Montag, 30. Dezember 2013

Glücksfall

Einen Spruch des Dalai Lama zum Jahreswechsel  habe ich, den ich verstehe, nicht  hinterfragen muss und sogar dazu nicken kann. Auch wenn mir das vor einigen Jahren unmöglich erschienen wäre. Die Betonung liegt auf "manchmal".
Kennt ihr das? Das große Aufatmen, wenn sich etwas nicht so einstellt wie gewünscht und nicht wir, sondern das Leben für uns sorgt. Das Leben, das manchmal besser weiß, was gut für uns ist.

Bedenke: Nicht zu bekommen was man will, ist manchmal ein großer Glücksfall.


Seid Sand, nicht das Öl im Getriebe

Ich habe nicht sehr viel aus dem Deutschunterricht in der Schule mitgenommen, aber eine Sache ist deutlich hängengeblieben. Es ist das Ende des Gedichts "Wacht auf" von Günter Eich, das er 1950 geschrieben hat.

Seid unbequem, seid Sand, nicht das Öl im Getriebe der Welt!

Nun fand ich eine Aussage, die dem 14. Dalai Lama zugeschrieben und folgendermaßen zitiert wird

Lerne die Regeln, damit du sie richtig brechen kannst. 

Wie ist das gemeint? Ist das eine Aufforderung? Soll ich die Regeln brechen? Was ist mit "richtig" gemeint? Und was mit Bruch? Der kleine Revoluzzer in mir schreit "Ja!", Anarchie, Sand sein, den Ablauf stören, Regeln brechen - Freiheit! Der Bedenkenträger in mir wägt ab. Soll er das wirklich gesagt haben? Soll er das so gesagt haben? Der Dalai Lama? Und wie hat er es gemeint? Kann es sein, dass, wie so häufig, Worte mit der Übersetzung eine andere Bedeutung bekommen? Sprüche lassen oft einen großen Interpretationsraum. In eine andere Sprache übersetzt, verlieren sie manchmal den Kern. Auf einer Seite las ich die Worte so

Lerne die Regeln, damit Du weißt, wie Du sie brichst.

Diese Worte haben eine völlig andere Aussage.
Ich bleibe lieber beim Sand im Getriebe. Ich mag das Bild und das Geräusch dazu. So ein bisschen Sand und es fängt an zu knirschen. Eine Frage stellen und den Ablauf unterbrechen. Zur Zeit streut jemand Sand in mein Getriebe und die Dinge laufen nicht so, wie es mir passen würde. Das ist unbequem. Und gut so. Ich darf mich in Geduld und Gelassenheit üben, eine der schwierigsten Übungen für mich. Es zerknirscht mich. Ich darf selbst für das Öl sorgen, damit ich trotz Sand weiterlaufe statt stehen zu bleiben. Was ich in diesem Jahr nicht geschafft habe, schaffe ich im nächsten. Das ist das Gute an Zäsuren. Irgendwann ist der Sand Schnee von gestern. Ich schaue zurück und kann über mich selbst lachen.

Ich wünsche euch Humor für das, was hinter euch liegt und Hoffnung für das, was vor euch liegt.

Auf ein bompforzinöses 2014!

Samstag, 21. Dezember 2013

Frohe Weihnachten

und die besten Wünsche für das Jahr 2014
wünscht allen seinen Lesern

der Gedankenstreuner


Freitag, 20. Dezember 2013

Eigenverantwortung

Ich beobachte weiter das Geschehen um Robert Betz.

Der NDR widmete Ende November dem selbsternannten Lebenslehrer eine Berichterstattung unter dem Namen "Robert Betz: "Glücks-Coach" oder Scharlatan?"
So viel Neues ist dort nicht zu finden, da hauptsächlich die bereits im Netz veröffentlichten Berichte zusammengetragen wurden. Die Reporter, die eine Veranstaltung besuchten, wundern sich, wie viel Geld manche Leute bereit sind auszugeben - für Glück und Heil.

Neu ist ein Interview mit Sabine Riede, Leiterin der Sekten-Info NRW, bei der sich seit drei Jahren immer mehr Menschen melden, die schlechte Erfahrungen mt Robert Betz gemacht haben. Ein Viertel der esoterischen Beratungen drehten sich im Jahr 2013 um den Lebenslehrer.

Dazu ein Auszug aus dem Interview:

Warum ist Betz mit seiner Lehre so erfolgreich?
Riede: Er gibt den Menschen das Gefühl, dass alles machbar ist, dass sie alles in ihren Händen halten. Zunächst hat die Botschaft, man sei alleiniger Erschaffer seines Lebensglücks, einen positiven Effekt. Gerade wenn Menschen an Krankheiten oder Kummer leiden, vermittelt sie ihnen das Gefühl, den Umständen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Aber es ist eine Botschaft, die nicht der Realität entspricht - und entsprechende Probleme hervorrufen kann, wenn die Menschen wieder mit ihrem Leiden oder ihrem Kummer allein gelassen werden.
Wie erklären Sie sich den großen Zulauf?
Riede: Betz bedient die Sehnsucht vieler Menschen, sich wieder wie ein Kind geborgen zu fühlen. Seine Anhänger fühlen sich bei ihm vollkommen angenommen. Ebenso bedient er eine Sehnsucht nach Märchen, in denen am Ende alles gut ausgeht. Dazu passen auch seine angeblichen Kontakte zu Engeln und die Botschaften aus der sogenannten geistigen Welt. All dies bietet einen fantastischen Gegenpol zu unserer schnelllebigen Gesellschaft, die hohe Ansprüche an den Einzelnen stellt. Dazu passt übrigens, dass die Hilfe, die Betz verspricht, wie eine Instant-Therapie schnell wirken soll. Niemand mag langwierige Aufarbeitungsprozesse.
Wer fühlt sich besonders zu Betz hingezogen?
Riede: Es sind deutlich mehr Frauen als Männer, die dieses Angebot wahrnehmen. Das mag damit zu tun haben, dass in unserer momentanen gesellschaftlichen Situation Frauen besonders unter Druck stehen. Zum einen wollen oder sollen sie beruflich so erfolgreich wie die Männer sein und sich zum anderen um Familie und Kinder kümmern. Da viele beides leisten wollen, stehen sie besonders unter Druck.

Wir wollen uns geborgen fühlen, niemand mag lange Aufarbeitungsprozesse und die Frauen stehen besonders unter Druck. Sind das die Gründe warum Menschen, bevorzugt Frauen, bereit sind viel Geld auszugeben? Für Geborgenheit, für eine Instant-Therapie, für das Nehmen von Druck? Für eine Soforthilfmaßnahme, die uns aus allem Unangenehmen herauskatapultiert ins Glück und ins Heil?

Es gibt Fragen, die mich umtreiben.
Warum streben gerade wir Westler, die materiell alles haben, was Mensch sich wünschen kann, nach Heil und nach Glück? Warum braucht die Menschheit dazu immer wieder "Führer"?
Und warum trifft es uns Frauen so sehr?
Es gibt Berichte, dass Familien verlassen werden nach der Transformationswoche. Auch auf den Seminaren, die ich besuchte, habe ich das erlebt. Aus dem Hype heraus, dass da keiner ist, der urteilt, wird es als Notwendigkeit angesehen sich der Dinge zu entledigen, die einem "nicht gut tun". Endlich ist da mal keiner, der sagt "Das darfst du nicht, das schickt sich nicht, was sollen die anderen denken". Sich um sich selbst kümmern wird interpretiert als "sich um nichts anderes mehr kümmern".
Wenn Frauen oder Männer es schaffen aus missbräuchlichen Beziehungen zu gehen, ist das das Eine. Aber wenn sie gehen, weil ihnen Dinge nicht passen, der Partner nicht so ist wie in ihren Vorstellungen oder er nicht bereit ist dieselben Seminare zu besuchen und sich zu entwickeln, wird das Wort "Eigenverantwortung" missverstanden. Aus einer Beziehung zu fliehen, die nicht so ist, wie ich sie mir erträume, heißt lediglich, dass ich vor mir selbst fliehe und hat weder etwas mit Verantwortung, noch mit Eigenverantwortung zu tun. Sondern mit Flucht. Denn ich selbst bin mit daran beteiligt, dass sich Dinge entwickeln und ich sollte mich fragen "Was habe ich dazu getan, dass es so ist, wie es ist?" Es ist nie der Partner alleine "it takes two to Tango".
Hilfreich wäre es sich die Vorwürfe anzuschauen, die ich an meinen Partner richte. "Er hört mir nie zu - er kümmert sich nur um seine eigenen Interessen - er macht nichts im Haushalt - die Kinder sind ihm egal - er arbeitet nur und alles andere geht vor - er denkt nur an sich". Was ist es, was an Vorwürfen da ist?
Und dann kann ich es umdrehen, denn ich kann nur vorwerfen, was in mir bereits definiert ist. Mein Partner ist lediglich ein Spiegel und die Vorwürfe, die ich an ihn richte, richte ich indirekt an mich selbst.
Wo höre ich (mir) nicht zu? Wo drehe ich mich nur um mich selber? Wo tu ich nichts dazu und drücke mich? Wo ist mir etwas egal? Bin ich mir egal? Wo arbeite ich nur und die Arbeit geht immer vor und ich habe keine Zeit? Wo erlaube ich mir nicht an mich zu denken, denn manchmal werfen wir dem anderen etwas vor, was wir uns selbst nicht erlauben.
So kommen wir zu uns selbst zurück und können etwas an unserem Verhalten ändern. Wir können den anderen und sein Verhalten nicht ändern und schon gar nicht durch Vorwurf. Wenn wir aus der Beziehung fliehen, nehmen wir uns und unser Verhalten mit und in der nächsten Beziehung zeigen sich genau diese Muster über kurz oder lang wieder. Dann können wir uns fragen, warum wir immer an die gleiche Sorte von Männer (Frauen) geraten und die Welt zu uns so ungerecht ist. Das Spiel ist endlos wiederholbar und heutzutage können wir auch zehn mal heiraten. Es stehen immer wieder neue Spielpartner zur Verfügung. Nach dem gleichen Muster gestrickt wie wir selber.
Aus dem Opfer kommen heißt nicht alles hinzuwerfen, was anstrengend ist. Sich um sich selbst kümmern heißt Verantwortung zu übernehmen für das, was ich dazu beitrage. Nach der Erkenntnis darf es verwirklicht werden. Das ist die Herausforderung.
Da diese Einstellung aber nicht populär und damit kein Geld zu  verdienen ist, weil anstrengend, suchen wir uns die Lehrer, die uns ein Instant-Glück versprechen und die gibt es natürlich. Das Angebot wird von der Nachfrage bestimmt, auch in Sachen Glück. Wie ein Maggi-Fix-Produkt, Masse ins Wasser einrühren, fertig. Macht nicht viel Arbeit und schmeckt gut. Wir lieben die Surrogate. Sie schaffen uns die Zeit, die wir für unsere Glückssuche brauchen. Anstatt das Glück im Kochen der Suppe zu finden, kochen wir uns ein Schnellgericht und suchen das Glück woanders. Das Glück in der selbstgekochten Suppe wäre ja auch zu einfach.
Das Echte ist out, es lebe der Ersatz. Und es lebe der Führer, der uns möglichst schnell auf den höchsten Gipfel des Glücks führt ohne uns auf eventuelle Risiken aufmerksam zu machen. Wir brauchen keine Anpassung, keine Fitness, keine Ausdauer, keine Kenntnisse. Wir brauchen nur einen Führer, der uns überzeugt, dass wir das alles nicht brauchen. Dann ist der Gipfelsturm für jeden machbar. Ist er das? Scheint so. Auch auf dem Mount Everest stehen die Leute Schlange, ab und zu gibt es Ausfälle und Tote, aber es schaffen so viele nach oben wie noch nie zuvor in der Geschichte.
Für welchen Preis?
Ich  beobachte weiter .....

***

Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".




Donnerstag, 19. Dezember 2013

Kopfkino


I didn't have a teacher other than the images in my mind. I kept separating the real from the imagined. It all turned out to be imagined.

Byron Katie

Wir sind alle Drehbuchschreiber, Regisseure und Hauptdarsteller in unserem eigenen Film, ob Drama, Komödie oder Thriller. Wir sind alle äußerst kreativ! Und machen es so gut, dass wir unseren Film für die allgemeingültige Wahrheit halten und außer Acht lassen, dass jeder sein eigenes Kopfkino am Laufen hat.
Vielleicht würde es uns leichter fallen das zu erkennen, wenn jeder durch die Gegend liefe mit einer Hand auf Ohrhöhe und einer Kurbelbewegung. Vielleicht würden wir uns dann wie in einer Slapstick-Komödie fühlen, aber es würde uns bestimmt auch zum Lachen bringen.


 

Montag, 16. Dezember 2013

Möchtest du reich werden?

Möchtest du anerkannt, begehrt und verehrt werden?
Möchtest du Gott spielen?
Hier eine Anleitung, wie du das in heutigen Zeiten einfach hinbekommst.
Im Namen der Liebe, nicht mehr und nicht weniger.
Eine todsichere Sache.

Es gilt den Kern zu knacken

Freitag, 13. Dezember 2013

Kindliche Fantasie

Gestern gab es in stern.de einen Artikel über "Kinder-Anekdoten, Unheimliche Geschichten über Fantasie-Freunde".

Und da fiel mir ein, dass auch ich eine Phase hatte, in der ich mich ständig beobachtet fühlte. Meine Beobachter waren keine Freunde, sondern Aliens.
Da man mir bereits als Kind eine "blühende" Fantasie attestierte, behielt ich meine "Beobachtungen" für mich. Für eine gewisse Zeit war ich fest davon überzeugt, dass ich Studienobjekt für Außerirdische bin. Sie beobachteten mich durch eine Art "Fernseher". Einzig und allein mein Cowboyhut bot Schutz vor der "Durchleuchtung". Es war mir egal, dass ich schräge Blicke bekam, weil ich nicht nur zur Faschingszeit mit Cowboyhut herumlief. Hauptsache, ich hatte meine Privatsphäre.

Was geschah in eurem Kinderzimmer?


Donnerstag, 12. Dezember 2013

Streit-Kraft

Gestern folgte ich der Einladung zu einem feierlichen Gelöbnis in der Reinhardts-Kaserne in Ellwangen.
Der Beschluss der Regierung zur Abschaffung der Wehrpflicht hat weitreichende Konsequenzen, unter anderem die Auflösung des Transportbataillon 465 zum 31. März 2014.
Das gestrige Gelöbnis von circa 80 jungen Rekruten, die ihrem Vaterland schworen zu dienen, sollte das letzte in der hiesigen Kaserne sein und zu diesem Anlass fand sich Prominenz ein.
Eigens angereist zur Untermalung mit Marschmusik und deutscher Nationalhymne kam das Heeresmusikkorps Ulm.
Wenn in unserer Stadt die Big Band der Bundeswehr einen Auftritt hat, gibt es Polizeigroßeinsatz. Studenten der Geisteswissenschaften demonstrieren noch immer gerne und ein paar versprengte Spontis sorgen für Aufruhr. Gestern wurde die Kapelle mit militärischem Gruß anerkannt und gefeiert.

Wie bei jeder Feier wurden Reden gehalten. So auch vom extra angereisten Wahlkreispolitiker, der Mitglied des Bundestages ist. Er hielt eine schöne Rede, eine Abschiedsrede und er dankte den Rekruten für ihre Entscheidung zur Verteidigung der Freiheit ihres Vaterlandes. Von Tapferkeit war die Rede und von Durchhaltevermögen. Bedankt wurde sich auch bei den Angehörigen und beim Militärpfarrer, der die Truppe seelsorgerisch unterstützt. Bis gestern wusste ich nicht, dass es so etwas wie "Militärpfarrer" gibt. Kirche und Streitkräfte? Wie verträgt sich das? Von Friede war die Rede und dem Einsatz für diesen. Und da ist die Frage, die mich schon lange umtreibt. Wie kann Friede geschaffen werden durch Kampf?
Da die Bundeswehr und ihr Einsatz den Entscheidungen der Regierung unterliegt, kämpfen die Soldaten für die Auslegung einer Regierung. Das Verständnis einer Regierung, was Friede und Freiheit bedeutet, muss nicht übereinstimmen mit der persönlichen Überzeugung. Wenn der Einsatzbefehl kommt, wird ausgerückt. Nach Afghanistan, in den Kosovo, an die türkische Grenze zu Syrien, an die Elbe und ihre Fluten.
Die Aufgabe eines Heeres ist die Verteidigung, der gestrigen Rede zufolge die Verteidigung von Friede und Freiheit. Irgendetwas ist in Europa passiert, dass die Notwendigkeit der Pflicht für den Dienst an und mit der Waffe nun der Freiwilligkeit unterliegt. Einsetzender anhaltender Friede braucht keine Soldaten mehr, die ihn verteidigen müssen.

Als ich vor einigen Wochen in einem buddhistischen Kloster mit einem Mönch sprach, benutzte er ähnliche Worte wie der Oberstleutnant des Bataillons. Beide sagten über den Weg, den sie freiwillig eingeschlagen hatten "Es ist nicht einfach Mönch/Soldat zu werden und Mönch/Soldat zu sein". Der eine sucht den Frieden im Innen, der andere im Außen.

Manchmal denke ich, dass es allgemein nicht einfach ist Mensch zu sein, aber es gibt Wege, die mit viel Entbehrung einhergehen und das sind wohl die, die noch ein bisschen schwerer sind.

Ich habe gestern durchweg symphatische junge Menschen gesehen, die ein Ziel haben und es mit Biss verfolgen. Ich wage nicht darüber zu urteilen, ob ihr Ziel erstrebenswert ist oder nicht. Wenn die Absicht dahintersteht für Friede und Freiheit einzutreten, ist das für mich eine gute Absicht. Das kann klappen oder schief gehen. Wie alles, was wir im Leben verfolgen. Was mit Idealen beginnt, wird häufig entmystifiziert. In jede Richtung. Meistens kann erst nach der Entmystifizierung die Reflexion erfolgen. Und dann zeigt sich, was an Überzeugung übrig bleibt. Wir reifen an den Enttäuschungen. In welchem Bereich man sich die Enttäuschung abholen will, darüber entscheidet jeder selbst.


Dienstag, 10. Dezember 2013

The Tutu Project

Vor zehn Jahren zog ein Mann ein rosa Tutu an, um seine an Krebs erkrankte Frau aufzumuntern und sich selbst abzulenken.
Was als "Therapie in harten Zeiten" begann, entwickelte sich zu einer Initiative, die Spenden für Frauen, die an Brustkrebs erkrankt sind, sammelt - "The Tutu Project" von Bob und Linda Carey.

Die Telekom verbreitet die Geschichte mit einem Spot namens "Besondere Geschichten verdienen das beste Netz".

Der Mann, der nackt bis auf ein rosa Tutu durch die Welt hopst, berührt auch mich. Da muss einer einen großartigen Humor haben und sehr lieben, um auf eine solch absurd-groteske Idee zu kommen.

Eine schöne Geschichte.



Sonntag, 8. Dezember 2013

Christuskind, Christkind und der Wunschzettel

Wer von euch glaubt an Engel?

In Franken, wo ich geboren und aufgewachsen bin, gibt es keinen Weihnachtsmann, sondern das Christkind. Jedes Jahr hält es auf dem Markt, der nach ihm benannt ist, die Eröffnungsrede. Die Leute strömen von nah und fern zum Christkindlesmarkt. Das Christkind sieht aus wie ein Rauschgoldengel und wenn es nicht blond ist, dann wird es blond gemacht, mittels einer Lockenperücke.
Meine Großeltern pinselten an Heilig Abend, kurz vor der Bescherung, Goldglimmer an den Türstock und erzählten ihren vier Kindern, dass das Christkind dort mit seinem Flügel hängengeblieben ist, nachdem es die Geschenke unter den Weihnachtsbaum gelegt hatte. Die Kinder starrten ehrfurchtsvoll mit offenen Mündern auf das Gold.
Auch bei uns brachte das Christkind die Geschenke. Wofür sonst haben wir einen Wunschzettel an es geschrieben, den wir dann auf das Fensterbrett legten, damit das Christkind ihn im Vorbeirauschen mitnehmen konnte.
Unter dem Baum stand auch eine handgeschnitzte Holzkrippe. Irgendwann fiel es mir schwer den Zusammenhang herzustellen zwischen dem kleinen, in Lumpen gewickelten Jungen aus der Krippe, den alle Christuskind nannten und dem blondgelockten, beflügelten weiblichen Wesen, das im weiten Gewand Christkind genannt wurde. Auch der Kaplan, der unseren katholischen Religionsunterricht hielt, konnte mir darauf keine befriedigende Antwort geben. So viele kindliche Fragen blieben offen und ich hörte "Hör auf zu fragen, das verstehst du noch nicht." Irgendwann verlor ich mein Interesse an Engeln und mein Wunschzettel ging direkt in die Hände meiner Eltern.

Die letzten Jahre bekam ich wieder viel zu hören von Engeln. Sie hatten reichlich wenig mit dem Rauschgoldengel aus meiner Kindheit und den barocken Putten in den katholischen Kirchen, die ich besuchte, zu tun. Es ging um die Erzengel, die mit allen möglichen Gaben und Fähigkeiten ausgestattet sind, um Schutzengel, die um uns herum sind und letztendlich um uns selbst, die wir alle Engel sein sollen. Was ist ein Engel? Das Wort Engel kommt aus dem Griechischen und heißt "Bote". Sind Engel Boten? Und welche Botschaft sollen sie bringen? Sind sie männlich, weiblich oder geschlechtslos? Können Engel auch homosexuell sein? Sind sie unsterblich und können sie sich verlieben, so wie in Wim Wenders Film "Der Himmel über Berlin"? Sind sie Putten, mächtige Wesen, Licht oder Gestaltwandler und haben sie wirklich Flügel? Stimmen unsere Bilder mit dem überein, wie sich die Engel sehen? Und wenn sie Flügel haben, warum? Welche Sprache sprechen sie und wie können sie mit uns kommunizieren? Wie viele Schutzengel hat ein Mensch in seinem Leben? Und wo sind sie, wenn jemand vor einen Zug gestoßen oder erstochen wird? Wenn es wirklich einen Plan gibt, wann wir abtreten sollen, warum gibt es dann überhaupt Schutzengel? Damit der Plan eingehalten wird? Können sich Engel streiten? Mögen Schutzengel immer den Menschen, den sie beschützen sollen und können sie ihren Job kündigen, wenn er ihnen zu anstrengend wird?
All diese Fragen kamen wieder hoch und noch ein paar hinzu.

Nun bin ich ein bisschen älter und verständiger geworden, aber das, was mir gesagt wurde, verstehe ich noch immer nicht. Aber heute denke ich, dass es vielleicht gar nicht unsere Aufgabe ist die himmlischen Welten und ihre Ordnung zu verstehen. Wie auch könnte es uns gelingen das zu verstehen, wenn wir nicht einmal uns selbst verstehen. Kann es sein, dass wir wissen können wie eine andere Welt tickt, ohne Verständnis für die zu haben, in der wir ticken? Ich frage mich wie Leute mit Bestimmheit wissen wollen wie eine Welt aussieht, die für uns nicht wirklich zugänglich ist. Gibt es Tore zwischen unserer und einer anderen Realität und wer darf diese Tore durchschreiten? Und was ist wahr an dem, was Menschen wahrnehmen und für wahr halten? Wenn die eine Welt eine Täuschung ist, ist es dann nicht auch die andere? All diese Fragen führen irgendwann ins Nichts. Ist das Nichts die Wahrheit? Warum glauben Kinder ans Christkind und Erwachsene ans Christuskind? Und warum wurde ich mit so vielen Fragen geboren?

Ich habe mal gelesen, dass wir am Ende unseres Lebens in der Rückschau erkennen können, wie und warum unser Leben verlaufen ist, wie es verlief. Und welche Menschen welche Rolle spielten. Ich hoffe sehr, dass ich zu diesem Zeitpunkt geistig helle bin, denn das wäre für mich ein echter Zieleinlauf und vielleicht kommen dann all die Antworten auf die vielen Fragen und ich kann herzhaft lachen, weil kompliziert scheint, was so simpel ist.
Das steht auf meinem Wunschzettel, den ich heute auf geistiger Ebene in den Äther schicke. Wer auch immer ihn in die Hände bekommt, bitte lass mich am Ende lauthals lachen ob der Einfachheit der Auflösung des Lebensrätsels.

Was steht auf deinem Wunschzettel? Und an wen schickst du ihn?







Freitag, 6. Dezember 2013

Ska und Walzer

Meine Tochter und ich besuchten gestern ein Konzert der Roy de Roy.

Da sie keine Mainstreammusik spielen, findet der Auftritt auf einer regionalen Kleinkunstbühne statt. Das ist schön. Dreißig Leute stehen hautnah an den fünf jungen Musikern und es ist genug Platz um Ska, Polka und Walzer zu tanzen.
Auch wenn man kein Slowenisch versteht, sollte man sich ein gewisses "Anti" behalten haben, denn der Sänger und Gitarrist Nikolaj, sowie sein Kindergartenfreund , Gitarrist, Piano- und Akkordeonspieler Matej, stammen aus Kärnten und gehören der slowenischen Minderheit an. So handeln ihre Lieder von Protest. Protest gegen alles - Unterdrückung, Verfolgung, System, Faschismus.
Die Songs werden mit einer unbändigen Lebens- und Spielfreude vorgetragen und der Funke springt über. Nach über dreißig Jahren schwinge ich meine Beine mal wieder zum Ska. Den berühmten Schmäh seiner Wahlheimat Wien beherrscht Nikolaj perfekt. Nach dem Konzert wird mit dem Publikum geplaudert und der Bandleader lässt es sich nicht nehmen das Silberkonfetti, das er über seine Zuhörer regnen ließ, eigenhändig aufzukehren. Ich mag diese kleinen Konzerte. Da ist Nähe und Freude und Spaß.

Heute spielen sie in Bielefeld und demnächst kommen sie in die Schweiz. Wer osteuropäisch angehauchte Zigeuner-Mucke (so nennt das unser Sohn) liebt und mal wieder ausgelassen Ska tanzen möchte, ich kann sie euch nur wärmstens empfehlen.

Wie sagte unsere Tochter gestern so schön "Ich liebe es Leuten dabei zuzuschauen, wie sie voller Begeisterung und Leidenschaft das tun, wovon sie überzeugt sind".

Wer Ska lernen möchte, hier eine Basisanleitung: This is Ska!
Gestern war jedoch eher Freestyle angesagt. Also, keine Hemmungen!


Dienstag, 3. Dezember 2013

Advent, Advent ...

Mal ganz ehrlich.
Wer von euch hat einen Adventskalender? Und was war heute drin? Als Kind teilten wir uns zu dritt einen Schokokalender, die Motive waren immer gleich. Nikolausstiefel, Schlitten, Glocke, Schneemann, Reh, etc.
Wie alles im Laufe der Jahre immer aufwändiger wird, so auch die Kalender. Im Kindergarten bastelte ich als Mutter einen Bärenkalender aus Tonpapier. Die Bären hatten Bäuche, die befüllt werden konnten. Es war nur etwas schwierig einen Platz für das Monstrum von Kalender zu finden. Heute gibt es fertige Filzstiefel zum Befüllen.
Seit ein paar Jahren bekommen mein Mann und ich wieder einen Kalender, den wir uns teilen. Dieses Jahr besteht er aus Tüten, befüllt mit Glückskeksen, in die kleine Fotos vom ausklingenden Jahr eingebacken sind. Und ich freue mich noch immer wie ein Schneekönig auf das, was drin ist. Der Glückskeks wird natürlich fair geteilt.
Was ist bei euch drin?????



Montag, 2. Dezember 2013

Ein Prozent

Die Veröffentlichung des Romans "Tschick" von Wolfgang Herrndorf im Herbst 2010 ging an mir und meiner Familie vorbei.

Während ich selbst 2010 vom Leben stark gefordert werde und Kontakt zu Kreisen habe, die heftig an der Vision vom Weltuntergang Ende 2012 basteln, erhält Herrndorf die Botschaft seines persönlichen Untergangs in Form eines Gehirntumors.
Während ich informiert werde, was zu tun ist, wenn die Wirtschaftskrise alles lahm legt und wie man sich und sein Eigentum am besten schützt, beschäftigt sich Herrndorf mit der Lahmlegung durch eine Krankheit, die für ihn drei Jahre später konkret tödlich enden wird.
Während ich an meinen Defiziten arbeite und versuche aus Mangeldenken herauszukommen, um zu erfahren, dass hinter dem Mangel ein weiterer Mangel wartet, sei es emotionaler Mangel oder Vitamin D, ist Herrndorf seine Zeit zu kostbar, um sie mit Gedanken an Krebsdiäten zu verschwenden.
Er stellt sich früh seinen Wecker um keinen Sonnenuntergang zu verpassen, wählt unter seinen begonnenen Manuskripten das heraus, das ihn realistisch für eine Beendigung zu Lebzeiten scheint und schreibt konsequent jeden Tag ein Kapitel.
Während ich in Kreisen verkehre, die quietschlebendig aus dem Kreislauf von Angst und Manipulation heraustreten will, um das nächste Szenario von Angst und Manipulation zu kreieren, lässt ein toddiagnostizierter Mensch in seinem Buch zwei durchbrennende Jugendliche über die Schlechtigkeit der Welt sagen:
Wenn man Nachrichten guckte: Der Mensch ist schlecht. Wenn man Spiegel TV guckte: Der Mensch ist schlecht. Und vielleicht stimmte das ja auch, und der Mensch war zu 99 Prozent schlecht. Aber das Seltsame war, dass Tschick und ich auf unserer Reise fast ausschließlich dem einen Prozent begegneten, das nicht schlecht war.
Während ich Kontakt zu Menschen habe, deren ganzes Bestreben darin liegt vom egobasierten ins herzbasierte Bewusstsein zu gelangen, schreibt ein Mensch ein Blog über seinen täglichen Gemütszustand - ein Sterbetagebuch. Er jammert dort nicht über die Ungerechtigkeit des Lebens, er versucht dem Leben, mit dem Tod vor Augen, Witz abzugewinnen.
Dieser Witz, das macht die unendlich humane Zartheit von Herrndorfs Tagebuch aus, hat nichts mit Zynismus zu tun, auch Galgenhumor trifft es nur zum Teil - in diesem hellwachen Witz behauptet sich ein Ich, das seinem Esprit treu bleiben will auch im Zustand des Unglücks. Wäre es nicht eine erbärmliche Niederlage, jetzt, auf den letzten Metern, plötzlich ein anderer zu werden? Nachdem Herrrndorf endlich einen Revolver hat, schreibt er am 10. August 2010: "Die mittlerweile gelöste Frage der Exitstrategie hat eine so durchschlagende beruhigende Wirkung auf mich, dass unklar ist, warum das nicht die Krankenkasse zahlt. Globuli ja, Bazooka nein. Schwachköpfe."
Zeit-Literatur Ausgabe November 2013
Herrndorf erschießt sich am 26. August 2013. Sein Sterbetagebuch gibt es nun als Buch: Arbeit und Struktur, Rowohlt Verlag, Berlin 2013.

Gäbe es ein Spiel, das uns die Vision erleben lässt, alles verloren zu haben, würden wir die Dinge, die wir haben, mehr wertschätzen? Gäbe es mehr Mutige, die uns teilhaben lassen am Sterben und den damit verbundenen Prozessen, könnten wir dann wieder mehr leben? Wenn wir wegkämen von all den Bildern, die uns jagen oder treiben, sei es die aus der Vergangenheit oder die aus der Zukunft, könnten wir dann mehr in diesem Augenblick leben? Könnten wir dann den Sonnenaufgang wie einer genießen, der weiß, dass es sein letzter ist? Könnten wir das eine Prozent erkennen?


Samstag, 30. November 2013

Böhmische Bolschewiken oder Roy de Roy

Piratenwalzer oder Balkan-Polka-Punk? Egal, ich liebe diese Musik. Hört mal rein, das geht voll in die Beine und macht gute Laune. Das Richtige für Eisregenwetter, macht warm und ersetzt den Grog.

Roy de Roy



Dienstag, 26. November 2013

Artgerechte Menschhaltung

Heute Morgen, kurz nach dem Aufwachen, stellte mein Mann eine laute Frage. Sie war wohl eher an ihn selbst gerichtet "Was heißt das eigentlich? Sein Leben leben? Wir reden immer über artgerechte Tierhaltung, leben wir in einer artgerechten Menschhaltung?"

Diese Frage finde ich sehr interessant. Was ist eine artgerechte Menschhaltung?
Wir wissen ja, wie man Tiere halten sollte, damit sie glücklich sind und uns gute Produkte liefern. Eier von glücklichen Hühnern. Die kaufen wir gerne. Was ist mit unseren Produkten? Schert es uns, ob sie von glücklichen oder unglücklichen Menschen gefertigt werden? Von Menschen, die in artgerechter Haltung leben? Kann man Fabriken mit Legebatterien vergleichen? Und wie ist das mit Großraumbüros? Welche Auswirkung hat die Art, wie wir gehalten werden, auf die Produkte, die wir fertigen?

Eine Bekannte, die bei einer großen Firma arbeitet, erzählte mir, dass sich früher, als es noch einheitliche Arbeitszeiten gab, alle morgens in der Kaffeeküche auf ein Pläuschchen trafen. Heute fängt jeder dank Gleitzeit irgendwann an, man geht mit der Kaffeetasse an seinen Arbeitsplatz und nickt den anderen kurz zu, da sie bereits im Arbeitsprozess sind. Als Softwareentwicklerin konnte sie bis vor kurzem wenigstens einmal im Jahr das von der Gemeinschaft erarbeitete Produkt in Form einer Scheibe feiern. Heute werden die Updates ohne Scheibe heruntergeladen. Die Zäsur zwischen "eines ist fertig" und "das nächste beginnt" gibt es nicht mehr. Das Eine ist noch nicht auf dem Markt, das Nächste bereits in Arbeit. Wir legen nicht mal mehr ein Ei. Und das Gackern aus Freude ist nicht mehr angebracht. Der Lohn für die Arbeit besteht aus wechselnden Zahlen auf etwas, das sich Konto nennt und auf weiteren Zahlen beruht. Dank SEPA inzwischen auf langen Zahlenreihen mit Buchstaben. Die Welt wird mehr und mehr abstrakt, es gibt immer weniger, was wir in unseren Händen halten. Artgerechte Menschhaltung?

Wer geht für uns auf die Straße und setzt sich ein? Dafür, dass unsere unsichtbar gewordenen Eier nicht mehr in Legebatterien produziert werden und frei von Aufputschmitteln, Kopfschmerztabletten, Antibiotika und ausgeschütteten Stresshormonen sind. Dass unser Futter frei von Zusatzstoffen ist. Dass wir freilaufend das produzieren können, was unserer Art entspricht.

Würden wir Menschen Produkte für eine andere Art liefern, würde diese Art besser auf uns aufpassen, als wir es selbst tun? Würde sie sich einsetzen für "Produkte von glücklichen Menschen in Freilandhaltung"?
Gäbe es ein Gütesiegel "Produkt aus artgerechter Haltung", ein Biosiegel "garantiert artgerechte Haltung und Futter ohne jegliche Zusatz- oder Schadstoffe" und welchen Maßstab würde die andere Art an unsere Produkte anlegen, damit sie zufriedenstellend sind?



Puderzucker


Montag, 25. November 2013

Glühweinzeit


Wilder Hirsch oder Sanftes Reh?
Zwischen Tannenzweigen, Holzschnitzereien, Maroni und gebrannten Mandeln wird sich ab dieser Woche wieder mit dampfenden Tassen in der Hand getroffen und geplauscht. Es ist die Zeit, die alles andere als besinnlich ist, aber irgendwie schön. Was im Sommer das Bierfest, ist im Winter der Weihnachtsmarkt. Beleuchtete Innenstädte machen die früh einsetzende Dunkelheit erträglich, alles glitzert und blinkt und sogar eine Eislaufbahn lässt den Marktplatz so richtig schön "städtisch" erstrahlen.
Ich mag diese Zeit des Glühweins und der Feuerzangenbowle. Je kälter, desto gemütlicher und nach dem Besuch auf dem Mittelaltermarkt mit seinen Feuerkörben, riecht die Daunenjacke nach Lagerfeuer.

Ich wünsche euch eine schöne Adventszeit mit viel Muße für Reh und Hirsch!


Freitag, 22. November 2013

Alter

Als ich meinen Mann kennenlernte, dachte ich mir "Mit dem will ich alt werden". Ich hatte wenig Ahnung, was es bedeutet alt zu werden.
Heute würde ich mich als mittelalt bezeichnen, es liegt einiges hinter mir und hoffentlich noch ganz viel vor mir. Als ich meinen Vater vor einigen Jahren auf die Beerdigung seiner älteren Schwester begleitete, sagte ich ihm "Ich werde alt" und er lachte und antwortete "Du verwechselst Falten mit Alter". Ich habe heute ein bisschen mehr Ahnung davon, was es heißen kann alt zu werden.
Und nach 27 gemeinsam gegangenen Jahren mit meinem Mann habe ich eine Ahnung davon, wie wir alt werden könnten. Ich sah meinen Vater altern, ich sehe die Eltern meines Mannes altern und ich sehe uns in ihnen. Wirklich wissen werde ich es erst, wenn ich selbst im Alter angekommen bin.

Meine Augen und mein Herz sind immer auf der Suche nach alten Menschen und Liebe. Es macht mich glücklich, wenn ich sie händchenhaltend die Straße entlangschlurfen sehe. In einem Lokal in Tschechien kam eine alte Dame mit ihrem im Rollstuhl sitzenden Mann herein. Sie schnitt ihm das weiche Fleisch und er schlürfte es vom Teller. Alle im Lokal schauten auf sie, aber sie ließ das unberührt und ohne jegliche Irritation erzählte sie ihm Geschichten und unterhielt ihn. So resolut wie sie das Lokal betrat, so resolut verließ sie es. Diese Menschen sind für mich die Helden des Alltags. Sie zeigen Mut und Entschlossenheit, sie leben das Leben so wie es ist und unbeirrt gehen sie ihren Weg. Sie strahlen Stärke und Ruhe aus. Ich sammle diese Eindrücke in meinem Herzen. Dort haben sie einen Anker gelegt.

Wenn ich an mich, meinen Mann und das Alter denke, kommt ein Bild. Ich sehe uns auf einer Bank, wir schauen den Sonnenaufgang und den Sonnenuntergang an, halten uns an den Händen und teilen den Anblick auf das Schauspiel der Natur. Wir sind still und ruhig, denn alles ist gesagt und getan. Wir brauchen keine Worte mehr um uns zu verstehen. Jeder Augenblick ist von höchstem Wert und wir sind uns dessen in aller Dankbarkeit bewusst. Das Leben liegt hinter uns und alles andere liegt vor uns. Wir sind bereit.

Ich habe keine Worte mehr.
Lasse die Seele mit dem stillen Ausdruck eines Gesichts sprechen.


Rumi

Mittwoch, 20. November 2013

Selbstwert

Wenn du deinen eigenen Wert
bestimmen willst,
dann lass dein Geld,
dein Haus und deinen Rang beiseite.
Schau nur auf deinen
inneren Menschen.

Seneca

Dienstag, 12. November 2013

Esoterik IV: Nachtrag - Esoterikseminarerfahrungen


In diesem Nachtrag möchte ich mich bei Herrn Robert Betz bedanken.

Dafür, dass er mir so eine großartige Projektionsfläche zur Aufarbeitung meiner Seminarerfahrungen gibt.
Ich habe zwei Seminarschulen besucht. In die erste bin ich völlig unbedarft reingerutscht. Aus der Kampfkunst kommend, interessierte mich alles rund ums Ki, Chi oder Lebensenergie. Als mich eine Freundin fragte, ob ich einen Reikikurs mit ihr besuche, dachte ich "Okay, da ist Ki drin, mal sehen, was es da so gibt". Zwei Stunden nach Kursbeginn befand ich mich, völlig ahnungslos von "Geistheilung", in meiner persönlichen "Bewusstseinshölle". Da blieb ich drin und entschloss mich zum Durchlauf der gesamten Reiki-Ausbildung. Ich wollte eine Antwort auf meine Frage "Was ist da passiert?".

Die zweite Seminarschule besuchte ich weit weniger naiv. Ich bin vorsichtiger geworden und wusste mehr, was ich annehmen will und was nicht. Die Homepage wirkte vertrauenserweckend, die Feedbacks waren durch die Bank positiv bis euphorisch.

Seminarschulen werden nicht immer von Menschen geführt, die fundierte psychologische Kenntnisse aufweisen. Oft werden ausgebildete Therapeuten sogar diffamiert, die Methoden, die sie anwenden, entsprechen nicht dem neuesten Stand der Dinge. Sprich, dem neuesten Stand der "Geistigen Welt", denn viele Seminarschulen sind esoterisch durchdrungen. Den Auszubildenden wird suggeriert, dass sie innerhalb kürzester Zeit weit mehr lernen und erreichen können als mit herkömmlichen Methoden. Was mich selbst betrifft, stimmt das sogar. Nach einer grottenschlechten Therapieerfahrung war ich froh Mittel an die Hand zu bekommen, die Hilfe zur Selbsthilfe bedeuten. Aber ich zahlte eben auch meinen Preis. Finanziell und emotional. Ich durfte wirklich durch meine Hölle gehen. Und ich sehe mich nach drei Ausbildungen nicht auf einer Ebene mit ausgebildeten Therapeuten. Es fehlt wichtiges Hintergrundwissen, das autodidaktisch nachgeholt werden muss.

Seminarschulen bilden Leute aus, die selbst oft mit einem schweren psychischen Päckchen antreten. Viele Dinge im eigenen Leben sind noch ungeklärt und treten dort zutage. Es entwickelt sich eine Gruppendynamik, der man sich schwer entziehen kann. Man geht in seinen eigenen Prozess. Wer über eine gute stabile psychische Konstitution verfügt, kann geklärt rauskommen. Wer dagegen labil ist, geht oft geschädigter nach Hause als er angetreten ist. Es will sich kein Wohlgefühl einstellen. In beiden Seminarschulen wurde von Leitern, die keine Erfahrungen in Traumatherapie haben, retraumatisiert. Du wirst aufgefordert vor einer Gruppe deine "Geheimnisse" zu offenbaren, weil das deinen eigenen Heilungsprozess unterstützt und du erzählst deine Geschichte, die du bisher sorgsam gehütet hast, vor Menschen, die mal kurz nicken und dann im Programm weitermachen, da du ja keine Therapie, sondern eine Ausbildung gebucht hast. Wenn nun die Seminarleiter esoterisch angehaucht sind, bekommst du zu hören "Es war deine Entscheidung hierher zu kommen und deine Geschichte zu erzählen. Dass dir das passiert ist, hat seinen Grund. Schau mal bei dir selber hin." Eigenverantwortung, das Lieblingswort der Esoteriker. Nicht falsch, aber mitunter gnadenlos. Ich kann kein Urteil über die Schule von Robert Betz abgeben, ich habe dort kein Seminar besucht. Seine Art von Kontakt zur "Geistigen Welt" würde mich heute schon im Vorfeld davon abhalten. Ich habe nichts gegen die "Geistige Welt", so lange sie sich mir selbst offenbart. Aus zweiter Hand und interpretiert mag ich sie weniger.

Einige Therapien arbeiten inzwischen mit "Rückführungen", so wohl auch die Transformationstherapie nach Betz (s. Artikel des Fachbereichs Sekten- und Weltanschauungsfragen der Erzdiözese München und Freising). Da wir eher dazu geneigt sind uns als "Opfer" von Umständen zu sehen und weniger als "Täter", können solche Reisen in Bilder erhebend sein, wenn wir in ein "altes Leben" gehen und dort Zauberer, Lehrer, Jünger sind. Und es kann sehr verstörend sein, wenn wir in eine Metapher gehen, wo wir plötzlich Schlächter, Kriegsführer, Vergewaltiger sind. Man ist schnell reingeführt und nicht immer sicher rausgeführt. Es ist ein Spiel mit dem Feuer. Gut, wer erlöst und beseelt herauskommt und nun endlich seine Bestimmung erkennt. Weniger gut, wer in einen Albtraum geht und steckenbleibt. Wem wollen wir unsere Seele anvertrauen?

In der Transformations Woche (5 1/2 tägige Seminare) wechseln sich Vorträge, Erfahrungsaustausch und Meditationen ab. Die Seminare erfreuen sich wachsender Beliebtheit und erreichen Teilnehmerzahlen von über 200 Personnen pro Transformationswoche. Bei der Intensität der Meditationen bleibt es nicht aus, das häufig Menschen mit starken emotionalen Themen sehr heftig reagieren. In solchen Fällen ist eine weitere therapeutisch Betreuung dringend angeraten, da ansonsten die emotionale Verfassung des Teilnehmers nach der Transformationswoche eventuell schlimmer ist als vorher. In der Transformationswoche wird viel aufgedeckt, was oft lange verborgen war. Jeder Teilnehmer einer Transformationswoche sollte sich vorher fragen, ob er dazu in der Verfassung ist.
Je nach Meditationstiefe der einzelnen Teilnehmer treten teils sehr heftige Reaktionen auf.  Auf Grund der hohen Teilnehmerzahl eines solchen Seminars ist in solchen Situationen nicht immer eine optimale Betreuung der Transformationswochenteilnehmer gewährleistet. Wer weiß, daß er (oder sie) solche Themen hat, sollte sich gut überlegen, ob er es riskiert, in einer Massenmeditation eine ernstzunehmende Reaktion zu bekommen.
Die mit Robert Betz anwesenden Transformationstherapeuten waren bei meiner Transformationswoche mit einer solchen Reaktion einer Transformationswochenteilnehmerin völlig überfordert.

Homepage Meta-EFT "Transformationstherapie nach Robert Betz"
(Anm. Die Homepage Meta-EFT wurde in der Zwischenzeit umgestaltet, die o.g. Stellungnahme finden Sie nun hier)

Ich habe mich täuschen lassen. Von schönen Worten, von Werbung. Im Internet gibt es keine Regeln. Für Homepages gibt es keine Regeln. Was verkauft werden will, wird verkauft. Wunderschön verpackt. Licht und Liebe all over. Ausgestattet mit Feedbacks, die in den Himmel loben. Ich will nicht sagen, dass das nicht passieren kann. Es gibt Leute, die gehen  beflügelt raus. Aber es gibt eben auch die, die mit einer noch mehr geschädigten Seele, einer kaputten Beziehung oder einem leeren Konto rausgehen. Die Verantwortung dafür liegt einzig und allein bei dir. Es gibt keine Regressionsansprüche, wie wir das gewohnt sind. Gerne lässt man sich das auch unterschreiben vor Seminarantritt, den Ausschluss von Haftungsansprüchen. Du buchst so ein Seminar im freien Fall, ohne Fallschirm. Der Hinweis fehlt in der Ausschreibung.

Wie ihr seht, bin ich noch immer nicht ganz darüber hinweg, sonst würde mich Robert Betz und die glückliche Schar um ihn herum nicht jucken. Soll er beglücken, ein Franchiseunternehmen aufbauen, lächeln und lachen, transformieren.
Ich durfte hinter dieses Lächeln gehen und mitbekommen, dass nicht alles so rosarot und Licht und Liebe ist, wie es scheint. Auch die Esoterik unterliegt weiträumigen Illusionen. Der Zeitgeist steht nun mal auf Illusionen. Spirituelles Erwachen ist toll, das Aufwachen in der Realität ist nicht selten hart und ernüchternd.
Mein Esoterikausflug endet hier. Danke an die, die mich begleitet haben. Danke an die, die mich während meinen Ausbildungen und darüber hinaus gehalten, gestützt und getragen haben.

Und danke an Christoph R., einem meiner "Trainer", geheilt von Esoterik und Inspiration für diesen Ausflug.

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Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage des NDR, der sich Robert Betz unter dem Titel "Robert Betz: "Glücks-Coach" oder Scharlatan" im November 2013 widmete.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".


Esoterik III: Robert Betz und die Lehre


Was Robert Betz sagt, ist nicht verkehrt.

Es sind alte Weisheiten unter einem neuen Anstrich, die ansprechender rüberkommen als so manches fernöstliche Lehrbuch. Seine Welt der Selbstinszenierung ist bunter, gefälliger als eine Lehre des reinen Wortes ohne Banner mit übergroßen Blumen und bunten Hemden. Auch das Auge will geschmeichelt werden.
In unserer Kultur gibt es den Spruch "Wie du in den Wald hineinschreist, so kommt es zurück". Dass das, was zu uns kommt, lediglich ein Echo auf unsere Taten ist, ist ein altes Wissen. Warum haben wir das noch immer nicht verstanden? Warum betreiben wir noch immer Schuldzuweisung? Weil es das Leben bequemer macht? Weil es einfacher ist zu denken, dass die anderen böse und schlecht sind und uns das Leben schwer machen? Weil es anstrengend ist sich selbst zu hinterfragen? "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Eines der christlichen Gebote, das in wenigen Worten ausdrückt, worum es geht. Lerne dich selbst zu lieben, indem du dir den Respekt erweist, den du forderts. Erst dann bist du fähig auch einen anderen zu lieben. Wie oft haben wir diese Lehre gehört, abgeschrieben, rezitiert? Wer hat sie verstanden, umgesetzt, gelebt? Früher wurden diese Weisheiten von der Kanzel gepredigt, wer will das heute noch? Vielleicht brauchen wir diesen multimedialen Einpeitscher, der uns gebetsmühlenartig über alle Kanäle das alte Wissen in neue Brötchen bäckt. Gefälligere Brötchen, denn es war schon immer der Schein auf den wir abgefahren sind und nicht der Kern der Lehre. Das Gefällige kommt an und wird zelebriert. Wir müssen nicht mehr in eine kalte Kirche gehen, wo ein schwarzbefrackter Pfarrer auf uns niederpredigt. Wir fliegen jetzt nach Lesbos, wo der Guru eine Wohlfühloase geschaffen hat, wir unter südlicher Sonne die alte Lehre in bunten Hemden leidenschaftlich vorgetragen bekommen. Um dann auf einem alten Fischerboot zu einem romantischen Plätzchen zu tuckern, wo wir statt trockener Oblate ein üppiges griechisches Mahl serviert bekommen. So fühlt sich Weisheit gut an. Die Lehre ist endlich in der Zivilisation angekommen.
Und genau so wird sie weitergegeben. Höchstzivilisiert, im schicken Rahmen mit Orchideen, Buddhastatuen und vielen Kerzen. Mitzubringen dicke Socken und eine warme Decke. Für Tee und Knabbereien ist gesorgt. Hauptsache Wohlfühlatmosphäre. Da sind wir doch viel mehr gewillt zuzuhören.
Ob uns die Lehre diesmal erreicht? Ob wir sie verstehen, verinnerlichen und leben? Brauchen wir ein kuscheliges Ambiente um bessere Menschen werden zu können? Unseren Schöpferauftrag anzunehmen? Bedingungslos lieben zu können?

In der Kirche wurde die Lehre allen gepredigt. Dort kamen reich und arm zusammen. Jeder hatte die Möglichkeit die Lehre zu hören. Der Obulus wurde im Klingelbeutel gesammelt. Es brauchte Ehrenamtliche um Feste zu organisieren. Das sieht heute ein bisschen anders aus. Die Broschüren der neuaufgelegten Lehre kosten Geld, die CD´s auch. Die Predigten kosten Geld und die Ausbildung zum Nachwuchsprediger erst recht. Und die Absolution in Form von Transformation kostet richtig Geld. Leider können sich das heutzutage nur die Leute leisten, die Geld haben. Die anderen gehen leer aus. Wer kein Smartphone oder PC hat, den erreichen die gestreuten Predigten per Facebook nicht. Alles andere ist sowieso unerschwinglich.
Aber liebe arme Leute, hier ist die frohe Botschaft. Wenn es genug erwachte, erleuchtete, bedingungslos liebende betuchte Menschen gibt, dann profitiert ihr auch davon. Nicht dass ihr viel umsonst bekommt, denn die neuen Prediger müssen das Geld ja wieder reinbekommen, das sie ausgegeben haben und das sind sie sich allemal wert, aber ihr werdet die Schwingungen der Liebe fühlen und könnt dann gar nicht anders als euch auch weiterzuentwickeln. Erst mal wird eine kritische Masse aus dem Geld- und Bewusstseinsadel gebildet und dann seid auch ihr dran. Das ist doch ein Fortschritt oder?

Was ich persönlich sehr gefährlich finde ist der Umgang mit Reinkarnation.
In den esoterischen Botschaften ist immer wieder die Rede vom karmischen Prinzip. Was heißt, dass du in diesem jetzigen Leben eventuell etwas ausbadest, was du in einem früheren Leben in den Wald geschrien hast. Wir sind in einer christlichen Kultur aufgewachsen und in dieser gibt es keine Reinkarnation (mehr). Wir wissen nicht wie wir damit umgehen sollen, haben keinerlei Erfahrungen und Traditionen, die uns Hilfestellungen geben. Insofern muss es zynisch klingen, wenn gesagt wird, dass Menschen ihr Schicksal selbst zu verantworten hätten. Wie können wir das verstehen, wenn wir nicht vertraut sind mit dem Prinzip von Ursache und Wirkung, das sich über mehrere Inkarnationen hinzieht?
Dieser Gedanke wird dann in jede Richtung gesponnen.

Ein kleines Mädchen, das missbraucht wird - Karma.
Ein junger Mann, der totgeprügelt wird - Karma.
Ein Vater, der in einen Unfall verwickelt wird und stirbt - Karma.
Eine Mutter, die jung an Krebs stirbt - Karma.
Verhungernde Kinder in Afrika - Karma.
Wellnessauszeit auf Lesbos - Karma.
Reichtum durch Selbstvermarktung - Karma.

Durch meine Ausbildungen und der Beschäftigung mit der buddhistischen Lehre ist mir der Gedanke der Reinkarnation nicht fremd, aber befremdlich, da ich nicht gelernt habe damit umzugehen. Sehr schnell entwickelt sich so etwas wie emotionale Kälte. Ein Schulterzucken "Selber Schuld". Ein Mangel an Mitgefühl.

Die Betroffenen der Flut vom Frühjahr 2013 hatten das Pech an einem Fluss zu wohnen. Die Fluten versinnbildlichen, dass nun endlich Gefühle fließen sollen. Die Leute, die ihre Häuser trocknen, sollen daran erinnern, dass Ordnung gemacht werden soll. Überall.

Wenn jetzt aufgeräumt wird nach der Flut, in den Kellern und Häusern der Familien, getrocknet und neu gestaltet wird, dann sollte auch in den Gefühlen, in den Tiefen der Herzen, in dem Lieben aufgeräumt werden, das ist die Chance. 
Zitat aus einem Beitrag auf der Facebookseite von Robert Betz vom 4. Juni, aus dem Maria-Strahl, übermittelt durch Andrea Schirnack

Ich habe mich die letzten Tage gefragt, was mich unwohl fühlen lässt, wenn ich die Botschaften von Robert Betz lese oder ihn sprechen höre. Manche seiner Botschaften könnte ich in ihrer Aussage durchaus bejahen, wenn da nicht dieses Unbehagen wäre. Er spricht ständig von Liebe, aber ich fühle sie nicht. Er spricht dauernd von Loslassen, aber ich erkenne das nicht. In meinen Ausbildungen bin ich Leuten begegnet, die mir weitergeholfen haben, aber es war da oft ein Funke von leichtem Schöpferwahn. Auch wenn ich erkenne, dass ich der Schöpfer meines Lebens bin und mir entgegenschallt, was ich in den Wald hineingeplärrt habe, so ist doch ein jeder Mensch ein Schöpfer und hat deswegen das Recht, dass ich ihm auf Augenhöhe begegne. Aber genau das fehlt. Da ist eine Aura von Machtanspruch. Der Lehrer weiß es besser. Es gibt in unseren Seminaren noch immer Frontalunterricht und die Lehrer stehen inzwischen auf einem Podest. Sie bilden aus und vergeben noch immer Zeugnisse, auf die die Schüler bestehen. Es gibt noch immer Beurteilungen in Form von Einteilung. Empfohlene Therapeuten, weniger empfohlene. Das Prinzip von Lehrer und Schüler hat sich noch nicht transformiert. Wir sind noch nicht in der Gleichwertigkeit von allem, was ist.
Wenn ich Schöper meines Lebens bin, wie alle anderen auch, wer will dann beurteilen, ob meine Schöpfung gut oder schlecht ist? Gibt es unter Schöpfergöttern eine Instanz? Einen Schöpferobergott? Sind unsere weltlichen Hierarchien eine Abbildung kosmischer Hierarchien? Herr Betz spricht von Umstrukturierungen in Firmen. Hierarchie hat ausgedient. Wer fängt an?

Wer will mir sagen, dass ich aufwachen soll, dass ich mich mehr lieben soll, dass ich meinen Partner verlassen soll, weil unsere Ehe nicht zeitgemäß ist, meinen Job aufgeben soll, weil er nicht der Neuen Zeitordnung entspricht. Wenn ich Schöpfer bin, wer hat dann ein Recht darauf meine Schöpfung anzuzweifeln? Wenn wir alle Götter sind, die ihre eigene Welt kreiert haben, welcher Gott aus dem Universum kann mir sagen "Ich habs besser gemacht als du". Habe ich Fehler in meiner Schöpfung, wird das aufgezeigt werden und ich kann korrigieren oder alles den Bach runtergehen lassen. Es ist und bleibt meine Schöpfung, für die alleinig ich verantwortlich bin. Und wenn ich eine unzeitgemäße Ehe führen will, ohne unser Doppelbett zu zersägen, ist das meine Schöpfung. Wenn ich mein Potenzial nicht entfalten will, weil ich ein bequemes Leben führen möchte, ist das meine Schöpfung. Wenn ich kein Geld dafür ausgeben will die nächste und die nächste Predigt anzuhören, ist das meine Schöpfung. Wer könnte sie kritisieren? Gibt es Konkurrenz in der Schöpfung?

Es ist der Leistungsgedanke in Herrn Betz` Worten. Da ist ein "Du musst, mach endlich", eine Dringlichkeit und die habe ich abgelegt. Ich kann, wenn ich will, aber solange ich nicht will, muss ich nicht und so oder so ist es völlig in Ordnung. Mir fehlt die Liebe zur Unvollkommenheit der Schöpfung. Das einzige, was unvollkommen ist sind wir, die Menschen. Wenn wir unsere Unvollkommenheit nicht akzeptieren und liebevoll annehmen, sind wir wieder ganz weit weg von der Selbstliebe. Für mich sind die Worte von Herrn Betz trotz hohem Wahrheitsgehalt kalt.

Ich vermisse in seinen Worten das, wovon jede Religion spricht: Liebe und Mitgefühl. Egal aus welchem Strahl er seine Botschaften aus der geistigen Welt erhält, sie sind lieblos. Kein Wort des Dankes an die Betroffenen der Flut, die alle anderen daran erinnern sollen, dass sie ihre Gefühle wieder fließen lassen. Würde man die Botschaften ernst nehmen, so hätten sie sich ja doch zur Verfügung gestellt, um alle anderen darauf aufmerksam zu machen. Wo bleibt das Mitgefühl, dass sie Leid auf sich nehmen, um uns an etwas zu erinnern? Wo bleibt der Dank der Brüder und Schwestern des Lichts und der Liebe?

Liebe braucht keine Religion. Auch nicht die von Herrn Betz.

Ähnlicher Artikel: Autoritäten 

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Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage des NDR, der sich Robert Betz unter dem Titel "Robert Betz: "Glücks-Coach" oder Scharlatan" im November 2013 widmete.

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Montag, 11. November 2013

Esoterik II: Robert Betz, Amazon und Authentizität

Da ich mich heutzutage nicht mehr auf den Aufkleber verlassen kann, der ein Buch als "Bestseller" auszeichnet, was ja wirklich nur heißt, dass es "best geselled" wird, aber noch lange nichts über die Qualität des Buches aussagt, gilt es mir die Zeit zu nehmen und selber im Laden in das Buch hineinzublättern oder mir bei Amazon die Rezensionen dazu anzuschauen.

Was mir aufgefallen ist. Ich habe mir nun alle dreizehn Seiten mit einhundertachtundzwanzig Rezensionen zu Herrn Betz´ Buch "Willst du normal sein oder glücklich?" angeschaut. Die ersten eingegangenen Bewertungen waren positiv mit der Vergabe der Höchstpunktzahl. Sechs Seiten geht das so. Durchweg fünf und sehr selten vier Sterne. Auf der siebten Seite erfolgt der Einbruch, die Rezensionen vermischen sich, von fünf über drei bis zu einem Stern ist alles dabei. Ab da geht es bergab. Zwischen all den ein oder zwei Sternen mal wieder die Höchstzahl, selten ein Mittelwert von drei Sternen.
Die Meinungen zum Buch gehen extrem auseinander. Die einen schwärmen in den höchsten Tönen, die anderen finden es einfach nur übel. Das ist es, was Herr Betz tut. Er spaltet auf in zwei Lager. Das eine Lager himmelt ihn an, das andere wehrt sich.

Da ich selbst zwei Ausbildungen absolviert habe, die mit höchstesoterischem Gedankengut versehen waren, kenne ich diese Art von Polarisierung gut. Herr Betz wirkt ja augenscheinlich fit, glücklich und erfolgreich. Wollen wir das nicht alle sein? Warum sich also nicht überzeugen lassen von jemandem, der es "geschafft" hat? In den Augen derjenigen, die es "geschafft" haben, die klar, glücklich, mit sich im Frieden und erfolgreich sind, sind die aus dem anderen Lager, die noch immer an ihrem "Unglück" festhalten, die sich nicht überzeugen lassen wollen, noch immer verstrickt in einem "niederen" Bewusstsein. Es gibt sozusagen eine Bewusstseinshierarchie. Und sorry Leute, aber ihr, die ihr noch immer nicht die frohe Botschaft von Glückwerdung durch Transformation versteht und annehmt und partout nicht ins Glückreich-Lager wechseln wollt, ihr seid nun mal auf einer der untersten Stufen. Da könnt ihr noch so schlau daherreden, für Esoteriker seid ihr noch immer Gefangene des Massenbewusstseins. Wer nicht hören will, muss fühlen. Ihr werdet zurückbleiben, wenn alle anderen aufsteigen. Das habt ihr selbst zu verantworten. Da Esoterikanhänger der Neuzeit aber von einem Missionarsbewusstsein beseelt sind, geben euch Menschen wie Herr Betz immer wieder die Chance dabei sein zu dürfen und mitzugehen ins Land der absoluten Glückseligkeit, wo bedingungslose Liebe und Frieden herrschen. Warum wehrt ihr euch so dagegen? Wie trotzige Kinder, störrische Esel oder dumme Schafe. Wollt ihr nicht heim ins "Gelobte Land"? Man muss es nur oft genug wiederholen, wie bei Kindern, dann trägt es irgendwann Früchte. Ihr werdet sehen, eines Tages seid ihr reif für die frohe Botschaft der modernen Glücksritter.

Ich habe als Kind schon nicht gerne Spiele gespielt, manchmal eine Runde Halma mit meiner Mutter, Mühle und Dame mit meinem Bruder, beim Roulette oder Monopoly habe ich immer verloren. Mein ehemaliger Chef wollte mich in ein "Glücksspiel" hineinziehen. Es war eine Art Schneeballsystem monetärer Art, ähnlich wie der Aufbau der Kettenbriefe. Er versprach mir viel Geld damit zu machen. Ich ging auf eine Veranstaltung und ein junger eloquenter Moderator stellte die Methode vor, da war ein großer Glückshype, jeder kann reich werden, ich war trotzdem misstrauisch. Irgendeiner muss leer ausgehen, dachte ich mir. Die Freundin meines Chefs, die an der Spitze des Spiels stand, hat wirklich einen Haufen Geld damit verdient, andere haben bezahlt und auf den Reichtum gewartet. Umsonst. Es kamen Leute in unser Geschäft, enttäuscht und konsterniert, da sie meinen Chef für einen seriösen Mann gehalten hatten und nicht glauben wollten, dass sie nur benutzt wurden. Irgendwann ist halt Schluss, weil keiner mehr aufzutreiben ist, der zahlen will. Pech für den, dens trifft. Du musst halt schnell genug sein um unter den Ersten zu sein. Du warst einfach zu langsam. Was können die dafür, die es angezettelt haben? Du trägst die Verantworung für deinen Glauben und deine Begierde.

Es gibt immer einen, der das Zeug dazu hat zu überzeugen und unter den Ersten zu sein. Mein Chef war ein super Typ, keiner traute ihm Skrupellosigkeit zu. Er war in seinem Job absolut kompetent. Gibt es wirklich Gutmenschen, denen nur daran gelegen ist, dass wir glücklich sind? Oder gibt es Gewinner und Verlierer? Gibt es "hohes" und "niederes" Bewusstsein? Und ist das Streben nach hohem Bewusstsein glückseligmachend? Und was ist hohes Bewusstsein? Und wer bestimmt das?
Brauche ich eine Transformationstherapie nach Betz um glücklich zu werden oder gibt es auch andere Möglichkeiten? Dinge, die mich unabhängig sein lassen von einem ausgeklügelten System, das hierarchisch aufgebaut ist wie eine Pyramide. Ganz oben der Guru, dann seine Produkte wie Seminare, Bücher und CD´s, dann seine empfohlenen Therapeuten, die weniger empfohlenen Therapeuten und ganz unten das zahlende Volk, das auch gerne einen Platz in der Welt der Glückseligen ergattern möchte, aber irgendwie zu langsam, zu zögerlich ist.

Das System kenne ich. Zur Genüge. Bin ich aus der katholischen Kirche ausgetreten um mich wieder in ein ähnlich gelagertes Modell einzugliedern? Brauche ich jemanden, der mir sagt wie ich mich selber glücklich machen kann? Möchte ich wieder Regeln befolgen, die von anderen aufgestellt werden? Möchte ich mich wieder in Abhängigkeit begeben? Was sagt das über mich aus? Bin ich auf der Suche nach mir oder nach jemandem, der mir sagt wie und was zu tun ist?

Das möchte ich nicht. Auch ich strebe, wie viele, nach Freiheit, Frieden und Freude. Wie kann ich frei sein, wenn ich mich wieder abhängig mache von einer bestimmten Methode? Es gibt viele Methoden, die zum Ziel führen, es gibt keine alleinig glückseligmachende. Daran mag Herr Betz glauben, ich glaube nicht mehr, ich frage. Aber genau das mag er nicht. Weder er noch seine Methode möchte hinterfragt werden.

Dem deutschen Diplom-Psychologen und ehemaligen Werbefachmann Robert Theodor Betz gelingt es, allein auf der Bühne in einem dreistündigen Dauervortrag Hunderte von Menschen zu faszinieren und in seinen Bann zu ziehen. Im Stil evangelikaler Fernsehprediger doziert er eine Reihe psychologischer „Wahrheiten“, in denen sich die Zuhörerschaft mehr oder weniger wiedererkennt. Mit Überzeugung prophezeit Betz die Transformationsjahre 2012-2014, welche ungeahnte Veränderungen hervorbringen werden. Seine beinahe übermenschliche Autorität, die er in den Augen der AnhängerInnen besitzt, wird durch die monatlichen Engelsbotschaften untermauert.

infoSekta (politisch und konfessionell unabhängige Konsumentenschutzorganisation, mit Sitz in Zürich)
infoSekta wollte auch nachfragen und erhielt als Antwort, dass nicht mehr geantwortet wird. Sie wollten, dass Robert Betz Stellung bezieht zu einem Schreiben. Robert Betz redet viel und gerne, aber nicht mit denen, die eine andere Frage als die Frage nach Glück haben.

Wenn jemand die Welt mit seiner Methode so überzeugt von sich erobern will, dann wäre es doch schön, wenn er darlegen könnte, warum er davon so überzeugt ist. Das wäre dann eine Begegnung auf Augenhöhe und darin sehe ich Zukunft. So wie wir inzwischen gewohnt sind Arzneimittel zu hinterfragen und nicht mehr alles zu schlucken, was uns als wohltuend und heilend verschrieben wird, so möchten wir auch die gepriesenen seelischen Heilmittel auf ihre Zusammensetzung überprüfen. So lange sich Menschen noch als "Lehrer" und "Autoritäten" aufspielen und dabei ist es egal, ob sie ihre "Berufung" aus Not betreiben oder einem Ruf folgen, sind wir in keinster Weise einen Schritt weiter. Authentizität hat nichts mit Überzeugung zu tun, sondern mit Wahrhaftigkeit. Aber die geistige Welt, auf die sich Robert Betz bezieht, entzieht sich der Wahrhaftigkeit, sonst wäre sie ja keine "geistige" Welt. Man kann sie nicht hinterfragen oder beweisen. Man kann nur an sie glauben. Und die Glaubensgemeinschaft wird größer. So wie die Christen auf die Heiden heruntergeschaut haben, so wie die Zivilisierten auf die Urvölker heruntergeschaut haben, so schaut die neue Glaubensgemeinschaft der "Spirituellen" vom Bewusstseins-Stockwerk 27 auf das niedere Bewusstsein der Rationalisten, die noch immer im Hinterfragen stecken und im Stockwerk zwei oder drei rumkrebsen. Es bildet sich eine neue Elite. Die Bewusstseinselite. Die Polarität soll überwunden werden und es wird konkret polarisiert. Da heben sich wieder welche ab. Und im wahrsten Sinne des Wortes heben sie ab. Wir können nur winken und hinterherschauen.

Zurück zu Amazon und seinem Bewertungssystem.
Seitdem ich kürzlich mitbekommen habe, dass Buchneuerscheinungen kurz nach Veröffentlichung in höchsten Tönen gelobt werden und in der Regel mindestens vier Kurzkommentare mit fünf Punkten erhalten, gehe ich davon aus, dass diese Rezensionen keinerlei Aussagekraft haben, da sie von Begünstigern des Autors eingestellt werden. Seitdem ich mitbekommen habe, wie ein darauffolgender kritischer Bericht eines Tages nicht mehr zu finden war, zweifle ich noch viel mehr. Hat das mit Authentizität zu tun? Kritik wegwischen, löschen? Sollen wir wieder zu allem Ja sagen, was uns vorgelegt wird? Weil es für uns gut ist oder für den Erschaffer? Müssen wir jede Schöpfung für gut befinden? Sind wir so weit, dass wir jedem alles zu jedem Preis verkaufen wollen? Warum und wofür? Was ist der wahre Nutzen?

Es bleibt mir nichts anderes übrig als in den Buchladen zu gehen und mir meine eigene Kurzmeinung zu bilden, die über den Kauf oder Nichtkauf des Buches entscheidet. So wie es mir im Leben nicht erspart bleibt, selbst in mich zu gehen, die Dinge in die Hand zu nehmen und zu meistern. Das kann kein anderer für mich tun. Nicht einmal Robert Betz.

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Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage des NDR, der sich Robert Betz unter dem Titel "Robert Betz: "Glücks-Coach" oder Scharlatan" im November 2013 widmete.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".



Sonntag, 10. November 2013

Esoterik I: Robert Betz - Der Mann fürs gewisse Zeitalter

Seit einiger Zeit gibt es einen Mann in meinem Leben, an dem ich nicht vorbeikomme. Wo auch immer ich unterwegs bin, er ist da, leuchtet mir entgegen mit diesem strahlenden Lächeln und dem wissenden Blick. Es ist der Mann, der es im Sommer auf Platz zwei der Spiegelbestsellerliste im Bereich "Sachbuch" geschafft hat. Der Mann, dessen neuestes Buch das Gütesiegel eines deutschen Nachrichtenmagazins trägt.


Der Spiegel (Eigenschreibweise: DER SPIEGEL) ist ein deutsches Nachrichtenmagazin, das im Spiegel-Verlag in Hamburg erscheint und weltweit vertrieben wird. Der Spiegel hat mit einer verkauften Auflage von 896.298 Exemplaren[1] die höchste Auflage der wöchentlichen Nachrichtenmagazine Deutschlands und ist zugleich das auflagenstärkste in Europa.[2] Aufgrund seines Einflusses auf die öffentliche Meinungsbildung wird Der Spiegel oft als ein Leitmedium bezeichnet.[3][4

Zitat Wikipedia

Heute steht sein Buch noch immer auf Platz Nummer drei und was kann der Spiegel dafür, wenn Deutschland es liebt Sachbücher mit dem Titel "Schantall, tu ma die Omma winken", "Isch geh Schulhof" oder "Katze liebt Kater" von Daniela Katzenberger zu lesen. Immerhin haben es alle drei unter die Top 20 geschafft, was zeigt, dass die Deutschen noch immer Bücher lesen. Schließlich entscheidet nicht der Spiegel was wir lesen, er macht es nur öffentlich und damit deutlich. Das Buch von Robert Betz trägt nun mal den gleichen begehrten Aufkleber wie das von Katze.

Ich mache schon seit längerem einen großen Bogen um die Lebensberatungsecke in unserem Buchkaufhaus, da dort die wirklich guten Bücher zwischen Engelkarten, Pendel, Edelsteinen und Buddhaköpfen zu suchen sind. Das ärgert mich. Da gehe ich dann doch lieber zu Amazon, wo ich das Buch finde, das ich suche und nicht zwischen all dem Ramsch wühlen muss.

Aber zurück zu unserem Mann fürs gewisse Zeitalter.
Es reicht nicht, dass er auf Facebook ganz oben im rechten Werbefeld erscheint, nein, er schiebt sich ungefragt zwischen meine Neuigkeiten mit der Ansicht "Diese Seite könnte Ihnen auch gefallen (schließlich gefällt sie 119.000 Lesern)" und Facebook ist nicht so freundlich diese Seiten umsonst zu empfehlen. Dafür wird richtig gut Geld verlangt. Das ist Werbung erster Klasse.
Als wir kürzlich einen Freund besuchten, lag auf seinem Wohnzimmertisch der aktuelle Bestseller "Willst du normal sein oder glücklich?" und der allgegenwärtige Mann lächelt mich wieder so unglaublich verständig an. Ich blätter rein und lese Worte, die fast auf mich schießen, mit solch einer Überzeugungskraft springen sie mir entgegen. Was er sagt ist nicht falsch, aber irgendetwas stört mich.
Ich gehe auf seine Homepage. Auch dort ist er sofort präsent mit Lächeln und Lachen. Robert, Robert, Robert schreit es mir entgegen. Da feiert sich jemand. Er hat einen Titel, der ihn legitimiert Leuten Ratschläge zu geben. Er ist Diplompsychologe, das klingt schon mal gut. Und er ist eindeutig esoterisch angehaucht, wie der Menüpunkt "Geistige Welt" mit der Blume des Lebens zeigt. Ich werde neugierig. Was hat dieser Mann für einen Werdegang? Vom Industriekaufmann zum Werbeprofi um dann auf der Basis von Botschaften aus der geistigen Welt eine neue Form von Therapie mit geschützter Marke auf den Markt zu bringen.

Einige Dinge machen mich stutzig.

Warum denkt ein Mann, der sich nach einer Sinnkrise von seiner Frau scheiden ließ, dass ausgerechnet er befähigt ist "Frauenseminare" zu halten? Und Frauen, warum ausgerechnet haltet ihr diesen Mann für befähigt? Der Zuspruch, den dieser Mann fürs gewisse Zeitalter von Frauen erhält, ist für mich genau so wenig verständlich wie der Zuspruch, der so manchem "Sachbuch" den Sprung auf die Spiegelbestsellerliste verschafft. Fragezeichen.

Der zweite Punkt, der mich misstrauisch macht - nirgendwo steht, dass der Diplompsychologe therapeutisch praktiziert hat. Klar, das ist nicht die Aufgabe von Psychologen. Ich habe mir sagen lassen, dass Psychologen einzigartige Statistiken erstellen können, aber therapeutisch sind sie nicht ausgebildet. Dafür braucht man ein zusätzliches Studium (liege ich falsch?). Woher nimmt er die therapeutische Erfahrung, damit er seine eigene Therapieform entwickeln kann? Oder können Therapien aus dem Blauen heraus erfunden werden? Oder verwendet er seine Therapie um aus den Erfahrungen Statistiken zu erstellen? Fragezeichen.

Ach ja, die geistige Welt, vielleicht bietet sie die Antwort. Wer heute esoterisch unterwegs ist, sollte einen Kontakt zur geistigen Welt haben. Das ist schick, das braucht man heutzutage. Früher brauchte man Vitamin B um sein Ziel leichter zu erreichen, heute braucht man Vitamin G. Es ist ein Freischein um gute Ratschläge geben zu können. Und es reicht aus um Menschen um sich zu scharen, die nach Führung suchen. Das besonders Schicke an diesen Kontakten ist, dass sie den Kontakter von jeder Verantwortung ausschließen, denn schließlich wird nur gechannelt, man ist lediglich Medium, man gibt die Botschaften nur weiter. Da Herr Betz (noch) nicht selber channelt, unterhält er Kontakt zu Frau Schirnack, die ihm die Botschaften vorlegt, damit er gescheite Fragen dazu stellen und sie dann in seinem Sinne interpretieren kann. Und Herr Betz ist da nicht der Erste, sein Vorbild dürfte der Amerikaner Tom Kenyon sein, der in der Lage ist Kontakt zum Volk der Hathoren herzustellen, um dann die etwas unverständlichen Botschaften fürs gemeine Volk zu übersetzen und zu interpretieren. Hathorensprache ist nicht jedermanns Sache, genau so wenig wie das verquaste Zeug, das durch Andrea Schirnack kommt. Wer hat Lust so etwas zu lesen? Das schreit nach Übersetzung und Interpretation und das macht Herr Betz doch gerne. Schließlich gehört er zur Bruderschaft.
Gott zum Gruße Bruder, der du dieses katalysierst und der du dieses in die Weite nimmst.
Zitat auf der Homepage unter "Geistige Welt"

Allein sein Bestseller „Willst du normal sein oder glücklich“ steht seit zwei Jahren ununterbrochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste und wurde fast 250.000 mal verkauft.

"Über Robert Betz" auf der Homepage

Das schaue ich mir mal an. Ich gehe auf Amazon und sehe, dass der Besteller dreieinhalb von fünf möglichen Sternen hat. Naja, da kenne ich Bücher, die auf keiner Bestsellerliste stehen und volle fünf Punkte haben. Hmmmm, und als ich so die Rezensionen lese, frage ich mich, wie diese dreieinhalb Punkte überhaupt zustande kommen. Denn es gibt haufenweise enttäuschte, manchmal sogar fassungslose Kritik an diesem Buch. Manche Leser hätten gerne -3 Sterne vergeben, das negativste mögliche Ergebnis sieht jedoch mindestens einen Punkt vor. Wie würde also das wahre Ergebnis in der Gesamtsumme ausfallen? Ein Stern für einen Spiegel-Bestseller? Am meisten sind die Leser über die Tatsache verärgert, dass Herr Betz nicht auf den Punkt kommt und immer dann, wenn es spannend wird, was gibt es dann? Richtig, Werbung! Werbung für seine eigenen Produkte, die er zuhauf produziert. Wie schafft man es mit einem Werbeprospekt auf Punkt zwei der Bestsellerliste? Leute, der Mann ist ein Werbeprofi. Er weiß wie man verkauft, das hat er gelernt, das beherrscht er aus dem ff.

"...geht er mit 28 Jahren in die Wirtschaft, arbeitet fünf Jahre in PR- und Werbeagenturen und wechselt mit 35 Jahren zu einem amerikanischen Industrieunternehmen. Schon nach drei Jahren wird er hier zum 'Vice President Marketing Europe' ernannt"

Homepage "Über Robert Betz - Der Marketing-Manager"

Er ist mit 38 Jahren "Vice President Marketing Europe", das ist Talent!
Würde Der Spiegel kurze Bemerkungen zu den Büchern auf seiner Bestsellerliste abgeben, würde ich für „Willst du normal sein oder glücklich“ die Lebensberatung streichen und es als Vorzeigebeispiel für Product Placement vorschlagen.

Was mich aber am allermeisten stutzen ließ, war sein Videoclip auf der Startseite "Robert Betz über die Transformationstherapie". Er ist eloquent, versteht die Körpersprache und sagt vollmundig über seine Therapieform, die mit Hilfe der geistigen Welt entstand

"...und (sie wird) in den kommenden Jahren zu einer sehr bekannten, erfolgreichen Methode auf diesem Erdball werden"

Videoclip auf der Homepage

Ich hätte gerne Dr. Lightman aus der Serie "Lie to me" neben mir, der mir erklärt, was aufgeblähte Nasenflügel während des Sprechens bedeuten. Auf diesem Erdball wird die Therapie von Robert Betz über uns kommen, ob wir wollen oder nicht, wir werden transformiert und glücklich gemacht. Wir müssen unsere Normalität hinter uns lassen. Und das Glück kommt nicht nur über Deutschland, Österreich, die Schweiz oder über Europa, nein, es wird über den Erdball kommen. Welt, freu dich.
Bei solchen Worten jagt es mir einen Schauer über den Rücken. Da will jemand die Welt erobern, nein, er ist davon überzeugt sie zu erobern. Mit seiner Methode. Das sind für mich Allmachtsfantasien. Hatten wir das nicht schon mal? Brauchen wir wieder einen Führer? Sehnen wir uns so sehr nach einem Heilsbringer? Und ist es gerechtfertigt, wenn jemand die Welt mit Transformation erobern will? Ohne uns zu fragen, ob wir das alle wollen?
Jede Zeit hat ihre Verführer. Es liegt an uns, ob wir auf sie hereinfallen wollen oder nicht. Ich sage Nein zu Robert Betz und seiner Erdballbeglückungsfantasie.

Es gibt den Spruch "Nur weil es alle sagen, heißt es nicht, dass es wahr ist". Ich möchte sagen "Nur weil so viele es gut finden, heißt es nicht, dass es gut für mich ist".

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Mehr Informationen finden Sie auf der Homepage des NDR, der sich Robert Betz unter dem Titel "Robert Betz: "Glücks-Coach" oder Scharlatan" im November 2013 widmete.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".



Freitag, 8. November 2013

Schöpferische Pause

vom positiven Denken.
Habt ihr auch Lust euch mal was richtig Negatives reinzuziehen?
Ich hab einen Tipp. Die Feelbadkomödie "Die Kunst des negativen Denkens".
Gruppentherapie auf norwegisch. Kostprobe gefällig?

dann klick hier

Manchmal brauche ich das als Gegenpol zu all dem Licht und Liebe und Selbstverliebtheitsgeschwafel. Inklusive meinem eigenen :-)

Uns allen ein schönes verregnetes Novemberwochenende!


Donnerstag, 7. November 2013

Sehnsucht


Sehnsucht ist die Sucht sich nach etwas zu sehnen. Oft nach etwas, was unerreichbar scheint. Ich war ein Sehnsuchtsjunkie.

Mit zwölf verknallte ich mich in einen blonden Wuschelkopf aus der Pfadfindergruppe meines älteren Bruders, der kein Interesse an mir zeigte. Dann in einen jüngeren Pfadfinder aus meiner Gruppe, der genau so wenig Interesse zeigte. Mit fünfzehn verliebte ich mich in einen Klassenkameraden und meine sehnsüchtige Beharrlichkeit zahlte sich aus. Eineinhalb Jahre später kamen wir zusammen, der Beginn unserer Beziehung läutete das Ende dieser Sehnsucht ein um eine neue zu kreieren. Denn alles war anders, als ich es mir in meinen Veilchenträumen zurechtgelegt hatte. Er war tatsächlich edel, hilfreich und gut, aber ich war nicht bescheiden, sittsam und rein. In mir zeigten sich Dinge, mit denen ich schlecht zurecht kam. Ich war eifersüchtig, besitzergreifend, anstrengend. Er war der Prinz aus gutem Haus, der mich in die Villa mit großen Garten einführte. Es war toll, mir erschloss sich eine Welt, die ich vorher nicht kannte. Bücher kannte ich nur aus der Bibliothek und im Schloss gab es sie zuhauf. Es war einfach alles da, sogar der Hund. Diese Welt war mir fremd und ich fand nie meinen Platz. Auch wenn Aschenputtel schöne Kleider anzieht, es verrät sich durch Unkenntnis. Nach vier Jahren entschieden wir uns für ein Ende mit Schrecken statt dem Schrecken ohne Ende.
Ich war um eine Illusion ärmer und eine Erfahrung reicher. Ich bin keine geborene Prinzessin und den Prinzen gibt es nur mit Familie.

Wenn ich keine Prinzessin bin, dann werde ich Abenteurer.
Ich sehnte mich nach Freiheit und träumte davon sie an einem Strand zu finden. Was ich verdiente, gab ich aus für Reisen und klapperte die Strände ab, aber die Freiheit war nirgendwo zuhause. An den Stränden fand ich streunende Hunde und verlorene Menschen, die sich von etwas befreien wollten. Ich traf mich selbst. Und ich traf einen Abenteurer, der einen Nerv in mir traf. Zuhause auf einem anderen Kontinent, erforschte er den, auf dem ich lebte und er erzählte mir Geschichten von Jagd, Fischen, Angeln, Kanu fahren, von Eisbergen, Bären und unberührter Wildnis. Er zog mich in seinen Bann und ich machte mich auf ihn zu besuchen. Drei Monate später stand ich ihm am Flughafen gegenüber und alles sollte anders kommen als gedacht. Seit meiner frühen Jugend träumte ich vom Auswandern, aber die Wildnis entpuppte sich als Falle. In der Hütte am Fjord wurde mir klar, dass ich nicht vor meinen Problemen davonlaufen kann. Wo auch immer ich hingehe, ich nehme mich selbst mit.

Sehnsucht ist das Kleben an einer Illusion.
Sie ist die Seifenblase, die wir uns in den schönsten Farben groß und schillernd blasen und in der wir süchtig treiben. In ihr entführen wir uns selbst aus dem drögen Alltag. Irgendwas ist besser als das, was wir haben. Sehnsucht ist der Kitschroman, in der die einsame schöne Frau den besten aller Männer abbekommt.
Sobald wir das erhalten, wonach wir uns sehnen, platzt die Blase und wir fallen auf den Boden der Tatsachen. Das Wunderland, das wir sahen und in dem wir uns niederlassen wollten, besteht lediglich aus bemalten Pappkulissen und dahinter erstreckt sich die Realität. Rosamunde Pilcher und Australia tun dem wunden Herzen gut, aber sie verschleiern unseren Blick auf das, was ist. Der Prinz wird psychotisch, der Abenteurer sesshaft und das Veilchen, das so gerne Prinzessin oder Abenteurerin geworden wäre, wird Mutter und wechselt Windeln.

Das ist das wahre Leben und es zeigt die Dinge, wie sie sind. Wer seinen Geist kennenlernen will, muss lernen den Dingen ins Auge zu sehen und sich zu desillusionieren. Desillusion bedeutet frei zu werden von Sehnsucht und offen zu werden für Klarheit.

Klarheit entspringt der Sehnsucht nach Wahrheit und dem Entzug von Illusion.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Küss mich ... oder wirf mich an die Wand".




Mittwoch, 6. November 2013

Wenn Veilchen rocken

Meine Freundin bekam zu ihrem runden Geburtstag ein besonderes Geschenk. Für manche Dinge im Leben muss man fünfzig werden. Um das volle Klischee erfüllen zu können. Dachte ich. Und dann sah ich Mädels zwischen zwanzig und fünfundsiebzig Jahren. Bei der amerikanischen männlichen Top-Strip-Show, den Chippendales.

Mich interessierten weniger die Sixpacks der Jungs, als vielmehr die Ekstase, die sie damit auslösten. Zur Zeit als der Film "Thelma und Louise" (erinnert ihr euch? Brad Pitts Einstand!) in den Kinos gespielt wurde, gab es in so manchem Kino Getöse, hervorgerufen von Frauen, die sich für emanzipiert hielten, die Mädels auf der Leinwand anfeuerten und eine starke Männerfeindlichkeit ausströmten. Es gab immer weniger Männer, die Lust  hatten sich den Film anzuschauen.
Diesmal feuerten die Mädels die Jungs an. Einen Abend mal alles andere als bescheiden, sittsam und rein sein. Auf der Bühne einen Schoßtanz, die bevorzugte Sexstellung, einen vorgetäuschten Orgasmus mit einem der Traummänner hinlegen und ansonsten schreien und quietschen, wenn die Stringtangas fliegen.

Mein Mann wusste mehr über die Show als ich. Vielleicht treffen sich dort die Träume. Die Männer träumen von feuchten Frauenaugen, die sie anhimmeln und die Frauen träumen davon, dass einmal ein Mann aufreizend und voller Spaß für sie strippt. Wo gibt es das schon?

Ich suchte die Besucher nach einem Mann ab, aber der vor uns in der Reihe war wohl transsexuell. Kurz vor Showende ging ein Paar an uns vorbei. Geschätzte Mitte siebzig, der Mann amüsierte sich köstlich. Ich hätte auch noch warten können, es ist wohl nie zu spät für so eine Show und in dem Alter hat mann den Neid auf die Sixpacks abgelegt und amüsiert sich einfach nur. Klasse. Dieser Mann hat meinen persönlichen Oskar für "allein unter Frauen" bekommen.

Was soll ich sagen? Nette Jungs, sehr amerikanisch, tolle Tänzer mit akrobatischen Einlagen, manch einer sogar mit einer großartigen Stimme. Sie haben alle Klischees erfüllt, vom Feuerwehrmann, Schweißer, Bauarbeiter, Putzmann, Rocker, Cowboy, Vampir bis hin zum Marineoffizier in Uniform. Welche Rolle auch immer sie spielten, am Schluss waren sie ohne Hemd und ohne Hose. Wie heißt es so schön? Ab einem gewissen Alter bereut man die Dinge, die man nicht gemacht hat mehr, als die Dinge, die man gemacht hat. In der Ausschreibung stand "Jede Frau muss einmal in ihrem Leben eine Chippendalesshow besucht haben". Ich habs gemacht. Ich hab eine Chippendalesshow besucht. Danach hatte ich einen Overflow, was Sixpacks und nackte Männerhintern betrifft.
Jungs, ihr ward toll, aber einmal reicht dann auch.

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Küss mich ... oder wirf mich an die Wand".



Dienstag, 5. November 2013

LSD-Tapeten


Im Zeit-Magazin gibt es eine unregelmäßige Kolumne, die heißt "Die beschwipste Frau" und es geht um Alkohol. Seit ein paar Tagen stelle ich mir vor, dass ich eine unregelmäßige Kolumne schreiben darf mit dem Titel "Die LSD-Tapeten berauschte Frau" und es geht um Räusche anderer Art.
Was könnte ich Geschichten schreiben über Pril-Blumen auf beigefarbenen Küchenfliesen, Tri-Top, Hosen mit Extremschlag, die keiner Fahrradkette entkamen, Bonanzaräder mit Fuchsschwanz und Tapeten an den Wänden, die aus einem LSD-Rausch designed schienen.

Sehr geehrter Herr Dr. Martin Mahner (hauptamtlicher Skeptiker und Leiter des Zentrums für Wissenschaft und kritisches Denken, Gründungsmitglied der GWUP - Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften und Ausrichter des PSI-Tests , Unterstützer des esoterikkritischen Buches "Erleuchtung gefällig - ein esoterischer Selbstversuch" von Bernd Kramer) und sehr geehrter Herr Prof. Dr. Heinz Oberhummer (Emeritierter Universitätsprofessor für Theoretische Physik an der TU Wien und Mitglied der Sciene Busters, Vorwortschreiber des Esoterikkillers "New cAge" von Johannes Fischler), ich habe da eine weitere von vielen möglichen Antworten (eine davon "Der weibliche Hang zur Esoterik - ein menopausaler Mittelfinger?") auf Ihre Frage nach der Dummheit des heutigen gläubigen Volkes, was die Esoterik betrifft.

Ich glaube, dass heutzutage so viele Leute für den Humbug der Esoterik aufgeschlossen sind, weil sie als Kinder vor diesen LSD-berauschten Tapeten spielten, in jedem Zimmer ein anderes großformatiges psychedelisches Muster, dazu später die Musik von Pink Floyd  - "Shine On You Crazy Diamond" - Auszug aus dem Songtext

Remember when you were young, you shone like the sun
Shine on you crazy diamond
Now there's that look in your eyes, like black holes in the sky
Shine on you crazy diamond
und heute hat jeder einen Kristall im Fenster hängen. Zufall? Desweiteren berichtete der Bassist Roger Waters, dass "at times the group was there only physically. Our bodies were there, but our minds and feelings somewhere else", was in der Summe schon die Sehnsucht und einen Zugang zur Welt der Bewusstseinserweiterung und Astralreisen legte. Irgendwie waren wir doch bereits als Kinder auf Dauertrip. Jedes Wohnzimmer war völlig verqualmt, denn Rauchen war in, die Aschenbecher quollen über und keiner machte sich Gedanken über die Auswirkungen von Asche in kindlichen Lungen. Was haben wir alles passiv inhaliert? Tapeten, Musik, Qualm, all das wurde uns ungefragt verabreicht. Man nennt so etwas "Manipulation der Masse". Einmal heiß gemacht, wächst der Hunger danach (siehe Werbung).
Einfache Tapetenmuster. Wer hätte das gedacht?

Gibt es eine Statistik über den Zusammenhang von LSD-Tapeten und dem Hang zur Esoterik? Gibt es eine Verschwörungstheorie für die Tapetenmuster der 70er Jahre? Oder für die Musik von Pink Floyd? Welcher Geheimdienst hat unsere Designer bestochen, damit sie diese Muster in die Wohnungen brachten und damit eine Hysterie auslösten, die scheinbar vernünftge Leute heute dazu bringt an Fernreiki zu glauben? Wer wollte, dass eine große Masse Jahrzehnte später denkt, dass Bewusstseinserweiterung für jeden zu haben ist? Wer hat Pink Floyd geschmiert und ihnen LSD kostenlos verabreicht, damit sie solche Songs schreiben konnten? WER steckt dahinter? Und wohin bringt uns diese unglaubliche Volksverdummung? Zum Ende der Ratio? Zum Ende der Wissenschaftsgläubigkeit? Dem echten Weltuntergang?

Gut genug für eine Kolumne? Soll ich mich bewerben? Nach dem Sportwagen schielen?

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Montag, 4. November 2013

Veilchen und Versprechen

"Vergiss nicht, du hast versprochen auf mich zu warten!"

Wenn diese Worte in mein Leben kamen, geriet ich innerlich in Aufruhr. Lange Zeit ohne zu wissen warum. Wer ahnt, dass die Ahnen unter uns sind und eifrig mitmischen? Dass sie so sehr mit dem Geliebten zusammen kommen wollen, dass sie noch uns in einen Wartestatus versetzen. Es gibt Bücher darüber, ich war skeptisch, heute weiß ich es besser.

Mit Anfang zwanzig verliebte ich mich in einen jungen Mann aus dem Ausland. Wir führten eine Fernbeziehung. Telefonieren war zu teuer, also schrieben wir uns Briefe. Fast täglich. Die Sehnsucht war groß, er schien unerreichbar, unfassbar. Er ist nicht in den Krieg gezogen, er lebte auf einem anderen Kontinent. Ich wartete ... auf Briefe, auf Liebesworte, dass er kommt und bleibt oder mich holt. Auf die Einlösung eines Versprechens, das er mir nie gegeben hat. Zwischen uns gab es kein "und dann ..." und doch wartete ich sehnsüchtig auf "... und dann wird alles gut".

Manche Gefühle zeigen sich so stark in uns, dass sie uns selbst überraschen. Als ob etwas verstärkt erlebt wird. Ich wurde krank. Die Liebe, die ich fühlte, machte mich nicht glücklich. Ich wurde antriebslos, depressiv, verstimmt. Das Leben fühlte sich leer an und ich nahm nicht mehr daran teil. Ich bekam Schmerzen.
Als ich das dritte mal beim Arzt war, der keinerlei Ursache für meine Schmerzen finden konnte, erzählte ich ihm von der Fernbeziehung. Er schaute mir in die Augen und meinte lapidar "Junges Fräulein, Sie haben einen Hang zum Drama. Beenden Sie das". Das saß. Die Worte kamen ohne Mitgefühl, sie taten weh, ich fühlte mich unverstanden und doch richteten sie etwas. Ich war bereits eine Dramaqueen und wollte auf gar keinen Fall noch mehr Drama in meinem Leben. Ich begann mich zu lösen, langsam und unauffällig, vom Geliebten und damit vom Drama. Die Worte des Arztes immer vor Augen. Die Schmerzen gingen, die Depression auch, das Leben füllte sich wieder mit Farbe. Ich hatte mich entschieden nicht mehr zu warten und es fühlte sich richtig an. Heute bin ich dem Arzt dankbar, denn er hat mit seinen deutlichen direkten Worten meine Ahnen auf ihren Platz verwiesen. In die hintere Reihe, von wo aus sie nicht mehr so mitmischen konnten. Sie flüsterten und wisperten noch und zogen an mir, aber ich fühlte mich weit weniger fremdgesteuert und gehörte wieder mehr und mehr mir. Seine Worte stellten etwas klar und ich konnte diese Klarheit unmittelbar spüren. Vielen Dank Herr Dr. L.!

Veilchen blühen länger als Rosen.

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Sonntag, 3. November 2013

Sei wie das Veilchen im Moose

Wer von euch entspringt der 60-er Jahre Generation? Wer von euch ist im Besitz eines Poesiealbums?
Für alle Unwissenden, ein Poesiealbum ist eine Art Freundschaftsalbum, das man in der Klasse oder im Freundeskreis hat reihum gehen lassen und der- oder diejenige durfte es mit einem Spruch, einem Bild, Eselsohren oder Glitzerbildern versehen. Es stellte sozusagen den nicht-interaktiven facebookaccount dar.

Als ich gestern anlässlich eines runden Geburtstages einer Freundin in den Devotionalien meiner Frühzeit stöberte, fiel mir das blaue Büchlein in die Hände. Ein Schatz meiner Kindheit. Wie alles, was es früher mal gab, reduziert. Heute habe ich auf facebook "Zitate und Sprüche" geliked und bekomme jeden Tag mehr als genug. Als Kind musste ich warten bis das Büchlein wieder zur mir zurückkam, suchte aufgeregt den Eintrag und las mit mehr oder weniger großem Verständnis, was meine Lehrerin oder ein Klassenkamerad mit einem Stift festgehalten hatten. Da ist Witziges von Erich Kästner neben Gewichtigem von Goethe und sage und schreibe dreimal der Spruch:
Sei wie das Veilchen im Moose,
bescheiden sittsam und rein,
und nicht wie die stolze Rose,
die immer bewundert will sein.
Heute bleiben die meisten Dinge an der Oberfläche, ich überfliege die Sprüche und selten spricht mich etwas wirklich an. Witzig ist gut, wenig berührt. Als Kind blätterte ich in diesem Büchlein, schaute mir die Bilder an, die handgemalt waren, freute mich über die Glitzersticker, die es teuer im Schreibwarengeschäft, eingeschweißt in Cellophanpapier, zu erstehen gab. Man bekam sie in Bögen, die einzelnen Sticker waren über einen Steg verbunden, den man durchtrennen musste. Ich überlegte ganz genau, wer welchen Sticker eingeklebt bekam, wer den Engel und wer den Blumenkorb. Die wichtigsten Menschen in meinem Leben bekamen die schönsten Sticker. Sie waren noch nicht selbstklebend und man musste sie vorsichtig einkleben, damit es keine bösen Schmierer gab. Alles Handarbeit.
Ich las mir die Sprüche immer und immer wieder durch.

Ich frage mich, wie so ein Spruch heute ankommen würde. Meine Tochter würde mir den Vogel zeigen. Jeder will doch eine Rose sein, wer will schon im Moos vor sich hinkümmern? Was hat dieser Spruch, der sich mehrmals verewigt wissen wollte, für einen Einfluss auf ein kleines Mädchen? Ich gehöre der Generation an, in der Mädchen lieb(enswert) waren, wenn sie brav waren. Wenn sie Veilchen waren. Ich mag Veilchen, aber das, was dieser Spruch mit ihnen in Verbindung setzt, das mag ich nicht. Ich empfinde das Etikett "bescheiden sittsam und rein" fast als Beleidigung für so ein Veilchen. Wer sagt denn, dass es nicht ganz anders sein kann. Vielleicht rocken die Veilchen den Wald mal ganz gerne?

Das Lieblingsgeschenk der Verwandtschaft für uns waren damals Schlafanzüge.
Auf keinem der Oberteile für meine Brüder stand "Wünsch dir keinen schnellen Sportwagen, sondern sei zufrieden mit dem langsamen Kleinwagen".

Und ich finde damit eine Antwort auf die Frage, warum die Internetseiten mancher männlicher Coaches, selbsternannter Lehrer und Psychologen nur so vor Selbstgefälligkeit strotzen. Sie haben den Sportwagen im Focus. Vielleicht stand auf ihren Schlafanzügen "you can do it, so go for it!" und ich vermute mal, dass auf der Rückseite nicht stand "Tu es bescheiden, sittsam und rein".
Ich mag Veilchen lieber als Rosen, aber die Veilchen brauchen eindeutig ein neues Image.

Auf gehts, Veilchen, lasst uns das Moos rocken!

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Küss mich ... oder wirf mich an die Wand".