männer. Geschrieben ist er von zwei Frauen und er handelt von der Krise des Mannes im Kommunikationszeitalter. Davon, dass sich viel verändert hat in unserer Gesellschaft, aber nicht das Bild vom Mann, der nach wie vor nur dann attraktiv ist, wenn er Geld, möglichst viel Geld verdient. Aber nicht mehr nur das Tun ist gefragt, sondern Kommunikation, in Meetings, mit der Frau und den Kindern. Das Patriarchat hat ausgedient und keiner will mehr nur Befehlsempfänger sein. Befehle sind rational, Gespräche emotional und ohne Gefühl kommt Mann nicht weiter. Und hier liegt die Krux. Welche Gefühle und in welchem Maß darf der Mann sich leisten, um dem Anspruch eines empfindenden Wesens gerecht zu werden, ohne dabei ein Versager oder ein Weichei zu sein und damit an Attraktivität einzubüßen?

Anhand von Statistiken und Studien wird aufgezeigt, wie sehr die Männer neben den Frauen, die gefördert und unterstützt werden, verlieren.

3-mal höher als bei Frauen liegt die Selbstmordrate bei Männern.
Frauen unternehmen eher Selbstmordversuche, die Hilfeschreie sind. Männer schaffen Tatsachen und beenden damit jegliche Kommunikation.

75 Prozent aller Obdachlosen sind Männer.
Von Männern wird Gefühl eingefordert, wenn sie das aber in Form von Schwäche zeigen, mag Frau das nicht. Männer, die sich ihrem Job nicht mehr gewachsen fühlen oder ihre Arbeit verlieren, werden gerne verlassen.

2/3 aller Sonder- und Förderschüler sind männlich.
In einer amerikanischen Studie wurden die Noten von 5.800 Kindern abgeglichen mit ihren prinzipiellen Fähigkeiten beim Lesen, in Mathematik und in den Naturwissenschaften. Mädchen und Jungen waren, bis auf das Lesen, ungefähr gleich gut. Aber die Jungen hatten, verglichen mit den Mädchen, durchweg schlechtere Noten, als die Tests erwarten ließen. Den Jungen fehlen die Konzentrationsfähigkeit und die Lernbereitschaft, die ihre Lehrer erwarten und in die Bewertung einfließen lassen.

Jungen im Alter zwischen 12 - 19 Jahren verbringen unter der Woche täglich 78 Minuten mit Computer-, Konsolen- und Onlinespielen. Am Wochenende sind es 112 Minuten täglich. Mädchen spielen 33 Minuten unter der Woche und 41 Minuten am Wochenende.
Der fünfte Teil der Computerspielserie "Grand Theft Auto 5" wurde in der ersten Woche nach Erscheinen allein in Deutschland eine Million mal verkauft - fast ausschließlich an Männer.
Die Charaktere des Spiels verticken Drogen, erpressen Schutzgelder, planen Entführungen. Nach ungefähr 100 Spielstunden ist man ein reicher, zufriedener Schwerverbrecher.
Die Autorinnen nennen "Grand Theft Auto 5" Männerkitsch. Computerspiele sind für Männer das, was für Frauen Soap-Operas sind: die Möglichkeit abzutauchen in eine schöne Welt ohne fremde Erwartungen. Mit anderen Worten - Realitätsflucht.

Sie interviewen einen Fahrlehrer, der Rasern Nachhilfeunterricht gibt, einen Psychologen, der mit Männern über ihre Probleme redet, einen homosexuellen Countertenor, der sich trotz seiner hohen Stimme männlich fühlt, einen Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, der Vorträge über die steigende Selbsttötungsrate bei Männern hält und mit zwei Männern, die die Krise des Mannes am unteren wie am oberen Ende der Gesellschaft darlegen.
Am unteren Ende der Gesellschaft arbeitet ein Politologe und Volkswirt. In einem Viertel in Neukölln hat er einen Förderverein ins Leben gerufen, das unter anderem ein Mentorenprogramm für Schüler anbietet:
Das Problem des 21. Jahrhunderts sind die ungebildeten Männer und Jungen - ob Einwanderer oder Deutsche ist nicht entscheidend. Die ungelernten Männer sind überflüssig geworden. Armee, Fabrik, Gewerkschaft, Kirche - dort sind sie früher untergekommen und haben gelernt, sich im Griff zu haben. Aber die Orte der Disziplin fallen heute weg. Es gibt kein gesellschaftliches Korsett mehr. Für die Jungen ist das Problem, dass keiner sie erzieht.
...
Die Jungs haben hohe Ansprüche, die sie von den vorangegangenen Generationen geerbt haben - der Mann war schließlich immer der Boss. Jetzt müssen sie lernen, damit zurechtzukommen, dass die Welt nicht so ist, wie sie das gerne hätten.
Am oberen Ende der Gesellschaft arbeitet der Inhaber einer Headhunting-Agentur für Vorstandsmitglieder und Geschäftsführer ganz wichtiger Unternehmen:
Ich hatte, als ich jung war, nur ein Ziel: Ich wollte Vorstand werden, unbedingt. Als Zwischenziel hatte ich mir vorgenommen, mit 30 Geschäftsführer zu sein, egal wo. Was für ein Motiv! Das mit dem Geschäftsführer habe ich geschafft, aber heute bin ich froh, dass ich nicht Topmanager in einem Großkonzern bin. Um nichts in der Welt möchte ich Chef von Daimler sein. Diese Leute sind total fremdbestimmt. In meinem Job lerne ich immer wieder Männer kennen, die nicht tun, was sie wollen oder was eigentlich gut für sie wäre. Wenn es eine Position zu besetzen gibt, fragen sie sich nicht, ob sie das könnten. Sie fragen sich, wie viel sie verdienen, wie viel Ansehen der Job bringt. Ich denke mir, vielleicht sind Männer so gedrillt worden über all die Jahrhunderte. Oft frage ich mich, wenn ich hier mit einem Kandidaten an diesem Besprechungstisch sitze: Woher nimmt der jetzt den Mut, zu sagen, er kann es? Bei manchen denke ich, dass sie selbst wissen, dass es nicht stimmig ist. Aber sie kommen aus der Falle nicht mehr raus. Vor Kollegen, der Familie, Freunden stünden sie als Versager da. Die Souveranität zuzugeben, dass sie in zu großen Schuhen stecken, haben nicht viele. Lieber leiden sie. Depression, Alkohol, Tabletten -diese Spirale ist gang und gäbe.

Gilt diese Beschreibung wirklich nur für die Spitzenverdiener unter den Männern dieser unserer Gesellschaft? Oder kann es sein, dass Fremdbestimmung, Druck und eine Fehleinschätzung der eigenen Fähigkeiten und Belastbarkeit mit der dazugehörigen Spirale von Betäubung überall gang und gäbe ist?

Was mir in diesem Artikel fehlt ist das Interview mit den jungen, gebildeten Männern. Mit denen, die sehen und verstehen, dass das alte Muster von "Der Mann ist der Boss" ausgedient hat. Mit denen, die an ihren Vätern erkennen, wozu es führt, wenn man sich ständig überarbeitet, schlecht ernährt, Verstimmungen betäubt, aufkeimende Krankheiten mit Tabletten im Keim erstickt, die eigene Gesundheit ruiniert für Ansehen und Prestige. Mit denen, die sehen, dass Gefühle gefordert, aber nicht wirklich gelebt werden sollen. Gefühle ja bitte, aber trotzdem schön funktionieren, damit der Wohlstand gewahrt bleibt. Mit denen, die das Dilemma spüren, die das Eis erkennen, auf das sich Mann begibt, wenn er tatsächlich seine Gefühle hochkommen lässt und vielleicht außer Kontrolle gerät. Außer Kontrolle für die Frauen, die Familie und die Gesellschaft. Wohin führen Männer ihre Gefühle? Wird es tatsächlich besser, wenn sie sich das erlauben, was gefordert wird?
Die Autorinnen fragen nach einer Männerbewegung und haben vergessen die zu fragen, bei denen sich bereits etwas tut. Mit denen, die dank G8 mittlerweile mit 18 Jahren auf den Markt geworfen werden. Mit denen, die dank Abschaffung der Wehrpflicht kein Thema mehr haben, mit dem sie sich nach der Schule auseinandersetzen müssen. Dienst an der Waffe, ja oder nein? Mit denen, die keinen Reifeprozess mehr haben dürfen, sondern sofort in ein spezialisiertes Studium mit Masterabschluss oder in ein duales Studium gedrängt werden. Mit denen, die in Führungspositionen die neuen Spitzenverdiener unserer Gesellschaft sein sollen. Und die darauf überhaupt keine Lust mehr haben. Liebe Autorinnen, habt ihr den Film "Oh Boy" verpasst?
Die Totalverweigerung und Reduktion der Bedürfnisse auf ein Minimum wird im Artikel als ein Phänomen in den neuen Bundesländern beschrieben. Das entspricht nicht den Tatsachen. Auch in den alten Bundesländern bietet das System von Sinnstiftung durch Konsum nicht mehr den Anreiz, den es mal hatte. Prestige und Ehre - wofür? Das Modell Job - Frau - Eigenheim - Familie ist nicht mehr erstrebenswert, sondern wird als Falle gesehen, die Anspruch, Huckelei, Verantwortung, Fremdbestimmung bedeutet.
Die neuen jungen, gebildeten Männer verlieren sich in virtuellen Welten, da die reale nicht mehr lebenswert erscheint. Zu viele Probleme, zu viel Anspruch, dem nicht mehr zu genügen ist. Warum also anfangen, wenn das Ende bereits sichtbar ist? Wenn man als Mann nur noch versagen kann?
Die Männerbewegung ist da, liebe Frauen. Aber nicht so, wie wir uns das denken. Da geht keiner auf die Straße und fordert lautstark seine Rechte ein, wie wir das getan haben. Da wird heimlich, still und leise verweigert. Die männlichen Bedürfnisse werden heruntergeschraubt auf einen Laptop, der es möglich macht sich mit der Internetfamilie, der Spiel-Community, zu verbinden, auf eine Bestellpizza und Red Bull. Wer nicht groß ausgeht, braucht auch keine Statussymbole zum Herzeigen. Der Held im Online-Spiel wird ohne finanziellen Aufwand aufgerüstet.

Autoren und Experten, die sich mit spezifisch männlichen Problemen befassen, werden als Revanchisten und Antifeministen gesehen.

Über den Soziologen Walter Hollstein, der der Politik vorwirft, sie habe das "angeblich so starke männliche Geschlecht vergessen" und "über Jahrzehnte hinweg nur Mädchen und Frauen gefördert" stand in der FAZ mit kaum verhohlener Verachtung: "Hollstein ist von Beruf gewissermaßen Mann".
Matthias Franz, Professor für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, Mitveranstalter eines regelmäßigen Männerkongresses, befasst sich mit den besonderen Risiken, denen Jungen ausgesetzt sind, und auch mit dem Männerproblem Suizid:
Schon Jungen im Alter von 12 Jahren haben eine dreimal so hohe Suizidrate wie Mädchen. Die Dunkelziffer ist sicher noch höher - häufig werden solche katastrophalen Ereignisse ja als Unfall deklariert. Niemand interessiert sich für diese Zahlen, noch nicht einmal diejenigen kümmern sich darum, deren Aufgabe das wäre. Ich  habe wegen dieser Problemtik zwei-, dreimal ans Bundefamilienministerium geschrieben. Nie habe ich von dort in dieser Sache eine Antwort bekommen. Das Gruppenprogramm "Palme" für alleinerziehende Mütter, das wir entwickelt haben, wurde im Familienministerium dagegen sofort wahrgenommen - kurios nicht? Meiner Meinung nach gibt es ein kollektives Empathieversagen gegenüber Jungen.
Die Politik wird dann aufmerksam werden, wenn die Wirtschaft schreit, weil es keine Männer mehr gibt, die sich für Führungspositionen zur Verfügung stellen. Wenn die Männer ihre Revolte der Verweigerung nicht mehr geheimhalten können. Wenn die Steuereinnahmen sinken, weil der Prozentsatz der Männer, die sich für die Ansprüche anderer krumm legen, sinkt. Wenn keine Kredite mehr für Eigenheime und Statussymbole aufgenommen werden, weil sich die Männer nicht mehr ausliefern wollen. Wenn es keine Kinder mehr gibt, weil die Männer nicht mehr die Verantwortung für die Versorgung derjenigen übernehmen wollen. Wenn die Männer sich den Frauen entziehen, indem sie im freiwilligen Zölibat leben, weil sie erkannt haben, dass Sex das Machtinstrument der Frau ihnen gegenüber ist. Wenn die Männer sagen "Mag ja sein, dass der Mann nicht mehr der Boss ist, aber ich bin mein eigener Boss". Wenn die Männer sich jeglicher Fremdbestimmung entziehen und keinen Porsche und kein Motorrad mehr brauchen, um ihre Freiheit zu leben. Wenn sie die Sinnhaftigeit ihres Lebens in sich gefunden haben und nicht mehr im Funktionieren und darin, es allen anderen recht zu machen. Wenn sie gelernt haben es sich selbst recht zu machen.

Bis dahin dürfen wir uns warm anziehen.
Wer auch immer an der Gesellschaft leidet, irgendwann leidet die Gesellschaft an ihm.

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ähnlicher Beitrag: Robert Gwisdek - Vertreter einer neuen männlichen Generation

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Dieser Beitrag ist Teil einer Themenzusammenfassung, die Sie unter "RaumZeiten" auf meiner Homepage finden.




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