Mittwoch, 25. Juni 2014

Für Julia und alle

die dabei sind am Alten, Verknöcherten, Stillstehenden zu resignieren:
Wer zur Quelle will, muss gegen den Strom schwimmen.
Hermann Hesse

Wir müssen reden

Habt ihr das WM-Spiel Mexiko gegen Kroatien gesehen?
Der Kommentator meinte, dass Trainer Miguel Herrera eine eigene Fernsehsendung bräuchte, so sehr amüsierte die Performance des mexikanischen Trainers am Spielfeldrand. Die Krönung war das Wälzen am Boden mit einem seiner Spieler, der ihn nach einem der Treffer vor Freude besprang. Die "Laus", wie er wegen seiner Größe von 1,68 m genannt wird, ist wie sie ist. Ungekünstelt, emotional, nah.
Mehmet Scholl meinte im Anschluss, dass Herrera eine neue Generation von Trainern zeigt, wie sie der Fußball in Zukunft braucht. Nah dran an seinen Spielern, einer von ihnen, authentisch.

In der ZEIT las ich kürzlich einen Artikel über den Karmapa. Der Karmapa wird nicht gewählt, sondern gefunden. Er ist nach dem Dalai Lama der zweithöchste spirituelle Führer im tibetischen Buddhismus. Der jetzige amtierende Karmapa ist erst 29 Jahre alt. Im Interview gibt es folgende Passage:
ZEIT:
Sie haben in diesem Gespräch oft von Ihrer "persönlichen" Ansicht gesprochen. Wie vereinbaren Sie sie mit den Zwängen, die sich aus Ihrer Rolle als spiritueller Führer ergeben? Gibt es da einen Widerspruch?
Karmapa:
Nein. Denn als spiritueller Führer ist es für mich wichtig, authentisch zu bleiben. Der zu sein, der ich bin. Ich will direkt mit Menschen in Kontakt treten, von Herz zu Herz, anstatt ihnen etwas vorzugeben. Manchmal erhalte ich den Ratschlag, weniger offen zu sein, nicht alles auszusprechen, denn es könnte ja missverstanden oder sogar missbraucht werden. Ich möchte aber offen sein, ich möchte Gefühle zeigen.
Der Artikel trägt die Überschrift "Wir müssen reden" und der Karmapa sagt folgendes (es geht um den Kampf der Religionen):
Das ist schon sehr lange so. Es ist lächerlich und gefährlich zugleich. Ich bin davon überzeugt, dass es Religionskämpfe in der Vergangenheit noch häufiger gab als heute. Heute ermöglichen die modernen Medien es nur, dass wir mehr davon erfahren. Deswegen ist es umso wichtiger, dass wir offen miteinander umgehen. Wir müssen reden. Es beginnt bereits damit, dass sich Menschen aus unterschiedlichen Kulturen regelmäßig und vor allem persönlich treffen. Wissen Sie, das Wort "Religion" wirkt auf mich inzwischen ähnlich unpersönlich wie "Politik" oder "Business". Doch in Wahrheit geht es beim Glauben um unsere ganz persönliche Ethik, um unser individuelles Wertesystem.
Rei Inamoto, einer der führenden Werber, meinte in einem Interview, dass Kreativität bedeutet unerwartete Lösungen auf bestehende Probleme zu finden. Und dass sich ein Unternehmen in einem Zeitalter der radikalen Transparenz dem Dialog mit den Usern stellen und in Kommunikation treten muss.

Im Fußball, im Glauben, in der Werbung sprechen sich Leute "vom Fach" für Offenheit, Authentizität, Emotionalität, Transparenz, Kommunikation aus. Das ist, was auch ich möchte. Weg von abgehobenem Autoritätentum, weg vom Kontakt zu Dingen, hin zum Kontakt zu Menschen, ehrlich sein, emotional sein dürfen, ich sein. Unerwartete Lösungen auf bestehende Probleme finden. Ideen interessanter finden als Erfahrungen. Damit sich was bewegt.

Vor kurzem hatte ich eine Situation, da sagte jemand zu mir "Wir müssen reden". Für mich war der Zeitpunkt des Redens vorbei. Abgelaufen. Meine Entscheidung war gefallen und vom Gespräch erwartete ich nicht Verständnis und Akzeptanz, sondern Vorwurf und den Versuch mich zu überreden, dass ich meine Meinung ändere. Irgendwann aber sind die Dinge klar und bedürfen keinerlei Rechtfertigung mehr. Dann geht es nur noch um Akzeptanz, denn das Verstehen von Entscheidungen ist nicht immer möglich. Entscheidungen stehen am Ende eines Prozesses. Den Prozess durchläuft man persönlich.
Gestern stand ich vor den beiden großen Papiermülltonnen, die für unseren Bürokomplex gedacht sind. Die Tonnen quollen über mit Umverpackungspappe. Keine Chance mehr meinen Alltagsbüropapierkram unterzubringen. In unserem Bürohaus gibt es einen neuen Mieter. Eine Praxis. Mit der Praxisinhaberin gab es bereits einige kleine Scharmützel. Nicht persönlich, sondern per E-Mail über die Hausverwaltung. Geändert hat sich nichts. Die Umverpackungspappen waren auf die Praxis adressiert. Ich war sauer. Als ich abends unser Büro verließ, brannte noch Licht in der Praxis und ich dachte mir "Ich klingel jetzt und sag es persönlich", denn ich will Kommunikation, Mut, Offenheit und Ehrlichkeit. Aber da wurde mir klar, dass mein Zustand an Emotionalität nicht der Sache dienen würde. Denn Kommunikation braucht Ausgeglichenheit.
Also nehme ich heute all meinen Mut zusammen und klingel an der Praxistür, versuche ausgeglichen mein Problem darzulegen und harre der Dinge, die sich bewegen dürfen. Ich gebe zu, dass mir gerade der Punkt "Ausgeglichenheit" nicht einfach fällt, aber erst darf ich mich bewegen, bevor ich erwarten darf, dass sich andere Dinge bewegen. Auf gehts - wir müssen reden.

Dienstag, 24. Juni 2014

Heimat


Selbst denken

Auf dem Nachttisch meines Mannes liegt seit einiger Zeit das Buch von Harald Welzer "Selbst denken - Eine Anleitung zum Widerstand". Ab und zu liest er mir daraus vor. Harald Welzer ist 1958 geboren, Direktor von Futurzwei - Stiftung Zukunftsfähigkeit, Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg und Autor von mehreren Büchern. Seine Ansichten klingen radikal und schonungslos ehrlich. Es scheint er hat die Regeln gelernt um sie richtig brechen zu können. Bereits 2010 hat er in der FAZ zehn Empfehlungen zur Rettung der Welt und damit zu unserer Selbstrettung veröffentlicht. Ich mag sie.

Selber denken.

2. Trauen Sie endlich Ihrem Gefühl, dass um Sie herum ein großes Illusionstheater stattfindet. Die Kulissen simulieren Stabilität, aber das Stück ist eine Farce: Immerfort treten dicke Männer auf und brüllen „Wachstum!“, Spekulanten spielen Länderdomino, und dauernd tänzeln Nummerngirls mit Katastrophenbildern über die Bühne. Das Publikum ist genervt und wütend, bleibt gleichwohl bis zum Ende der Vorstellung sitzen. Aber: Wann wird das wohl kommen?

3. Verlassen Sie besser die Vorstellung und beginnen Sie, ganz einfache Fragen zu stellen. Zum Beispiel: Warum muss man immer mehr arbeiten, wenn man immer mehr arbeitet? Warum werden die Schulden größer, wenn immer mehr gespart wird? Warum schrumpft alles andere, wenn die Wirtschaft wächst?

4. Suchen Sie zusammen mit Ihren Freundinnen und Freunden nach Antworten. Zum Beispiel: Weil alle Idioten auch mehr arbeiten. Weil das Gesparte in fremde Taschen wandert. Weil viele börsennotierte Unternehmen staatsferne Parallelgesellschaften bilden.

5. Beschließen Sie, ab sofort nicht mehr mitzumachen, falls Ihre Antworten Sie beunruhigen.

6. Fangen Sie damit an, aufzuhören. Hören Sie auf, Europapolitikern zu glauben. Hören Sie erst recht auf, Wirtschaftsforschungsinstituten zu glauben. Und hören Sie um Gottes willen damit auf, sich widerspruchslos erzählen zu lassen, irgendeine Entscheidung sei alternativlos gewesen. So etwas gibt es in Demokratien nicht.

7. Wenn Sie jetzt so weit sind, dass Sie nicht mehr jeden Blödsinn tolerieren, nutzen Sie Ihre Handlungsspielräume. Sie leben in einem der reichsten Länder der Erde, Sie sind hervorragend ausgebildet, Sie haben Spaß am Leben und finden sich ganz gut. Warum zum Teufel machen Sie jeden Tag dasselbe und nie etwas anderes?

8. Wie Sie Ihre Spielräume nutzen sollen? Schauen Sie sich einfach an, was andere machen. Es gibt doch unglaublich tolle Ansätze und Projekte: Energiegenossenschaften, Nachbarschaftsgärten, fairen Konsum, lokale Währungen, großartige Stiftungen, Unternehmen, die sich dem Wachstumszwang verweigern. Schreiben Sie politischer, falls Sie Journalist sind. Forschen Sie für eine andere Zukunft, falls Sie in der Wissenschaft sind. Wechseln Sie die Pausenthemen, falls Sie am Band arbeiten. Kaufen Sie anders ein, falls Sie ein Restaurant haben. Fragen Sie, wo der Fisch herkommt, wenn Sie essen gehen. Interessieren Sie sich für die Zukunft Ihrer Schüler, falls Sie Lehrerin oder Lehrer sind. Fusionieren Sie mit einem Kindergarten, wenn Sie ein Seniorenheim leiten. Denken Sie ans Höllenfeuer, wenn Sie einem der vier großen Energiekonzerne vorstehen. Produzieren Sie cradle to cradle, wenn Sie eine Fabrik besitzen. Riskieren Sie etwas, wenn Sie sich für intellektuell halten.

9. Versuchen Sie irgendwo dazuzugehören, wo Sie stolz sagen können: „Wir machen das anders!“ Zum Beispiel eine Kultur der Achtsamkeit entwickeln, Ideen interessanter finden als Erfahrung, nicht auf Kosten anderer leben, oder was Ihnen sonst noch einfällt. Zukunftsfähig zu sein bedeutet das Gegenteil vom business as usual: lernend, fehlerfreundlich, reversibel zu handeln.

10. Bilden Sie Labore der Zukunft und haben Sie Spaß dabei. Vergessen Sie das „5-vor-12“-Blabla der Ökobewegung und das Gerede von der „Weltgemeinschaft“ und der Notwendigkeit globaler Lösungen. Niemand hat an Ihrer Wiege gestanden und mit hohler Stimme gesagt: „Lars, du bist zu uns gekommen, um die Welt zu retten!“ Es genügt völlig, wenn Sie beginnen, mit Ihrem Leben, Ihren Lieben und Ihrem Land verantwortungsvoll und zukunftsfähig umzugehen. Das aber bitte gleich.

Stornieren Sie Ihre nächste blöde Flugreise (Sie wollen da sowieso nicht hin), bestellen Sie Ihr nächstes Auto erst gar nicht (es wird Sie unglücklicher machen, weil Sie glaubten, es mache Sie glücklicher), kaufen Sie nichts mehr, was zu billig ist (denn dann hat irgendjemand zu wenig bekommen). Säbeln Sie in Ihre Weihnachtsgans und teilen Sie Ihren Kindern oder Enkeln mit, dass Sie ab jetzt Ihr Leben ändern werden. Das wird Ihnen helfen, es tatsächlich zu tun (denn jetzt können Sie nicht mehr zurück).

Mittwoch, 4. Juni 2014

Weisheit ist angewandtes Wissen

Allen Triumph
den Menschen lassen
und für sich selbst
die Niederlage hinnehmen
und niemandem grollen
und niemanden verachten,
ist ein Kennzeichen
eines edlen Menschen.

Meister Gampopa