Mittwoch, 16. November 2016

Töchter narzisstischer Mütter

Das Buch "Will I ever be good enough?" von Karyl McBride gibt es seit Juni 2016 in deutscher Übersetzung. Im Probst Verlag wurde es mit dem Titel "Werde ich jemals gut genug sein? Heilung für Töchter narzisstischer Mütter" aufgelegt.

Es ist ein wohltuendes, stärkendes Buch.
Dr. McBride ist selbst mit einer narzisstischen Mutter aufgewachsen und erforscht als Ehe- und Familientherapeutin seit vielen Jahren die Situation von Kindern aus narzisstischen Familien, wobei sie sich in erster Linie für Töchter mit narzisstischen Müttern interessiert. Aus ihren zahlreichen therapeutischen Behandlungen hat sie ein Konzept zur Auflösung und Heilung des narzisstischen Erbes erarbeitet.

Das Buch deckt eine Verletzung auf, die wohl wesentlich öfter auftritt, als man vermuten möchte. Das Thema Narzissmus in Familien ist bei uns in Deutschland noch nicht wirklich angekommen.

Der Mythos von der bedingungslosen Mutterliebe wird hier entmystifiziert. Narzisstinnen sind Frauen mit geringem Selbstwert, die ihre Kinder nur zu einem Zweck bekommen - um von ihnen narzisstische Zufuhr in Form von Aufmerksamkeit und Bestätigung zu erhalten. Dafür arbeiten sie mit den subtilsten Mitteln. Narzissmus ist eine Spektrumskrankheit. Es gibt mehr oder minder starke Ausprägungen. An der obersten Schwelle findet sich Sadismus in Reinform. Narzisstische Mütter lieben das Gefühl von Macht und Kontrolle über ihre Kinder, die sie nicht als eigenständige Persönlichkeiten sehen, sondern als Erweiterung ihres Selbst.

Gerade Töchter bieten sich hervorragend als Projektionsfläche an. Da die Mutter selbst keinen Zugang zu ihren Gefühlen hat, projiziert sie ihr eigenes Gefühl von Wertlosigkeit in die Tochter. Wie sehr sich diese auch bemüht, es ist nie genug. Sie ist nie genug. Diese Überzeugung setzt sich fest und manifestiert sich in Töchtern, die leistungsorientiert sind und zur Perfektion neigen. Sie schaffen viel, für sich selbst aber nie genug. Oder in Töchtern, die zur Selbstsabotage neigen, weil sie früh verinnerlicht haben, dass, egal wie sehr sie sich auch bemühen, es sowieso nie gut genug ist.
Ob erfolgreiche Unternehmerin oder Hartz IV Empfängerin - die Seelenlandschaft dieser Töchter ist sehr ähnlich, nämlich leer.

Das Buch ist in 3 Teile gegliedert. In Teil 1 geht es darum das Problem zu erkennen. Teil 2 klärt auf, wie sich der Einfluss einer narzisstischen Mutter auf das ganze Leben auswirkt. Der dritte Teil des Buches enthält die Auflösung des mütterlichen Erbes. Es gibt Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Ich kann dieses Buch allen Frauen empfehlen, die eine konfliktreiche Mutterbeziehung haben.
Allen, bei denen es immer nur um Mutter geht.
Allen, die aus Familien kommen, in denen Geschwister in den Himmel gelobt werden, während man selbst ein Dasein als Nichts fristet.
Allen mit einem irrationalen Scham- und Schuldgefühl und dem Slogan im Ohr "Du bist an allem Schuld! Schäm dich!"
Allen, die als Fassadenwahrer in Familien herhalten dürfen, in denen es nur um den schönen Schein, aber selten um das Sein geht.
Allen, die denken, dass sie ganz viel TUN  müssen um eine Chance auf Liebe zu haben.
Allen, die - ungeachtet dessen, was sie als Arbeitnehmerin, Unternehmerin, Hausfrau oder Mutter geleistet haben - immer mit dem Gefühl rausgehen, dass es nicht gut genug ist, dass es Nichts ist, dass sie nicht genug sind.
Allen, die in Beziehungen festhängen, wo sich ein anderer um sie kümmern muss oder sie sich um einen anderen kümmern müssen.
Allen, die sehr viel Bestätigung von anderen brauchen.
Allen mit einem großen Mangel an Fürsorge, Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Allen, die mit ihren Kindern Probleme haben, weil sie zwar nicht mit einer ausgeprägten narzisstischen Störung herumlaufen, aber doch mit der Stirnaufschrift "Ich bin auch als Mutter nie gut genug".
Allen, denen das Stigma überempfindlich, egoistisch, komisch, nicht ganz richtig, verrückt, unehrlich, aufgedrückt wurde.
Allen, die den Menschen in ihrer Umgebung das Gefühl geben, dass sie nicht genügen.

Das Lesen des Buches ist wie der Besuch bei einer guten Freundin, die die eigenen Gefühle in Worte fassen kann und dabei Tacheles redet. Es tut weh, aber der Schmerz kommt mit einer liebevollen Umarmung, Verständnis und einem wertvollen Rat. Seid es euch wert!

***

Es wird vermutet, dass in Deutschland 1-4 %  der Bevölkerung an einer NPS (Narzisstische Persönlichkeitsstörung) leiden. Wer sich mit Narzissmus beschäftigt, muss irgendwann erkennen, dass diese Krankeit so gut wie nicht heilbar ist. Da Narzissten keine Fehler machen und völlig uneinsichtig sind, kommen die meisten gar nicht erst zu einer Behandlung, was auf eine hohe Dunkelziffer schließen lässt. Wer sich fragt, ob er Narzisst ist, schließt durch diese Frage alleine schon aus, an dieser Krankheit zu leiden. Ein Narzisst würde sich diese Frage nie stellen. Narzissten agieren subtil und gezielt. Sie suchen sich innerhalb der Familie ein oder mehrere Opfer aus, die sie drangsalieren, ignorieren emotional und/oder körperlich quälen und ausschließen. Auf der anderen Seite steht das "goldene Kind", das immer alles richtig macht und gelobt wird. Es dient als Projektionsfläche für die guten Eigenschaften der Mutter und wird genau so missbraucht wie der "Sündenbock". Das Modell ist auch auf die Arbeitswelt übertragbar.

Wenn Du Dich fragst, ob Deine Mutter narzisstische Anwandlungen hat, kannst Du Dir auf dieser Seite anhand aufgelisteter Eigenschaften ein Bild machen.

Donnerstag, 10. November 2016

Der Tr(i)ump(h) einer Kultur


Wenn dem Reichtum ein höherer Wert beigemessen wird als der Weisheit,
wenn fragwürdige Berühmtheit mehr bewundert wird als Würde,
wenn Erfolg wichtiger ist als Selbstachtung,
bewertet die Kultur das äußere Bild, das "Image" zu hoch
und muss deshalb narzisstisch genannt werden.

Aus Narzissmus: Die Verleugnung des wahren Selbst (1984) von Alexander Lowen

Montag, 24. Oktober 2016

Schlag ins Gesicht

Vor 9 Jahren wurde offensichtlich, dass meine Mutter und ich uns nichts mehr zu sagen hatten.
Ich hörte auf, jede Woche meinen sonntäglichen Pflichtanruf bei ihr zu tätigen und ich beendete die Teilnahme an ihren Audienzen, die sie zwischen ihren vielfältigen Reisen hielt. Auch sie meldete sich nicht mehr bei mir.

Der Kontaktabbruch war jedoch nicht so weit fortgeschritten, dass wir uns nicht auf Familienfeiern begegnet wären.
Die letzte Feier, an der auch ich teilnahm, war die Kommunion meines Patenkindes.
Meine Mutter und ich wurden vorsorglich weit auseinandergesetzt. Zwischen uns stand jedoch meine Tochter. Im wahrsten Sinne des Wortes. Pflichtanrufe und Audienzeinhaltung wird nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Enkelkindern erwartet. Meine Tochter hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie diese Anforderungen nicht pünktlich eingehalten hatte und sie versuchte, einer Diskussion aus dem Weg zu gehen.

Zwischen Mittagessen und Kaffee gab es Zeit für Bewegung. Einer der Gäste teilte meinem Mann und mir mit, dass Oma und Enkeltochter vor der Gaststätte eine Diskussion führen und unsere Tochter den Tränen nahe sei. Wir eilten hinunter. Unsere Tochter kämpfte mit den Tränen, sie schickte ihre bestürzten Eltern jedoch weg und meinte, sie würde die Sache selbst mit der Oma klären. Wir beobachteten die Szene aus einiger Entfernung. Ohne zu hören, was gesagt wurde, wusste ich, was passierte. Da meine Mutter nicht mehr an mich herankam, ließ sie unsere Tochter, stellvertretend für mich, zusammenbrechen. Ich kannte diese beleidigte Miene und ich wusste, was sie sagte. Es waren die Riemen der Tyrannenpeitsche.

Ich dachte immer du wärst anders als deine Mutter.
Aber du bist wie sie.
Enttäuschend.
Warum tust du mir das an?
Warum tust auch du mir das an?
Musste ich nicht schon genug leiden in meinem Leben?

Unsere Tochter erzählte uns später, dass sie die Oma anflehte aufzuhören. Dass Omas Mann sie bat aufzuhören. Aber die Peitsche sauste so lange hernieder, bis die Tränen flossen. Abschließend ging meine Mutter mit unserer weinenden Tochter an uns vorbei und sah mir kurz in die Augen. Mit einem Funken Triumph.

Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich den Impuls verspürte, einem Menschen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Ich tat es nicht.

Gestern erzählte ein Bekannter, dass er als Kind von seinem Vater mit dem Gürtel geschlagen wurde. Weil er einen Kleiderschrank ausgeräumt hatte. Oder anderen Unsinn anstellte. Vor einigen Jahren teilte ihm der Vater während einer Autofahrt Suizidabsichten mit. Weil er das Leben mit der Mutter nicht mehr aushalte. Der Sohn sagte "Das war der Augenblick, in dem ich seine Schwäche erkannte. Ich dachte: Du Arschloch. Du schlägst mich mit dem Gürtel und jetzt willst du mir sagen, dass du dich aus dem Leben schleichen willst, weil du es nicht mehr aushältst? Das war der Moment, an dem ich wusste, dass ich mich nie mehr von ihm schlagen lasse. Falls er es versuchen sollte, würde ich zurückschlagen."

Ein Anrufer erzählte, dass sein Bruder von den Eltern geschlagen wurde. Als einmal das Thema darauf kam, meinten die Eltern "Das hat man damals halt so gemacht."

Das hat man halt gemacht. Da hat man halt mitgemacht. Dient das tatsächlich als Rechtfertigung?

Die Tyrannen dieser Welt leiden fast alle an einer Persönlichkeitsstörung. Wenn man sich ihre Kindheiten anschaut, erfuhren sie fast alle Gewalt. Rechtfertigt das ihre Taten?

***

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Themensammlung Verlassendes Kind auf meiner Homepage.

Donnerstag, 20. Oktober 2016

Herz II

Meistens ist es nicht so wichtig WAS wir tun, sondern WIE wir es tun.

Jeder muss seinen eigenen Weg gehen.
Es gibt tausende Wege, auf denen man sich selbst entdecken und zu sich finden kann.
Lass Dir Deinen Weg von niemandem vorschreiben.   

Jeder Weg ist nur einer von Millionen  Wegen.
Deshalb musst Du immer daran denken, dass ein Weg nur ein Weg ist.
Wenn du glaubst, ihm nicht folgen zu dürfen,
dann darfst du unter keinen Umständen  auf diesem Weg bleiben.

Jeder Weg ist nur ein Weg.

Du beleidigst weder Dich noch andere, wenn du ihn verlässt, weil dein Herz es dir befiehlt.
Aber Dein Entschluss, auf dem Weg zu bleiben oder ihn zu verlassen, muss frei sein von Furcht und Ehrgeiz.

Prüfe jeden Weg gewissenhaft und gründlich.

Erprobe ihn, sooft Du es für nötig hältst.

Dann stelle Dir, und nur Dir selbst, die  Frage:

Hat dieser Weg ein Herz?
Alle Wege gleichen sich.
Sie führen nirgendwo hin.
Es sind Wege, die durch das Dickicht, in das Dickicht, oder unter das Dickicht führen.

Die einzige Frage ist, ob dieser Weg ein Herz hat.

Wenn ja, beschreite diesen Weg.
Wenn nein, dann ist der Weg wertlos.

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Mein Gewissen ist rein


Mein Gewissen ist rein.

Ich habe es nie benutzt.


So stand es auf einer Postkarte, die mein Mann und ich in unserem letzten Urlaub in einem Shop nahe des Wiener Naschmarktes entdeckten. Ich musste lachen und mit mir lachte der Shopinhaber. Wir stöberten in den zwei Kisten mit Spruchkarten und kauften ein. Karten, in denen wir uns selbst fanden, Karten, von denen wir dachten, dass sich unsere Kinder wiederfinden und Karten für Freunde, die noch analoge Post schätzen. Die Gewissenskarte blieb liegen. Es wäre die passende Karte für meine Mutter gewesen, aber ihr schreibe ich schon lange keine Urlaubspostkarten mehr.

Im Jahr 2007, da war ich 44 Jahre alt und Mutter zweier Teenager, fand ich endlich den Mut, meiner Mutter gegenüber eine Grenze aufzuzeigen. Bis dahin hatte ich nicht geschafft ihr etwas klar zu machen, was mir meine Kinder jeden Tag aufzeigten "Mama, halt dich da raus und lass mich mein Ding machen."
Die Auseinandersetzung entzündete sich an einer Banalität. Ich wollte die nachträgliche Familienfeier anlässlich des Geburtstages meines Sohnes um eine Woche verschieben, da am vereinbarten Termin kurzfristig ein Kampfkunstseminar anberaumt wurde, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte. Da meine Mutter jedoch am darauffolgenden Wochenende Besuch erwartete, setzte sie alles daran, mich dazu zu bringen, den vereinbarten Termin einzuhalten. Sie wollte auf keinen Fall auf der Feier fehlen, sie wollte auf keinen Fall den Besuch für eine Stunde in Obhut ihres zweiten Mannes lassen, um auf einen schnellen Kaffee vorbeizuschauen. Sie wollte mich, wie zuvor in meinem Leben, dazu zwingen, ihren Interessen Priorität einzuräumen. Und das erste und letzte Mal in meinem Leben schaffte ich zu sagen "Mutter, du machst die Dinge so, wie du sie für richtig hältst und ich mache sie so, wie ich sie für richtig halte. Die Feier wird verschoben."
Sie reagierte so, wie ich es in all den Jahren bereits gewohnt war, wenn etwas nicht genau nach ihren Vorstellungen lief. Beleidigt. Auf meine Abbitte wartend.
Ich reagierte so, wie ich es in all den Jahren nie getan hatte. Stumm.

Als ich 13 war, zog ich zu einer Feier nicht die Kleider an, die sie sich wünschte, dass ich sie anziehe. Zur Schule durfte ich die abgetragenen Kleidungsstücke eines Jungen aus der Bekanntschaft weiter abtragen. Für den Kirchgang oder Anlässe, an denen sie teilnahm, wurde ich mit Dirndl herausgeputzt. Dieser Tag war der Beginn meiner Rebellion, die mir teuer zu stehen kam. Ich zog den überweiten Pullover meines älteren Bruders an. Dafür wurde ich mit einer Woche Aufmerksamkeitsentzug in Form von Schweigen bestraft. Geredet wurde erst wieder mit mir, nachdem ich mich gebührlich für mein ungebührliches Verhalten entschuldigt hatte.

Mit 44 hatte ich plötzlich keine Lust mehr, mich für eine Sache zu entschuldigen, an der ich keinerlei "Schuld" erkennen konnte. Das Beleidigtsein meiner Mutter hält nun seit 9 Jahren an. Sie schickt Botschafter, die mir sagen, wie sehr sie unter der Situation leidet und dass sie "doch nichts getan hätte".

Meine Mutter trägt ein schweres Schicksal. Sie hat für sich eine Überlebenstaktik entwickelt. Jeder, dem sie ihre Geschichten erzählt und diese Geschichten handeln so gut wie immer vom "Dasein eines Opfers", empfindet Mitleid mit ihr. Vor einigen Jahren fertigte ich eine dreiteilige Collage an. Ich nannte sie "Dem ewigen Opfer wird ewig geopfert". Auf dem zweiten Bild ist meine Mutter als Madonnenfigur auf einem Sockel dargestellt. Sie hat ein Herz aus Stein und fordert mit einem überlangen Arm von mir "Gib!" Ich knie vor ihr in Demutshaltung und halte ihr auf einem Tablett mein blutiges, herausgerissenes Herz hin.
Meine Mutter hat aus dem zutiefst verletzten und verstörten Kind, das sie einmal war, nach und nach einen inneren Tyrannen entwickelt. Diesem Tyrannen konnte man es selten Recht machen. Er schürte bei seinen drei Untertanen, über die er die Macht hatte, den Konkurrenzkampf. So sicherte er sich ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, das sich völlig auf ihn fixierte. Die Gunst seiner Untertanen band er an sich mit Worten wie "Euer Vater hat noch nie etwas für euch getan" und den eigenen Selbstwert hob er durch das Niedermachen anderer. Keiner war so gut wie er. Die Untertanen glaubten es. Ein Tyrann macht keine Fehler. Wenn etwas schief läuft, ist immer ein anderer Schuld. Ein Tyrann hat keine Fehler. Alle anderen sind fehlerhaft. Traut sich ein Untertan den Tyrannen auf Unvermögen hinzuweisen, wird er größtmöglich bestraft. Auf den Riemen der Tyrannenpeitsche steht:

Du bist Schuld
Du bist ungenügend
Du bist nicht liebenswert
Du bist nichts Wert
Du bist nichtig

Diese Woche hatte ich eine Nachricht auf meinem AB. Jemand hatte den BR-Beitrag über "Verlassene Eltern" gesehen und auf meiner Homepage nach einer Selbsthilfegruppe für "Verlassende Kinder" gesucht. Er wurde dort nicht fündig und fragte mich nach einem Tipp. Tja, es gibt viele Informationen, Selbsthilfegruppen, Videos, Bücher, Artikel, Beiträge über Verlassene Eltern. Und es gibt nichts über Verlassende Kinder (die tarnen sich in der Regel mit dem Begriff "Kriegsenkel").
Die Verlassenden Kinder sind nichtig.
Ich habe inzwischen viele Artikel über Verlassene Eltern gelesen und im BR-Beitrag kommt ja auch eine Verlassene Mutter zu Wort. In all diesen Beiträgen trifft die Eltern der Kontaktabbruch wie aus dem NICHTS. Es werden Dankes- und Liebesbriefe der Verlassenden Kinder gezeigt und anschaulich gemacht, dass doch mal alles GUT war. Die Mütter und ihre Kinder galten mal als TRAUMPAARE und immer kommt das Wort SCHULD.
"Ich habe doch gar nichts gemacht, ich habe es immer nur gut gemeint, ich verstehe das nicht, es kam so plötzlich, wie aus dem Nichts, da muss ein Missverständnis vorliegen."

Wer die Anliegen seiner Kinder als nichtig erachtet, muss sich nicht wundern, wenn dann der Bruch auch wie aus dem Nicht(s) erscheint. Wer seine Kinder nicht versteht, muss sich nicht wundern, wenn sie sich missverstanden fühlen.

Auch ich habe meiner Mutter zum Muttertag Liebesbriefe geschrieben. Dazu wurden wir ja bereits im Kindergarten und in der Schule angeleitet. Wenn sie sagte "Bilde dir ja nicht ein, dass du etwas Besonderes bist", war ich traurig, habe es ihr aber geglaubt. Ich habe mich angestrengt es ihr Recht zu machen, ihr Genüge zu leisten, eine gute Tochter zu sein, ihr keinen Kummer zu machen.
Als ich älter wurde, merkte ich, wie sehr mich dieses Bemühen auslaugte. Die Dinge waren in Ordnung, so lange alles (mein Äußeres, mein Benehmen, mein Verhalten) den Erwartungen meiner Mutter entsprach. War das nicht der Fall, ließ sie mich mit einem Fingerschnippen zusammenbrechen. Das ist die Fähigkeit, die sich der Tyrann in all den Jahren der Manipulation, des Besitzanspruches, des Machtmissbrauchs und der emotionalen Folter angeeignet hat. Die Fähigkeit zum Systemzusammenbruch des Untertanen.

Menschen, die mit Zerstörung zu tun haben, sei es aktive oder passive Aggression, körperlich oder emotional, haben zwei Möglichkeiten. Entweder sie gehen in die Selbstzerstörung in Form von Depression, Essstörungen, psychischen oder körperlichen Krankheiten, Süchten, Drogenmissbrauch, Suizid. Oder sie wählen den Weg andere zu zerstören. Die Zerstörung anderer läuft oft sehr subtil ab. Es dauert lange, bis die Zerstörten merken, dass es da jemand gibt, der es auf ihre Zerstörung anlegt. Weil dieser Zerstörer nach Außen oft eine völlig andere Person abgibt. Charmant, charismatisch, kompetent. Wie viele der Personen, mit denen ich über die Problematik zwischen meiner Mutter und mir sprach, meinten "Aber deine Mutter ist doch so eine nette, symphatische Person! Bildest du dir da nicht was ein?" So muss es sein. Ich bilde mir was ein! Das habe ich ja von Kindheit an aufgesaugt "Ich bin Schuld!" "Ich sehe das falsch!" "Mit mir stimmt was nicht!"

Vor einigen Jahren kam ich bei Recherchen auf die Website von Kira Cossa und das Kind bekam einen Namen: Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die Seite Töchter Narzisstischer Mütter war für mich eine Offenbarung. Ich las Seite um Seite und begann zu verstehen. Es ist so erleichternd, wenn jemand die Worte findet.

Liebe Verlassene Eltern, liebe Journalisten, Autoren, Moderatoren. Ich hoffe, dass euch meine Zeilen erreichen, wenn mal wieder die Rede davon ist, dass ein Kind den Kontakt aus dem NICHTS abbricht. Ich kann ja nur für mich sprechen, und das ist schon schwierig genug, denn wenn ihr mal auf der Seite von Töchter Narzisstischer Mütter nachlest, dann erkennt ihr, dass die wenigsten narzisstisch gestörten Persönlichkeiten auch eine solche Diagnose erhalten, da sie als Narzissten unfehlbar sind, die Schuld immer bei den anderen liegt, und deswegen auch die anderen zum Therapeuten sollten. Für die Narzissten besteht keinerlei Notwendigkeit.

Das Fatale ist, dass man als Kind emotional an seine Mutter angebunden ist. Die Mutter erhält Energie in Form von Aufmerksamkeit - völlig egal ob anwesend oder abwesend. Jede Beschäftigung mit einer Person aus dem System (der Familie) ist reine Energie und enorm kräftezehrend. Jede dieser Zeilen, in denen ich mich mit meiner Mutter, egal in welcher Form, beschäftige, ist Energie. Energie, Kraft, die in das Thema und damit ihr zufließt und mir in meinem eigenen Leben fehlt.

Der Kontaktabbruch zu den Eltern ist häufig reiner Selbstschutz. Da uns die Strategien und Abwehrmechanismen unserer Eltern meistens fehlen, da es in der Regel keine konstruktive Kommunikation und Auseinandersetzung gibt, bleibt den Verlassenden Kindern oft kein anderer Weg, wenn sie nicht mehr, im Sinne ihrer Eltern, folgen und funktionieren wollen/können.
Viele der Verlassenen Eltern verfügen über die Macht der Destabilisierung. Ich habe es am eigenen Leib und vor allem an eigener Seele erfahren. Es ist so mühsam und kräftezehrend, sich immer wieder in Therapien, Seminaren und Gesprächen zu stabilisieren, um dann bei einem Kontakt mit den Eltern im Handumdrehen erneut destabilisiert zu werden. Es ist ein ermüdender Kreislauf, der den Eltern in keinster Weise bewusst ist und den sie in der Regel nicht wahrnehmen können/wollen.

Heute weiß ich, dass das Verhalten meiner Mutter von ihren Verlustängsten gesteuert wurde. Wer aber einen anderen in einen festen Rahmen pressen will, um sich selbst ein Gefühl von Sicherheit zu schaffen, nimmt ihm den Raum für Entwicklung. Er zwingt den anderen in einen Zustand von Stagnation und Starre. Das macht krank, da wir nicht mehr mit dem Leben schwingen können, dem Leben, das sich in ständiger Veränderung befindet. Man konnte mir als Kind die Flügel stutzen, aber irgendwann bahnte sich mein lebendiges Wesen wieder einen Weg an die Oberfläche und ich war nicht mehr bereit, auf meinen eigenen Wachstum und mein Leben zu verzichten, um meiner Mutter kurzfristige Momente von Sicherheit, Wohlbefinden oder Genugtuung zu verschaffen.

Und hier möchte ich etwas klarstellen. Im BR-Beitrag "Verlassene Eltern: Wenn Kinder den Kontakt abbrechen" spricht der Kommentator davon, dass ich die Kraft gefunden habe, mich von der Vergangenheit zu lösen. Das entspricht nicht ganz meiner Sichtweise. Ich persönlich habe es bisher nicht geschafft, mich komplett von meiner Vergangenheit zu lösen, und ich bin gespannt, ob ich das in Zukunft schaffen werde. Ich brauche die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um meine Eltern und ihre Verhaltensweisen zu verstehen, damit ich mich und meine Verhaltensweisen verstehen kann. Damit ich verstehen kann, was in meinem Leben wirkt. Verständnis ist für mich wichtig, um loslassen zu können.

Loslassen von meinem eigenen Unverständnis warum die Dinge so sind wie sie sind. Loslassen von meinen kindlichen Erwartungen, dass meine Mutter sich eines Tages ändern wird und mich als ihr Kind annimmt, so wie ich bin. Loslassen von der Hoffnung, dass meine Mutter eines Tages erkennt, dass sie vom Opfer zum Täter wurde. Loslassen der Tränen, die jedes Mal in mir aufsteigen, wenn jemand von seiner schönen Kindheit erzählt. Loslassen von der Enge, die sich in meiner Brust auftut, wenn jemand sagt "Meine Eltern würden alles für mich tun. Sie lieben mich". Loslassen vom Neid, wenn jemand sagt "Ich habe eine ganz herzliche, liebevolle Verbindung zu meiner Mutter". Loslassen von diesem Bild einer "heilen" Familie. Loslassen von meiner Selbstdestruktion. Loslassen der Illusion, dass ich als Mutter meinen Kindern alles geben konnte, was sie brauchten.

"Wenn man an Wiedergeburt glaubt, dann treffen in Familien oft die größten Feinde aus früheren Leben aufeinander, um Hass in Liebe zu transformieren", sagte mal jemand. "Wer sich diesen Plan ausgedacht hat, muss ein beschissener Idealist sein", dachte ich damals.

***

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Themensammlung Verlassendes Kind auf meiner Homepage. 




Dienstag, 4. Oktober 2016

BR Fernsehen Frankenschau: Verlassene Eltern - Wenn Kinder den Kontakt abbrechen

Am 2. Oktober 2016 strahlte der BR in der Frankenschau eine kurze Reportage zum Thema "Verlassene Eltern - Wenn Kinder den Kontakt abbrechen aus".
Zu Wort kommen:

eine verlassene Mutter
eine Heilpädagogin des Trauernetz-Consolare e.V.
eine verlassende Tochter
ein Therapeut

Das Video ist zu sehen unter "Verlassene Eltern", allerdings ist in dieser Fassung der Studiogast Prof. Franz Ruppert nicht dabei. Wer seine therapeutische Unterlegung nicht verpassen möchte, müsste sich das Video, eingebettet in die ganze Sendung, unter "Frankenschau" ansehen (Beitrag beginnt bei 8 Minuten) oder den Video "Expertengespräch - Verlassene Eltern" anklicken.

Der BR war der Sender meiner Wahl, als ich zu Beginn dieses Jahres von verschiedenen Fernsehformaten für einen Beitrag angeschrieben wurde. Es kostete mich Überwindung und Mut einen weiteren Schritt an die Öffentlichkeit mit diesem Thema zu wagen (Danke an das großartige BR-Team!).
Nun hatte ich jedoch diesen Appell von Jörg Eikmann im Ohr "Kinder traut euch endlich euren Mund aufzumachen!".
Ich selbst hatte geschrieben "Manchmal frage ich mich, ob bei diesen Dokus, die emotionale Stimmung verbreiten, ein Psychologe drüberschaut."
Kneifen gilt nicht, wenn man herausfinden will, ob man dem nächsten Scheinriesen gegenübersteht.

Und mit dem Studiogast Prof. Franz Ruppert schaute ein Psychologe drüber (leider sehr kurz), der Ahnung hat von Bindungstraumen. Er ist Autor des Buches "Trauma, Bindung und Familienstellen", das ich sehr empfehlen kann.

Wie ihr seht, habe ich es überlebt. Tschakka!

Dienstag, 30. August 2016

Phönix-Runde zum Thema "Kriegsenkel - Wie wir den Krieg bis heute spüren"

Eine sehr gute Sendung zum Thema "transgenerationale Traumata" erschien im Mai 2015 unter "Phönix-Runde: Kriegsenkel - Wie wir den Krieg bis heute spüren". Ihr findet sie hier.

Die Teilnehmer der Runde sind:

Randi Crott - Journalistin und Autorin "Erzähl es niemandem! Die Liebesgeschichte meiner Eltern"
Sabine Bode - Journalistin und Autorin "Die vergessene Generation"
Jens Orback - Generalsekretär Olof-Palme-Stiftung und Autor "Schatten auf meiner Seele. Ein Kriegsenkel entdeckt die Geschichte seiner Familie"
Katrin Himmler - Großnichte von Heinrich Himmler, Publizistin und Autorin "Die Brüder Himmler - Eine deutsche Familiengeschichte"

Freitag, 26. August 2016

Der therapierte Mann oder Männer kennen (k)einen Schmerz

Der Mythos vom unkomplizierten Geschlecht
Gestern hatte ich kurzen Whatsappkontakt mit einer Freundin. Ich schrieb
Menschen, die von sich behaupten unkompliziert zu sein, sind noch viel anstrengender als die komplizierten. Es gibt nämlich keine unkomplizierten Menschen. Es gibt unbewusste.
Ihre Antwort
Das, was man von sich behauptet, ist oft genau das Gegenteil von dem, was man ist. Wenn man unbewusst ist.
Ihre Erkenntnis zu diesem Thema ist empirisch. Gewonnen auf einer Partnerschaftsplattform. Dort hat sie herausgefunden, dass die suchenden Männer gerne in ihrem Profil Eigenschaften angeben, die eher ihrem Wunschbild von sich selbst entsprechen als der Realität. Meine Freundin neigt zur Bodenständigkeit und hat, in meinen Augen, kein überzogenes Bild von Romantik. Deswegen glaube ich ihr, wenn sie sagt, dass Männer auf diesen Plattformen gerne von sich behaupten romantisch zu sein, sie aber selten unromantischere Begegnungen hatte. Ein Trick? Ein verschobenes Selbstbild? Keine Ahnung von Romantik? Keine Ahnung wer sie sind?

Im neuen ZEIT-Magazin Nr. 36 gibt es einen Artikel "Männer, lasst euch helfen!" Untertitel "Endlich trauen sich die Männer zu einem Psychologen zu gehen. Was geschieht da mit ihnen? Eine Reise in eine verborgene Gefühlswelt".

Und einer der drei Männer, die dort vorgestellt werden, sagt
Das Gefühlsleben der Männer ist schon immer kompliziert gewesen, sie haben sich nur nicht damit beschäftigt. Aber die Anforderungen an Männer sind heute eben komplexer und da erlebe ich bei Männern viel zu sehr das Bedürfnis, den widersprüchlichsten Erwartungen zu entsprechen, anstatt sich zu besinnen: Was will ich eigentlich? Wie stelle ich mir eigentlich Männlichkeit vor? Viel zu oft werde gefragt: Wie hat der Mann heutzutage zu sein?
Im Artikel werden drei Männer vorgestellt, die alle mit Therapie zu tun haben.

Der ehemalige Unternehmer
Ein österreichischer Bauernsohn aus kinderreicher Familie, der von der Schule flog, Autoverkäufer wurde und eine steile Karriere zum Unternehmer (eigenes Autohaus) startete. Früh verheiratet, junger Vater (erstes Kind mit 22 Jahren), Hausabzahler, mit 30 beginnende innere Unruhe und Leere, die mit Statussymbolen (Porsche, Harley) und Alkohol verdrängt werden. Körperliche Symptome: starke Verspannungen, Kopfschmerzen, Druck im Bauch, mit 38 Jahren die ärztliche Diagnose: chronische Schmerzen, mit denen er leben muss. Ehe auf dem Tiefpunkt, Nervenzusammenbrüche. Er macht neben seinem Job als Chef eines Autohauses eine berufliche Fortbildung zum professionellen Sozial- und Lebensberater (um seine Mitarbeiter besser verstehen und Kunden besser beraten zu können). Die Ausbildung wird zur Selbsttherapie. Er verkauft sein Unternehmen und gründet ein Bildungshaus, wirbt mit Unternehmerkraft, Führungskräftecoaching, Stressprävention, Zeitmanagement, Büroorganisation. Sein Fazit
Männer haben keine Depressionen - sie bringen sich höchstens um.
Im Laufe meiner Ausbildung sind mir Monat für Monat Lichter aufgegangen. Ich lernte, warum Männer so lange am äußeren Erfolg festhalten, ihre Beschwerden ignorieren, sich selbst belügen. Der Hauptgrund ist bei vielen die fehlende Anerkennung durch den Vater oder die fehlende Liebe der Mutter. Viele Männer werden erfolgreich aus einem Mangel an Zuwendung, deren große Lebenslüge lautet: Du bist nur dann etwas Wert, wenn du viel Anerkennung kriegst.
Acht Jahre hat er selbst gebraucht, um aus seinem Tief herauszukommen.
Die Zeit, die vergeht zwischen der Erkenntnis, du musst was ändern, bis zu dem Punkt, wo das verinnerlicht ist, ist eine ganz große Herausforderung. Für viele dauert es zu lang, und sie schaffen es nicht. Weil es so mühsam ist, diesen Weg der Selbstbestimmung zu gehen, geben viele wieder auf und fallen zurück in alte Muster.

Ein Therapeut nur für Männer und ein Buchschreiber
Ein Männertherapeut aus der man-o-mann männerberatung, Autor des Buches Männer: Erfindet. Euch. Neu. - Was es heute heißt, ein Mann zu sein.
Zuständig für den wortkargen Mann, der sich nicht in die Karten gucken lassen will, alle Geschwätzigkeit verachtet und wenn schon, dann eher an Burn-out leidet als an Depression. In seinem Buch unterscheidet er zwischen Männerkrisen, die als Teil der männlichen Existenz akzeptiert und als Chance gesehen werden sollten und den Männerkatastrophen wie Suizid und Selbstzerstörung.
Die traditionelle Männlichkeit existiert noch, bröckelt aber. Bei der modernen Männlichkeit weiß niemand so genau, wie sie definiert ist oder für welche Version man sich entscheiden sollte. Leute, seid froh, dass das alles im Zerfall ist! Wir brauchen die alten Rollenbilder nicht mehr.
Er selbst geht den Weg der "Emanzipation des Mannes".
Emanzipation ist eine Hinwendung zu sich selbst, die dazu führt, dass auch die anschließende Hinwendung zu anderen leichter fällt. Wo die Hinwendung zu sich selbst unterdrückt wird, entsteht eine meist unbewusste Unwilligkeit, sich dem anderen zuzuwenden und etwas für ihn zu tun. Manchmal sogar eine infantile Bockigkeit.
Der therapierte Mann, das klingt so nach "durchtherapiert", als ob das einen Anfang und ein Ende habe. Man müsse wegkommen von diesem "Katharsis-Denken", so laufe Therapie nicht. Statt einer filmreifen Erweckung, nach der nichts mehr ist wie zuvor, erwartet den modernen Mann in der Therapie eher eine stetige Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen - und weniger Veränderung, als viele hoffen. Oder befürchten. Unsere psychischen Mechanismen sind unglaublich stabil. Es geht nicht darum sie wegzukriegen, sondern darum, zu lernen, mit ihnen umzugehen. Oft brauchen wir dafür eine Krise.
Ein Therapeut mit Männerquote
Ein Therapeut und Coach, der sich in seiner Praxis zu einer Männerquote verpflichtete (mindestens 50 Prozent) und seine Motivation für die Arbeit mit Männern damit begründet, dass er vier Brüder und drei Söhne hat. Für ihn muss eine Männertherapie handlungs- und sachorientiert sein. Seine Patienten bewegen sich zwischen 18 und 93 Jahren und er beobachtet, dass jüngere Männer mit der gleichen Selbstverständlichkeit zum Psychotherapeuten gehen wie Frauen. Sein globales Ziel für die therapierten Männer:
Dass sie flexibler werden in ihren Reaktionen. Dass sie sich besser kennenlernen. An welchen Stellen reagiere ich klassisch männlich - und wo finde ich das vielleicht sogar ganz gut?
Der Grund für die männliche Therapieverweigerung
Psychotherapie gilt ja für viele Männer noch immer als etwas für "Weicheier". Dahinter steckt ein traditionelles Männerbild, das sich nach wie vor hartnäckig hält: Männer kennen keinen Schmerz! Da werden kantige Kiefer zusammengepresst und sich durchgebissen. Und da gibt es die Angst, dass es in einer Psychotherapie darum gehe Männer weniger männlich zu machen. Die tiefsitzende männliche Angst davor, durchschaut zu werden.
Weil sie Angst haben, mit diesem Schmerz, der unter der Oberfläche verborgen ist, in Verbindung zu kommen.
Weit verbreitet ist noch immer das 
Gesetz der Traditionellen Männlichkeit
Mann-Sein heißt, keine Gefühle zu haben
Es ist verboten, Dinge zu tun, die mit Frau-Sein assoziiert sind
Es ist verboten, Männer zu begehren
Es ist verboten, Dinge zu tun, für die Männer „nicht gemacht“ sind
Es ist verboten, zu versagen
Es ist verboten, nicht Erster zu sein
Es ist verboten, unterlegen zu sein
Die Antworten der männlichen Therapeuten
Der Quoten-Therapeut
Ich habe nichts gegen männliche Statusbedürfnisse. Das Streben nach Status ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen. "Statusmotiv" heißt ja übersetzt: Ich hab Bock, andere zu beeindrucken und ein Stück weit überlegen zu sein. Man(n) müsse bloß begreifen, dass man dadurch kein "besserer Mensch" werde. Das Statusmotiv ist ja nur dann ein Problem, wenn ich mein Selbstwertgefühl davon abhängig mache. Zu sagen "Ich finde es toll, die Nase vorne zu haben" - das ist doch mal ein gesundes Motiv.
Der Unternehmer-Therapeut
Jahrhundertelang hatte der Mann - als Familienoberhaupt, als Boss - das Sagen, einfach, weil er der Mann war. Seit das nicht mehr so ist, muss sich der Mann erklären. Das kann er aber nur, wenn er weiß, was in ihm vorgeht.
Der Mann-Therapeut
Was es für den emanzipierten Mann zu  gewinnen gibt, ist ein Selbst. Es ist vielleicht nicht immer schön, dieses Selbst, aber es ist wahr. Und es ist meins.
Der lonesome Cowboy, der einsame Wolf, der müde Krieger, er kann nun dem Sonnenuntergang entgegenreiten und sich selbst erzählen, was ihn bewegt. Die Frau an seiner Seite, hört ihm gespannt zu.


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Was, wenn es die richtige Frau oder den richtigen Mann  gar nicht gibt?
Robert Gwisdek - Vertreter einer neuen männlichen Generation 
Monogamie 
Gib niemals auf! 
Neue Männer braucht das Land oder Sind Männer die neuen Opfer der Gesellschaft? 
Ich liebe nur dich oder Sei der Held im Abenteuer deines Lebens
Weiblichkeit und Männlichkeit 
Wie viel Wahrheit verträgt ein Paar?

Mittwoch, 10. August 2016

Mittwoch, 3. August 2016

Verlassene Eltern und Kinder - Thema Entfremdung und Anspruch

Gestern war der Bayerische Rundfunk bei mir. Zu Beginn dieses Jahres erhielt ich von vier Fernsehsendern Anfragen. Sie recherchierten zum Thema "Verlassene Eltern - Wenn Kinder den Kontakt abbrechen", aber auch zu einer Dokumentation über "Narzisstische Eltern". Nun - ich entschied mich für einen regionalen Sender Interviewpartnerin zu sein. Den Ausstrahlungstermin der kurzen Sendung werde ich noch bekannt geben. In diesem Post möchte ich vorab darüber schreiben, was mich zwischen Anfrage und Dreh beschäftigte.

In den Vorgesprächen wurde desöfteren das Wort Entfremdung verwendet. Zunächst gefiel mir dieses Wort recht gut für das, was zwischen Kindern und Eltern passiert, bevor der Kontakt abbricht. Je öfter ich jedoch dieses Wort für meine Geschichte verwendete, desto mehr fiel mir auf, dass es nicht wirklich passte. Warum nicht?

Entfremdung setzt voraus, dass einem etwas vertraut oder zumindest nah ist, bevor es einem fremd wird. Meine Mutter und ich teilten eine räumliche Nähe, solange ich zuhause wohnte. Wir teilten keine emotionale Nähe oder Vertrautheit. Meine Mutter blieb auch in der räumlichen Nähe emotional fremd für mich. Als sich die räumliche Nähe durch meinen Auszug auflöste, wurde die emotionale Fremdheit deutlich sichtbar und (noch mehr) spürbar. Insofern entstand keine Entfremdung, die existierende Fremdheit zeigte sich erst in der Entnäherung oder räumlichen Distanzierung in ihrem Ausmaß.
Meine Mutter war sich selbst fremd und ich mir damit auch.

Eine der Schlussfragen lautete "Was müsste passieren, damit das Verhältnis wieder gut wird?".
Die Frage müsste heißen "Was müsste passieren, damit das Verhältnis gut wird?".
Über die Gründe, warum zwischen meiner Mutter und mir emotional kein Verhältnis entstehen konnte, habe ich lang und breit in diesem Blog geschrieben (gesammelt nachzulesen auf meiner Homepage unter Traumatisierte Familien).

Ich habe über diese Frage nachgedacht und mir wurde klar: Alles ist dynamisch. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung und damit seine eigene Wahrheit. Jede dieser Wahrheiten ist gleichwertig. Es gilt sie stehen zu lassen und zu akzeptieren, denn keine Wahrheit ist wahrer als eine andere. Wenn nun zwei unterschiedliche Wahrnehmungen und damit Wahrheiten aufeinanderprallen, dürfen sie angeschaut werden. Dafür braucht es Auseinandersetzung. Auseinandersetzung besteht nicht in "Das magst du ja so sehen, aaaber ...", sondern in "Ich habe gehört, was du gesagt hast und werde darüber nachdenken. Lass uns später noch einmal darüber sprechen". Konstruktive Auseinandersetzung bedarf der Fähigkeit und dem Willen zur Reflexion. Noch einmal: Alles ist dymanisch, verändert sich, entwickelt sich. Ohne wahrhaftige Auseinandersetzung kann jedoch keine Entwicklung stattfinden. Die Dinge stagnieren.

Das ist, was zwischen meiner Mutter und mir passiert. Die Dinge stagnieren, weil es keine wahrhaftige Auseinandersetzung mit ihnen gibt. Für meine Mutter gibt es eine allgemeingültige Sichtweise und damit Wahrheit: Die ihrige. Und so lange ich nicht bereit bin, diese wie eine Schablone (wieder) über mich legen zu lassen, wird es keine Annäherung geben.

Was müsste also passieren, damit wir aus unserer emotionalen Fremdheit in eine Nähe übergehen können?
Entweder bin ich bereit die Wahrheit meiner Mutter wieder wie eine Schablone über mich legen zu lassen und meinen Platz in ihrem Konstrukt wieder einzunehmen, was für sie Nähe bedeutet und für mich Fassaden erhalten. Oder sie ist bereit zu erkennen, dass ein jeder Mensch seine eigene Wahrnehmung hat, damit auch ich und eine differierende von der ihrigen, und geht in eine aufrichtige Auseinandersetzung.
In beiden Fällen müsste ein Wunder geschehen.
Würde ich tun, was sie sich wünscht, würde ich mich wieder mir selbst entfremden.
Würde sie tun, was ich mir wünsche, müsste sie einen Großteil ihres Lebens hinterfragen und könnte sich selbst verlieren (oder finden).
Hätte ich eine Lösung, würde ich hier nicht mehr schreiben.

Eine der immer wieder aufkommenden Fragen ist "Wenn Ihre Mutter eine Therapie machen würde, könnte sich das nicht positiv auf die Annäherung auswirken?"
Den Therapieanspruch habe ich schon oft gehört und gelesen. Er wird meistens von denen gewünscht, die sich bereits mit dem Thema in Therapien oder Seminaren beschäftigt haben. Auch ich hatte diesen Anspruch an meine Mutter "Sie sollte ihre Traumata angehen und eine Therapie machen anstatt sie mit Freizeitstress zu überdecken und zu verdrängen".
Heute denke ich anders darüber.
Meine Mutter wird dann eine Therapie machen, wenn in ihrem Leben eine Notwendigkeit dazu auftaucht. So lange sie keine Notwendigkeit dazu sieht, wird sie das auch nicht tun. Wenn ich es von ihr VERLANGE, tu ich das, damit es MIR besser geht. Wer kann eine Garantie geben, dass es IHR mit einer Therapie besser geht. Oder dass es uns beiden dann miteinander besser geht? Sie alleine kann und darf für sich selbst entscheiden, was ihr gut tut. Wenn sie der Meinung ist, dass sie die alten Erlebnisse bis zu ihrem Lebensende verdrängen will, dann ist es gut, wenn sie es tut. Ich habe das zu akzeptieren. Es liegt in ihrer Verantwortung so für sich zu sorgen, dass ihr Leben erträglich ist. Ich habe diese Entscheidung zu ertragen. Und es liegt in meiner Verantwortung für mich zu sorgen. Wenn ich der Meinung bin "Ohne meine Mutter geht es mir besser als mit", darf auch sie meine Entscheidung akzeptieren und ertragen.


Dieser Beitrag ist Bestandteil der Themensammlung Verlassendes Kind auf meiner Homepage.



Donnerstag, 31. März 2016

Vom Zähmen, sich Vertraut machen und der damit einhergehenden Verantwortung

Ich habe gestern einen Spruch gelesen, der mir nicht mehr aus dem Kopf geht. 

Seit ich "Der kleine Prinz" von Antoine de Saint-Exupery gelesen habe, begleitet mich das Gespräch vom Fuchs, der gezähmt werden möchte und dem Prinzen, der nicht weiß, wie das geht. Am Ende meint der Fuchs
"Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast“
Das hört sich wie eine schwere Bürde an. Wer sich im Laufe seines Lebens nicht mehr daran erinnern will, was und wen er sich alles vertraut gemacht hat, der sammelt Leichen im Keller, die irgendwann das Stinken anfangen und einen wie Zombies verfolgen können. Es hatte also einen Grund, warum mich dieser Spruch begleitete. Er hat mich an meine Verantwortung erinnert. Was aber ist Verantwortung? Der Prinz hat an dieser Stelle nicht weitergefragt. Gestern las ich die Antwort (für mich) auf die nicht gestellte Frage: 
"Sich für jemanden verantwortlich zu fühlen, heißt fähig und bereit sein zu antworten"
Nun könnte man denken, das sei ja nicht schwer. Ist es aber. Oft genug verstecken wir uns hinter Ausreden und vermeiden ehrliche Gespräche. Richtig schwierig wird es, wenn wir das, was wir gezähmt und uns damit vertraut gemacht haben, am Verlieren sind. Der Verlust ist oft so schmerzhaft, dass wir uns aus der Verantwortung ziehen und nicht mehr antworten wollen. Dann bleiben die gestellten und ungestellten Fragen in einem Raum hängen, der sich wie ein Vakuum in unserem Leben anfühlt. Vielleicht nicht sofort, diese Dinge beweisen viel Geduld, bis sie sich ungehemmt in unser Leben zurückdrängen. Mich hat das Leben gelehrt zu fragen, wenn ich etwas nicht verstehe. Auch wenn mein Mathelehrer meiner Mutter steckte, "dass ich ein bisschen schwer von Begriff bin", weil ich immer dieselbe Frage stellte, auf die ich die immer selbe Antwort bekam, die ich aber nicht verstand. Wer nicht mehr fragt, der beginnt zu interpretieren. Interpretation führt meistens in den Irrtum.
Also fragen! Und antworten ....

Montag, 14. März 2016

Dreißig Jahre Haft im falschen Film

So heißt das Manuskript des Bildhauers Gerhard Roese, der mit einem NAPOLA-Vater aufwuchs und dann selbst auf eine Elite-Anstalt geschickt wurde - die Odenwaldschule. Dass er dort zu den missbrauchten Kindern gehörte, macht er auch an seiner Erziehung fest. Er war das Kind der Familie, in dem der Vater das eigene Trauma ablegte, um es dann zu bekämpfen. Kinder, denen das widerfährt, sind die sogenannten "Sündenböcke" einer Familie. Sie dürfen für alles herhalten, was schief geht. Sie sind Schuld und sie fühlen sich schuldig. Das führt zu einer Demutshaltung, die wiederum Menschen anzieht, die ein Opfer suchen. Ein Teufelskreis, aus dem es Gerhard Roese herausgeschafft hat.

Den Artikel dazu, in dem es um transgenerationale Traumata geht, finden Sie bei deutschlandfunk.de.

Freitag, 19. Februar 2016

Was auch immer geschieht

Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken!

Erich Kästner


Donnerstag, 11. Februar 2016

... indem er es einfach tat

In einem Interview fragt das ZEIT-Magazin Nr. 6 den Regisseur Bernardo Bertolucci, welche Rolle Pier Paolo Pasolini für ihn spielte. Seine Antwort:
Pier Paolo lebte lange Zeit mit seiner Mutter im selben Haus wie meine Eltern. Er hatte Gedichte geschrieben, Romane und Drehbücher, als ich ihn eines Morgens, ich war 19 oder 20, an der Tür traf. Er sagte: "Du liebst doch das Kino, richtig?" Ich sagte: "Ja, das stimmt." - "Okay, ich drehe bald meinen ersten Film, und du wirst mein Regieassistent sein!" Ich antwortete: "Aber Pier Paolo, ich habe das noch nie gemacht!" Und er sagte: "Ich auch nicht!" So bin ich jeden Morgen um sieben Uhr vom fünften in den zweiten Stock runtergegangen, habe an seiner Tür geklopft, wir liefen zur Garage, wo sein Alfa Romeo Giuletta stand und fuhren zum Dreh. Wir besprachen unterwegs, was wir an dem Tag drehen würden, manchmal erzählte mir Pier Paolo, was er in der Nacht geträumt hatte. Ich war vollkommen verzaubert von ihm. Er war so ein Genie. Genie ist ein abgegriffenes Wort, aber er war einfach ein außerordentlicher Dichter und Regisseur - und ich hatte das Privileg, dabei zu sein, wie er seinen ersten Film drehte, Accattone. Es war großartig, zuzusehen, wie er das Filmemachen entdeckte, indem er es einfach tat.
Merkt ihr was?

Ich liebe Geschichten aus dem Leben, in denen Menschen zu ihrer Höchstform auflaufen, ohne dass Worte wie Hochschule, Universität, Eliteausbildung oder ähnliches auftauchen.

Ich liebe Geschichten aus dem Leben, in denen Menschen etwas Außergewöhnliches vollbringen, obwohl oder vielleicht gerade weil ihnen niemand gesagt hat, dass es nicht geht, dass es unmöglich ist, dass es nicht richtig ist, dass es nicht der Form/Geschichte/Lehrmeinung/Wissenschaft/Irgendwas entspricht.

Ich liebe Geschichten aus dem Leben, in denen von Talent, Liebe, Zauber, Genie, Herzblut die Rede ist und das Wort Profit einfach nur jämmerlich armselig wirken würde und deswegen auch definitiv ausgeladen ist.

Ich liebe Geschichten aus dem Leben, in denen Menschen Dinge lernen, indem sie sie einfach tun.

Ich liebe Geschichten aus dem Leben, in denen das Leben selbst der größte Lehrer ist.


Freitag, 29. Januar 2016

Jein!

Jein! ist ein Buch der praktizierenden Psychotherapeutin Stefanie Stahl. Ich las es auf Empfehlung einer Freundin, die mit dem Wort "Jein" einschlägige Erfahrungen machte. Das Buch war für sie ein Augenöffner.

Die meisten Beziehungsratgeber haben ja die Intention der Beziehungserhaltung. Anders in diesem Buch. Stefanie Stahl macht auf eine Art von Beziehung aufmerksam, die eher selten in einer zufriedenstellenden Beziehung (zumindest für einen der beiden Partner) endet, da einer der Partner eben gar keine Beziehung will. Es geht um Partnerschaften mit Bindungsängstlichen, bzw. Bindungsvermeidern. Jeder von uns hat in seinem Bekannten- oder Freundeskreis mindestens ein oder mehrere solcher Exemplare. Es sind die, die immer wieder auf Partnerschaftsplattformen unterwegs sind und nie wirklich längerfristig fündig werden. Es sind die Prinzessinnen, denen keiner gut genug ist oder die einsamen Wölfe, die ihre Freiheit brauchen. Es sind die Leute, die sagen "Ich liebe dich, aber ... ich bin noch nicht so weit/gerade ist der Job so stressig/ich brauche mehr Freiraum/du machst einfach wirklich gar nichts richtig...". Es sind die, die nicht alleine bleiben, aber eben auch keine verbindliche Beziehung eingehen wollen. Jein eben.

Das Fatale an diesen Beziehungen ist, dass sie genau aus dem Grund, dass sich der/die Beziehungsängstliche nicht wirklich einlassen will, an Reiz und Wert gewinnen. Es gibt Phasen der heißen Leidenschaft, denen völlige Unterkühlung folgt. Das ist oft sehr schwer zu verstehen, wenn man eben die Hintergründe nicht weiß. Und die sind in dem Buch ausführlich beschrieben.

Da eine Beziehung mit einer/einem Beziehungsängstlichen seltenst in eine Beziehung der Vertrautheit und relativen Sicherheit übergeht, bleibt sie für lange Zeit in der Phase des Verliebtseins. Auch das kickt. Aber sehr ungut. Frau Stahl entmystifiziert sehr schön diese Phase des Verliebsteins, deren Zustand biochemisch dem der Prüfungsangst ähnelt. Es ist ein Ausnahmezustand, der es auch bleiben sollte. In einer Beziehung mit einer/einem Beziehungsängstlichen wird diese Phase jedoch zum Allgemeinzustand. Stefanie Stahl zeigt auf, dass dies mit einem enormen Kontrollverlust einhergeht. Man wird süchtig nach dem anderen, weil er einem das, was man möchte, nicht in dem Maß gibt, wie man es gerne hätte. Das, was eben nach der Phase der Verliebtheit kommt. Liebe, Vertrauen, Alltag, mehr Ruhe und Kraft sich auch wieder auf andere Sachen konzentrieren zu können und nicht nur dem Partner zugewandt zu sein. Das ist es, was in Jein-Beziehungen passiert. Alles dreht sich nur um den Partner und wie man ihn ganz und gar für sich gewinnen kann. Das schlaucht auf Dauer. Es macht krank. Und deswegen hat Frau Stahl auch gute Tipps auf Lager, wie man sich aus einer solchen Beziehung ziehen kann. Es hat mit Entzug zu tun!
Es gibt aber auch Hoffnung. Man muss nur wissen, wie man sich mit einem Bindungsvermeider verhalten sollte. Eben nicht so, wie es die meisten tun.

Natürlich ist das Buch auch Aufklärung für diejenigen, die unter einer solchen Angst leiden. Nur hier beißt sich die Maus in den Schwanz. Denn Bindungsvermeider tun alles um eine feste Beziehung zu vermeiden und eben nichts um sie zu erhalten. Deswegen wird dieses Buch wohl eher die Partner der Bindungsängstlichen erreichen.

Interessiert?
Stefanie Stahl: Jein! Bindungsängste erkennen und bewältigen, Hilfe für Betroffene und deren Partner, Ellert & Richter Verlag

Es gibt inzwischen ein Nachfolgebuch mit Übungen: Vom Jein zum Ja! Bindungsangst verstehen und lösen, Eller & Richter Verlag. Ich persönlich habe es noch nicht gelesen. Die Bewertungen auf dem einschlägigen Portal sind sehr gut.


Donnerstag, 28. Januar 2016

Wenn die Helden fehlen

In der neuesten ZEIT-Ausgabe gibt es einen Artikel von Adam Soboczynski. Wie er zugibt, ist ihm dieser Artikel aufgedrängt worden. Von einer Frau. Einer Frau, die fragt, warum sich deutsche Männer nicht um ihre Frauen prügeln. Wo in der Kölner Silvesternacht waren die deutschen Männer? Waren auf dem Platz nur deutsche Frauen, die von Männern nordafrikanischer Herkunft sexuell belästigt und ausgeraubt wurden? Nein, sie waren da. Händchenhaltend mit ihrer Liebsten standen sie auf dem Platz vor dem Hauptbahnhof. Schockiert und wehrlos schauten sie dem Treiben zu. Im Artikel gibt es Bilder von lederleichtbekleideten Männern mit vielen Muskeln. Titelhelden aus Groschenromanen, die ausgedient haben. Welche moderne, emanzipierte Frau wollte noch einen Beschützer an ihrer Seite? Metrosexuell ist gefragt oder Männer mit Heinzelmännchenmützchen, die schick Jack-Wolfskin-verpackt Kinderwägen schieben und vegan kochen. Diese muskelbepackten Männer gibt es ja noch immer in unserer Gesellschaft. Als Mitglied in einem Fitnesscenter sehe ich sie im "Hantelbereich für Männer". Sie trinken Protein-Shakes und stöhnen unter der Last, die sie sich auf die Hantelstangen schrauben. Breitbeinig und mit vom Körper abgespreizten Armen schieben sie sich von Gerät zu Gerät und wischen sich theatralisch den Schweiß von der Stirn. Es wird gepumpt in deutschen Fitnesscentern. Six-Packs sind noch immer sexy. Leider aber sind all diese Muskeln nicht wirklich funktional. Sie sind dazu da um bewundert zu werden. Sie sind nicht dazu da benutzt zu werden. Die meisten dieser jungen Männer wissen nicht einmal mehr, wie man eine richtige Faust ballt. Körperlicher Kampf ist kein Bestandteil unserer Sozialisation. Er wurde ausgemerzt. Wie Herr Adam Soboczynski schreibt: Kleine aggressive Kerlchen, die zum Kampf neigen, sind ein Fall für die Psychologin und eine gute Portion Ritalin.

Ich habe einen Kerl an meiner Seite. Als Frau mit knapp über 1,60 m habe ich mich schon immer wohl gefühlt an der Seite von Bäumen. Mein Baum reicht über die 1,90 m hinaus und als ehemaliger Leistungsschwimmer ist er von stattlicher physischer Präsenz. Wäre das in einer Nacht wie in Köln ausreichend? Würde mich seine Präsenz wirklich schützen?

Letzten Sommer kam ich eines nachts spät aus dem Büro. In einer Seitengasse warf ich die Büropost in einen Briefkasten. Der letzte Sommer war heiß und als europäische Frau darf man sich in T-Shirt und Shorts bewegen. Vor dem Briefkasten steht eine Bank, darauf saßen fünf dunkelhäutige, arabisch aussehende Männer. Ungeniert zogen sie mich mit ihren Blicken aus, machten Bemerkungen in einer Sprache, die ich nicht verstehe und lachten. Sexuelle Belästigung beginnt nicht erst mit Begrapschen. Rechtsfreier Raum beginnt nicht erst dort, wo Frauen angefasst und ausgeraubt werden. Die Würde einer Frau ist immer und überall antastbar. Seit letztem Sommer ist mir klar, dass ich mich immer in einem rechtsfreien Raum bewege. Auch auf den Bänken in unserem Schlossgarten saßen diese Gruppen von Männern. Bisher war der Park eine Oase für mich. Seit dem Erlebnis im letzten Sommer, fahre ich bei Dunkelheit nicht mehr hindurch. Ich habe 8 Jahre Kampfkunst praktiziert und in den 8 Jahren ist mir klar geworden, dass ich als Frau meiner Größe den meisten Männern bereits physisch unterlegen bin. Da braucht es nur zwei Männer und ich bin ziemlich chancenlos. Wenn nun aber fünf sich einig sind, mich vom Rad zu ziehen, ist das eine Übermacht. Ein Mann an meiner Seite, kampfunerprobt, würde mir dann auch nicht helfen. Was mir in den 8 Jahren Praktizieren auch bewusst wurde ist, dass die beste Verteidigung die ist, der aggressiven Energie aus dem Weg zu gehen. Das heißt einen Instinkt zu entwickeln, wo Gefahren lauern könnten und diese Orte zu meiden. Nicht erst mit den arabischen oder nordafrikanischen Männern gibt es aggressive Energie. Die gab es schon immer. Wenn es nicht möglich ist, dieser aggressiven Energie aus dem Weg zu gehen, dann ist die zweitbeste Verteidung das schnelle Weglaufen verbunden mit Schreien.

Das Schreien ist etwas, was besonders Frauen schwer fällt. Wenn ich in unserem Dojo vormittags Trainingsvertretung hatte, waren hauptsächlich Frauen anwesend. Dann habe ich gerne Kiai geübt. Kiai ist der Kampfschrei. Er hilft dabei, nicht in den Lähmungsmodus zu fallen, sondern Energien zu mobilisieren. Er bündelt, lenkt und verlängert die Energie bei einem Schlag. Die Frauen haben es gehasst. Männerschreie haben das Dojo erzittern lassen, von den Frauen kam oft nur ein Piepsen.
Was Frauen, aber auch den heutigen Männern, wirklich schwer fällt, ist das gezielte Zuschlagen. Wir haben eine unglaubliche Hemmschwelle, jemanden überhaupt zu schlagen, geschweige denn ins Gesicht. Das wurde uns abgewöhnt. Das ist böse. Das ist nicht Teil unserer Sozialisation.

Was aber tun, wenn das Böse über uns hereinfällt?

Nach der Kölner Silvesternacht las ich einen Artikel über eine deutsche Auslandskorrespondentin. Sie sagte, dass sie in Indien nie ohne Bambusknüppel unterwegs war, da sich aus dem Nichts Männergruppen zusammenrotteten. Wenn sie den Knüppel mal vergessen hatte, schlug sie die Männer mit der Faust ins Gesicht und schrie dabei. Das schreckte ab, weil sie so ein Gebaren von einer Frau nicht gewohnt waren. Diese Frau war allzeit bereit und immer auf der Hut. Sie wusste um die Gefahr. Leider kommt die Gefahr selten so auf uns zu, dass wir schnell in unser Handtäschchen greifen können, um rechtzeitig das Reizgas rauszuholen und uns so viel Zeit bleibt, um es gezielt auf den oder die Angreifer zu sprühen. Schon solch eine Handlung erfordert Kaltblütigkeit!

Liebe Leser, ich habe, wie so viele andere, auch keine wirkliche Lösung. Ich ahne nur, dass es in Zukunft viel mehr rechtsfreie Räume geben wird. Denn wo Gewalt angewendet werden will, gibt es erst einmal kein Recht, das einen beschützen könnte. Und was nützt mir eine Rechtsprechung DANACH? Die meisten Männer würden oder könnten mich auch nicht beschützen.
Wenn ich ehrlich bin, vertraue ich weder auf unsere Gesetze noch auf unsere Männer. Die meisten unserer Männer sind wie Herr Adam Soboczynski. Bestens sozialisiert ziehen sie es vor, sich nicht zu prügeln. Auch nicht dann, wenn es darum geht, ihre Frauen zu verteidigen.

Ich denke, dass wir Frauen uns an Frauen halten sollten, die uns sagen und zeigen können, wie gefahrenvolle Situationen zu erahnen sind und wie wir uns handlungsfähig halten. Wir brauchen eine Einstellung, die uns nicht zum Opfer macht. Und wir sollten nicht darauf vertrauen, dass uns Gesetze, Institutionen, Parteien, Bürgerwehren oder das starke Geschlecht beschützen. Wir sollten uns wehrhaft machen. Wir sollten körperliche Verteidigung zum Teil unserer Sozialisation machen. 
Unsere Vorfahrinnen und wir haben einiges erreicht. Um das und uns zu schützen, sollten wir den Kiai üben.

***

Reich
ist das Land
das Helden hat.
Arm
ist das Land
das welche braucht.


Van Zan in "Die Herrschaft des Feuers"

Donnerstag, 21. Januar 2016

Ministerium für Glück und Wohlbefinden

Mal ehrlich, wer von euch weiß, dass es hier bei uns ein solches Ministerium gibt? Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen - Ministerium für Glück und Wohlbefinden.

Im Mai 2012 schrieb ich einen Post über Bruttonationalglück und anscheinend war ich im Flow, denn im November 2012 passierte folgendes:
Als die Kampagnenidee des „Ministeriums für Glück und Wohlbefinden“ im November 2012 in Form eines Semesterprojekts an der Fakultät für Gestaltung der Hochschule Mannheim entwickelt wurde, waren wir ein kleines Studententeam, das sich im Fach „Transmediale, integrierte Kommunikation“ der Aufgabe von Prof. Axel Kolaschnik widmete, eine Kampagne zu kreieren, die die Wertehaltung innerhalb unserer Gesellschaft verändert. Während unserer Recherchen sind wir zu dem Entschluss gekommen, uns ein Beispiel an dem kleinen Land Bhutan zu nehmen: Wir brauchen ein Ministerium für Glück und Wohlbefinden in Deutschland, um eine neue Bewegung und ein neues Bewusstsein ins Leben zu rufen und anhand dieser Metapher die wichtigen Fragen zu kommunizieren: Was ist gutes Leben und wie können wir es selbst in die Hand nehmen? Aus diesem Studententeam entschlossen sich Gina Schöler und Daniel Clarens im Dezember 2012 dazu, diese Kampagne weiterzuführen und zum Gegenstand ihrer Masterthesis zu machen: Eine Dokumentation der transmedialen Kommunikationskampagne „Ministerium für Glück und Wohlbefinden", welche im Oktober 2013 sehr erfolgreich abgeschlossen wurde.
So steht es auf der Seite des Ministeriums für Glück und Wohlbefinden über die Geschichte des MFG.
Seitdem ist Gina Schöler als Glücksministerin unterwegs
um mit den Menschen gemeinsam das Glück zu erarbeiten und greifbar zu machen. In Form von Vorträgen, Workshops, Veranstaltungen oder interaktiven Aktionen zeigt sie auf kreative Weise auf, wieviel Spaß es machen kann und wie wichtig es ist, sich um das gute Leben zu kümmern. Sie liebt es, neue Leute kennen zu lernen, die leidenschaftlich bei der Sache sind, die etwas bewegen möchten und mit denen man eine inspirierende Zeit verbringen kann, sowohl privat als auch beruflich.
Hallo? So etwas gibt es bei uns! In Deutschland!
Ich wünsche mir in jeder neuen Ausgabe jeglicher Zeitung, neben all den Katastrophenmeldungen, eine Schlagzeile, die darauf hinweist, was dieses Ministerium macht und erreicht.

Seit 8. Januar diesen Jahres heißt das neueste Projekt "Das erste Buchprojekt startet und du bist mit dabei!" Jeder, der will, kann mitmachen und seine Geschichte schreiben. Es geht um die kleinen Momente im Alltag, die uns ein Lächeln ins Gesicht zaubern.
Das Knacken eines Einmachglases, das Knistern des Schnees, ein Kuss auf die Stirn, eine besondere Begegnung, der Geruch des alten Fahrradschuppens… Was bringt euer Herz zum Singen? Macht mit und werdet im ersten Buch des Ministeriums für Glück und Wohlbefinden verewigt. Lasst uns gemeinsam aufzeigen, wie wundervoll das kleine Glück sein kann!
Gönnen wir uns mal eine kleine Auszeit von den Ökokatastrophen, dem Flüchtlingsleid, den Kriegen, den Vorfällen in Köln, den IS-Anschlägen. Und halten wir mal einen Moment inne, um uns bewusst zu werden, was uns Momente des Glücks beschert. Im Kleinen oder vielleicht auch im Größeren. Irgendwas muss es doch geben, wenn so viele andere dazu bewegt werden, zu uns kommen zu wollen. Auch wir sollten mal eine Zeit lang zu uns kommen.

(Okay, das Ministerium gibt es noch nicht wirklich, es nennt sich nur so, aber vielleicht gibt es das so irgendwann, die Idee dazu ist da. Die Initiative für bewusstes Leben und Glücksbesinnung steht unter den Schlagworten Bewusstsein - Reduktion - Zufriedenheit, denn Konsum allein macht nicht glücklich. Es geht um einen Wertewandel. Weg vom grenzenlosen Wirtschaftswachstum, BIP und Selbstausbeutung, hin zu dem, was Menschen glücklich macht. Das finde ich gut.)