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Die große Traurigkeit

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Seit vielen Jahren habe ich immer wieder eine Besucherin. Ich nenne sie: Die große Traurigkeit. Bereits als Kind überfiel sie mich. Wenn sie kommt, fordert sie meine ganze Aufmerksamkeit. Das erreicht sie, indem sie ihre Begleiterin, die große Schwäche, wie eine Wolke auf mich niedersinken lässt. Alle Pläne sind dann dahin. Ich liege und weine und schlafe. Mehr geht nicht. Die große Traurigkeit lässt nichts anderes zu. Lange Zeit habe ich versucht mich gegen sie zu wehren. Wollte die Tür nicht aufmachen, wenn sie davor stand. Aber sie kann durch verschlossene Türen gehen. Sie erreicht mich, wenn sie will. Sie durchdringt alles.
Irgendwann habe ich aufgehört sie ignorieren oder abweisen zu wollen. Sie kommt sowieso wann sie will. Ich habe auch aufgehört nach Gründen für sie zu suchen, irgendjemanden zu finden, dem ich unterstellen kann, dass er oder sie mich so traurig macht. Sie ist einfach da. Und ich akzeptiere sie inzwischen wie so einige andere ungebetenen Gäste auch. Die große Trauri…

Brief an eine Schriftstellerin

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Liebste Frau Schubert,mein Name ist Ingrid R., ich bin Jahrgang 1963 und habe eine Mutter Jahrgang 1939. Sie ist, wie Sie, (noch) 80 Jahre alt. Wie Sie musste meine Mutter aus ihrer Heimat fliehen. Sie wurde in Krumau, heutiges Český Krumlov/Tschechien und Weltkulturerbe, geboren.Und doch gibt es große Unterschiede zwischen ihnen beiden. Sie hatten eine Mutter, an der Sie sich orientieren konnten. Meine Großmutter hat Selbstmord begangen. Sie hat das gemacht, was Ihre Mutter verweigert hat. Sie hat sich vergiftet. Ihre beiden Kinder, meine Mutter und den Sohn, hat sie zu ihrer Schwester geschickt. Ihren Vater hat meine Mutter nicht kennengelernt. Er verstarb bei einem Marsch, als sie noch im Bauch ihrer Mutter war. Sie war noch keine 5 Jahre alt und, im wahrsten Sinne des Wortes, bereits mutterseelenallein. Mit der Großmutter sind sie nach Österreich geflohen. Nachdem meine Urgroßmutter keine Lebensmittelmarken mehr erhielt, musste sie die beiden Enkelkinder zur Adoption freigeben. So…

Das vierte Gebot

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Während meiner zweiten Schwangerschaft brach bei mir Asthma aus. Zuerst als ganz normal auftretende Kurzatmigkeit interpretiert, entwickelte es sich über die Jahre zu einem lebensbegleitenden Umstand, der einhergehend mit Allergien meine Lebensqualität stark einschränkte. Während andere Mütter mit ihren Kindern im Frühjahr die Spielplätze bevölkerten, lag ich unter völliger Verdunklung auf dem Sofa, um meine Panikattacken in den Griff zu bekommen. Oft konnte ich gefühlt nicht weiter als bis zur Speiseröhre atmen und hatte das Gefühl zu ersticken.
Ich inhalierte bereits zu Weihnachten prophylaktisch Cortison, damit ich im Frühjahr in der Lage war aus dem Haus zu gehen. Wenn die Anfälle dennoch zu stark wurden, bekam ich zusätzlich Cortisondepots gespritzt. Ich war Mitte 30 und fühlte mich wie ein Wrack. Lungenarzt, Hautärztin, wen auch immer ich aufsuchte, alle hatten nur eine Prophezeiung: Asthma ist unheilbar. Finden Sie sich damit ab. Einzig meine damalige Hausärztin, die nebenher eine…

Medien und das Thema Kontaktabbruch

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Immer wieder habe ich Anfragen von Medien, ob ich an einem Projekt zum Thema "Kontaktabbruch" teilnehmen möchte. Bei den Fernsehformaten sind es oft Diskussionsrunden, die angeboten werden. Wenn ich das Geschmeichelt fühlen meines Egos überwunden habe, bleiben die Fragen stehen, was ich damit erreichen will und vor allem, was es für mich bedeutet. An Zeit, an Aufwand, an Kraft. Fühle ich mich stabil genug? Was will das Format von mir? Aufklärung? Sensation? Habe ich das Gefühl, dass ich mich dort rechtfertigen, verteidigen muss? Wieviel Information ist bereits vorhanden, hat sich der Journalist/Moderator in meinem Blog oder auf meiner Website einen Eindruck über das Thema verschafft? Dann gibt es zwei Sparten: Die Betroffenen, die selbst ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern oder einem Elternteil haben. Und die, die keine Ahnung haben, das Thema aber ganz spannend finden, weil es eben gerade in der Gesellschaft vorhanden ist.
Vor einigen Jahren traf ich mich mit einer Journa…

Yeah, ich bin schwierig, kompliziert und anstrengend!

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Letzte Woche traf ich mich mit einem Freund, der mich für schwierig, kompliziert und anstrengend hält. Dieses Mal gab es noch ein spezielles Topping.
Dieser Freund und ich kennen uns schon lange. Vor 36 Jahren haben sich unsere Lebenslinien gekreuzt. Beide haben wir nach einem neuen Weg gesucht und vorübergehend bei einem telefonischen Bestellservice gejobbt. Wenn er in das Großraumbüro ging, in dem er arbeitete, musste er an meinem Arbeitsplatz vorbei. Er grüßte nie. Später erfuhr ich, dass er mich ablehnte, weil ich einen auberginefarbenen Frauenkalender (Emanzenkalender hieß er damals) vor mir liegen hatte. Erst ein halbes Jahr später, als ich nach einer 2-monatigen Reise gebräunt und hellblond wieder an meinem Tisch saß, weckte ich sein Interesse. Wir gingen für einige Jahre einen gemeinsamen Weg in Form einer Ausbildung im Reisebüro. In der Berufsschule saßen wir nebeneinander. Später waren unsere Kinder in ähnlichem Alter und wir trafen uns mit unseren Familien, aber auch immer ein…

Empfinde wie ein Apfelbaum

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Der Weise ist von nichts abhängig als von sich selbst.
Er empfindet wie ein Apfelbaum:
Er hängt nicht an seinen Äpfeln, sie hängen an ihm.
Und wenn sie gepflückt werden,
ist er nicht traurig,
sondern richtet seine Zweige auf
und saugt aus Erde und Himmel neue Kräfte,
um abermals schöner zu blühen
und neuen Äpfeln das Leben zu schenken.

K.O. Schmidt


Leben

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Das Leben gewährt keine Sicherheit.
Wir versuchen uns Sicherheit zu erschaffen,
indem wir Zäune ziehen,
Mauern errichten,
Besitzstand beanspruchen.
Das Leben aber lässt sich nicht aufhalten.
Es kann sich von einem Moment zum anderen völlig verändern,
in einem einzigen Augenblick jedoch auch für immer verweilen.


Schutzengel

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Als Grundschulkind bekam ich die Hausaufgabe ein Bild von meinem Traumberuf zu malen.
In meiner Klasse wusste so ziemlich jeder, was er oder sie einmal werden wollte: Tierärztin, Pilot, Feuerwehrmann, Lehrerin, Polizist, Tänzerin.
Ich bewarb mich bereits als Kindergartenkind für meinen Traumberuf, aber ich erhielt keine Zusage. Jeden Abend betete ich inniglich zu Gott und bat ihn darum mich zu sich zu holen und als einen seiner Schutzengel auszubilden. Daraus wurde nichts.

Ich saß vor meinem leeren Blatt Papier.

Meine Mutter wuchs in Österreich auf und hatte dort noch Verwandtschaft, die wir jedes Jahr besuchten. Sie pflegte ihren österreichischen Akzent und ich übernahm einiges an Vokabular. Ich wuchs in der Großstadt auf und mich faszinierten die Männer, die ohne jede Hektik herumsaßen. Sie schien nichts zu bekümmern und immer hatten sie diese Flaschen mit scheinbar leckerer Flüssigkeit dabei. Jedenfalls tranken sie regelmäßig und genüsslich daraus. Sie strahlten für mich eine Form …

Gastbeitrag: Brot backen in Zeiten von Corona

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von Marciel Riemann

Die Corona-Pandemie zwingt uns zur Einkehr. Auch die, die arbeiten dürfen, werden die Verlangsamung der Prozesse merken. Nichts hat mehr diese Dringlichkeit – man weiß ja eigentlich nicht, was morgen kommt. Das ist auch für mich ein komisches Gefühl. Ich arbeite in den luftleeren Raum – gehöre aber auch nicht zu den systemrelevanten Berufen. Ich mache Marketing, entwickle Werbekonzepte, schreibe Texte für Produkte und Dienstleistungen, Luxus also. Wie viele andere von uns auch. Wer arbeitet heute noch wirklich systemrelevant? Die vielen Ingenieure für das neueste Update des MRT oder der neuesten Waschmaschine mit 8 Kilo-Zuladung, die vielen Beamten in der Verwaltung, die Mechatroniker für die kleinen Cabrios und großen SUVs, der Vorstandsvorsitzende der Krankenkasse, die Softwareentwickler in den Hightech-Firmen, die Heerscharen an Steuerberatern, Controllern, Reinigungsfachkräften, Musikern, Künstlern, Bauarbeitern, Designern und Unternehmensberatern? Wer ist wirk…

Leben in Zeiten einer Pandemie - Covid-19

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Wo bin ich?

Einige Tage lang stellte sich mir die Frage, ob ich Fake-News auferliege.
Da standen die Aussagen von Wolfgang Wodarg gegen die Auflagen der Regierung. Kann es sein, dass eine Regierung, unsere Regierung, Falschmeldungen unterliegt und panikartig alles zum Erliegen bringt?

Dienstag, 17.3.2020
Mein Geburtstag. Alle Pläne, die da waren um ihn zu feiern, mussten geändert oder abgesagt werden. Es war der Tag des shutdowns. Alles unterlag dem großen Schließen.
In Bayern wurde am 16.3. der Katastrophenfall ausgerufen. Die Schulen waren bereits geschlossen, am 17.3. folgte das sukzessive Schließen der gastronomischen Einrichtungen, ab 18.3. der gesamte Einzelhandel, am 21.3. erfolgten die Ausgangsbeschränkungen. Das gesamte soziale Leben kommt zum Stillstand.

Mittwoch, 18.3.2020
Meinen Geburtstag konnte ich noch mit meinen Kindern und einem Freund zuhause feiern. Am 18.3. besuchten wir diesen Freund in der benachbarten Stadt und eröffneten das Außengrillen mit Dorade und Rippchen…

Kob Khun

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Im Jahr 1989 reiste ich mit einer Freundin nach Thailand.
An einem einsamen Strand geriet ich in eine Unterströmung und es zog mich hinaus aufs Meer. Ich wäre ertrunken, wenn mich nicht eine Welle wieder an Land getragen hätte. Die Wirbelsäulenbeschwerden, die ich seit diesem Unfall habe, werden mich ein Leben lang begleiten. Nie wieder wollte ich in dieses Land.

Letztes Jahr im Februar packte ich meinen Koffer für Thailand. Der einzige Grund, mich erneut in dieses Land zu begeben, war die Tatsache, dass sich mein Kind dort aufhält. Unser Sohn unterzieht sich einer Ausbildung zum buddhistischen Mönch und darf sechs Regenzeiten nicht nach Hause kommen. Aber wir dürfen zu ihm.

Kurz vor Abreise spielte mein komplettes System verrückt. Die Körperzellen trugen wohl noch die Erinnerung an den Überlebenskampf in sich. Alles schrie "Nein!" und ich dachte darüber nach die Reise zu stornieren.

Wir flogen. Vier Nächte verbrachten wir im Kloster und erlebten eine einzigartige, intensive…

Achtung: Gefährliche Krankheit!

Ich finde ja, dass eine Krankheit umgeht, die wir wirklich ernst nehmen sollten, denn sie ist sehr ansteckend und inzwischen weit verbreitet. Es ist die Jammeritis. So viele Menschen leiden inzwischen darunter und die noch nicht Infizierten sollten sich schwer wappnen mit Vitaminen wie Optimismus, Lebensfreude oder Dankbarkeit. Das könnte helfen, ist aber kein Garant und zur Zeit auch schwer erhältlich. Versorgungsengpass, sage ich da nur. Ich kann nur raten, den Menschen aus dem Weg zu gehen, die bereits infiziert sind. Man kann sie ganz gut an den herunterhängenden Mundwinkeln erkennen. Zum Lachen haben sie auch nichts mehr, die Armen. Aber Achtung: Die Krankheit versteckt sich manchmal auch hinter Geläster oder Halbwahrheiten. Diese Menschen leiden alle an irgendwas und wenn sie nicht an Gebrechen leiden, dann leiden sie sehr schwer an "der Gesellschaft". Ich glaube diese Form von Leid hat einen richtig heftigen Krankheitsverlauf und ich bin mir nicht sicher, ob da Genesu…

Ei, Ei, Ei

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Manchmal gilt es meinen hyperaktiven Geist auszutricksen. Er denkt ja, dass er sich mit den wichtigen Fragen des Lebens auseinandersetzen muss. Und da ist er streng. Er hat eine genaue Vorstellung davon, was wichtig und was unwichtig ist. Ein Teil von mir findet die Beschäftigung mit unwichtigen Fragen wesentlich spannender.

Zum Beispiel: Ich habe hier 6 ausgeblasene Eier. Was mache ich mit denen?

Nun bin ich frisch zurück aus Thailand und dort blinkt alles vor Gold. Das einzig Goldige an mir war lange Zeit mein Ehering. Ansonsten mochte ich das Geglitzer nicht sonderlich. Genau so wenig wie Rosen. Liebeslieder. Liebesfilme. Oh Gott nein - geh mir bloß weg mit dem Kitsch!
Das Leben ist doch eine nüchterne Sache, wenn man nicht gerade einen Schwips hat.

Und nun hängen diese Eier am Ast!
Mit Federn und Gold verziert. Huch! Irgendwas in mir kichert. Siehste mal - hättste nicht gedacht. Die Inspiration kam von einer Seite. Nur dass die Eier dort trotz Gold und Federn nicht ganz so kitschi…

Brüste - Und was keiner über sie wissen möchte

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Zeit meines Lebens hatte ich das, was man gemeinhin als "gute Figur" bezeichnet. Trotzdem dauerte es lange, bis ich meinen Körper und mein Frau-Sein akzeptieren konnte.

Auszug aus der Korrespondenz mit einer meiner Leserinnen (Februar 2020):