Freitag, 8. September 2017

Seelengemälde oder Der weite Weg

Für Dani

Im Frühsommer 2007 zog ich (gerade mal 44) meiner Mutter gegenüber eine Grenze auf. Diese Grenzziehung war zunächst ein Graben und hat sich im Laufe der letzten 10 Jahre zu einer hohen, eisigen Mauer aufgetürmt.
Zwischen dem Graben und der Eismauer liegen viele Tränen. Heiß geweint und doch erfroren. Wenn man genau hinschaut, kann man Wünsche, Erwartungen, Ansprüche, Hoffnungen, Verzweiflung, Kummer, Zweifel, Enttäuschung, Frustration und Trauer erkennen.

Ich habe einiges ausprobiert.

Meine Mutter nicht mehr jeden Sonntag anrufen, aber zu Familienfeiern einladen. Bis ich merkte, dass sie vor meinen anderen Gästen, während ich Kaffee aufbrühte, schlecht über mich sprach.
Sie also nicht mehr zu mir einladen, aber noch zu anderen Familienfeiern gehen, zu denen auch sie eingeladen ist. Bis zum Tag des großen Eklat.
Sie meiden und nicht mehr auf Familienfeiern gehen, an deren Teilnahme sie zugesagt hat (was sie bisher immer getan hat). Bis ich heute merkte, dass sie auch damit über mich siegt (wenn ich es erlaube).

Mit dieser letzten Entscheidung schließe ich mich selbst aus dem Familienverbund aus.
Bisher dachte ich, dass es mir gut geht damit. Der Preis ist hoch, aber allemal meine seelische Stabilität wert.

Meine Kinder waren zum Zeitpunkt des Zerwürfnisses 12 und 15 Jahre alt. Ich versuchte sie aus der Thematik rauszuhalten, so weit das möglich war, und ließ sie Kontakt zur Oma halten. Am Tag des Eklat waren sie außer sich. Wie gerne hätte ich sie auf meine Seite gezogen. Sie darin bestätigt wie böse und gemein die Oma ist. Wie gerne hätte ich ihr die Enkel entzogen. Aus Rache. Weil es das war, was ich hätte tun können, um SIE auszuschließen. Aus meinem Verbund. Dafür, dass sie mich vor meinen eigenen Kindern schlecht machte. Dafür, dass sie mir nie eine emotionale Heimat geboten hat. Dafür, dass sie mich verraten hat. Dafür, dass sie mich missbraucht hat. Wie gerne hätte ich meine Kinder, in meinem Sinne, über sie richten lassen. Ich hatte damals gute Karten. Und habe es verpasst den Trumpf auszuspielen. Weil ich wusste, dass ich damit genau so bin wie sie. Macht es mich zu einem besseren Menschen, wenn ich mich anders verhalte? Macht es mein Leben leichter? Tut es nicht.

Wir hatten damals ein intensives Gespräch und ich machte meinen Kindern klar, dass meine Probleme mit meiner Mutter meine Probleme sind, um die ich mich selbst kümmere. Und dass sie für sich selbst entscheiden müssen, ob sie Kontakt zur Oma halten wollen oder nicht. Wenn ja, dann müssen sie sich auch selbst um die Probleme, die sie mit der Oma haben, kümmern. Sie entschieden sich beide für den Kontakt.
Wenn ich mit meiner Mutter nichts mehr zu tun haben möchte, müsste ich mich heute von all den Menschen lösen, die mit ihr Kontakt haben. Von meinen Geschwistern und schlimmstenfalls von meinen Kindern. Dadurch, dass ich ihnen den Kontakt zur Oma freigestellt habe, bleibt sie auch in meinem Leben.
Das ist eine große Herausforderung.
Manchmal, wenn meine Kleinherzigkeit und Kleingeistigkeit zuschlägt, bereue ich zutiefst, dass ich meine Kinder nicht zu muttertreuen Soldaten erzogen habe, die - komme was wolle - auf meiner Seite stehen, mich verteidigen und "Unsere Mutti ist die Beste" schmettern. Heute ist so ein Tag.

Mein Bruder feierte Geburtstag und wir waren alle eingeladen. Mein Kampf ist nicht sein Kampf.

Chronologie eines Absturzes:

Nach reiflicher Überlegung entschließe ich mich NICHT an der Feier teilzunehmen.
Die reifliche Überlegung bot zwei Wahlmöglichkeiten:
1.) Mal wieder eine Mutprobe durchführen und den status quo ausloten (was beeinhaltet: Tage vor dem Eismaueraufenthalt mich innerlich vorbereiten, warm anziehen und aufwärmen, an der Eismauer dann ganz cool tun, danach 2 Wochen lang unter Unwohlsein auftauen, Gefahr: nach dem Eismaueraufenthalt mit Fieber und Gliederschmerzen im Bett liegen und wissen, dass meine Vorbereitung mal wieder grottig unzulänglich war und die Frage aufwirft: Kann ich mich jemals gut genug schützen vor dem emotionalen Eis? Soll ich mich dem jemals wieder aussetzen? Warum sollte ich mich jemals wieder dazu zwingen mich etwas auszusetzen von dem ich weiß, dass es mir nicht gut tut? Warum denke ich dem jemals gewachsen sein zu müssen? Von wem, außer mir, würde ich so etwas verlangen?)
2.) einfach daheim bleiben, mich mit einer warmen Decke aufs Sofa lümmeln und ein Glas Wein trinken.
Ich entschied mich für die 2. Getröstet von der Tatsache, dass meine bessere Hälfte auch daheim bleibt. Treu an meiner Seite.

Am Tag der Feier kommt mir meine Mutter in der Fußgängerzone entgegen. Wir wohnen in derselben Stadt, nicht weit voneinander entfernt. Begegnen uns so gut wie nie, dafür heute. Ich stehe mit meiner Tochter in einem Gespräch, sie mit dem Rücken zur Oma, ich mit dem Gesicht. Was passiert? Ich habe einen starken Fluchtreflex und folge ihm blitzschnell, schaffe es noch zu sagen "Da kommt meine Mutter, ich muss weg", drehe mich um, rette mich in einen Fairtrade-Laden. Denke traurig "Wie schlimm ist das denn, wenn ein Kind vor seiner Mutter flüchten muss?"

Am Tag nach der Feier erzählt unser Sohn, was für einen schönen Abend sie hatten. Wie gut sich alle unterhalten haben.
Meine Kleinherzigkeit schlägt das erste Mal zu. Ich fühle mich ausgeschlossen, war nicht dabei, habe die neuen Freundinnen meiner Neffen nicht kennengelernt, kann nicht mitreden.
Abends auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, fährt mein Bruder (zufällig) mit seinem E-Roller an uns ran und meint lächelnd "Das war gestern ein echt schöner Abend". Er besucht eine Veranstaltung, ich fahre mit dem zweiten Schub meiner Kleinherzigkeit nach Hause und packe alles aus, was ich gegen ihn verwenden kann. Mamas Liebling, Schoßhocker, goldenes Kind, ewiger Lächler, Speichellecker, Idiot. Als er nach der Veranstaltung bei uns vorbeikommt, um uns zur nächsten (politischen) Veranstaltung einzuladen, weigere ich mich mit ihm zu sprechen. Mein Herz ist auf ein Minimum geschrumpft. Dafür stehen die Tränen auf Oberkante. Ich weigere mich noch eine einzige Träne zu diesem Thema zu weinen. Der See an ungeweinten Tränen ist abgeweint. Basta.

Heute morgen telefonierte ich mit meiner Tochter.
Auch sie erzählt von dem schönen Abend, den guten Gesprächen. Mein Herz ist nicht mehr vorhanden, sein Platz wird vom Selbstmitleid eingenommen. Als ich von meinem Gefühl des Ausgeschlossenseins erzähle (in Erwartung von Anerkennung meines Leidens), meint sie "Du wurdest nicht ausgeschlossen. Du wurdest eingeladen und hast dich selbst ausgeschlossen. Du brauchst dich also nicht ausgeschlossen zu fühlen." Die Tränen übersteigen die Oberkante und ich muss das Gespräch abbrechen. Warum versteht mich keiner? Nur weil ich mich schützen will und nicht komme, heißt das doch nicht, dass ich nicht dabei sein möchte!
Ich lasse den Tränen freien Lauf und erkenne:
Sie hat Recht.
Das Gefühl des Ausgeschlossenwerdens ist ein uraltes Kindheitsgefühl. Da wurde ich tatsächlich ausgeschlossen. Diesmal habe ich mich aktiv selbst ausgeschlossen. Trotzdem darf ich das Gefühl des Ausgeschlossenseins haben. Ich darf es nur niemandem anlasten. Die anderen dürfen einen schönen Abend haben, auch wenn ich nicht dabei bin. Ich trage die Verantwortung für alle Gefühle, die mit meiner Entscheidung einhergehen. Mein Wohlbefinden sollte nicht davon abhängig sein, was die anderen entscheiden oder erleben.
Es beginnt mit der Entscheidung, dass sie teilnehmen, obwohl ich nicht dabei bin. Dürfen sie. Und wenn ich will, darf es mir gut gehen damit.
Es geht weiter mit den Erzählungen, dass sie einen schönen Abend erlebt haben, obwohl ich nicht dabei war. Dürfen sie. Und wenn ich will, darf es mir gut gehen damit (das erfordert Großherzigkeit - puuh).
Es könnte auch sein, dass sie einen schrecklichen Abend hatten und völlig aufgebracht sind, weil ich nicht dabei war. Dürfen sie. Und wenn ich will, darf es mir gut gehen damit (das erfordert einen Mangel an Schadenfreude - puuh).

Ich bestimme, woran mein Wohlbefinden geknüpft ist.
An mich selbst oder an die Erzählungen anderer.

Nicht, dass ich es bereits gänzlich schaffe so zu leben - hahahaa (siehe oben). Ich bin dabei, Schritt für Schritt.
Es ist ein weiter Weg, oft am Abgrund, mit der Gefahr des Absturzes.

Alles ist gut, ich vertraue, ich schaffe das.




Donnerstag, 11. Mai 2017

Jesus on youtube

Manchmal frage ich mich, was aus Jesus geworden wäre, wenn er zu Zeiten von Social Media gelebt hätte.

Wieviele Freunde hätte er auf Facebook gehabt? Unermesslich viele, denn auf der Hochzeit von Kana hatte die Braut selbstverständlich die komplette Zeremonie filmen lassen und einer seiner Follower stellte das "Wasser-zu-Wein-Event" postwendend auf youtube. Die Klicks erreichten Milliardenhöhe. Da Jesus sehr im sozialen Bereich beschäftigt war, musste er eine Social Media Agentur beauftragen, die seinen Facebook-Account pflegte, denn leider hatte er nicht nur Bewunderer, sondern auch Hater, die ihn als Scharlatan verunglimpften. Seine Wunderheilungen durch Handauflegen stießen im Netz nicht nur auf positive Bewertungen. Viele beschwerten sich, dass man für eine Terminanfrage stundenlang in der Hotline hing und dann freundlich, aber bestimmt, auf die Warteliste gesetzt wurde. Nächste Terminvergabe beim Wunderheiler: 6 Jahre, 3 Monate und circa 25 Tage. Jesus selbst nahm kein Geld, aber sein Imagecoach riet ihm, dass er Spenden für ein Charity-Projekt verlangen sollte. Ein Ghostwriter veröffentlichte seine Biografie, die auf jeder Bestsellerliste vertreten war und auf Amazon von einem Top-Rezensient zu den 10 wichtigsten Werken des Jahres gekürt wurde. So ziemlich jedes Brautpaar wollte ihn für die Hochzeit buchen, weil sie sich mit seiner Fähigkeit, billiges Wasser in Alkohol zu verwandeln, richtig viel Geld sparten und sich dann Luxus- Flitterwochen leisten konnten. Jesus war sogar Kandidat für den Friedensnobelpreis und hatte Anfragen für Gastauftritte in mehreren Serien. Er sah halt einfach umwerfend gut aus, dichte Haare, schöner Vollbart, er war Vegetarier auf dem Weg zum Veganer, ernährte sich fast nur von Wasser und Brot, was ihm einen asketisch schlanken Körper bescherte und er hatte wunderschöne Augen. Die Frauen liebten ihn und kein Unterkunftaufenthalt ohne Gekreische seiner weltweit existierenden Fanclubs. Vor 3 Jahren hatte er einen Burn-out, weil er so gefragt war und zu den Gut-Menschen zählte, die nicht Nein sagen können. Er musste täglich bis zu 14 Auftritte absolvieren, in Präsenz seiner kompletten Entourage, ständig unter Kamerabeobachtung, was zu Stresssymptomen führte und einer misslungenen Heilung. Jesus machte sich schwere Vorwürfe und erlitt einen Zusammenbruch.

Als er in die Wüste meditieren gehen wollte, um zu sich selbst zurückzufinden, wurde er von unzähligen Drohnen verfolgt und die Fotos von ihm, mit geschlossenen Augen auf einem Berg, gingen durch die Klatschpresse. "Jesus vor dem Aus?" war noch eine der freundlicheren Überschriften. Viele behaupten, dass er seit seinem Zusammenbruch nicht mehr der Alte ist. Von einem gefährlich religiösen Fanatiker ist nun die Rede. Einem uneinsichtigen Weltverbesserer, der die ganze Welt retten will. Wahrscheinlich leidet er an einer grandiosen Naivität und will oder kann die Realität nicht akzeptieren. Online-Ärzte diagnostizieren ihm inzwischen sogar Wahnvorstellungen und manche behaupten, er litte an einer Persönlichkeitsstörung. Wahrscheinlich hat er das Trauma seiner Geburt und die ersten Wochen danach nie verarbeitet. Wer möchte schon auf einer Reise geboren, in Lumpen in einer kalten Futterkrippe liegen und von exotischen Menschen bestaunt werden? Fotos davon gingen rund um die Welt und machten ihn zum berühmtesten Windelpupser. Die Geschenke haben auch nur seinen Eltern genutzt. Für ihn war nichts dabei, nicht einmal ein Laufrad. Später durfte er kein Abitur machen, sondern musste einen Handwerkerberuf erlernen. Dass behauptet wurde, dass sein Vater nicht sein richtiger Vater ist, ihm aber die Existenz seines leiblichen Vaters vorenthalten wurde, machte ihm das Leben bestimmt auch nicht leichter. Seine Mutter war wohl auch nicht ganz dicht, die erzählte immer, dass er von einem Geist gezeugt wurde und machte sich wichtig damit. Hat sie je an ihr Kind gedacht? Wer will schon mit so einer Geschichte aufwachsen? Wahrscheinlich hat er mal "Rosemaries Baby" gesehen und das auf sich projiziert. Kein Wunder, dass er so viele Wunder vollbringen muss. Wahrscheinlich muss er beweisen, dass er nicht auf der dunklen Seite der Macht steht. Er war schon immer ein bisschen sonderlich und seine Geschwister schämten sich für ihn. Das ideale Mobbing-Opfer. Naja, er hatte ja mal den Ruf eines Mystikers, aber das ist schon lange vorbei. Er leidet seit frühester Kindheit an Selbstzweifeln, wie nun seine Mutter in einem Interview erzählte, und einem nicht unerheblichen Minderwertigkeitskomplex. Da er ja kein Geld nehmen will, ist er noch immer Kassenpatient. Wahrscheinlich hatte er einen inkompetenten Therapeuten. Selber Schuld. Er wollte nie akzeptieren, dass Geld den Wert hebt und das Leben einfacher macht. Die Chance hätte er ja gehabt. Jetzt taugt er nur noch für Freak-Shows.

Lass uns ein Bier aufmachen und dann schauen wir uns dieses irre Video auf youtube an, bei dem er mitspielt. Das hat er wohl gemacht, weil er irgendwie über die Runden kommen muss, nachdem einer seiner Jünger, sein Vermögensverwalter, ihn beschissen hat. Der kaufte sich von dem Geld eine Yacht, wurde aber nicht wirklich glücklich und hat sich dann am Mast erhängt. In diesem Video spielt er doch tatsächlich das volle Opfer. Da schleppt er auf einem Walk of Shame so ein Kreuz, an dem man ihn dann zu Tode foltert. Lol.

Dienstag, 9. Mai 2017

Das musst du verstehen!

Oder:

Warum ich einen analytischen Verstand entwickelte


Es gibt Leser meines Blogs, die sich verstanden fühlen und sich bei mir für die Offenheit bedanken.
Und da gibt es zwei Menschen, denen ich im letzten halben Jahr begegnete, die mir offen sagen, dass ich zu verkopft wäre.

Was macht ein verkopfter Mensch? Er macht sich Gedanken darüber, warum er als verkopft gesehen werden könnte. Warum er so viele Bücher über bestimmte Themen liest und theoretisches Wissen anhäuft, das ihm bei der Lösung seines Problems nicht wirklich hilft. Ich kann mit vielen Leuten schreiben und diskutieren - es löst nicht mein Problem. Es macht folgendes: Es lässt mich verstanden fühlen. Und das ist anscheinend etwas, was ich mein Leben lang misste. Ich lebte unter dem Appell: DAS MUSST DU VERSTEHEN! Und ich habe bis zum Erbrechen versucht zu verstehen. Als ich verstand, dass ich mein Leben bisher dieser Überzeugung widmete, kam Wut in mir hoch. Einige Jahre dachte ich, dass ich sie verloren habe, dass sie sich beim Praktizieren von Kampfkunst ausgetobt hätte. So lange war sie meine Vertraute, Begleiterin, mein Antrieb. Ich begann sie zu vermissen. Nun ist sie wieder da. Verändert. Sie fühlt sich weniger wie Ohnmacht und Verzweiflung an, eher wie eine Kraft. WOAAAHHH!!! Eine Woche lang hätte ich laut schreiend auf meinem Fahrrad durch die Fußgängerzone fahren können. Warum?

Mir wurde klar, dass ich immer dann, wenn ich als Kind Verständnis gebraucht hätte, weil ich alleine nicht zurecht kam und somit Hilfe bei den Erwachsenen suchte, zu hören bekam "Das musst du verstehen", weil die Familie, in die ich hineingeboren wurde, mit ihren Leben nicht zurecht kam. Es wurde von mir verlangt dafür Verständnis zu haben, dass die "Erwachsenen" sich nicht in der Lage fühlten mich aus missbräuchlichen Situationen zu befreien, weil es ihnen selber so schlecht ging. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Und was habe ich getan? Ich dachte verstehen zu müssen und bildete einen analytischen Verstand aus, der prima sezieren, analysieren, reflektieren kann. Was bringt es mir, dass ich unter der Überzeugung stehe alles verstehen zu MÜSSEN? Ich beschäftige mich mit Dingen, von denen ich denke, dass ich sie verstehen muss und sammle Wissen - emotional aber verstehe ich viele Dinge noch immer nicht. Es macht mich so wütend, dass das Verständnis, das ich als Kind von den Erwachsenen gebraucht hätte, von mir als Kind FÜR die Erwachsenen gefordert wurde und ich bis heute unter dem Anspruch stehe, dass ich doch alles verstehen MUSS!

Ich habe keine Lust noch mehr Verständnis zu entwickeln. Ich will nichts mehr verstehen müssen, weder die anderen noch die Welt und auch nicht unbedingt mich bis ins kleinste Detail. Es ist wie es ist - ob ich das nun verstehe oder nicht. Egal. Ich möchte mich jetzt mit den Dingen beschäftigen, die ICH wissen WILL.

Was bedeutet, dass ich mir (verkopft) Gedanken darüber machen darf, was ich ablegen möchte, weil ich mich bisher lediglich damit beschäftigte, weil ich den Drang verspürte es wissen zu müssen.

Ne Leute, Schluss damit. Ich fange jetzt mal an hinzuspüren und wenn mein Bauch sagt "Nö, kein Bock", dann lasse ich es einfach sein. Das müsst ihr verstehen!

Donnerstag, 20. April 2017

Depression und Familie

Gerade lese ich das Buch "Sie haben es doch gut gemeint – Depression und Familie“ von Josef Giger-Bütler, einem Psychotherapeuten aus der Schweiz, der sich auf die Therapie und Heilung von Depressionen spezialisiert hat. Depression ist in unserer Familie, meines Erachtens, kein Thema. Das Buch hat jemand mitgebracht, in dessen Familie es wohl ein Thema ist. Und es interessierte mich.

Jedes Jahr zu Weihnachten erhalten wir einen Rundbrief, geschrieben von einer Frau mit großer, international verstreuter Familie. Die Frau kenne ich persönlich nicht, sie entstammt dem Bekanntenkreis meines Mannes vor meiner Zeit. Ihre Briefe las ich trotzdem gern, waren sie doch immer so lebendig und voller Abenteuer. So unglaublich positiv und optimistisch. Sie sprühten nur so vor Energie und Lebenslust. Vor wenigen Jahren enthielt der Brief einen Bruch, nämlich die Schilderung, dass das geliebte Wohnmobil verkauft wurde, da ihr Mann an einer Depression leidet und nicht mehr wegfahren will. In den folgenden Jahren war fast spürbar, wie die Depression des Mannes auch der Frau jegliche Kraft und Perspektive entzieht. Letztes Jahr enthielt der Brief nur noch Stichpunkte, die bei mir den Eindruck hinterließen „Ich lebe noch, möchte euch aber ersparen wie“.
Ich kenne aus meiner Jugend Freundinnen, deren Mütter unter Depressionen litten und wir uns deswegen nur flüsternd in einem verdunkelten Haus bewegen durften.
Was Depression tatsächlich bedeutet, war mir nie wirklich ersichtlich. Das Buch klärt mich auf und ich hoffe, dass ich das, was ich bisher so auf dem Schirm hatte, fallen lassen kann. Josef Giger-Bütler räumt auf mit Urteilen und Vorurteilen, die entstehen, wenn man nicht betroffen ist und keine Ahnung hat. Er beschreibt Depression als eine perfide Überlebensstrategie, die bereits in der Kindheit angelegt wird. Als eine Permanent-Überforderung, die der Umgebung erst dann auffällt, wenn der Punkt erreicht ist, an dem nichts mehr geht. Und wie sie das eigene Leben, aber auch das der Nahestehenden zerstören kann. Giger-Bütler bietet Lösungswege an. Er hat sogar Folgebücher geschrieben, in denen er die Depression als heilbar erklärt und Anleitungen zum eigenständigen Ausstieg gibt.

Im Kapitel „Depression entsteht in der Familie – Krank machende Bedingungen in der Kindheit“ gibt es eine Passage, die mich persönlich anspricht, weil sie mir die Antwort auf eine Frage gibt, die zwar nichts mit Depression zu tun hat, wohl aber mit dieser emotionalen Unterversorgung, die so viele von uns betrifft. In diesem Kapitel beschreibt er nach außen „intakte“ Familien, in denen Eltern oder ein Elternteil zwar da sind, aber (aus unterschiedlichsten Gründen) doch nicht da sind. Und wie unter solchen Bedingungen verhaltensunauffällige, funktionierende Kinder entstehen. Brav, lieb, angepasst (und in ihrer Entwicklung gestört).

Oder man könnte auch sagen, dass sich die Eltern gegen die Kinder entscheiden, auch wenn es für sie nie um einen Entscheid geht. Wenn sie sich bewusst entscheiden müssten, dann würden sie sich mit größter Sicherheit in aller Entschiedenheit und Überzeugung für die Kinder entscheiden. Wenn ich trotzdem von einem Entscheid spreche, dann meine ich, dass es sich aus der Sicht der Kinder tatsächlich um eine Entscheidung gegen sie handelt.
Giger-Bütler "Sie haben es doch gut gemeint" Depression und Familie

Jaaa, das ist es. Einatmen, ausatmen, aufatmen.

Das sind genau die beiden unterschiedlichen Sichtweisen, oder besser Fühlweisen, von Eltern und Kindern. Die Eltern würden sich nie gegen uns entscheiden. Und doch tun sie es.

Mein persönliches Fallbeispiel:
Ich war ein unglaublich freiheitsliebendes Kind und am liebsten in der Natur unterwegs, was sich als schwierig gestaltet, wenn man mitten in der Großstadt aufwächst. Mein älterer Bruder und ich verbrachten drei Jahre ganztags in einem Kindergarten. Unser jüngerer Bruder durfte mit der Mama nach Hause, auch dann, als er selbst im Kindergartenalter war. Als ich sie darauf ansprach, warum er und nicht ich, antwortete sie „Weil er sich so schön alleine beschäftigen kann und du eben nicht“. Meine Freiheitsliebe und Naturverbundenheit waren Eigenschaften, die mich unter den Lebensbedingungen, in denen meine Eltern lebten, dazu führten, dass mir meine Freiheit entzogen und ich von der Natur entfernt wurde. Meine Mutter war nicht berufstätig, sie hatte einen kleinen 3-Zimmerhaushalt zu führen, sie hätte jeden Tag mit uns rausgehen können, aber sie konnte nicht, aus verschiedensten Gründen, für die wir Verständnis haben mussten. Andere Dinge gingen vor. Da spielte es auch keine Rolle, dass der Kindergarten eine Erziehungsanstalt war, in der die Kinder nie an die frische Luft durften, bei jedweder Art von Undiszipliniertheit auf dem kalten Klo Strafe stehen mussten oder eingesperrt wurden, bei Erbrechen gezwungen wurden ihre eigene Kotze zu löffeln. Dazu meinte meine Mutter „Ich bin froh, dass ich überhaupt einen Platz für euch bekommen habe“. Sie meinte auch „Meine Kinder sind mein Ein und Alles“. Sie hätte uns nie weggegeben. Und doch hat sie es getan.

Donnerstag, 13. April 2017

Ankündigung Vortrag Franz Ruppert zum Thema "Das Trauma des Krieges - wie Kriege von einer Generation in die nächste wirken" in Bamberg

In Bamberg findet am 19. September 2017 ein Vortrag von Franz Ruppert zum Thema "Das Trauma des Krieges - wie Kriege von einer Generation in die nächste wirken" statt.

Dienstag, 19. September 2017, 18:30 - 20:00 Uhr

Seniorenzentrum Arbeiterwohlfahrt Bamberg
Hauptsmoorstr. 26
96052 Bamberg

Weitere Informationen und Anmeldung: Ernst Wolf 0171–412 6756; ew-bamberg@t-online.de

Dienstag, 11. April 2017

Eine Sichtweise

Eine  Beziehung, in der du nicht authentisch sein darfst,
hat ihren Wert verloren,
denn sie zwingt dich, dich zu verstellen,
dich also nicht zu lieben.
Und wenn du dich nicht liebst,
nimmst du dir die Kraft, andere zu lieben.

A.Antila

Dienstag, 4. April 2017

Schwamm drüber oder die Täter-Opfer-Spaltung

Gestern stellte sich mir eine Frage:

Es gab viele Generationen vor uns, in denen Kinder NICHT von ihren Eltern gewollt und geliebt wurden. Fehlende Verhütungsmittel und die "eheliche Pflicht" erzeugten ungewollte Schwangerschaften. Oft im Übermaß. Was die Kinder nicht wertvoller machte.

Warum also tut sich gerade unsere Generation so schwer damit, wenn sie sich von den Eltern ungeliebt, missverstanden, nicht gesehen, körperlich und emotional missbraucht fühlt? Warum gibt es in unserer Generation diese Funkstille und den Kontaktabbruch? Gab es das früher nicht? Wurde früher wirklich so viel VERZIEHEN? Oft wird ja eingefordert, dass die Kinder das schwere Schicksal der Eltern verstehen und ihnen aus diesem Verständnis heraus vergeben sollten. Schwamm drüber, fordert eine Verlassene Mutter im Thread von Tina Soliman. Du musst verzeihen, erst dann findest du deinen Frieden, das habe ich schon oft gehört. Ist das so? Muss/kann/darf ich jemandem verzeihen, der seine Verfehlungen herunterspielt oder verleugnet? Der sagt "Ich bin unschuldig. Ich hab doch gar nichts gemacht!" Sogar in der katholischen Kirche muss man erst seine Sünden beichten bevor man die Absolution erhält. Der katholische Gott verzeiht nicht einfach so. Wenn nicht einmal Gott das tut, warum wird das von uns verlangt? Ich wurde in einem obskuren katholischen Glauben erzogen und bin somit auch zur Beichte gegangen. Dort galt nicht "Mein Magen hat so geknurrt, deswegen habe ich aus Nachbars Garten Kirschen geklaut. Das müssen Sie verstehen." Das hat der Herr Pfarrer nicht verstanden. Was hast DU GETAN? "Ich habe gestohlen, das tut mir leid, ich werde es nicht mehr tun, auch wenn mir der Magen knurrt". Ein guter Pfarrer erwiderte "Bete dein Vaterunser und geh zum Nachbarn um dich zu entschuldigen." Rechtfertigungen und Rausreden haben einen nicht aus dem Beichtstuhl gebracht.
Besagte Mutter hat ihrem Vater seine Taten verziehen und verlangt das nun auch von ihren Kindern. Schwamm drüber. Die Kinder wollen aber nicht mehr mit dem Schwamm alles auswischen, bevor nicht die Zeche bezahlt wurde und damit die Schulden beglichen sind.
Die Formel nutzen wir bis heute, wenn wir eine unangenehme Angelegenheit abhaken, nicht mehr über sie sprechen oder die ganze Geschichte einfach vergessen wollen.
Auf der Homepage von Professor Ruppert gibt es eine sehr gute Beschreibung der Täter-Opfer Spaltung (vom Opfer durch Verleugnen/Verdrängen zum Täter werden). Ein Auszug:

Wie findet man aus der Opferhaltung heraus?

Anerkennen des eigenen Opfersein, fühlen der eigenen Traumatisierung
Erkennen und Annehmen des entstandenen Schadens
Mitgefühl für sich selbst zulassen
Konkreten Ausgleich für den Schaden vom Täter einfordern, falls noch möglich
Verzicht auf Rache über den Schadensausgleich hinaus
Symbiotisch verstrickte Lösungsversuche

Rache: Täter vernichten und zerstören
Rebellion: gegen Täter blind ankämpfen
Verzeihen: Tätern Schuld und Scham abnehmen
Versöhnen: Harmonieideale jenseits einer Aufarbeitung des Opfer- und Täterseins
Zuflucht in der Spiritualität nehmen
Wie findet man aus der Täterhaltung heraus?

Anerkennen der eigenen Taten
Anerkennen der persönlichen Schuld
Zulassen der eigenen Scham
Mitgefühl für das Leid der Opfer
Bemühen um Ausgleich für den Schaden
Verzicht auf Sühne über den Schadensausgleich hinaus
Leben jenseits der Täter-Opfer-Spaltung
Beziehungssysteme verlassen, die in Täter-Opfer-Dynamiken gefangen sind
Gesunder Selbstbezug, gesunde Autonomie, gute Abgrenzung
Selbstachtung und Konfliktfähigkeit
Konstruktiv symbiotische Beziehungen leben
Win  -win   - statt win-loose-Situationen schaffen
Finden, was gesunde Angst, Wut und Liebe ist

Verzeihen und damit den Tätern Schuld und Scham abnehmen, Versöhnen und damit Harmonieideale jenseits einer Aufarbeitung des Opfer- Täterseins weiterleben - sprich mit dem Schwamm drübergehen - das ist einfach vorbei.

Allen Kindern, die unter ihrer Kindheit im Kreis ihrer Familie leiden, ihre Eltern mit deren Tätertum konfrontieren und bei konsequenter Verweigerung als einzigen Ausweg aus der Spirale der Opfer-Täter-Dynamik in Familien den Kontaktabbruch wählen, sei gedankt dafür, dass sie etwas nicht mehr hinnehmen wollen, was seit Generationen gehandhabt wird - mit dem Schwamm etwas auswischen, was nie angeschaut werden wollte.

Ich möchte behaupten, dass Kontaktabbruch, als Selbstschutz vor verleugnenden Eltern, ein Dienst an der Gesellschaft ist. Das Nicht-mehr-hinnehmen-wollen des Schwamm drüber bedeutet einen Austritt aus der Spirale von Missachtung und Lüge.

Wobei wir nicht vergessen sollten, dass auch wir Verantwortung für unser eigenes Tätertum übernehmen dürfen. Die Spielregeln gelten für alle. Wir sind Opfer und Täter in einem. Ohne Ausnahme.