Sonntag, 31. August 2014

Sommerimpression

Warum hört der Sommer Mitte August auf, während wir alle denken, dass mit Beginn der Sommerferien der Sommer erst beginnt? Eine Runde Mitleid für alle daheimgebliebenen Schulkinder und für alle anderen finde ich es auch schade. Da bleibt nur die Erinnerung an wärmere Zeiten und das Auspacken von allen verfügbaren Kerzen.


Freitag, 29. August 2014

Montag, 25. August 2014

Altenheime

Kennt ihr diese Plazas in südlichen Dörfern? Ein Platz mit Platanen, umringt von Kafenions, in deren Schatten Cafe getrunken und Tavli gespielt wird? Dort versammeln sich gerne die alten Männer des Dorfes, politisieren, streiten, spielen. An solch einem Ort waren wir dieses Jahr. Im Landesinneren gelegen, die Jugend ausgewandert um Geld zu verdienen. Der kleine Hauptplatz, an dem keiner vorbeikommt, der in den Ort möchte, wurde bevölkert von acht alten Männern, die nebeneinander auf einer Bank saßen. Wir setzten uns in das Cafe gegenüber und beobachteten sie, so wie sie uns beobachteten. Sie diskutierten lautstark und gestikulierend, stritten sich, gingen auseinander und kamen wieder zusammen. Unser Spitzname für sie war "das Altenheim".
Das griechische Altenheim gefiel mir besser als die Altenheime, die ich bisher in unserer Stadt besucht habe. Bisher ...

Heute verbrachten wir seit langer Zeit wieder einmal unsere Mittagspause im wunderschönen Botanischen Garten.
Dort gibt es ein Seerosenbecken und das zieht mich magisch an.
Auf einer der Bänke, die um das Becken stehen, saß ein altes Paar. Der Mann war leicht zusammengesunken und schlummerte selig an der Schulter seiner Frau. Dieses Bild zog mich in seinen Bann und ich musste mich umdrehen. Mein Lächeln spiegelte sich auf dem Gesicht der Frau. Unser Lächeln traf sich und ihres sagte, dass sie sich ganz ruhig verhält um seinen Schlaf nicht zu stören. Es war ein warmes, freundliches Lächeln.

Auf einem Klappstuhl saß ein älterer Herr mit einer Wasserflasche. Er beobachtete wie wir uns über einen Frosch amüsierten, der zwischen zwei Seerosenblätter schlüpfte und nur seinen Kopf mit den goldenen Augen zeigte. Der Herr stand auf und sprach uns an. Unter all den Seerosen gibt es eine wirkliche Besonderheit. Er erklärte uns das Zentrale System der Wasserpflanze, die alles steuert. Heute war das System sichtbar und man konnte die Stränge sehen, die mit den Blättern verbunden waren. Er meinte, dass er diese Pflanze in Brasilien in natura gesehen hat und dass sie genau weiß, wo sie ein neues Blatt "hinschicken" kann. Und dass die Blüte über Nacht aufgegangen ist und nur einen einzigen Tag blüht. Wir hatten also Glück heute eine dieser Blüten bestaunen zu dürfen. Der Herr wirkte ein bisschen einsam und sagte, dass er jeden Tag mit dem Rad in den Garten fährt, weil er nur noch unter Schmerzen laufen kann. Im Garten setzt er sich auf einen Stuhl und nimmt auf, was ihm in seiner Wohnung fehlt. Mein letztes Stück Mandelkuchen nahm er dankbar und erfreut an.
Heute ist ein schöner Tag!




Donnerstag, 21. August 2014

Abschied von einem Freund

Er sieht fast aus wie eine Palme vor Strandbungalows.

Aber es ist die Fichte, die ich viele Jahre von unserem Schlafzimmerfenster aus gesehen habe. Es ist der Baum, an dessen Zweige ich im Winter sehen konnte, ob es geschneit hat. Jedes Jahr im März weckte mich um 5 Uhr morgens einer der zurückgekehrten Singvögel mit einem Lied. Im Jahr unseres Einzugs schaute ich zu ihm auf, wenn ich nachts auf der Eingangstreppe sitzend meine Gute-Nacht-Zigarette rauchte.
Fast jedes Haus in unserer Straße wird von einem Riesen dieser Art bewacht. Vor 2 Wochen gab es einen heftigen Sturm. Der Wald hinter unserem Haus war gerade frisch aufgeräumt, als der Wind die Bäume wie Mikadostäbe durcheinanderwarf. Die halbstündige Joggingrunde wurde zu einem zweistündigen Abenteuer. Es gab keinen Weg mehr, nur noch kreuz- und querliegende Bäume, auf denen wir balancierten, dazwischen kleine Sümpfe, in denen sich das Wasser gesammelt hatte.
Vielleicht sieht man den Bewacher nun nicht mehr als Beschützer, sondern als Gefahr. Es wird nur noch 1- oder 2 Stunden dauern, dann hat unsere Straße einen Riesen weniger. Und ich einen Freund.
Danke für das vielfältige Leben, das du beherbergt hast und deine Freundschaft über all die Jahre, Baum!
Comes a time

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Dienstag, 12. August 2014

Die Bilderbuchoma und der Willy

Als ich noch Schülerin war, besuchte ich mit dem damaligen Prinzen sehr gerne die Bilderbuchoma.
Sie wohnte im Altmühltal. In einem großen, alten Haus, drumherum ein Garten mit Walnuss- und Apfelbaum, daneben ein Spargelfeld.
Die Bilderbuchoma kochte mir zur Begrüßung immer mein Lieblingsgericht, damals Grillhähnchen und sie zeigte mir wie man Apfelstrudel macht. Zur Spargelzeit mussten wir sehr früh aufstehen, um den Spargel zu stechen. Im Herbst saßen wir in der geräumigen, gekachelten Küche und pulten die Walnüsse aus ihrer Schale. Dazu lief der Klassikradiosender.
Abends schaute sie die Tagesschau. Ich saß immer ein bisschen hinter ihr, so konnte ich beobachten, wie sie sich fürchterlich aufregte. Wild gestikulierend beschimpfte sie alle Politiker. Danach erholte sie sich bei einem Gläschen Schnaps und einer Zigarre. So sehr sie sich über die Nachrichten aufregen konnte, so ruhig wurde sie beim Paffen. Wenn die Zigarre alle war, spielten wir Stadt-Land-Fluss oder Wörter zerdeppern. Das ist gut fürs Hirn, meinte sie.
Das Arbeitszimmer der Bilderbuchoma bestand aus Echt-Biedermeier, aber ihr Wohnzimmer war ein Sammelsurium aller Stilepochen, die sie durchlebt hatte. Ich liebte dieses Zimmer.
Wenn die Bilderbuchoma jemanden nicht mochte, und da gab es schon einige, konnte sie sehr gereizt reagieren. Glücklicherweise mochte sie mich und ich verehrte sie zutiefst.
Jedes ihrer Enkelkinder hatte ein eigenes Zimmer im großen Haus. Sie durften sich die Farbe für die Wände und die Möbel aussuchen. Da gab es ein gelb-blaues, ein grün-blaues und ein rot-braunes Zimmer. Ich wohnte am liebsten im rot-braunen Zimmer unter dem Dach. Vom kleinen Fenster blickte ich auf das gegenüberliegende Sägewerk, das sie mit ihrem Mann bis zu seinem Tod betrieben hatte. Ich liebte es am Fenster zu stehen und den Geruch von frisch gesägtem Holz einzusaugen, während mir der Philosophenprinz aus einem seiner vielen Bücher vorlas.
Der Prinz und ich warfen uns gerne verbotenerweise in die Sägespänekammer. Das war nicht ungefährlich, denn man konnte leicht am feinen Staub ersticken.
Bei der Bilderbuchoma durfte ich so oft und so lange baden wie ich wollte. Sie hatte ein geräumiges Bad mit einer großen Wanne und einem Diwan. Ich liebte es mich nach dem Bad mit ihrer Körperlotion einzucremen und so ihren Duft an mir zu tragen. Manchmal wickelte ich mich in ihren Bademantel, legte mich auf den Diwan und paffte eine imaginäre Zigarre.
Einmal zeigte sie mir ein Fotoalbum. Auf einem Foto stand sie da, mondän im dicken Pelzmantel und ondolierten Locken, daneben ihr stattlicher Mann. Sie erzählte mir, dass sie desöfteren gerne und ausgiebig in Gesellschaft feierten. Den Tag darauf tranken sie dann nur Milch. Gegen den Kater und für die Linie.
In der Umgebung gab es eine Kneipe mit Kleinkunstbühne. Der Prinz und ich tranken dort ganz gerne mal ein Bier. Eines abends trat dort der Münchner Stadtindianer Willy Michl auf. Willy war und ist ein Unikum. Er zählte zu den Liedermachern. Auf der LP, die der Prinz und ich uns teilten, hatte mein Lieblingslied folgenden Refrain:

Sitz di her,
sei mei Freind,
und trink mit mia aus oam Kruag,
und erzäj und verzäj,
wos't scho warst, auf der Wejt.

Diese Worte begleiten mich noch immer. Sie tauchen auf, wenn es an der Zeit ist sich auszuruhen, wenn ich eine Bank sehe, wenn ich mit einem Bierkrug anstoße, wenn mich ein Mensch und seine Geschichte interessieren.

Sitz di her, sei mei Freind  und trink mit mia aus oam Kruag ....


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Montag, 11. August 2014

Was wenn es die richtige Frau oder den richtigen Mann gar nicht gibt?

Es gibt Workshops, die da heißen "Man for a day".
Frauen in Männerkleidung üben sich in männlichen Verhaltensweisen. Das kann man auch als Mann machen und das Ganze findet man unter dem Begriff "Crossdressing".
Die Zeitschrift Chrismon veröffentlicht in ihrer Augustausgabe die Selbsterfahrung einer Journalistin mit dem Titel "Mann, tut das gut".
Frauen wollen mehr Verhaltensmöglichkeiten. Das ist die Hauptmotivation für den Besuch eines solchen Workshops.
Zur Vorbereitung sollen Frauen Männern folgen und sie beobachten, sagt Kursleiterin Diane Torr. Und das ist kein Problem. Männer merken das nicht, sie fühlen sich unbeobachtet.
Eine der Teilnehmerinnen fühlt sich ständig beobachtet. Und bewertet. Sie hat die öffentlichen Männerkommentare (Du bist aber eine süße Maus) satt und möchte endlich mal ungestört durch die Stadt gehen. Eine andere Kursteilnehmerin wandelt sich von der unsicheren Frau zum männlichen Arschloch und genießt es. Dinge, die "richtige" Männer keinesfalls tun sind: ständig lächeln, immer nett sein, auf der Stuhlkante sitzen, sich schmal machen, die Stimme am Satzende heben, so dass der Satz wie eine Frage klingt.
Miriam, das männliche Arschloch sagt:
Als Frau bin ich immer nett, immer auf andere bezogen, immer "Wie geht es dir?". Als Arschloch ist mir das egal.
Als ich den Artikel mit den Aufgaben, die den Frauen gestellt wurden, durchgelesen hatte, wurde mir klar, dass ich die letzten Jahre nichts anderes gemacht habe als zwei- bis dreimal die Woche "Man for 90 minutes" zu trainieren. Ich übte meinen Platz einzunehmen, mit einem festen Schritt, einer sicheren Körpersprache und einer klaren Absicht.
Mit Anfang 40 verliebte ich mich noch einmal leidenschaftlich. In den Uechi-Ryu-Karate-Do. Das ist kein Mann mit einem exotischen Namen, sondern ein Kampfkunststil.
Ein argentinischer Lehrer erklärte uns auf einem Seminar, wie Männer und Frauen aufgrund ihrer Körpersprache unterschiedlich praktizieren.
Seid ihr in einem Flugzeug schon einmal auf dem Mittelsitz zwischen zwei "richtigen" Männern gesessen? Und habt ihr miterlebt, wie ihre Beine aufklappen, wenn sie einschlafen? Wenn sie nicht vorher bereits breitbeinigst dagesessen sind, die Arme mit der größten Selbstverständlichkeit auf beiden Armlehnen. Und was macht Frau? Wir machen uns klein und schmal, versuchen möglichst jeglichen Körperkontakt zu vermeiden. Es würde uns nie einfallen um die Armlehnen zu "kämpfen", geschweige denn uns so breitbeinig hinzusetzen, dass die Männer sich schmal machen müssen. Warum?
Weil "richtige" Männer ihr Geschlecht präsentieren, während wir Frauen versuchen es zu schützen, indem wir die Beine übereinander schlagen. Wir sind es nicht gewohnt Raum einnehmen zu dürfen. Wir pinkeln nicht im Stehen an Bäume oder in freie Landschaften um unser Territorium zu markieren. Wir ducken uns.
So wie die Teilnehmerinnen des Workshops, ausgestattet mit männlichen Merkmalen, den Mann inszenierten, den sie für sich ausgedacht haben, so bin ich mit dem Anziehen meines Gis in eine Rolle geschlüpft. Auf der Matte musste ich nicht mehr lächeln oder nett sein. Es galt das "Budo-Smile" - heruntergezogene Mundwinkel. Auf der Matte durfte ich endlich mal meine Gesichtszüge fallen lassen und meine "Kampfsau" bekam Ausgang. Genehmigten Ausgang. Im Gi stand ich plötzlich breitbeinig da und fühlte mich wunderbar geerdet. Die Bewegungen einer "richtigen" Frau sind langsam. Damit vermeidet sie es bedrohlich zu wirken. Auf der Matte durfte ich schnelle, explosive Bewegungen trainieren. "Richtige" Frauen tragen hohe Schuhe. Das lässt die Beine länger wirken, macht ein knackiges Gesäß und hilflos. Diese verlängerten Beine auf hohen Absätzen können weder weglaufen noch zutreten. Ich liebte es zu treten, reintreten zu dürfen. Ich liebte es all diese Dinge zu tun, die ich nie tun durfte. All diese Dinge, die meinem "Geschlecht" widersprachen. All diese Dinge, die  keinesfalls dieser ewigen Inszenierung der Weiblichkeit dienten. Ich durfte zwei- bis dreimal die Woche "Mann" spielen.
Aber irgendwann fehlte etwas. Bei all dem Mannspielen wurde mir mehr und mehr klar, dass das nicht alles ist. Diese Inszenierung des "männlichen Kampfes" wurde irgendwann genau so öde wie die Inszenierung der stilisierten Weiblichkeit. Es fühlte sich genau so unfrei an.
Fazit einer der Workshopteilnehmerinnen von "Man for a day", was ihr "Mannsein" betrifft und die Kehrseite von männlicher "Präsenz", die sich darin zeigt, dass einem die Leute Platz machen und ausweichen:
Ich hatte naiv erwartet, ich würde mich frei fühlen, stattdessen fühlte ich mich eher depressiv. Natürlich, nach außen gab ich vor: Ich hab alles im Griff, mein Easy Rider steht draußen vor der Tür, meine Freundin wartet auf mich. Aber ich war wie gefangen in mir selbst. Wie in einem Kokon. Nicht lächeln, nicht zwinkern, das fehlte mir. Mein ganzer Körper war so verschlossen.
Die Frauen fühlten sich begrenzt. Männer haben laut Professor Hirschauer, Geschlechtersoziologe, im Schnitt noch immer ein höheres Einkommen, vermutlich noch immer mehr Entscheidungsfreiheiten, aber weniger emotionale Freiheiten als Frauen:
Die Regeln für Männer sind doch genau so dumm und begrenzend wie die für Frauen.
Lautet ein anderes Fazit. Das Konzept der getrennten Geschlechterrollen ist ärmlich.
Frauen dürfen Frauensachen machen und noch dazu die Männersachen, die sie sich angeeignet haben. Männer dürfen nur Männersachen machen.
Sagt Stephanie Weber, Sozial- und Geschlechterpädagogin, die mit männlichen Studenten den Versuch wagte "Frauensachen" zu machen. Als diese in der Bahn Menschen anlächelten, nicht flirtend, sondern freundlich, kam folgender Kommentar "Wenn du nicht sofort aufhörst, kriegst du eins in die Fresse".
Frau Weber war als Mann unterwegs und machte folgende einsame Erfahrung:
Die Männer guckten nur kurz, damit sie nicht als schwul gelten. Und die Frauen guckten nur kurz, damit ihr Blick nicht etwa Interesse signalisiert.
Warum haben wir diese Bilder davon, was einen "richtigen" Mann oder eine "richtige" Frau ausmacht? Haben wir nicht alle diesen männlichen und weiblichen Anteil in uns? Wenn das so ist, warum dürfen wir ihn nicht leben? Wozu haben wir es? Warum haben Frauen Spaß daran "männliche" Dinge auszuprobieren und bei Männern ist es "verpönt" Frauensachen zu tun? Hat "Männlichkeit" einen höheren Stellenwert? Warum wird Emotionalität nicht gefeiert? Warum ist "hart" so erstrebenswert und nicht "weich"? Gibt es noch immer Verbote?
Ich habe meinen Gi abgelegt und damit die Rolle. Das Mannseinspiel macht keinen Spaß mehr, weil von mir nun erwartet wird, dass ich breitbeinig dastehe, dass ich meinen Mann stehe. Jetzt, wo ich es gelernt habe, sehe ich aber keine Notwendigkeit mehr dazu. Oft wurde die Vermutung geäußert, dass ich das alles nur mache, weil ich mich von Männern bedroht fühle. Das stimmt aber nicht. Um ehrlich zu sein - ich habe mich in meinem Leben eher von großen Frauen eingeschüchtert als von Männern bedroht gefühlt. Ich habe als Kind schon gerne gerauft und meine körperliche Stärke an meinen Brüdern gemessen. Raufen hat Energien in mir frei gesetzt. 35 Jahre später habe ich das wieder für mich entdeckt. Als Kind konnte ich mich ganz gut gegen diese Bilder von dem, was "Mädchen" und was "Jungen" machen zur Wehr setzen. Als Kind war ich manchmal rotzig und unfreundlich. Mit dem Wachsen meiner Brüste wuchs auch etwas anderes. Die Frage "Was macht mich begehrenswert und was nicht?" Glücklicherweise trete ich nun in eine Lebensphase, in der die Dringlichkeit der Antwortfindung wieder rückläufig ist. Ich darf nun breitbeinig dastehen, aber auch die Beine übereinander schlagen. Ich darf nett und zugewandt sein, aber wenn ich das mal nicht sein will, darf ich auch rotzig und unfreundlich sein.
Die Sängerin Sinéad O'Connor ließ sich 2013 die Initialen des "letzten Mannes, der sie jemals wie Dreck behandelte" auf ihre Wangen tätowieren. Auf die Frage, warum sie das gemacht hat, antwortete sie unter anderem "Ich wollte mich enthübschen. Hübsch sein ist gefährlich". Da gibt es Frauen, die nichts anderes als hübsch sein wollen und eine, die es ist, rasiert sich eine Glatze und verunstaltet ihr Gesicht, weil sie es als gefährlich einstuft. In was für einer Welt leben wir? Welchem Bild jagen wir nach? Und wer gibt dieses Bild vor?
Was, wenn es dieses "richtig" gar nicht gibt? Wenn wir etwas nachjagen, das so nicht exisitiert? Wenn es weder "richtige" Frauen noch "richtige" Männer gibt?
Was wären wir ohne diese Bilder?
Wer wären wir ohne diese Bilder?
Was, wenn es diesen "geschlechtlichen Ausweiszwang" nicht mehr gäbe?

Mehr Infos zum Thema über Frauen und Männer, die ins andere Geschlecht schlüpfen hier.

Sonntag, 3. August 2014

Die Hexen sind wieder da!

In unserer Stadt gab es in einer kleinen Gasse einen Laden namens "Kräuter-Teufel". Betrieben wurde er vom Ehepaar Teufel. Wie der Name schon sagt, es gab dort Kräuter, Tee und Bonbons für alle Fälle und Wehwehchen. Das Schild in der Tür "Frischgemahlener Mohn" war durchgestrichen, da die Mohnmühle kaputt gegangen war.
Herr Teufel saß im Nebenraum und füllte Tee oder Kräuter in Tüten. Frau Teufel stand hinter der Ladentheke, beriet die Kunden und verkaufte.
Irgendwann wurde alles zu schwer für das Ehepaar und die Frage nach der Übernahme stand im Raum.
Vor kurzem gab es eine Einweihungsfeier und der Laden wird nun betrieben von den "Kräuterhexen". Ich traute mich hinein, ob Teufel oder Hexe, was solls?
Eine der Hexen hörte sich meine Wünsche an und mischte aus großen Schüben munter den Tee zusammen. Neben den bekannten Kräutern und dem echten Zimt gibt es Bertram und Galgant, Rezepte aller Art wie herzstärkenden Petersilienwein oder Schlafgut-Tee für Kinder.
Eine der Hexen gibt ihr Wissen bei Kräuterführungen weiter und anlässlich eines Geburtstages haben wir so eine Führung gebucht.
Im Wiesengrund schwärmten wir dann aus und sammelten nach Anleitung Kräuter für eine universelle Heilsalbe, deren Bestandteile so vielfältig sind wie die Beschwerden für die sie helfen soll. Hautbeschwerden, Rheuma, Füßejucken.
Wir staunten über all die Pracht, die wir bisher unwissend am Wegesrand gesehen, aber nicht zuordnen konnten, denn gegen (fast) alle Beschwerden ist ein Kraut gewachsen. Und das in allernächster Nähe. Das Tüpfeljohanniskraut hilft bei Verbrennungen, aus der Nachtkerze kann man selbst Kosmetik herstellen, da wächst Seifenkraut, das mit ein wenig Wasser die Hände sauber macht, das Berufskraut in ein Kissen genäht hilft bei Unentschlossenheit, zwischen Wilder Möhre und Schierling ist gut zu unterscheiden, denn sie sehen sich sehr ähnlich, das Leimkraut "leimt" Wunden, die Milch der Wolfsmilchgewächse hilft gegen Warzen, die Weide gegen Kopfschmerzen, der Spitzwegerich gegen Insektenstiche, das "Unkraut" Girsch hat viele Vitamine und kann im Salat genossen werden, der Knöterich wirkt als natürliches Antibiotikum und es gibt ein Kraut, das man sich bei müden Füßen in die Schuhe legt und es kann weitergehen. So viel Wissen innerhalb kürzester Zeit, kaum fassbar. Fleißig zupften wir nach Anleitung hier und da und kamen zurück zum Hexenhaus, wo dann ein Feuerchen geschürt und im Hexenkessel mit allerfeinstem Olivenöl die Kräuter gerührt wurden. Ganz wichtig sind die guten Gedanken, die dem Sud beigegeben werden. Mit Bienenwachs vermischt, wurde das Ganze durch ein Leintuch gesiebt und in kleine Döschen verschlossen. Jeder von uns durfte seine magische Salbe individuell beschriften.
Das Highlight der Tour war ein gedeckter Tisch in der Nähe eines Flüsschens, auf dem die Hexe anlässlich des Geburtstages gekühltes Quellwasser, Prosecco, Kräuterpesto auf Pumpernickel und Kräuterquark kredenzte.
Danke Hexe Edda für diese wunderschöne Feier der etwas anderen Art!

In vielen Städten werden inzwischen Kräuterführungen von "Kräuterweiblein" "Hexen" und "Druiden" angeboten. Das alte Wissen der Heilkunst und der Apotheke vor unserer Haustür wird gegen einen geringen Obolus weitergegeben. Wer Interesse hat wird fündig werden.




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