Freitag, 25. Januar 2013

Sammel die schönen Dinge....

Letztes Weihnachten wünschte ich mir von meinen Männern etwas Selbstgebasteltes.
Die Idee dazu hatte ich aus einem Katalog und während sie im Keller sägten und hämmerten, suchte ich nach den Details, die dem stilisierten Holzbaum dazu verhelfen sollten ein Sammelbaum zu werden. Im Katalog waren es gewöhnliche Haken, aber ich wollte etwas Besonderes und so stöberte ich im Internet nach Möbelknäufen. Ich kam auf eine Seite, die mir besonders gut gefiel und ich tauchte ein in die Welt der schönen, bunten Möbelknäufe. Zwei Tage ließ ich mir Zeit um mir immer wieder die Auswahl anzuschauen. Sollte ich den aus lila oder den aus grünem Porzellan nehmen? Mit silbernen oder messingfarbenen Beschlägen? Rund oder blumenförmig? Sollte ich sie einfarbig oder bunt auswählen? Ich schlief ein mit den Bildern von bunten Möbelknäufen, die sich wie in einem Kaleidoskop drehten und ich wachte auf mit bunten Möbelknäufen. Und sie drängten sich dazwischen, wenn sich mein hyperaktiver Geist einem anderen Thema zuwenden wollte. Bling - und ein Knauf in Blumenform kreiste vor meinem inneren Auge. Es waren zwei wunderschön entspannte Tage.
Nun ist der Baum fertig, die Knäufe montiert und das erste schöne Sammelstück hängt. Es ist ein Herz aus dem Holz eines alten, ausgedienten indonesischen Fischerbootes. Wenn die Boote nicht mehr seetauglich sind, wird ihr Holz zu Produkten recycelt, die keinerlei Aufgabe mehr haben, als durch ihr schlichtes Dasein zu erfreuen. Das Herz weht ab und an eine Brise salzige Meeresluft durch unseren Flur und ich sammel weiter die schönen Dinge ....




Donnerstag, 24. Januar 2013

Ich liebe nur dich oder Sei der Held im Abenteuer deines Lebens

Gestern hatte ich eine Diskussion mit einer Freundin über die "Wandlung der Beziehungen", denn zur Zeit sieht es oft so aus, als ob Beziehungen, wie sie bisher geführt wurden, keinen Bestand mehr haben. Was ist los in unserer Gesellschaft, dass Ehen zerbrechen und Beziehungen einen Haltbarkeitswert von maximal 2-5 Jahren haben? Jeder sehnt sich nach einem Partner, die wenigsten finden ihn. Prophezeiungen sagen, das liege daran, dass das alte "Ich liebe nur dich" ausgedient hat und sich unsere Liebe nicht mehr nur auf einen Menschen fixieren wird. Großes Fragezeichen. Wie soll diese "neue Liebe" aussehen? Wir können uns ja nur das vorstellen, was wir bereits kennen. Gehen wir zurück zum Gruppenkuscheln in Kommunen? Oder kommt da etwas, was wirklich neu ist, weil bisher unerfahren? Abenteuer Liebe?

Meine Freundin ist an einen Verteiler von Prophezeiungen und Weissagungen über das Neue Zeitalter angeschlossen, man könnte auch sagen an "esoterisches Material". Und ich profitiere, da sie großzügig auch an mich weiterverteilt, was oft einen Disput über den Inhalt des Materials zur Folge hat.
In der Esoterikszene wird gerne von Lichtarbeitern gesprochen, was bei mir zu Irritation führte. Lichtarbeiter klingt, als ob diese Menschen für oder am Licht arbeiten. Welches Licht? Haben diese Menschen einen Dimmer in sich, mit dem sie ihre inneren Glühbirnen volle Watt aufdrehen können? Manchmal scheint das so. Es gibt Menschen oder Material, das so voller aufgefahrenem Licht ist, dass es geradezu blendet oder verblendet, da vor grellem Schein nicht wirklich etwas zu erkennen ist.

Da ich ein Bildermensch bin, stellte ich mir unter "Lichtarbeitern" die lichtvollsten Wesen vor, die ich kenne. Das sind die Elben von Mittelerde. Die Trilogie "Herr der Ringe" spiegelt unsere inneren Landschaften. Der ewige Kampf von Gut gegen Böse, von Mordor und dem Rest von Mittelerde, tobt auch in uns. Und die Elben sind ein Anteil in uns, der das Strahlende und Edle personifiziert. Aber sogar das Edle kämpft gegen das Böse, gegen Mordor mit all seinen grässlichen Kreaturen. Dabei wird vergessen, dass die Dämonen von Mordor, die Orks, ehemalige Elben sind, die durch Folter an Leib und Seele verstümmelt wurden.
"Ich liebe nur dich", das gilt dem Edlen und Guten in uns und das, was in unser Schwarzes Land, nach Mordor, verbannt wurde, wird bekämpft.
Es könnte sich lohnen unsere inneren Dämonen einmal genauer zu betrachten. Wie wäre es, einen dieser grauenvollen Orks auf ein Bier einzuladen und ihn nach seiner Geschichte zu fragen? Wir werden feststellen, dass auch dieses Wesen, nennen wir es Hass, Neid oder Missachtung, gefoltert wurde. Ihm wurde Schmerz angetan. Wie wäre es den Kampf gegen das vermeintlich "Böse", was genau so zu unserem Reich gehört wie das "Gute", aufzugeben und es zu Friedensverhandlungen an einen Tisch zu bitten? Das "Gute" kann sich ja nur als "gut" definieren, wenn es sich vom "Bösen" als "gut" abheben kann. Gut und böse definieren sich aus dem Dasein des jeweils anderen, sie brauchen sich. Wenn wir also den Mut aufbringen, eine Reise in unser inneres Mordor zu unternehmen und die Dämonen in uns ihre Geschichte erzählen lassen, könnte es sein, dass wir erkennen, dass sie ehemalige edle Elben sind.
Hass bildet sich oft aus abgelehnter Liebe. Einer der machtvollsten Dämonen, ähnlich dem Uruk-hai, ruht weder Tag noch Nacht. Vor diesem Dämon sind wir selten sicher, hat er einmal Gestalt angenommen, sind wir ständig auf der Flucht vor ihm. Er heißt Schuld. Schuldgefühle quälen uns und Schmerz verunstaltet "hehre" Gefühle zu "niederen" Gefühlen.
Schauen wir uns die "niederen" Gefühle in uns an und fragen wir sie nach ihrem Ursprung, finden wir häufig eine sehr traurige Geschichte. Auch wenn wir Angst vor den Dämonen in uns haben, auch wenn wir uns oft von ihnen überfallen fühlen, finden wir selten eine Horrorgeschichte, wenn wir dahinterschauen. Meistens geht es um Verlust, um den Verlust des Schönen und Guten in uns, dem Verlust unserer Liebe, unseres Vertrauens, unserem Wert, unserer Unschuld.

Auf den Punkt gebracht hat das für mich ein Plakat, das ich vor kurzem im Zeitmagazin unter dem Thema "Konkurrenz" fand.
Dort war der Countrysänger Johnny Cash abgebildet. Er stand seinem doppelten Selbst jeweils mit einem Colt gegenüber und sagte
Manchmal bin ich zwei Leute
Johnny ist der Nette
Cash macht immer Ärger
sie kämpfen miteinander
Cash wird einen Grund haben, warum er immer Ärger macht. Wenn wir nun aufhören nur den netten Johnny in uns zu lieben und Cash zu bekämpfen, sondern Cash mal zu Wort kommen lassen und ihn genau so in den Arm nehmen wie Johnny, könnte das die Welt verändern.

Die Welt in uns und auch die Welt da draußen.

Geschichten enden oft mit dem Sieg. Auch wenn Sauron besiegt wurde, gibt es ein Heer an Orks. Was ist mit ihnen? Sie werden uns weiterhin aus dem Hinterhalt überfallen und um ihr Dasein kämpfen. Wenn wir sie nicht integrieren, suchen sie sich einen neuen Führer und der Kampf beginnt von vorne. Es gilt das Lichte und das Dunkle in uns wahrzunehmen und zu akzeptieren.
Liebe fängt hinter dem Verliebt-Sein an.
Verlieben tun wir uns in den netten Johnny, die Liebe fängt an, wenn Cash mal seinen Auftritt hatte. Sind wir imstande selbst unseren Cash zu lieben, brauchen wir niemanden mehr, der ihn stattdessen liebt. Cash muss sich dann nicht mehr verstecken und muss auch keine Angst mehr haben, dass er irgendwann auffliegt und Johnny alles vermasselt. Sie können Hand in Hand kommen und Johnny kann sich mal von seiner schlechtesten und Cash von seiner besten Seite zeigen. Sie treten dann auf als Johnny Cash.

"Ich liebe nur dich" hat dann ausgedient und wird zu "Ich liebe was ist".
Alles, was wir in unserem Inneren und für uns selbst schaffen, tragen wir in die äußere Welt. Schaffen wir es uns selbst als Einheit von niederen und höheren Anteilen zu akzeptieren, kommt uns das entgegen.
Es erfordert mehr Mut der Held im Abenteuer unseres eigenen Lebens zu werden und uns dem zu stellen, was in uns ist, als in viereckigen Kästchen den virtuellen Helden zum Sieg zu steuern.

Die wahren Abenteuer sind in dir, entdecke sie.

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Eine Zusammenfassung zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Dämonenloch".





Mittwoch, 16. Januar 2013

Plätze finden um sie wieder zu verlassen


Letztes Jahr saß ich in unserem Garten und überlegte, warum das Stückchen Erde, auf dem ich sitze, jemandem gehört. Wer eigentlich kam auf die Idee die Erdoberfläche zu verkaufen, sie als Besitz auszurufen? Gehört die Erde nicht uns allen? Nomadenvölker nutzen eine zeitlang den Boden, auf dem sie sich aufhalten und dann ziehen sie weiter, damit sich die Erde wieder erholen kann.
Sehr erstaunt war ich, als mir eine Freundin erzählte, dass sie für ihr verstorbenes Patenkind einen Stern kaufte, der nun seinen Namen trägt und mit bloßem Auge nachts am Himmel zu erkennen ist. Das sitzt er nun, der kleine Mann, und sieht zu uns herunter, von dem Stern, der so heißt wie er. Ob man ihm damit einen Gefallen getan hat? Wem gehören die Sterne und wer kommt auf die Idee sie zu verkaufen? Gibt es nun schon einen Ausverkauf des Universums? Ist es wichtig, dass wir einen Besitz für unsere Seele haben, wenn unser Körper auf der Erde alles hinter sich lassen muss? Müssen wir uns bald nicht nur einen Platz im Altersheim sichern, sondern auch einen für danach? Um uns sicher zu fühlen? Aufgehoben? Und jede Seele sitzt einsam auf ihrem Stern, der nicht einmal eine Blume beherbergen kann, da auf Sonnen nun mal kein Leben exisitiert.
Früher gab es Könige, denen gehörte ein Reich, das sie unter Fürsten und anderen Gefolgsleuten aufteilten, die es an Lehnsmänner für ihre Dienste abgaben, die das Land an Bauern verpachteten. Ich bin ein moderner Bauer, der ein Stückchen Land gepachtet hat um darauf zu leben und von unserem Erwirtschafteten einen verlangten Satz an den Eigentümer des Stückchens Erde bezahle, damit ich darauf leben darf. Letztendlich gehört es weder mir, noch ihm, denn wenn ein Meteorit darauffällt oder sich die Erde auftut und dort, wo das Haus steht, ein Krater geboren wird, gehört dieses Stück Land wieder der Erde und der Natur. Sie kann es sich jederzeit zurückholen, wenn sie möchte. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber zeigt doch, dass uns letztendlich gar nichts gehört. Wir sind alle nur Gäste auf diesem Planeten. Wir kommen und wir gehen wieder.
Woher kommt dieses menschliche Bedürfnis nach einem Platz, der einem gehört und den man verteidigt, sollte ein anderer ihn uns streitig machen? Versprechen uns solche Plätze Sicherheit?

Auf meinem letzten Karateseminar sprach der argentinische Sensei darüber, dass unsere Grundstellung, aus der jede Technik ausgeführt wird, "home" ist. "Coming home, very important", dieser Satz ist mir im Gedächtnis geblieben. Home bedeutet Sicherheit, home bedeutet du bringst dich selbst immer wieder in Sicherheit, da du zurückgehst an deinen Ausgangspunkt, dort kannst du wieder ruhig werden, dort hast du die Übersicht, von dort aus kannst du angemessen reagieren, dort bringst du dich wieder in Balance. Das ist zuhause. Karate unterscheidet sich nicht vom Leben. Zu sich selbst zurückkommen, das ist home, das ist Heimat. Eine Heimat, die uns niemand nehmen kann.

Wir mögen unseren Platz mit Mauern umgeben und mit einem Zaun sichern, die wenigsten von uns werden an ein und demselben Platz geboren und beerdigt. Wir müssen sehr oft in unserem Leben weiterziehen. Nicht nur von äußeren Plätzen gilt es Abschied zu nehmen.
Ob man nun die Liebe für einen anderen Menschen verloren hat und ungläubig vor dem eigenen Gefühlsverlust steht oder einem das Herz gebrochen wird, weil der andere das Gefühl für einen verloren hat. Ob nun ein geliebter Mensch stirbt, wir unseren Arbeitsplatz verlieren, uns die Mietwohnung wegen Eigenbedarfs gekündigt wird oder der Kredit platzt. Wir verlieren unseren sicher geglaubten Platz. Und mit jedem Verlust versuchen wir uns mehr zu sichern. Wir besorgen uns die Waffe der zivilisierten Welt - einen Rechtsanwalt - und ziehen in den Kampf um unseren Platz zu  verteidigen. Wir bauen Mauern um unser Herz und legen Stacheldraht drumherum, so dass uns keiner mehr zu nahe kommen kann. Anstatt an die Tür zu gehen und den anderen freudig zu begrüßen und hereinzubitten, schauen wir heimlich und misstrauisch aus dem Fenster.

Unsere inneren Welten gleichen unseren äußeren Welten.

Nomaden haben ein freies Herz, das jederzeit darauf vertraut, dass ihm Mutter Erde und die Natur einen Unterschlupf gewähren. Sie finden immer einen Platz, da sie im Einklang mit allem sind, was ist. Sie müssen nichts verteidigen, weil ihnen alles gegeben wird. Sie besitzen nichts, was ihnen genommen werden könnte. Sie hängen nicht fest und sind überall zuhause. Alles ist für alle da.
Auch in unserer Gesellschaft gibt es noch innere Nomaden.
Sie beharren nicht auf ihrem Platz, weil sie sich selbst genügen und ihren Platz in sich gefunden haben. Sie geben und ihnen wird gegeben. Sie vertrauen, weil sie wissen, wenn das eine endet, dann beginnt das andere. Sie müssen nichts verteidigen, weil sie wissen, dass ihnen letztendlich nichts gehört. Weder ein Grundstück, noch ein Herz. Und mit diesem Wissen gehören sie sich selbst und sind frei.
Sie können die Dinge kommen und gehen lassen und die Veränderungen nehmen ohne allzu tiefen Schmerz zu empfinden. Sie sind Meister ihres Lebens.

Möge dieser Stamm sich vermehren.



Dienstag, 15. Januar 2013

Wasser ein Privatvergnügen?


Liebe Blogleser,

dass das zukünftig so sein wird, daran basteln seit längerem große Konzerne und die EU spielt mit. Möchtet ihr bald euer Geld in Aktienfonds anlegen, während Menschen in Europa verdursten, weil sie sich den Preis für Wasser nicht leisten können?
Informationen dazu findet ihr in einem 5-minütigen Beitrag von Monitor über den Beschluss der EU-Kommision die Wasserrechte zu privatisieren. Sollte das verwirklicht werden, könnte es langfristig zu erheblichen Preisanstiegen führen. In Portugal ist das bereits passiert und der Preisanstieg beträgt 400 Prozent, Wasser aus ehemals öffentlichen Brunnen darf nicht mehr getrunken werden. Berlin kauft seine privatisierten Anteile für teuer Geld zurück. Wasser könnte ein Exportgut werden und die Wasserqualität ist nicht mehr gängigen Maßstäben verpflichtet. Bis September werden 1 Million Unterschriften benötigt, mit der die Europäische Kommission zu einem Gesetzesvorschlag aufgefordert werden soll, der das Menschenrecht auf Wasser und sanitäre Grundversorgung entsprechend der Resolution der Vereinten Nationen durchsetzt und eine funktionierende Wasser- und Abwasserwirtschaft als existenzsichernde öffentliche Dienstleistung für alle Menschen gewährleistet.

Falls ihr Interesse habt, dass die Wasserversorgung, Verwaltung und Qualitätssicherung weiterhin in Händen von Städten und Kommunen bleibt und kein Gut wird, mit dem Konzerne spekulieren, dann bildet euch eure Meinung.

Sendung Monitor (5 Minuten) vom 13.12.2012 - Geheimoperation Wasser "Wie die EU-Kommission Wasser zur Handelsware machen will"

Homepage, unterstützt von europäischen Organisationen/Verbänden und Botschaftern, die dafür eintreten, dass Wasser und sanitäre Grundversorgung weiterhin ein Menschenrecht bleiben (das ist keine Initiative von Avaaz, sondern die Initiative eines Bürgerausschusses, bestehend aus sieben Personen aus sieben unterschiedlichen EU-Mitgliedstaaten).
Auf dieser Seite befindet sich ein Link zur Unterschrift für die geplante europäische Bürgerinitiative (148.870 bisherige Unterschriften zum Zeitpunkt dieser Beitragserstellung). Lasst euch nicht entmutigen, falls der Link zur Unterschrift nicht gleich funktioniert - runterfahren, neustarten, dann sollte es klappen.

Wasser ist Leben.

Wasser ist eine natürliche, wertvolle, nicht unerschöpfliche Ressource, die Leben erst ermöglicht. Wasser ist auch Demokratie und Demokratie heißt "Macht des Volkes" und nicht "Macht der Konzerne". Wir sind Bürger der EU und haben nicht nur Pflichten, sondern auch Rechte. Wir sollten diese gemeinsam wahrnehmen. Für unser aller Wohl.



Freitag, 11. Januar 2013

Du sollst dein Kind ehren

Der Beitrag, der in meinem Blog am häufigsten aufgerufen wird, ist der über "Verlassene Eltern".

Vor einigen Wochen war ich in einem Forum, in dem eine Teilnehmerin einen Thread mit der Überschrift "Ich wünschte ich hätte andere Eltern gehabt" eröffnete. Ein anderer Teilnehmer reagierte mit einem Schrei der Entrüstung. Was auch immer man an Problemen mit den Eltern hat, so etwas dürfe man auf gar keinen Fall äußern. Warum aber nicht äußern, wenn dieser Wunsch da ist? Meine Erfahrung ist die, dass viele meiner Generation mit den eigenen Eltern hadern und das Eingeständnis eines solchen Wunsches bietet die Möglichkeit, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Warum wünsche oder wünschte ich mir andere Eltern? An was hat es gefehlt und wo war es vielleicht zu viel? Diese Fragen führen oft zu den noch immer aktiven Sehnsüchten in uns, die nicht erfüllt wurden. Wir alle möchten geliebt und akzeptiert werden. In einer Leistungsgesellschaft wird das oft durch das Erbringen einer Leistung erreicht, die in der Gesellschaft gerade hoch im Kurs steht. Da wir keiner Gesellschaft angehören, die spirituellen Wachstum honoriert, ist es der Abschluss eines BWL- oder Jurastudiums, da dieser Aussicht auf Karriere und Geld verspricht und ein hohes Einkommen bringt Ansehen. Dem Kind und den Eltern. Was aber, wenn ich nun einen der heißbegehrten Plätze für ein duales Studium einer großen Firma ergattert habe, meine Eltern damit sehr stolz mache, mich selber aber tief unglücklich? Weil ich lieber Hebamme geworden wäre? Oder Mönch?
Was wir uns wirklich wünschen ist, dass wir nicht geliebt werden für das, was wir tun, sondern für das, was wir sind. Wir möchten geliebt werden ohne verglichen zu werden, ohne dass ein Maßstab an uns angelegt wird, den wir erreichen sollen, ohne den Rahmen ausfüllen zu müssen, der uns angelegt wurde.
Und wer anderes kann das tun als die eigenen Eltern?
Kein Erzieher, kein Lehrer, kein Chef liebt uns für das, was wir sind, sondern für das, was wir tun. Sind wir engagiert und doch zurückhaltend, leistungsbereit und beherrscht, gepflegt, aufmerksam und respektvoll, erbringen wir gute Noten und erzielen wir materielle Gewinne, dann passt das.
Eltern aber, wenigstens die, sollten uns dafür lieben, wer wir sind. Wenigsten sie sollten uns lieben ohne Bedingungen zu stellen. Wenigstens sie sollten uns nicht über unsere Leistungen definieren, sondern über das, was wir in unserem tiefsten Inneren sind. Auch wenn wir das selbst nicht so genau wissen. Sie könnten es wissen und spüren. Schließlich sind sie unsere Eltern.
Hinter diesem Wunsch liegt ein tiefes, ungestilltes, kindliches Bedürfnis "Sieh mich, liebe mich, nimm mich wie ich bin".

In meinem Beitrag über die Schwierigkeiten meiner Generation mit den eigenen Eltern schrieb ich bereits über die tiefe Loyalität, die uns förmlich zerreißt, wenn wir unsere Elternprobleme angehen. Schauen wir genau hin, sind wir voller Vorwurf, voller Enttäuschung und doch immer voller Sehnsucht nach dieser bedingungslosen Liebe. Ich las einmal, dass Vorwürfe verdorbene Wünsche sind. Verdorbenes stinkt und es vergiftet, wenn wir es in uns lassen. Unerfüllte Wünsche können uns ein Leben lang begleiten und aktivieren immer wieder das enttäuschte Kind in uns. Es gilt sich dieses Kindes anzunehmen in der Form, wie wir es uns immer von unseren Eltern wünschten. Diesem Kind in uns den Raum für seine Wut zu geben, wo es einmal herausschreien kann, dass es sich andere Eltern wünscht. Das Gift herausfließen lassen. Es gilt sich selbst gegenüber loyal zu sein. Wir wurden mit der Regel erzogen "Du sollst Vater und Mutter ehren", für mich fehlt die Regel "Du sollst dein Kind ehren", denn Kinder, die die Erfahrung gemacht haben, was es heißt einem anderen seine Würde zu lassen, die aufmerksam und respektvoll behandelt wurden, die geachtet und geehrt wurden, haben gelernt das auch zu tun. Kinder hören nicht auf das, was man ihnen sagt, sie machen nach, was ihnen vorgemacht wird. Sie sind keine Theoretiker, sie sind Praktiker. Nicht das Wort, sondern die Tat zählt. Erziehung aus Worten ist reine Konditionierung, die anerlernt wurde, aber nicht erfahren. Sie ist reines Befolgen, oft aus Androhung vor Strafe. Dazu gehört auch Liebesentzug in Form von Schweigen, wenn das Kind nicht tut, was es tun soll. Misshandlung in Form von Strafe muss nicht immer körperlich sein, auch emotionaler Missbrauch hinterlässt Verletzungen. Körperlicher Strafvollzug ist direkt, emotionaler Strafvollzug subtil. Beides hinterlässt Wunden.

Um diese fehlende Erfahrung nachzuholen, müssen wir unserem inneren Kind genau das geben, was es vermisste. Nicht unsere Eltern sind dafür zuständig, sondern wir selbst. Und das heißt uns zu lieben ohne Bedingung. Wenn dieses Kind in seiner Enttäuschung toben will, lass es toben. Beschränke es nicht wieder in Art deiner Eltern, mit erhobenem Zeigefinger und den Worten "Das darfst du nicht, das schickt sich nicht, das ist sehr böse und es macht mich traurig", denn damit schickst du es wieder in die Einsamkeit. Sag ihm "Du darfst und du darfst alles und ich bin da und pass auf dich auf". Lass es toben, danach kehrt Ruhe ein. Der entladenen Wut folgen oft Tränen. Das ist ein gutes Zeichen.
Wer solch eine Bemerkung "Ich wünschte ich hätte andere Eltern gehabt" als Blasphemie an den Eltern hält, der übt Blasphemie an sich selbst aus. Der hat sich selbst noch nicht herausgeholt aus seiner Sehnsucht und seinen Wünschen und wird eine Beziehung eingehen, in der er vom Partner das erwartet, was die Eltern nicht geben konnten. In einer Weiterentwicklung vom frustrierten Kind zum frustrierten Erwachsenen soll der Partner dann den Revoluzzer lieben, der sich gegen alles stellt, den Frustrierten, der sich am Wochenende volllaufen lässt und frühmorgens betrunken nach Hause kommt, den einsamen Wolf, der seiner Sexsucht nachgehen muss, den Minderwertigen, der innerhalb kürzester Zeit aus jedem Job aussteigt, weil alle anderen böse sind, die Unausgeglichene, die alles persönlich nimmt und rumzickt, die Gelangweilte, die stundenlang rumzappt und sich jede noch so miese Soap und gefakte Talkshow ansieht um ihren Selbstwert zu heben, den ewig Sehnsüchtigen, der keine Beziehung halten kann, weil er dem Verliebheitskick hinterherrennt, die Verantwortungslose, die gewissenlos abtreibt, damit nichts ihrem Fun im Weg steht, den Bestätigungssüchtigen, der am härtesten von allen arbeitet und in jedem Büro das Licht ausmacht.

Diese Anteile sind in vielen von uns, egal ob Mann oder Frau und so lange sie in dieser Form in uns sind, sind wir nicht raus aus unserer Pubertät. Wer erwachsen werden will, muss das Kind in sich ehren. Ohne Bedingungen. Es gilt uns selbst zu überzeugen mit dem, was wir tun. Und das erreichen wir nicht, indem wir in Selbstmitleid und Vorwürfen verharren, sondern indem wir Verantwortung für unser eigenes Leben übernehmen. Indem wir uns Selbstbefriedigung angedeihen lassen, was nichts anderes heißt, als uns selbst zu befrieden. Kein anderer kann das tun außer jeder von uns für sich selbst. Denn wir sind die Gesellschaft, jeder einzelne von uns. Ich und auch du. Jetzt.

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Weitere Beiträge zum Thema "Brief einer Mutter an ihren Sohn", "Band ums Herz".

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Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Verlassene Eltern und Kinder - Traumatisierte Familien". 


Mittwoch, 9. Januar 2013

Der Wert eines Lebens - geschlechtsspezifisch bedingt?


In den Tagen vor Weihnachten, unserem Fest des Friedens, ging die Nachricht um die Welt, dass in Indien eine junge Studentin von sechs Männern in einem Bus vergewaltigt, gefoltert und anschließend nackt aus dem Bus geworfen wurde. Sie starb an ihren inneren Verletzungen.
Der Ruf nach einer schärferen Gesetzgebung und Aufklärungskampagnen wurde laut. Gesetze sind wichtig, da sie den Menschen sagen, was richtig und was falsch ist, weil sie einen Tatbestand definieren und durch die Androhung von Strafe etwas als strafbar deklarieren. In einer Gesellschaft, in der Mädchen bereits als Babies aufgrund ihres Geschlechts umgebracht werden, müssten wohl Gesetze geschaffen werden, die ihnen ein Recht auf Leben von Anfang an gewähren. Was aber geht in den Köpfen der Eltern vor, die ein Mädchen nach wie vor als minderwertig sehen? Wie werden sie dieses Mädchen, dessen Tötung strafbar ist, aufziehen? Gesetze können verhindern, dass minütlich Mädchen und Frauen mit dem Einverständnis der Gesellschaft Gewalt angetan wird, aber können Gesetze die Einstellung eines ganzen Volkes verändern?
Was muss getan werden, damit ein Vergewaltiger seine Sichtweise, die junge Frau wäre selber schuld gewesen, da sie sich (im Beisein ihres Verlobten) verweigerte, grundlegend ändert? Was erwartet eine Gesellschaft von einer Frau, deren Männer so eine Sichtweise haben?

Dazu ein im In- und Ausland prominenter, spiritueller Hindu-Guru:
Hätte sie Gottes Namen gerufen, hätte sie die Angreifer "meine Brüder" genannt, ihre Beine umklammert und gesagt "ich bin eine hilflose Frau, ihr seid meine Glaubensbrüder", dann wäre das nicht passiert.
Seine Sprecherin (eine Frau) wies Forderungen nach einer Entschuldigung zurück und meinte:
Er sagte nur, dass ein heiliges Mantra schützt, wenn man es in Zeiten der Gefahr singt. Sie hätte vielleicht einen diplomatischen Weg aus der Lage finden können. Er sagte nur, dass sie 0,1 Prozent verantwortlich für den Fall sei, indem sie in den Bus stieg.
Wenn dich in Indien sechs Männer in einem Bus vergewaltigen wollen, werf dich auf die Knie und singe ein heiliges Mantra. Besser ist es, wenn du erst gar nicht in den Bus steigst. Ist das die Lösung, die Opfer von Vergewaltigungen mit an die Hand gegeben wird?
Vielleicht ist es besser, frau wird erst gar nicht geboren oder gleich nach der Geburt getötet, sonst ist frau selbst dran schuld, wenn ihr Böses widerfährt? So wie dem siebenjährigen Mädchen, das am Wochenende darauf vergewaltigt und ermordet wurde? Es hat wahrscheinlich auch kein heiliges Mantra gesungen.
Gesetze können schützen und beschützen. Was wirklich nötig ist, um grundlegende Veränderungen herbeizuführen, ist eine Veränderung im Bewusstsein der ganzen Gesellschaft und das sind Männer und Frauen, denn so lange Frauen sich dazu hergeben ihre Töchter zu töten oder ihre Schwiegertöchter anzuzünden, fehlt es überall an Wertschätzung des weiblichen Geschlechts.
Was geht in einer Frau vor, die ihre Tochter tötet und ihr das Recht auf Leben nimmt, weil sie als minderwertig gilt? Wer hat dieser Frau das Recht auf Leben gegeben? Und wer gibt Menschen das Recht andere zu töten, sei es, dass sie die falsche Hautfarbe haben, die falsche Religion oder das falsche Geschlecht? Die falschen Geschlechtschromosomen sind nicht nur in Indien oft tödlich, sondern auch bei uns in Europa, auf dem Balkan und - ja - in einem sauberen skandinavischen Land, wo Mädchen abgetrieben werden, weil auch bei uns noch immer männliche Stammhalter bevorzugt werden. Und wenn schon Kind, dann halt doch lieber Sohn. Was geht da vor in den Köpfen?

Was mich berührt sind Bilder von indischen Frauen, die sich sammeln und handgeschriebene Tafeln mit sich tragen, auf denen sie für das Ende von Gewaltübergiffen an Frauen plädieren. Wenn Großmütter, Mütter, Töchter und Enkelinnen sich in dem Bewusstsein versammeln, dass Frauen einen Wert haben, dann ist das ein Anfang. Und vielleicht versammeln sich eines Tages die Großväter, Väter, Ehemänner, Brüder und Söhne dieser Frauen, mit Schildern auf denen steht, dass dieser Wert schützenswert ist.
Weil jedes Leben wertvoll ist.


Mittwoch, 2. Januar 2013