Veilchen und Versprechen

"Vergiss nicht, du hast versprochen auf mich zu warten!"

Wenn diese Worte in mein Leben kamen, geriet ich innerlich in Aufruhr. Lange Zeit ohne zu wissen warum. Wer ahnt, dass die Ahnen unter uns sind und eifrig mitmischen? Dass sie so sehr mit dem Geliebten zusammen kommen wollen, dass sie noch uns in einen Wartestatus versetzen. Es gibt Bücher darüber, ich war skeptisch, heute weiß ich es besser.

Mit Anfang zwanzig verliebte ich mich in einen jungen Mann aus dem Ausland. Wir führten eine Fernbeziehung. Telefonieren war zu teuer, also schrieben wir uns Briefe. Fast täglich. Die Sehnsucht war groß, er schien unerreichbar, unfassbar. Er ist nicht in den Krieg gezogen, er lebte auf einem anderen Kontinent. Ich wartete ... auf Briefe, auf Liebesworte, dass er kommt und bleibt oder mich holt. Auf die Einlösung eines Versprechens, das er mir nie gegeben hat. Zwischen uns gab es kein "und dann ..." und doch wartete ich sehnsüchtig auf "... und dann wird alles gut".

Manche Gefühle zeigen sich so stark in uns, dass sie uns selbst überraschen. Als ob etwas verstärkt erlebt wird. Ich wurde krank. Die Liebe, die ich fühlte, machte mich nicht glücklich. Ich wurde antriebslos, depressiv, verstimmt. Das Leben fühlte sich leer an und ich nahm nicht mehr daran teil. Ich bekam Schmerzen.
Als ich das dritte mal beim Arzt war, der keinerlei Ursache für meine Schmerzen finden konnte, erzählte ich ihm von der Fernbeziehung. Er schaute mir in die Augen und meinte lapidar "Junges Fräulein, Sie haben einen Hang zum Drama. Beenden Sie das". Das saß. Die Worte kamen ohne Mitgefühl, sie taten weh, ich fühlte mich unverstanden und doch richteten sie etwas. Ich war bereits eine Dramaqueen und wollte auf gar keinen Fall noch mehr Drama in meinem Leben. Ich begann mich zu lösen, langsam und unauffällig, vom Geliebten und damit vom Drama. Die Worte des Arztes immer vor Augen. Die Schmerzen gingen, die Depression auch, das Leben füllte sich wieder mit Farbe. Ich hatte mich entschieden nicht mehr zu warten und es fühlte sich richtig an. Heute bin ich dem Arzt dankbar, denn er hat mit seinen deutlichen direkten Worten meine Ahnen auf ihren Platz verwiesen. In die hintere Reihe, von wo aus sie nicht mehr so mitmischen konnten. Sie flüsterten und wisperten noch und zogen an mir, aber ich fühlte mich weit weniger fremdgesteuert und gehörte wieder mehr und mehr mir. Seine Worte stellten etwas klar und ich konnte diese Klarheit unmittelbar spüren. Vielen Dank Herr Dr. L.!

Veilchen blühen länger als Rosen.

***

Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Küss mich ... oder wirf mich an die Wand".




Beliebte Posts

Brief einer Mutter an ihren Sohn

Brief einer Tochter an ihre Mutter

Kontaktabbruch - Verlassene Eltern

Töchter narzisstischer Mütter

Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation

Esoterik I: Robert Betz - Der Mann fürs gewisse Zeitalter

Du sollst dein Kind ehren

Band ums Herz