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Es gibt keinen Weg zurück

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Seltsamerweise dachte ich einige Jahre hintereinander zu dem Zeitpunkt, wenn sich das alte Jahr dem Ende zuneigt und das neue noch nicht wirklich greifbar ist "Das wird mein Jahr!" Ende letzten Jahres meinte ich zu meinem Mann "Das wird ein hartes Jahr". Nichtsahnend oder vielleicht doch ahnend, dass bereits am ersten Tag des neuen Jahres wiederum ein Stein ins Rollen gebracht werden soll, den ich sorgsam versuche daran zu hindern. Zunächst meine Neujahrsruhe optimistisch hütend, wurde ich mal wieder hineingezogen in den Wirbel und Staub, den ein unkontrolliert rollender Stein verursachen kann. Irgendwann ist es besser einzusehen, dass man gut daran tut, in Deckung zu gehen. Den Rückzug anzutreten. Aufzugeben. Warum? Weil mich die Kapitulation genau an den Ort bringt, den ich anstrebe. Um das einzusehen, braucht es wohl, wenn frau mit einer gehörigen Portion Kriegerinnenanteil ausgestattet ist, so etwas wie Altersdemut. Auf meinen Brief voller Vorwürfe, erfolgte ei

Brief an meine Mutter III

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Liebe Mama, in deinem letzten Brief an mich hast du mir einen Rat gegeben: Ich solle die Vergangenheit ruhen lassen, Frieden schließen statt in Vorwürfen stecken zu bleiben. Das ist ein guter Rat. Ein sehr guter sogar. Ich habe mir gewünscht, dass du mir zeigst, wie das geht. Dass du mir zeigst, wo der Weg aus den Vorwürfen heraus zu finden ist. Wie man das macht - mit der Vergangenheit abzuschließen. Wo man das Vorwerfen und Nachtragen hinkippt, um mit freiem, offenen Herzen die Gegenwart zu leben. Wie man Frieden findet. Ich habe mir gewünscht, dass du mir zeigst, wie stark du wirklich bist. Dass es möglich ist, sein eigenes Opferdasein zu überwinden, niemandem mehr die Schuld für irgendwas zu geben, sich selbst zu wertschätzen, zu lieben, zu verstehen, den Schmerz loszulassen. Leichter zu werden. Als Kind habe ich dich zutiefst verehrt. Dann ist etwas passiert, was alles verändert hat. Ich habe die Welt nicht mehr verstanden. Zwischen uns war es nicht mehr warm und es ist auch nie m

Körper Geist und Seele in Balance halten

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Der Appell meines griechischen Freundes Sokrates " You have to be a good actor !" nahm die letzten Wochen durch einen nahestehenden Menschen wieder Platz ein in meinem Leben. Die Rollen, die uns zugewiesen werden. Die Rollen, die wir meinen spielen zu müssen. Die Rollen, die wir spielen wollen. Die Rolle, die wir tatsächlich in diesem Leben spielen. Oder auch nicht. Spielen wir tatsächlich eine Rolle? In einem Gespräch mit meinem Mann während unserer Morgenrunde in der Natur, kam zutage, dass es ja auch für diesen Spruch unterschiedliche Auslegungen gibt. Während er für mich das Verbiegen der eigenen Persönlichkeit bedeutet, indem man die verschiedenen Rollen des Lebens perfekt zu spielen und damit zu erfüllen sucht, sieht mein Mann darin die Möglichkeit, die eigene Persönlichkeit nicht zeigen zu müssen. Sich verstecken zu können hinter einem Rollenspiel. Für mich sieht es aber so aus, als ob beide Sichtweisen dahin führen, dass man so tut als ob. Hinter beiden steht die Angs

Brief an meinen Sohn

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 Lieber Sohn,  deine Quarantäne läuft bald aus.  Ich wünsche dir, dass du gut Fuß fassen kannst in A.R., dir das Klima behagt und dein Körper zur Ruhe kommen kann. Nach 58 Jahren habe ich herausgefunden, dass wir Heimat in uns selbst finden müssen, wenn wir inneren Frieden erfahren wollen. Es gibt Menschen, denen ist das gegeben. Sie gehen leichter durchs Leben. Andere sind auf der Suche und gehen auf Reise. Es gibt natürlich Orte, an denen man sich wohler fühlt als an anderen. Aber die innere Unruhe kann letztendlich nur im eigenen Inneren zur Ruhe kommen. Für mich begann der Umkehrpunkt, als ich anfing, mich als Mensch zu begreifen und zu akzeptieren. Es war entsetzlich, mich meinem Hass zu stellen. Aber ja, ich kann hassen. Ich bin kein Gutmensch und will auch keiner sein. Ich bemühe mich, ein liebenswürdiger Mensch zu sein und bin bereit, hart auf einer Ebene zu arbeiten, von der die meisten gar keine Ahnung haben. Deswegen gibt es für mich keinen Erfolg im Außen. Ich weiß das. Ich

Von Glück und Existenzangst

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Letzte Woche erlebte ich einen Moment tiefen Glücks. Es passierte, als ich durch die Tür eines Krankenhauses in die Sonne trat. Mit einem dicken Mullpflaster an meinem rechten Handgelenk ging ich durch Licht und Schatten, den die Sonne durch hohe Bäume warf. Ich spürte die Wärme in den sonnigen Abschnitten und die Kühle in den schattigen. Keine Ahnung, wann ich das letzte Mal in meinem Leben so große Dankbarkeit und tiefes Glück empfunden habe dafür, dass ich einfach nur hier sein darf. Atmen, leben, lieben. Wochen vorher Arzttermine, Untersuchungen, Eventualitäten. Ich hatte eindeutige Symptome, die ich abklären lassen wollte. Innerlich war ich sicher, dass der Grund dafür die Aufregungen des letzten Jahres waren. Ein Umzug stand bevor. Ein ganzes Jahr voll mit Räumen, Verabschieden, Ausmisten, Achterbahnfahren lag hinter mir. "Wenn der Umzug erst mal vollzogen ist, verschwindet das alles wieder", wird der Kardiologe sagen. Da war ich mir sicher. Dem war nicht so. Seine Eins

Menschen, denen ich gerne begegnen würde

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Es ist Freitag - Putztag. Egal wo, ob zuhause oder im Büro. Keine Putzfrau (geschweige denn Putzmann) in Sicht, es gibt nur Herr und Frau Putz. Ich muss gestehen: Ich mache alles, fast alles, aber putzen ist schrecklich. In meinen jungen Jahren war ich mal an der Uni eingeschrieben (Kunstgeschichte und Italienisch). Mehr als die Universität besuchte ich die Studentenvermittlung. Ich brauchte Jobs - sprich Geld. Und ich nahm alles an: Kartoffeln schälen in der Großkantine, Lichtpauserei von überdimensional großen Plänen in einem Architekturbüro, eine Statistenrolle in einer regionalen Serie, einen Putzjob für ein Büro. Der in einem Privathaus befindliche Büroraum war schnell sauber gemacht. Dann kam die Dame des Hauses und forderte, dass ich das private Badezimmer putze. Würg ... der Job war nach der ersten Erledigung ad acta gelegt. Kartoffelnschälen lag mir mehr. Kartoffeln haben keine langen schwarzen Haare, die sich partout in allem verfangen. Seitdem habe ich eine "lange-schwa

Brief an meinen Vater

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 Lieber Papa, bester Schaschlikzubereiter, ich weiß nicht mehr, was wir gegessen haben, aber wir haben es scheinbar genossen. Wir hatten einen ähnlichen Geschmack - lieber salzig als süß, lieber deftig als lasch. Ich mochte deine Tomaten mit rohen Zwiebeln drauf und die selbstgeriebenen Baggers. Wenn wir über deinem Schaschlik saßen, brauchte es keine Worte mehr. Ich erinnere mich an unser Gespräch im Auto, als ich dich zur Beerdigung deiner Schwester M. begleitete. Ich sagte, dass ich alt werde. Du hast gelacht und geantwortet "Mädel, ein paar Falten hast du bekommen, aber von der Ahnung, was es bedeutet alt zu werden, bist du noch weit entfernt." Das war im Sommer 2007. Manchmal sehe ich dich mit R. einen Walzer tanzen. Nie im Leben konntest du das, es ging immer nur ein "Schieber", wie du es nanntest. R. liebte den Rock´n Roll und überragt dich kleinen Mann um eine ganze Kopflänge. Aber vor meinem Auge tanzt ihr beide einen formvollendeten Walzer. Ich kann sogar