Montag, 23. Januar 2017

Die Wahrheit bringt den Wahn zum Verschwinden

Die Augen blicken gen Westen. Er ist auf den Titelseiten fast jeder Zeitung und Zeitschrift. Fotos von Gegendemonstrationen. Ein Plakat mit der Aufschrift "love trumps hate", darunter die Hassrede von Madonna. Der Papst sagt "abwarten. Hitler hat sich nicht die Macht ergriffen, das Volk hat ihn gewählt, daraufhin hat er das Volk zerstört". Und wir malen uns aus, was er als nächstes tun könnte. Noch machen wir Scherze, vielleicht vergeht uns wirklich bald das Lachen.

Was wir übersehen.
Es gab und gibt schon immer Propheten. Sogar im eigenen Land. Die trommeln nur leider nie so laut, dass sie gehört werden. Die, die schreien, die hören wir. Anstatt selbst etwas für uns und damit für die Gesellschaft zu tun, so lange wir es tun können, schreien wir dann in der Krise nach einem Führer und folgen dem, der uns am lautesten in die nächste Illusion führt. Wir sind so sehr beschäftigt, dass wir vergessen Verantwortung für uns selbst zu übernehmem. Das soll dann ein anderer tun. So lange wir uns selbst  davor scheuen unseren eigenen Wahrheiten ins Gesicht zu schauen, fördern und fordern wir den Wahn.
Wenn alle Menschen, ob Opfer oder Täter, über das sprechen würden, was ihnen jetzt noch unsagbar erscheint, und offen dafür wären, dass all das ans Licht kommen darf, was sie zu Tätern oder Opfern hat werden lassen, wäre die Psychiatrie in ihrer heutigen Form bald überflüssig. Und wenn es Eltern gelänge, sich ihre eigenen Traumata und Verstrickungen anzusehen und aufzulösen, wäre das die beste Therapie für ihre oft sehr belasteten Kinder. Es wäre zuleich die wirkungsvollste Präventionsmaßnahme, um der Angst, dem Hass, der Verzweiflung, der Verwirrung und der Gewalt in der nächsten Generation den Nährboden zu entziehen.
Die gemeinsame und öffentliche Beschäftigung mit den Ursachen psychischer Verletzungen und seelischer Verstrickungen und ihren generationsübergreifenden Nachwirkungen in Gruppen veränderungsbereiter Menschen kann ein neues Bewusstsein schaffen für das Zusammenleben von Männern und Frauen, Eltern und Kindern und den Menschen in einer Gesellschaft. Denn, was wir heute tun, kann noch in 100 Jahren Wirkungen haben - wir tragen dafür die Verantwortung im Guten wie im Schlechten. Wir sollten uns den Polaritäten von Mann und Frau, Täter und Opfer, Macht und Ohnmacht gemeinsam neu stellen, um neue Lösungen zu finden. Ein Herz für die Täter zu haben, hilft den Opfern. Die Ohnmacht anzuerkennen, macht offen für Hilfe. Die Wahrheit bringt den Wahn zum Verschwinden. Die Liebe heilt die seelischen Wunden. Heilung geschieht, wenn wir mit Liebe die Seelen von Menschen berühren.
Franz Ruppert "Trauma, Bindung und Familienstellen" (2005)

Freitag, 20. Januar 2017

Verlassene Kinder

Diese Woche habe ich Post von einer Leserin erhalten, die mich darauf aufmerksam machte, dass es auch von den Eltern verlassene Kinder gibt.
Stimmt, in einigen Foren habe ich darüber gelesen, dass manche Eltern sich auf sehr ähnliche Weise von den Kinder verabschieden, wie es Kinder bei ihren Eltern tun. Und so wie sich Eltern häufig den Kopf darüber zerbrechen, warum Kinder einfach gehen, so zerbrechen sich die Kinder den Kopf, warum Eltern plötzlich sagen "Mit dir will ich nichts mehr zu tun haben".

Ob so oder so - in den meisten Fällen steht der Vorwurf im Raum "Ich bin dir sowieso egal". Eine Partei zieht sich dann in die Schmollecke zurück, weil sie sich zu wenig bekümmert fühlt.

Der Schritt von der Erziehung zur Beziehung ist ein schwieriger. Im Weg steht oft die Illusion der "heilen" Familie. Eine Familie kann aber nur so heil sein, wie es die einzelnen Familienmitglieder sind. Was Familien funktional macht, ist die Fähigkeit zur Herzensbindung. Ohne Herzensbindung gibt es nur Ersatzbindungen, die auf Anspruch und Erwartung an den oder die anderen beruhen. Für Herzensbindung braucht es Herzensbildung. Wer hatte das Fach in der Schule?

Montag, 2. Januar 2017

Verlassende Kinder

In letzter Zeit habe ich vermehrt Anfragen zu Selbsthilfegruppen von Kindern, die ihre Eltern verlassen haben.

Leider bin auch ich bei meinen Recherchen zum Thema "Verlassende Kinder" nicht fündig geworden. Es gibt (noch) keine Lobby für uns.

Seit Erscheinen der Bücher von Sabine Bode hat sich eine Bewegung formiert, die sich "Kriegsenkel" nennt. Vielleicht fühlt sich dort der ein oder andere aufgehoben.

Meine Erfahrung ist die, dass Kinder, die ihre Eltern verlassen, alleine dastehen. Von den eigenen Eltern und der Gesellschaft als verwöhnte, undankbare, selbstzentrierte Egoisten abgestempelt, ziehen sie sich mit ihren Selbstzweifeln zurück und haben bisher wenig bis keinen Ausdruck gefunden. Dass die Bindungsunfähigkeit der eigenen Eltern häufig die Wurzel für den Kontaktabbruch ist, dafür gibt es wenig Bewusstsein. Der Blick ist nach außen gewendet, materiell war doch alles da. Um zu verstehen, dass Gefühlskälte jegliche Form von Beziehung irgendwann erkalten lässt, auch die der Eltern-Kind-Beziehung, dafür müsste man den Blick nach innen wenden. Das hat uns aber keiner gelehrt. Da gerade diese verlassenden Kinder das Bindungstrauma ihrer Eltern anrühren, werden sie zu "Tätern" abgestempelt und die verlassenen Eltern sehen sich in der Opferrolle. Für das kollektive Trauma ist die Gesellschaft genau so blind und gefühlstaub wie die Eltern. Die Kinder sollen funktionieren wie sie das seit Generationen gemacht haben. Das tun sie aber nicht mehr. Sie wollen oder können nicht mehr das Öl im Getriebe sein. Sie sind der Sand, der unangenehm reibt.

Liebe Verlassende Kinder, ich kann euch zum heutigen Zeitpunkt leider keine Adressen von SHG´s geben, noch sehe ich eine Lobby für uns. Ihr seid auf euch gestellt, denn das, was mit dem Kontaktabbruch passiert, ist ein Tabubruch. Dieser Tabubruch ist Pionierarbeit und damit eine Veränderung in einem System, das sich vehement gegen diese Art von Veränderung wehrt. Der Mythos Familie ist unantastbar.

Auf meiner Homepage habe ich unter Tipps und Anregungen einiges verlinkt, was vielleicht weiterhelfen könnte.
Wenn ihr weitere und mehr Informationen habt, schreibt mir (info@leben-zuhoeren.de), ich freue mich.
Hoffnung ist eben nicht der Glaube daran, dass etwas gut ausgeht,
sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn macht, egal wie es ausgeht.