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Wohin gehen wir?

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Jörn Klare ist in einer Kleinstadt namens Hohenlimburg im Sauerland aufgewachsen.
Mit Anfang zwanzig zieht er nach Berlin. Als Autor und Journalist bereist er die Welt, lernt viele Leute kennen, kehrt aber immer wieder nach Berlin zurück.
Als die Kinder älter werden und die Mietwohnung zu groß, schaut er sich mit seiner Frau nach einer Eigentumswohnung in der Stadt um, ohne sich zu einer Entscheidung durchringen zu können. Irgendwann stellt sich ihm die Frage "Will ich mich dieser Stadt für immer anvertrauen?" Da sich die Antwort nicht so ohne Weiteres einstellt, geht er auf seine ganz persönliche Pilgerreise. Er läuft die sechshundert Kilometer von Berlin nach Hohenlimburg und schreibt darüber in seinem Buch "Nach Hause gehen - Eine Heimatsuche". Sein Weg aus Berlin heraus, führt ihn durch alte und neue Bundesländer. Überall trifft er Menschen, die er zum Thema "Heimat" interviewt und spürt auf 237 Seiten diesem Begriff nach.

Gegen Ende seiner Reise trif…

Ich dich auch

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Erbe

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Vorletzte Woche habe ich ein weiteres Kapitel meines Familienerbes hinter mich gebracht.
Mein Schredder hat gequalmt und mehrmals überhitzt Pausen eingefordert. Eingehüllt in Papierstaub, musste ich nach der Aktion erst einmal einen Schnaps trinken.

Vor 9 Jahren starb mein Vater sehr plötzlich an einem Herzinfarkt. Als ich zu ihm in die Klinik gerufen wurde, lag er bereits unter einer Sauerstoffmaske und schnappte panisch nach Luft, während ein Arzt mit einem Ultraschallgerät auf seinem Bauch herumfuhrwerkte. Entsetzt sah ich, dass mein Vater fixiert und hilflos der Situation ausgeliefert war. Die Fixierung dient seinem Schutz, sagte man mir, weil er versucht hatte sich alle Schläuche aus dem Körper zu reißen. Ich streichelte den Kopf meines Vaters und versuchte ihn zu beruhigen. Den Infarkt hatte er wohl bereits einige Tage vorher erlitten. Die Symptome, er brach ohnmächtig im Bad zusammen ohne es jemandem zu erzählen, ignorierte er. Schwäche konnte er sich mit seinen 82 Jahren zu di…

Schwere Fracht

Die Menschen sind überfrachtete Wesen.
Innen Chaos, außen Chaos.
Lina in "Die Geschichte des verlorenen Kindes" von Elena Ferrante

Deutsche (Eigentümer-)Nachbarschaft

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Vor 14 Jahren zogen wir in ein Haus in einem Vorort der Stadt, in der wir nun seit 26 Jahren leben. Meinen Mann gruselte es vor dem Viertel, das mal Wald war und nun ausschließlich von Einfamilienhäusern, Doppelhaushälften und Reihenhäusern besetzt ist. Er nannte die beunruhigende Ruhe an diesem Ort "Friedhofsstille". Beruhigt hat uns die Gewissheit, dass wir keine Eigentümer, sondern lediglich Mieter sind und diesen satten, penibel geordneten Raum irgendwann wieder verlassen können.

Ich selbst genoss die Stille und setzte mich manchmal mitten ins unmöblierte Wohnzimmer, um den Geräuschen des Hauses zu lauschen. Da gluckerte nur die Heizung. Das stille Haus und ich wurden Freunde.

Kurz nach dem Einzug klingelte es an der Haustür und ich freute mich, einen Nachbarn von gegenüber zu sehen. Er kam gleich zur Sache und erklärte mir genau, wo und wo nicht ich die Abfalltonnen hinstellen darf. Ich hörte mir das an und begrüßte ihn dann sehr freundlich, stellte mich als neue Nachba…

Am Sterbebett meiner Mutter ...

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Ein Update für verlassene Kinder und eine Hypothese Im Juni hat unsere Tochter geheiratet.
Es ist das einzige Familienfest, an dessen Teilnahme ich nicht zu verzichten bereit war. Seit dem Eklat nahm ich an keinem Fest mehr teil, an dem meine Mutter anwesend war. Der Hass auf sie, der sich damals zeigte und der Impuls sie zu schlagen, trafen mich zutiefst.

Das Wissen, dass ich meiner Mutter nach Jahren wieder begegnen würde, versetzte mich in vielerlei Gemütszustände. Der schlimmste Zustand ist immer die Phase der Destabilisierung. Der Zustand der Vierjährigen, die verraten und geschädigt wurde. Der eine Last aufgebürdet wurde, für die die erwachsenen Verantwortlichen keine Verantwortung übernehmen wollten. Der Zustand der vierjährigen Schutzbefohlenen, die nicht beschützt wurde. Dann liege ich im Bett und weine einen weiteren See an ungeweinten Tränen (wie viele davon - Himmelherrgott - gibt es in mir?). Das mache ich alleine, so bin ich das gewohnt. Kummer zu zeigen war und ist ein…

Ich bin schwierig. Ich bin kompliziert. Und das ist gut so.

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Meine Freunde sind großartig. Ich mag und schätze sie. Jeder von ihnen ist anders und gerade die Vielseitigkeit dieser mir nahestehenden Menschen inspiriert mich.

Es gibt eine Sache, in der sich einige von ihnen einig sind. Sie schätzen mich als Gesprächspartner und wir können über die Welt reden, selten aber über "Gott". Sobald die Gespräche auf Themen kommen, die nicht der Norm entsprechen (Beziehung, Arbeit, Kinder, Essen, andere Leute, Politik), sobald es ums "Eingemachte" geht, ums Persönliche, um Stellungnahme, um Gefühle, heben sie abwehrend die Hände und meinen: Du bist so schwierig, so kompliziert.

Lange Zeit hat mich das traurig gemacht. Es hat das Kind in mir aktiviert, das sich mit seinem eigenen Kopf einen Platz in der Welt ergattern wollte und dem gesagt wurde: Der Mann, der dich mal heiratet, ist noch nicht geboren. Was nichts anderes hieß als: Kind, sei nicht so schwierig, nicht so kompliziert, hör auf mich zu löchern, lass mich in Ruhe, so findest …