Dienstag, 23. April 2013

Mama, du nimmst das Lob von mir


Vor Jahren kam meine Tochter aus der Schule und erzählte mir voller Freude vom Lob ihrer Lehrerin für eine bestimmte Verhaltensweise. Ich hörte mir an, was sie getan hatte, was für lobenswert erachtet wurde, um dann mit stolzgeschwellter Brust zu sagen "Ganz meine Tochter!" Worauf sie empört erwiderte "Mama, du nimmst das Lob von mir".

Ich wusste, dass sie die Wahrheit sprach, musste jedoch erst selbst auf die andere Seite gehen, um zu erkennen, was passiert war.

In einer Feedbackrunde am Ende eines Seminarblocks erzählte ich von einer wichtigen Erkenntnis, die ich aus einer Arbeit gezogen hatte. Die Seminararbeiten fanden in Zweiergruppen statt und die Seminarteilnehmerin, die mit mir die erkenntnisreiche Arbeit teilte, fiel mir ins Wort "Ohne mich wärst du nicht zu dieser Erkenntnis gelangt". Meine Freude schwand und ich fühlte mich plötzlich leer. Sie hatte die Freude von mir genommen.

Da verstand ich, was passiert, wenn wir den Erfolg anderer für uns verbuchen. Wir rauben ihnen die Energie, die mit einem positiven Erlebnis verbunden ist. Wir pflücken die Frucht ihrer Errungenschaft von ihnen ab. Wir machen den anderen zu einer Durchgangsstation und uns zum Ziel. Wir bereichern uns, indem wir ihnen die Freude nehmen und sie uns einverleiben. Hart ausgedrückt - wir schmarotzen.

Auch wenn wir teilhatten am Prozess, der den anderen zum Erfolg führt, so ist es doch er, der vollbringt. Nicht ich habe gehandelt, sondern meine Tochter. Nicht die Seminarteilnehmerin hatte die Erkenntnis, sondern ich. Wir alle räubern gerne Energie, indem wir die Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Besonders gerne räubern wir positive Energie in Form von Freude. Letztendlich befriedigt uns dieser Raub jedoch nicht sehr lange. Oft bleiben wir verstimmt zurück, da etwas in uns genau weiß, dass wir uns auf Kosten eines anderen bereichert haben.
Diese Art von Raub im Alltag zu bemerken ist nicht leicht, aber möglich. Wir merken sehr schnell, wenn uns etwas genommen wird. Schwerer fällt es zu erkennen, wenn wir jemanden entleeren. Dafür braucht es Achtsamkeit.
Wenn wir uns selbst gut beobachten und erkennen, was uns die Freude nimmt, dann wissen wir, wie wir die Freude nehmen. Das, was uns verstimmt, ist genau das, was wir verwenden, um andere zu verstimmen. Es ist ein und dasselbe Instrument.
Wenn wir nicht mehr verstimmt werden wollen, sollten wir erkennen, wie wir verstimmen. Nutzen wir das Instrument nicht mehr, kann es auch kein anderer mehr gegen uns benutzen.



Dienstag, 16. April 2013

Wer mich beleidigt bestimme ich selbst

Diese Woche wurde ich um Stellungnahme zu einer Geschichte gebeten:

Es geht um einen Kreis von Freundinnen und einen attraktiven jungen Mann, der nach langjähriger Beziehung wieder solo ist. Eine der Freundinnen kennt ihn schon lange, verehrt ihn, war aber immer nur Kumpel. Eine andere hat trotz dieses Wissens nach einer Feier etwas mit dem Mann angefangen. Die Verführerin wurde in einem Gruppengespräch darauf hingewiesen, dass ihr Verhalten für die Verehrerin verletzend und unsolidarisch ist, was jedoch zu keiner Reumütigkeit führte. Nun wird sie vorübergehend ausgeschlossen.

"Wer mich beleidigt bestimme ich selbst" - diesen Spruch habe ich gehört und behalten und er machte mir klar, dass nicht das Verhalten eines anderen mich zum Opfer macht, sondern ich mich selber durch mein Bezugnehmen auf das Verhalten eines anderen.
Wie auch immer man das Verhalten der Verführerin werten, beurteilen, sehen mag. Erst die Reaktion der Verehrerin und ihrer Fürsprecherinnen macht es zu dem, als was es im Raum steht. Als Erwachsene sind wir, abgesehen von körperlichen Übergriffen, selten Opfer der Handlung eines anderen, außer wir machen uns dazu. Was getroffen wird sind unsere Unzulänglichkeiten, unser Selbstwert, unser Ego. Wenn wir den Gefühlen folgen, die im Erwachsenenalter durch das Verhalten eines anderen ausgelöst werden, kommen wir in der Regel zurück in ein Stadium, in dem wir hilflos und abhängig waren. Solch ein Vorfall ist die Reaktivierung eines kindlichen Gefühls von "Ich will das haben und es wird mir von einem anderen weggenommen, der es auch haben will, weil ich es haben will, also schmolle ich". Es ist auch im Erwachsenenalter unschön, wenn mir das Ersehnte vor den Augen weggeschnappt wird, es obliegt aber einzig und alleine mir selbst, wie ich damit umgehe. Ob ich mich davon beleidigen lasse oder nicht. Ich kann leiden oder aus belastenden Gefühlen erwachsen. Diese Entscheidung liegt immer bei mir und ich habe die Wahl.



Freitag, 5. April 2013

Danksagung


In vielen Büchern steht auf den ersten Seiten eine Widmung.
Auch in Booklets findet man häufig ganze Seiten, die Dankbarkeit für das Gelingen des Projekts ausdrücken. Diese Seiten schaue ich mir gerne an und frage mich, was die jeweiligen Menschen wohl getan haben. Ich habe weder ein Buch geschrieben, noch eine CD mit wundervoller Musik herausgebracht. Es liegt kein Produkt vor, das mir Gelegenheit geben könnte, mich bei anderen für ihre Mitarbeit zu bedanken.
Aber ich habe diesen Blog, das Projekt ist mein Leben, das Produkt bin ich selbst. Und ich möchte meinen Dank ausdrücken und ein bisschen Pathos verbreiten. Nicht am Anfang oder am Ende, sondern mittendrin, denn das Projekt geht weiter und das Produkt ist optimierfähig.

Mein Dank von ganzem Herzen gilt:

meinem Mann, seiner ungebrochenen Liebe zu mir und dem Vertrauen, dass ich immer wieder den Platz an seiner Seite finde und einnehme, ungeachtet des weiten Felds der Desorientierung, auf dem ich mich bewegte, den Dschungeln und Abenteuern, denen ich mich aussetzte, das Schiff findet immer wieder zurück in seinen emotionalen Hafen
Ich liebe dich

meiner Tochter und meinem Sohn, die mich erden, indem sie mich immer wieder auf den Boden der Tatsachen bringen, mit liebevoller Brutalität, ihr seid die größten Geschenke, die mir das Leben machen konnte, ich danke dafür

meiner Mutter, meiner ausdauerndsten und gnadenlosesten Ausbilderin in der Schule des Lebens, die mir Überlebenswillen, Stärke und Lebenslust vererbte

meinem Vater, dem ich ganz am Schluss die Hand halten durfte und der seinen tiefen Frieden mit mir teilte, Vererber familiärer Loyalität, geistigen Rebellentums und persönlicher Kompromisslosigkeit

meinen Brüdern, die mir als Mädchen zwischen zwei Jungen das Leben schwer machten und mich dadurch stärkten

meiner ersten Seminarleiterin, die mich gnadenlos in die Eigenverantwortung brachte und mich durch Retraumatisierung einer tieferen Wahrheit zuführte

meiner zweiten Seminarleiterin, die mir in all der gnadenlosen Weiblichkeit einen Funken der Gnade übermittelte

den männlichen Seminarleitern, die mir zeigten, dass Männlichkeit verletzbar und Weiblichkeit bezwingend ist

meinem Dojoleiter, der mir einen Raum für das Fühlen meiner Wut und dem Erwachsen daraus zur Verfügung stellte

meinen Kampfkunstkollegen, die mir immer wieder von den Matten aufhalfen und mich darin bestärkten nicht aufzugeben - nicht auf den Matten und nicht im Leben

meinem Erdbeertörtchen, das Freud und Leid mit mir teilt

meinem kanadischen Freund, der mir half den Grundstein für ein tieferes Verständnis zu legen

acht menschlichen Engeln, die mich ein Stück des Weges begleiteten und mir, jeder auf seine Art, weiterhalfen

einer menschlichen Elfe, die meine Hand hielt, als ich in die tiefste Dunkelheit abstürzte und kein Licht mehr sah

meiner Kinesiologin, die mich durch Dimensionen und Ebenen führt um mich zu mir selbst zurückzubringen

all den Wegbegleitern, die mir aufhalfen, wenn ich strauchelte und mich ermutigten weiterzumachen, wenn ich dachte am Ende zu sein

Danke, dass ihr in meinem Leben seid, das Projekt voranbringt und dem Produkt den nötigen Schliff gebt, den es braucht, um ans Ziel zu kommen. Das angestrebte Ziel heißt Wahrhaftigkeit. Ich hätte keinen von euch missen wollen.

Hoffnung ist eben nicht Optimismus. Es ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat - ohne Rücksicht darauf, wie es ausgeht. (Vaclav Havel)


Mittwoch, 3. April 2013

Selbstständigkeit


"Du solltest von jetzt an selbstständig werden, Linus ... nimm einfach keine Ratschläge mehr an!"

 

 CHARLIE  BROWN