Donnerstag, 30. Oktober 2014

Ein Blogger-Märchen zur Vorweihnachtszeit

Da gab es mal einen Studenten der Geologie an der Bergakademie in Freiberg.
Um sich von seiner 500 Seiten starken Diplomarbeit abzulenken, fing er an Brot zu backen. Chaotische Zettelkästen waren ihm ein Greuel und so sammelte er seine Rezepte schön ordentlich auf einer Internetseite. Der in ihm steckende Wissenschaftler begann mit Teig zu experimentieren und seine Versuche zu dokumentieren. Das interessierte auch andere Brotbäcker und so sammelte er eine schöne Fangemeinde an. Er entwickelte sich zum Brotbäckerratgeber und irgendwann wurde er gebeten Kurse zu halten.
Der Geowissenschaftler entschied, dass er sich fortan dem professionellen Brot-Coaching widmet und lebt heute in einem Häuschen im erzgebirgischen Sehmatal mit Frau und Kindern. Dort bäckt er Brot und Brot, zur Zeit auch Stollen, den sein eigens ausgetüfteltes Mehlkochstück noch saftiger macht, Dazwischen gibt er Kurse in Berlin, Frankfurt und Wien, vielleicht auch bald in Amerika und Asien. Weil Verlage inzwischen unter Bloggern nach Talenten suchen, die sich für Buchveröffentlichungen eignen, brachte der Brotwissenschaftler 2013 ein ausgezeichnetes Brotbackbuch mit Auszeichnung heraus.

All das könnt ihr nachlesen unter www.ploetzblog.de. Ein wirklich liebevoller, fundierter Brot- und Backblog.
Das Rezept zum unten abgebildeten erzgebirgischen Stollen findet ihr unter www.ploetzblog.de/stollen.
Jetzt kann Weihnachten kommen!


Dienstag, 28. Oktober 2014

Kontaktabbruch - Leserbrief eines verlassenen Vaters

Ich danke meinem Leser, Herrn H.H., ganz herzlich für sein Schreiben und das Einverständnis zur Veröffentlichung seiner Geschichte. Danke - für mehr Verständnis zum Thema "Verlassene Eltern und Kinder".
Den Brief findet ihr hier auf meiner Homepage.

Montag, 27. Oktober 2014

Wenn ich mal groß bin...

werde ich Lebenskünstler!




25.000

25.000 Seitenaufrufe.
Ich danke allen meinen Lesern und wünsche euch schöne kurze Tage nach der Zeitumstellung.

Euer Gedankenstreuner


Dienstag, 21. Oktober 2014

Teilzeitgefängnis meiner Kindheit und Plätze, an denen die Welt in Ordnung ist

Von meinem 3. bis zu meinem 6. Lebensjahr verbrachte ich 5 Tage die Woche und damit den Großteil meiner Zeit an einem Ort, den ich heute "Teilzeitgefängnis meiner Kindheit" nenne.
Es war ein Ort, an dem morgens zwischen 8 und 9 Uhr Kinder abgegeben wurden, um sie spätnachmittags gegen 17 Uhr wieder abzuholen.
Das Teilzeitgefängnis meiner Kindheit bestand aus sieben Räumen unterschiedlicher Größe.
Im kleinsten Raum befand sich eine Pforte, aus der heraus überwacht wurde, ob auch die richtigen Personen kommen und gehen. Von der Pforte aus hatte man Ausblick auf den Raum, in dem die Kinder nachmittags in ihren Mänteln und Jacken auf Abholung warteten. Hatte man die Schleuse passiert, kam man in einen Raum, der sich Garderobe nannte. Dort wurden Kleidungsstücke abgelegt, die man während des Aufenthalts im Teilzeitgefängnis nicht benötigte. In einem weiteren Raum wurde das Mittagessen eingenommen. Das kam jeden Tag in einem großen Behälter. Tische und Stühle wurden von den Insassen aufgestellt, die Tische wurden gedeckt und das Essen ausgetragen. Nach dem Essen wurde abgetragen, gespült und abgetrocknet. Im größten Raum wurde gespielt, gemalt und geschlafen. Eine der Wände nahm in der gesamten Länge ein Schrank ein, in dem ca. 40 Mini-Feldbetten untergebracht waren. Diese wurden nach dem Essen von den Insassen feinsäuberlich in Reih und Glied aufgestellt und unter kratzigen Wolldecken gab es eine Zwangspause, die "Mittagsschlaf" genannt wurde. In einem weiteren Raum waren zwei Waschbecken und drei Toiletten untergebracht. Dies war der mit Abstand ungemütlichste Raum, da Sommer wie Winter das Fenster offenstand. Und dann gab es noch einen von vier Mauern begrenzten "Hof". In diesem Hof stand in einem Sandkasten ein Eisengerüst in Form eines Elefanten. Der Elefant war wohl einmal bunt angemalt gewesen. Als meine Augen auf ihn fielen, hatte er zwischen Ringen von gelb, rot und blau zum größten Teil die Farbe von Rost angenommen. Er sah traurig, einsam und verloren aus zwischen all dem Beton. Der Hof war der Raum, den wir so gut wie nie aufsuchten, denn der Aufenthalt widersprach der Regel "Mach dich nicht schmutzig!"
Im Teilzeitgefängnis meiner Kindheit gab es viele Regeln und Gebote, meistens Verbote. Für die Nichteinhaltung der Regeln waren Strafen angesetzt.
Eine der Regeln hieß "Das Mitbringen von Süßigkeiten ist strengstens verboten". Wurden bei jemandem Süßigkeiten entdeckt, wurden diese von den Wärterinnen an sich genommen. Die Strafe bestand darin, dass die Wärterinnen sie während der Mittagspause der Insassen aufaßen.
Eine andere Regel besagte "Während der Mittagsruhe ist absolute Ruhe einzuhalten!" Wurde jemand dabei ertappt, dass er nicht schlief und sich mit seinem Bettnachbar austauschte, musste er den Rest der Mittagsruhe auf dem kalten Klo verbringen. Bei schweren Zuwiderhandlungen, darunter zählten Wutausbrüche, wurde er in eine der Klozellen eingeschlossen.
Und eine weitere Regel war "Alles was auf deinem Teller ist, wird aufgegessen!".
Als Kind verspürte ich eine große Abneigung auf gekochte Pilze. Sowohl die schleimige Konsistenz, wie auch die gräuliche Farbe und die Angst davor, dass ein Pilzunkundiger einen Giftpilz nicht erkannt hatte, ließen mich dieses Gericht ablehnen.
Im Teilzeitgefängnis meiner Kindheit zählten diese Argumente nicht. Was auf dem Teller war, wurde gegessen. Eines Tages gab es Pilzsuppe, ich kannte die Regel und zwang mich dazu das Gericht zu löffeln. Als ich es fast geschafft hatte, bekam der Würgereiz, der mich befallen hatte, Oberhand und das mühsam Gelöffelte ergoss sich wieder auf den Teller, vor dem ich nun stumm saß. Als eine der Wärterinnen das Erbrochene entdeckte, setzte sie mich resolut auf ihren Schoß, fixierte meine beiden Arme mit ihrem linken Arm, wobei sie es schaffte mir mit der Hand den Kiefer auf- und zuzuklappen, während sie mir mit der anderen das verschmähte Essen löffelte. Erneute Würgereflexe wurden kommentiert mit "Du isst das auf und wenn ich den ganzen Tag mit dir hier sitze".
Böse Zungen könnten behaupten im Teilzeitgefängnis wurde gefoltert. Dabei trug es den schönen Namen "Katholischer Kindergarten". Katholisch war die Nonne, die zwischen den Wärterinnen lächelte, Kinder gab es viele, von einem Garten keine Spur.
Glücklicherweise fehlte im Teilzeitgefängnis das Gebot "Du musst spielen!" und so verbrachte ich viel Zeit am Fenster zum Hof. Über den Mauern gab es ein Viereck von stetiger Veränderung, mal war es blau, mal grau, manchmal flogen weiße Wolken darüber, manchmal schwarze und zwischendurch Vögel. Manchmal fielen dicke Tropfen herab, die den Hof in eine große Pfütze verwandelten, manchmal fielen goldene Strahlen an die Wände. Ich stand dort und beobachtete das Spiel. Manchmal, wenn das Viereck nur blau oder grau blieb, versuchte ich Löcher hineinzustarren, um zu sehen, was dahinter ist.
Freundliche Zungen könnten behaupten, man hat mich frühzeitig der Meditation nahe gebracht.
Mein bester Freund war der rostige Elefant, der wie ich zwischen Mauern ein Dasein fristete, das keinesfalls seiner Bestimmung entsprach. Wir erzählten uns gegenseitig Geschichten von Plätzen, an denen wir sein sollten.
Ich sah den Elefant mit seiner Familie in ganz viel Grün, er fraß frische Zweige von Bäumen und trank an einem Wasserloch. Die Sonne brannte auf seine Haut und er fühlte sich lebendig. Der Elefant lächelte.
Und ich erzählte ihm stumm von dem Ort, an dem ich sein sollte.
Der Ort meiner Bestimmung war ein großer Garten. Unter einem Busch hing eine Schaukel und ich durfte so oft und ausgiebig schaukeln, wie ich wollte. Meine Oma, die der Bilderbuchoma nicht unähnlich war, zeigte mir wie man sät, pflanzt, gießt und pflegt. Sie lehrte mich viel und schimpfte nie, wenn mir ein Fehler unterlief. Gemeinsam sahen wir zu, wie alles wuchs und gedieh. Wir hatten Riesenbohnen, die in den Himmel wuchsen und an denen man in die Himmelslöcher und drüber hinaus klettern konnte. Es gab eine große, unendlich wirkende Wiese, über die ich barfuß rannte bis ich nicht mehr konnte, einen Hang, den ich mich runterkullern ließ und einen Bach, in dem ich meine Füße kühlte.
Wenn wir müde waren, gingen wir ins Haus. Im Haus meiner Großmutter brannte immer ein heimeliges Feuer. Es gab Kakao und Plätzchen. Oma saß in ihrem Omasessel und ich zu ihren Füßen. Sie erzählte mir Geschichten. Wir brauchten keine Bücher, denn Großmutter hatte unendlich viele Geschichten auf Lager.
Eine dieser Geschichten handelte von einem kleinen Mädchen, das eingesperrt zwischen Mauern an einem Fenster steht, Löcher in den Himmel starrt und einen rostigen Elefant zum Freund hat.
Ich kuschelte mich an das Bein meiner Großmutter, genoss die Wärme des Feuers auf meinem Gesicht und die des Kakaos in meinem Bauch. Ich lächelte.

 


Montag, 6. Oktober 2014

Brief einer Tochter an ihre Mutter

Liebe Mutter,

7 Jahre ist es nun her. Damals hatten wir telefoniert und ich habe Dir gesagt, dass Du Deine Sachen so machen sollst, wie Du es für richtig hältst – und dass ich meine Sachen so machen werde, wie ich es für richtig halte. Seitdem ist viel Zeit vergangen, viele Erfahrungen hat jeder von uns gemacht, die Kinder sind größer und älter geworden, jeder hat sich auf seine Art und Weise entwickelt. 

Ich bin dankbar, dass Du mich geboren hast. Durch Dich (und Papa) bin ich auf der Welt und darf sein. Vielen Dank für die guten Dinge, die Du mir gegeben und mitgegeben hast. Auch wenn ich – wie ich heute weiß – lange eine andere, vielleicht zu große Erwartungshaltung an Dich hatte, mir etwas anderes von Dir gewünscht habe, soll es nun gut sein. Du hast Dich so entwickelt, weil das Leben Dich so geprägt hat. Kein Vater, der Tod Deiner Mutter, Vertreibung und Flucht, die Trennung von Großmutter und Bruder, Aufwachsen in Pflegefamilien. Wurzellos, aber mit starkem Willen, der es uns unter anderem ermöglichte von N. nach E. zu ziehen. Und damit in einer Umgebung aufzuwachsen, die es mir ermöglichte mich zu dem Menschen zu entwickeln, der ich heute bin. 

Du konntest mir oft nicht das geben, was ich gerne gehabt hätte. Und ich konnte Dir auch nicht das geben, was Du Dir von einer Tochter gewünscht hast. Jede von uns beiden hat ihren ganz eigenen Blick auf die Dinge. Das werden wir nicht mehr ausräumen, das können wir nur annehmen und stehen lassen. So wie wir uns gegenseitig nur stehen lassen und respektieren können. Auch wenn wir nicht alles gut heißen und nicht immer alles verstehen. Du bist meine Mutter, ich bin Deine Tochter. 

Natürlich wünschte ich mir eine vertrauensvolle Beziehung, bedingungslose Akzeptanz, das Aufgehobensein in einer harmonischen Familie. Das konnte unsere Familie nicht leisten. Dazu waren die „Päckchen“, die jeder – Du als auch Papa – tragen musste zu groß. Jeder konnte nur sich selber versuchen zu halten. Aber ich denke, Du bist Deinen Weg ganz gut gegangen und ich meinen auch.

Ich wünsche Dir einen schönen Geburtstag und eine schöne Feier. Und ich wünsche mir für uns beide und für die Menschen, die uns am Herzen liegen, dass wir einander in Zukunft ohne Vorbehalte begegnen können.

Deine Tochter

***

Dieser Beitrag ist Bestandteil des Themas "Traumatisierte Familien / Kontaktabbruch - Verlassene Eltern und Kinder", den Sie auf meiner Homepage finden. 



Sonntag, 5. Oktober 2014

Junge Frau, lächeln, die Sonne scheint!

Letzte Woche fuhr ich unser Auto zum elektronisch angeordneten Kundendienst.
Auf dem Weg von der Werkstatt zum Büro fiel meine Wahl auf eine Straße, die ich zwar manchmal mit dem Fahrrad abfahre, aber selten zu Fuß gehe. Meine Aufmerksamkeit war auf die Hauseingänge und Fassadenschilder gerichtet. In einiger Entfernung stand ein Mann Mitte sechzig vor einer Kneipe. Dem Habitus nach der Wirt persönlich. Er trug lange Haare und einen Bauch, wirkte übernächtigt, vielleicht auch verkatert und rauchte. Sein Blick fixierte sich auf mich. Als ich an ihm vorbeigegangen war, rief er mir nicht unbedingt freundlich hinterher "Junge Frau, lächeln, die Sonne scheint!".
Einen kurzen Moment lang wollte ich reagieren, aber mein Kopf war an diesem Tag gelähmt von einer Erkältung und damit auch meine Schlagfertigkeit.
Stattdessen zog ein Bild vor mir auf.
Eine übergewichtige Frau Mitte sechzig steht vor ihrem Etablissement. Die Haare hängen ihr strähnig in das von einer kurzen Nacht gezeichnete Gesicht. Im Mundwinkel hängt eine Zigarette. Sie fixiert einen 15 Jahre jüngeren Mann, der die Straße entlang geht, und versucht seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Als ihr das misslingt, ruft sie ihm höhnisch hinterher "Junger Mann, lächeln, die Sonne scheint!".

Wie würde der Mann reagieren?
Würde er sich belästigt fühlen?
Würde er sich ärgern?
Würde er sich umdrehen und rufen "Alte Schabracke, lächel selber!"?
Würde er denken "Wenn das Scheinen der Sonne ein Grund ist zu lächeln, ist dann das Fehlen des Sonnenscheins ein Grund dafür nicht zu lächeln?"?
Würde er einfach weitergehen und in sich hineinlächeln?

Was würde mir am meisten imponieren?
Ich wählte die letzte Variante.

Donnerstag, 2. Oktober 2014

Idylle


                                          Heute in einem Park mitten in unserer Stadt.

Mittwoch, 1. Oktober 2014