Versprechen

Versprechen.
Wie leicht geben wir sie, wie schnell brechen wir sie.
"Ich werde dich ewig lieben" "Wir bleiben für immer zusammen" "Mein Herz gehört nur dir".
Wie leicht gehen uns diese Worte über die Lippen, wenn wir verliebt sind, eng umschlungen im Liebestaumel, in Momenten, in denen die Welt für uns still steht und wir den Augenblick zur Ewigkeit dehnen möchten, so dass es für immer so bleibt. Und wir saugen diese Worte auf, wollen die Ewigkeit so sehr, nichts von dem, was so schön ist soll vergehen, wir sind so groß, so weit, so wundervoll und alles ist so gut. Und wir zementieren den Augenblick mit Worten in Unvergänglichkeit, die wir uns in diesem Moment ersehnen.
Aber nichts ist gewiss, die Dinge ändern sich, Gefühle flauen ab, das Herz wandert weiter, wir gehen auseinander.
Was bleibt?
Unsere Gefühle von Enttäuschung, Verbitterung, Trauer, Wut, Verzweiflung, manchmal Hass, zeigen sich unmittelbar. Mit ihnen kommen wir mehr oder weniger gut klar. Zur Not können wir uns Hilfe bei Profis holen.
Was auch bleibt und was uns selten bewusst ist, sind die Versprechen. Sie haben eine enorme Bindkraft, sind zäh wie Kleber und wir bekommen sie genau so schlecht los wie Kaugummi an der Schuhsohle.
Liebe kommt und geht, das ist bitter genug, aber was ist mit der versprochenen Ewigkeit, mit dem immer und ausschließlich? Mit dem in Stein gehauenen Spruch? "J+P in love forever"? Er steht....

"Ich werde immer für dich da sein" "Dir kann nichts passieren, denn ich passe auf dich auf und beschütze dich" "Du bist nie allein".
Das ist es, was wir unseren Kindern versprechen. Die Worte kommen aus der Hoffnung, dass es so ist. Und mit diesen Worten offenbaren wir unsere Selbstüberschätzung. Wo sind wir, wenn sie auf dem Pausenhof geschubst und gemobbt werden? Wo sind wir, wenn die Blume der Liebe von der Geliebten verächtlich zerquetscht wird? Wenn der Vater der besten Freundin am Küchentisch begehrliche Blicke aussendet? Wenn im Internet ein peinliches Foto mit einer hämischen Bemerkung kursiert? Wo sind wir mit unserer versprochenen beschützenden Allgegenwärtigkeit?

"Du sorgst für mich wie ich für dich sorge" "Wir haben alles für dich getan, also tust du auch alles für uns" "Du gehörst zu uns" "Blut ist dicker als Wasser, vergiss das nicht" "Ich habe dich genährt....".
Das sind die unausgesprochenen Versprechen, die in Familien von uns eingelöst werden wollen. Alleine die Tatsache, dass wir geboren wurden, verpflichtet uns. Schwer sich davon zu lösen.

Und dann gibt es in jeder Familie das Versprechen mit Tradition.
In meiner Familie heißt es "Ich warte auf dich ....". Die Frauen haben auf ihre Ehemänner, Söhne, Brüder, Väter, Geliebten, Verlobten gewartet, dass sie aus dem Krieg heimkehren, denn ihnen wurde das Versprechen gegeben "Ich komme zurück und dann ....". Die Versprechen wurden gebrochen. Sie blieben dort, sie blieben auf der Strecke. Die, die zurückkamen, konnten das "und dann ..." nicht erfüllen. Sie waren gebrochen, schweigsam, cholerisch, verwundet, auch sie sind auf der Strecke geblieben. Wenn einer in der Familie auf der Strecke bleibt, tun es nicht selten auch die anderen. "Blut ist dicker als Wasser", Solidarität verpflichtet. In meiner Familie kamen die wenigsten mit "dem oder der Richtigen" zusammen, denn die Richtigen entzogen sich auf allerlei Arten und Weisen. Die Folge davon sind Trennungen. Nicht selten wird gewartet ...... auf den oder die Richtige.
Auch ich habe gewartet. Auf die Einhaltung eines Versprechens "Du wartest, ich komme wieder und dann ist alles gut". 45 Jahre lang war ich im Status einer (Er)Wartungshaltung. Darauf, dass der oder die Richtige kommt um es gut zu machen. Was auch immer. Die Dinge fühlten sich nicht richtig an und irgendjemand soll sie richten.
Ich musste in meine Familiengeschichte gehen um dieses diffuse Gefühl zu verstehen. Um zu verstehen, was mich so zäh und gewaltig an diesem Fenster stehen ließ, wo ich mich dazu verdammt fühlte zu warten. Ich wartete nicht nur auf die Einhaltung des Versprechens, das mir gegeben wurde, sondern stellvertretend für meine Ahnen auf Einhaltung all der gegebenen und nicht eingehaltenen Versprechen.
Wer könnte kommen und all das richtig und gut machen? Wer?

Alles, was wir tun können, ist es für uns richtig und gut zu machen.
Ich fragte mich oft, warum ich meine körperliche und geistige Beweglichkeit so trainiere. Stagnation war für mich schon immer bedrohlich, ich brauchte Bewegung und schoss desöfteren über das Ziel hinaus. Es war ein Ausgleich für diesen emotionalen Stillstand. Das Warten .......

Heute weiß ich auf was ich wirklich gewartet habe. Es hat nichts mit dem Kommen von jemandem zu tun, der alles für mich richtig macht. Es hat mit einem Versprechen mir selbst gegenüber zu tun. Mit etwas, von dem ich dachte, dass es auf der Strecke geblieben ist, dabei war es immer da, ich habe es nur nicht wahrgenommen, weil ich zu beschäftigt war auf den großen Richter zu warten. Meine Familiengeschichte hat mich daran erinnert.

Welche Versprechen hast du gegeben und gebrochen und auf was wartest du?

***

Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Küss mich ... oder wirf mich an die Wand".



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