Freitag, 28. März 2014

Okinawa

Mal ehrlich - es gibt keinen Grund als Europäer zwei Wochen Urlaub auf Okinawa Honto zu verbringen. Wenn man schon so eine weite Reise macht und Exotik oder Entspannung erleben möchte, dann liegen die Malediven, Thailand, Malaysien oder die Philippinen näher. Und wer japanische Kultur erleben möchte, der ist in Tokio oder Kyoto besser aufgehoben. Vor der Einreise nach Japan muss ein Formular ausgefüllt werden, es werden Auskünfte über mitgebrachte Devisen, die Heimatadresse und die Adresse des Reiseziels erbeten. Nach dem Grund der Einreise wird man dann persönlich bei der Passkontrolle gefragt. Die Antwort lautet "Karate". Die Augen des Gegenübers werden groß, der Blick fragend "Karate?"- "hai" (japan. ja). Bei meiner ersten Einreise wurden wir freundlich und höflich zur Seite gebeten, bis uns unser Empfangskomitee (Verbandsmitglieder) abholte. Diesmal bekam ich ein Lächeln und durfte alleine durch die Pforten des Flughafens.

Okinawa - fernab von Kampfkunst

Mein Guesthouseleben
Nach annähernd 26 Stunden Reise bezog ich mein Quartier. Die anderen sechs Leute der Reisetruppe schliefen im Dojo, in dem wir auch trainierten. Da dies jedoch nur begrenzte Schlafmöglichkeiten bot, entschied ich mich für ein naheliegendes Guesthouse. Luxus sieht anders aus. Ich war mitten im okinawischen Guesthouseleben. Mein Zimmer wurde kurzerhand aus einem ehemaligen Aufenthaltsraum geschaffen und gab mir das Gefühl entweder die (ungewollte) Concierge des Hauses zu sein oder das Studienobjekt im Glaskäfig. Hinter einem notdürftig verbergenden Lamellenrollo lag ein Glasfenster zum Eingangsbereich. Ungewohnt. Es gibt immer ein erstes Mal. Glücklicherweise hatte ich ein großes Badetuch mitgenommen, das ich mit Wäscheklammern so am Rollo befestigte, dass weder ich die Leute sah, die ein- und ausgingen, noch ich von ihnen beobachtet werden konnte, wenn sie im Eingangsbereich ihre Schuhe an- oder auszogen. Ich war froh um meinen "Kleiderschrank", der sich in der rechten hinteren Ecke meines Zimmers befand. So musste ich nicht zwei Wochen lang aus dem Koffer leben.



Obwohl das Guesthouse Tag und Nacht frequentiert wurde (nein, Zimmerwechsel unmöglich, ausgebucht) und somit auch das Licht im Eingangsbereich durchweg anbleiben musste, bekam ich die erste Woche so gut wie keinen Mitbewohner zu Gesicht. Wann auch immer ich eine der gemeinschaftlich zu nutzenden Einrichtungen (Toilette, Dusche, Küche) aufsuchte, hinter den anderen Türen blieb es still oder aber sie wurden schnell wieder geschlossen, wenn mich jemand bemerkte. Abends hörte ich die Fernseher, denn die Wände waren papierdünn, und ab und an nutzten zwei Mitbewohner den Laptop, der vor meiner Tür stand, zum Chatten. Da ich durch die Zeitverschiebung (8 Stunden voraus zu unserer Zeit) und das späte Training, mit anschließenden Barbesuchen, völlig durch den Wind war, störten mich die Leute vor meiner Tür erst dann, wenn mein Wecker vier Uhr morgens zeigte.

Gebrauchsanweisung auf Japanisch oder "Lost in Translation"
Ich war auf tropische Temperaturen eingestellt und mein Kofferinhalt bestand hauptsächlich aus T-Shirts. Wer konnte ahnen, dass unser Aufenthalt genau in die zwei Wochen Winterzeit fiel? Mein einziges langärmliges Shirt, drei Paar Socken und die Gis brauchten eine Waschmaschine. Die gab es auch. Und ich stand davor, mit einem großen Fragezeichen, denn alle Knöpfe waren mit japanischen Zeichen versehen. Einfach drücken und schauen was passiert? Ich hatte Glück. Unter meinen Mitbewohnern befand sich ein Paar, das in den Staaten lebt. Die Frau ist auf Okinawa geboren und sie waren seit zwei Monaten hier, da die Mutter erkrankt ist. Halleluja, jemand der Japanisch versteht und Englisch spricht. Ree war mein Engel. Sie erklärte mir die Waschmaschine und besorgte mir Ohropax. Sie hinterließ mir einen Wasserkocher, so dass ich auf den Wasserbehälter, der das Wasser immer nur warm hält (sieht aus wie ein Reiskocher), verzichten und meinen Instantkaffe heiß genießen konnte. Auch eine Kehrgarnitur (mit Smily, in Japan lächelt alles) wanderte in meinen Besitz über. Schließlich hatte ich kein Hotel gebucht, in dem jeden Tag sauber gemacht wurde. Ich war glücklich über meine Schätze.

Mein idyllischer Platz an der Wama




100 Yen Mini Shop und Toaster auf Rädern
Auf Okinawa gibt es Sachen, die ich bisher in dieser Form nicht kannte.
An jeder Ecke steht ein Automat, aus dem man sich für 100 oder 110 Yen (ca. 80 Cent bis 1 Euro) ein Getränk ziehen kann. So auch vor meinem Guesthouse.

Guesthouse
















Heiß oder kalt. Eistee, Eiskaffee, heißen Kaffee, Milchtee oder Softdrinks (braucht man für den Betrieb all dieser Automaten ein eigenes Atomkraftwerk?). Alles in Dosen oder Plastikflaschen. So lange man 100 Yen in der Tasche hat, muss man auf Okinawa nicht verdursten. Und obwohl alles, wirklich alles, mehrfach in Plastik eingewickelt ist, um dann mehrfach in Plastiktüten eingewickelt zu werden oder einfach jedes Getränk nur in Dosen oder Plastik erhältlich ist, gibt es so gut wie keine Abfalleimer. Die Straßen sind sauber. Wie machen sie das? Die Okinawer?

Auf den Straßen sieht man sehr unterschiedliche Formen von Autos. Die Amerikaner, die auf Okinawa stationiert sind, lieben schnittige Automobile. Auch wenn die Höchstgeschwindigkeit auf dem kostenpflichtigen Highway 70 km/h beträgt (was das Autofahren extrem entschleunigt), gibt es richtig sportliche Schlitten zu sehen. Die Okinawer lieben es gemütlich mit ihren "Toastern auf Rädern".



Unversenkbarer Flugzeugträger

Mit Okinawa verloren die Japaner die letzte wichtige Bastion vor dem Mutterland. Der Preis für diesen amerikanischen Sieg war hoch. Die Amerikaner beklagten 7.374 Tote, 239 Vermisste und 31.807 Verwundete bei den Landungstruppen sowie 4.907 Tote und 5.000 Verwundete bei der Marine. Zusammen also 12.520 Tote und 37.000 Verwundete. Die Materialeinbußen beliefen sich auf 34–36 gesunkene Schiffe, 368 beschädigte Schiffe und 763 verlorene Flugzeuge.
Die britische Trägergruppe (TF 57) verlor 98 Flugzeuge bei 4 beschädigten Schiffen, 62 Toten und 82 Verwundeten.
Die Japaner verloren mindestens 66.000 Soldaten auf Okinawa, 3.650 Marinesoldaten auf See und 4.600 Kamikaze. 7.830 Flugzeuge gingen verloren, davon 4.155 im Kampf. Insgesamt ein Verlust an Mensch und Material, der schwer zu verkraften war. Die Oberkommandierenden der Schlacht um Okinawa fanden in der Endphase dieses Krieges den Tod: General Buckner (USA) fiel durch Artillerietreffer am 18. Juni; General Ushijima (Japan) starb durch Seppuku. Nach der japanischen Kapitulation ergaben sich viele überlebende japanische Soldaten den amerikanischen Streitkräften. 10.000 japanische Armeeangehörige und 8.000 Angehörige der Marine und der Boeitai, der okinawischen Nationalgarde, überlebten die Schlacht. Weiterhin verlor Japan 16 Kriegsschiffe während der Kämpfe um Okinawa.

Wikipedia "Schlacht um Okinawa"
            
Nach einem US-Japanischen Übereinkommen vom 15. Mai 1972 wurden die Ryukyu-Inseln mit Okinawa wieder von Japan verwaltet.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es auf Okinawa mehrere US-amerikanische Militärstützpunkte, unter anderem die Kadena Air Base und das Camp Foster. Okinawa wird daher auch „unversenkbarer Flugzeugträger“ der USA genannt. Fast alle der 14.460 Marineinfanteristen in Japan sind hier stationiert. Im Oktober 2005 gab die japanische Regierung an, dass die US-Streitkräfte mehrere tausend Soldaten von der Insel abziehen werden.
Okinawa als Basis komplett aufzugeben, wie es von vielen Einheimischen verlangt wird, kommt nach den Plänen der US-Strategen wohl nicht in Frage. Zu wichtig sei der Standort. Vor allem, um in unmittelbarer Reichweite von Taiwan zu sein, sollte der Taiwan Relations Act wirklich zur aktiven Anwendung kommen. Derzeit bemüht sich die US-Navy um ein Stück Küste Okinawas, um dort einen U-Boot-Stützpunkt zu errichten. Bei diesem Gebiet handelt es sich aber um eine Naturschutzzone, vor allem weil sie ein Anlaufpunkt für den vom Aussterben bedrohten Meeressäuger Dugong und weitere bedrohte Arten ist.

Wikipedia "Präfektur Okinawa / Amerikanisches Militär"

An der Innenseite der Toilettentür des Guesthouses klebte ein Sticker "No new base in Henoko". Okinawa und die USA. Hier prallen Kulturen aufeinander und wer über die Insel Okinawa fährt, glaubt sie noch immer besetzt. Es scheint, als ob die Filetstücke der Insel den "bases" gehören. Um die Bases herum ist alles amerikanisiert. Bevor mein Wecker klingeln konnte, wurde ich mehrmals frühmorgens vom Geräusch amerikanischer Kampfjets oder Hubschrauber geweckt (das Erdbeben dagegen habe ich verschlafen). Ein ungewohntes Geräusch. Als Kind einer Stadt, deren Kern den "Ferris Barracks" gehörte, bin ich den Lärm von Panzern gewohnt, die die Bordsteine einer Straße zermalmten, die ich auf meinem Weg von der Schule nach Hause überqueren musste.

Wer als Europäer nach Okinawa reist, sollte kein Englisch sprechen. Auch wenn wir gewohnt sind in dieser Sprache zu kommunizieren, auf Okinawa identifiziert sie uns als Amerikaner. Und dann kann es passieren, dass der Taxifahrer die Adresse nicht kennt, die wir angeben, oder die ältere Dame im Starbucks aufsteht und sich drei Plätze weiter setzt. Die Ablehnung ist offensichtlich, wenn auch passiv.

Zettel an der Eingangstür eines Bücherladens in Naha City


Artikel zum Thema in "The Japan Times" vom Januar 2014.

Starbucks und grüner Tee
Da gibt es im "Starbucks" in Naha City "Matcha Frappucchino". Wenn das mal kein Konglomerat aus Matcha, klassischem amerikanischen Franchiseunternehmen und italienischem Flair ist. Aber wir Deutschen stehen auf so etwas und sind entzückt. Angerührtes Pulver, Zucker und Milch auf gecrashtem Eis, getoppt mit Sprühsahne = Suuuuuuperlecker.  (How to Make a Starbucks Green Tea Frappuccino).


Und die Okinawer stehen auch drauf. Der Laden ist gut besucht. Er ist ein Treffpunkt. Mir gefiel die superbe Toilette. Was gibt es nicht alles an Toiletten auf Okinawa ....

Das 1x1 der japanischen Toilettenkunde
Wer bei uns auf eine öffentliche Toilette geht, muss es wirklich nötig haben.
In Japan kann ich es nur dringend anraten. Es ist ein Erlebnis! Okay, man sollte unterscheiden können zwischen den Schildern für die "Löcher" (typische italienische "Abtritte") und den kleinen "Wellnessoasen" für unseren Allerwertesten. Da wird am stillen Örtchen geentertaint! Rechts von der Schüssel gibt es eine Art "Bedienungstool" für: Sitzheizung, Wasserfeuerwerk gesprüht oder gestrahlt, Plätschermusik. Ja, tatsächlich! Die Geschichte dazu:
Japanische Frauen sind sehr verschämt und drückten den Spülknopf, wenn sie auf Toilette waren - um eventuelle oder reale Geräusche zu übertönen.
Deswegen gibt es jetzt Spülgeräusche auf Knopfdruck. Auf vielen japanischen Toiletten.
Wer jetzt denkt, dass ich ihn auf den Arm nehme, der soll nach Japan fliegen. Es ist wie es ist.



Es geht aber auch so:
Kloschlappen sind ganz wichtig. Bevor man ein Klo betritt, sind die Hausschlappen (nie mit Straßenschuhen ein Haus betreten!) gegen Kloschlappen einzutauschen. Und wer eine Toilette mit Plüschbesatz vorfindet, sollte sich nicht wundern. Diese Sonderausstattung kann man abziehen und waschen. Ob die Ausstattung, die meine Guesthousetoilette verzierte, jemals eine Waschmaschine gesehen hat - wer weiß?



Fühlt ihr euch gerüstet für den Toilettengang in Japan?
Dann gehen wir weiter ...

Blick in die Zukunft
Den könnt ihr euch in jedem Shinto-Schrein holen.
Erst am Eingang beim Brunnen Hände und Mund spülen...
dann zum Automaten gehen ...
Münze einwerfen, Horoskop wird ausgeworfen, lesen...



wenn es nicht gefällt (oh ja, es gibt wirklich sehr dunkle Voraussagen!)...


hängt ihr es an diesen Baum und lasst es damit hinter euch. Ganz einfach! Karma hin oder her - lass es hinter dir! Zieh ein ein neues Horoskop und bereicher den Shintoschrein.

hinter den Kulissen

die Kulisse




Was habe ich noch erlebt?




Im Töpferviertel von Naha (Hauptstadt von Okinawa)

Heiwadori - Markthalle








Shurijo Castle






Winter am Strand
Traditionell sitzen
frisch gebrühten Kaffee und selbstgebackenen Kuchen genießen nach einem Gischtspaziergang an der Nordspitze




eine Oase namens "Contiki"

Walhai im Churaumi Aquarium

Peace Memorial Park beim Peace Memorial Museum

durch den Dschungel
zur grünen Pfütze / Strand beim Peace Memorial Park
 
Ishikawa Stadtstrand (unsere Unterkunft lag in Ishikawa)

Bucht von Ishikawa
Vintage-Style gibt es überall. Dieser Spot hatte die perfekten "Hängemattenbäume" - das nächste Mal reise ich mit Hängematte.









Kontrastprogramm zum oberen chinesichen Garten. Am Tag vor unserem Abflug wurden wir in ein französisches Lokal mit wunderschönem Garten eingeladen. Endlich konnte ich die Stäbchen, mit denen ich noch immer nicht umgehen kann, gegen Gabel und Messer eintauschen.

Wer es geschafft hat bis hierher zu lesen, herzlichen Dank fürs Durchhaltevermögen, den möchte ich mit den obglitatorischen Shisas verabschieden.
Shisas sehen aus wie eine Kreuzung aus Hund und Löwe. Man findet sie auf Okinawa überall - auf Hausdächern, vor Haustüren, Einrichtungen, Gebäuden und sogar auf Straßenbaustellen als Lichtwegweiser. Sie kommen in der Regel als Paar. Links steht die weibliche Shisa mit geschlossenem Maul. Sie steht für das Einbehalten des Guten. Rechts steht die männliche Shisa mit offenem Maul. Damit wird das Böse aus dem Außen abgeschreckt.


Wer mehr über Shisas oder Okinawa allgemein wissen möchte, dem kann ich den Blog "little okinawa" empfehlen (geschrieben aus Sicht einer US-Amerikanerin, die für einige Zeit auf Okinawa lebte).

Okinawa ist der einzige Ort, an dem ich auf dem Rollfeld zwei Fluglotsen gesehen habe, die beide frontal zum Flugzeug stehend freundlich winken, um sich dann vor dem Flugzeug zu verbeugen, sich um 45 Grad zueinander drehen und voreinander verbeugen. Was für eine Geste zum Abschied! Respekt!

Domo arigato Okinawa!


Gedankenstreuner alias Pingu (Dank an Mr Nomi Hôdai für diesen Spitznamen!) :-)