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Brief an meinen Vater

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 Lieber Papa, bester Schaschlikzubereiter, ich weiß nicht mehr, was wir gegessen haben, aber wir haben es scheinbar genossen. Wir hatten einen ähnlichen Geschmack - lieber salzig als süß, lieber deftig als lasch. Ich mochte deine Tomaten mit rohen Zwiebeln drauf und die selbstgeriebenen Baggers. Wenn wir über deinem Schaschlik saßen, brauchte es keine Worte mehr. Ich erinnere mich an unser Gespräch im Auto, als ich dich zur Beerdigung deiner Schwester M. begleitete. Ich sagte, dass ich alt werde. Du hast gelacht und geantwortet "Mädel, ein paar Falten hast du bekommen, aber von der Ahnung, was es bedeutet alt zu werden, bist du noch weit entfernt." Das war im Sommer 2007. Manchmal sehe ich dich mit R. einen Walzer tanzen. Nie im Leben konntest du das, es ging immer nur ein "Schieber", wie du es nanntest. R. liebte den Rock´n Roll und überragt dich kleinen Mann um eine ganze Kopflänge. Aber vor meinem Auge tanzt ihr beide einen formvollendeten Walzer. Ich kann sogar

Brief an meine Mutter

 Am 1.1.2021 klingelte unser Telefon. Der zweite Ehemann meiner Mutter richtete uns aus, dass wir, auf ausdrücklichen Wunsch meiner Mutter, zum Kaffee oder Wein eingeladen sind. Ich ging in mich. So viele Jahre hatte ich auf ein Zeichen gewartet. Nun war es da. Das Fatale: Ich will es nicht mehr. Es passt nicht. Es passt hinten und vorne nicht. Wie soll ich nach über 13 Jahren Nicht-Kontakt wieder am Kaffeetisch meiner Mutter sitzen, über das Leben zu Corona-Zeiten plaudern und all das, was sich in den letzten 20 Jahren in mir entwickelt hat, wegwischen? Und: Ich bin so unendlich müde. Ich kratze all meine Energie zusammen, um meinen Alltag zu bewältigen. Ein Treffen mit ihr war schon immer ein Kraftakt für mich gewesen. Sie nimmt ohne zu geben. Sie saugt mich aus. Und merkt es nicht. Um ihr nicht völlig Unrecht zu tun, hörte ich mich um. Ob es bei ihr Entwicklung gibt. Vielleicht hat der Lockdown mit seinem Rundum-Stillstand ungeahnte oder unerwartete Veränderungen bewir

Weg von mir

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Vor drei Wochen machte sich bei mir Lagerkoller und eine mentale Dysbalance bemerkbar. Ich war sehr gereizt. Vor langer Zeit brachten mich Reisen, hauptsächlich alleine, wieder ins Gleichgewicht. Völlig auf mich gestellt, musste ich Neues meistern. Auch ohne Gesellschaft am Tisch zu sitzen und alleine zu essen, gehörte dazu. Vor drei Wochen überlegte ich, wie ich mich wieder ausgleichen könnte. Ich suchte nach einer einsamen Berghütte und wurde fündig. Sie war aber über Wochen ausgebucht. Wen könnte ich besuchen? Einfach mal weg. Ganz schnell. Am besten sofort. Mir fiel das Ferienhaus von Freunden ein, in das wir schon oft eingeladen wurden, das aber am anderen Ende der Republik liegt. Lange Anreise, großes Haus, wäre schön, wenn jemand dabei ist, mit dem ich reden und schweigen kann. Meine Tochter. Als ich meinem Mann vom Plan erzählte, fiel mir ein, dass unser Schwiegersohn frei hat. Meine bessere Hälfte fand den Gedanken an eine kleine Flucht auch sehr reizvoll. Alle waren dabei und

Überfluss

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Die ältere, weise Frau, nach der ich mich ein Leben lang sehnte, traf ich in meinen Mittvierzigern. Ich lernte sie nie persönlich kennen - sie erreichte mich mit ihrem geschriebenen Wort. Ich hatte es damals so leid mich als Opfer zu fühlen und war auf der Suche nach Selbstermächtigung. Sie kam zum richtigen Zeitpunkt in mein Leben. Ich war offen für ihre Arbeit, die manchem als gnadenlos oder schonungslos vorkommen kann. Für mich war es genau richtig, ich war auf der Suche nach Wahrhaftigkeit. In einem Gespräch mit meinem Sohn, dem Theravada-Mönch, stellten wir fest, dass ihre Arbeit der buddhistischen Auffassung von Leid gleicht. Nicht das, was uns widerfährt, lässt uns leiden, sondern das, was und wie wir darüber denken. Es ist immer unsere eigene Re-Aktion, die unser Befinden ausmacht. Sie sagt Keiner kann mich angreifen. Verteidigung ist der erste Akt des Krieges. Ich habe gebraucht bis ich das verstanden oder besser - verinnerlicht habe. Jemand kann mich nur angreifen, wenn ich d

Die große Traurigkeit

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Seit vielen Jahren habe ich immer wieder eine Besucherin. Ich nenne sie: Die große Traurigkeit. Bereits als Kind überfiel sie mich. Wenn sie kommt, fordert sie meine ganze Aufmerksamkeit. Das erreicht sie, indem sie ihre Begleiterin, die große Schwäche, wie eine Wolke auf mich niedersinken lässt. Alle Pläne sind dann dahin. Ich liege und weine und schlafe. Mehr geht nicht. Die große Traurigkeit lässt nichts anderes zu. Lange Zeit habe ich versucht mich gegen sie zu wehren. Wollte die Tür nicht aufmachen, wenn sie davor stand. Aber sie kann durch verschlossene Türen gehen. Sie erreicht mich, wenn sie will. Sie durchdringt alles. Irgendwann habe ich aufgehört sie ignorieren oder abweisen zu wollen. Sie kommt sowieso wann sie will. Ich habe auch aufgehört nach Gründen für sie zu suchen, irgendjemanden zu finden, dem ich unterstellen kann, dass er oder sie mich so traurig macht. Sie ist einfach da. Und ich akzeptiere sie inzwischen wie so einige andere ungebetenen Gäste auch. Die große Tra

Brief an eine Schriftstellerin

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Liebste Frau Schubert, mein Name ist Ingrid R., ich bin Jahrgang 1963 und habe eine Mutter Jahrgang 1939. Sie ist, wie Sie, (noch) 80 Jahre alt. Wie Sie musste meine Mutter aus ihrer Heimat fliehen. Sie wurde in Krumau, heutiges Český Krumlov/Tschechien und Weltkulturerbe, geboren. Und doch gibt es große Unterschiede zwischen ihnen beiden. Sie hatten eine Mutter, an der Sie sich orientieren konnten. Meine Großmutter hat Selbstmord begangen. Sie hat das gemacht, was Ihre Mutter verweigert hat. Sie hat sich vergiftet. Ihre beiden Kinder, meine Mutter und den Sohn, hat sie zu ihrer Schwester geschickt. Ihren Vater hat meine Mutter nicht kennengelernt. Er verstarb bei einem Marsch, als sie noch im Bauch ihrer Mutter war. Sie war noch keine 5 Jahre alt und, im wahrsten Sinne des Wortes, bereits mutterseelenallein. Mit der Großmutter sind sie nach Österreich geflohen. Nachdem meine Urgroßmutter keine Lebensmittelmarken mehr erhielt, musste sie die beiden Enkelkinder zur Adoption freige

Das vierte Gebot

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Während meiner zweiten Schwangerschaft brach bei mir Asthma aus. Zuerst als ganz normal auftretende Kurzatmigkeit interpretiert, entwickelte es sich über die Jahre zu einem lebensbegleitenden Umstand, der einhergehend mit Allergien meine Lebensqualität stark einschränkte. Während andere Mütter mit ihren Kindern im Frühjahr die Spielplätze bevölkerten, lag ich unter völliger Verdunklung auf dem Sofa, um meine Panikattacken in den Griff zu bekommen. Oft konnte ich gefühlt nicht weiter als bis zur Speiseröhre atmen und hatte das Gefühl zu ersticken. Ich inhalierte bereits zu Weihnachten prophylaktisch Cortison, damit ich im Frühjahr in der Lage war aus dem Haus zu gehen. Wenn die Anfälle dennoch zu stark wurden, bekam ich zusätzlich Cortisondepots gespritzt. Ich war Mitte 30 und fühlte mich wie ein Wrack. Lungenarzt, Hautärztin, wen auch immer ich aufsuchte, alle hatten nur eine Prophezeiung: Asthma ist unheilbar. Finden Sie sich damit ab. Einzig meine damalige Hausärztin, die nebenher ei