Dienstag, 30. August 2016

Phönix-Runde zum Thema "Kriegsenkel - Wie wir den Krieg bis heute spüren"

Eine sehr gute Sendung zum Thema "transgenerationale Traumata" erschien im Mai 2015 unter "Phönix-Runde: Kriegsenkel - Wie wir den Krieg bis heute spüren". Ihr findet sie hier.

Die Teilnehmer der Runde sind:

Randi Crott - Journalistin und Autorin "Erzähl es niemandem! Die Liebesgeschichte meiner Eltern"
Sabine Bode - Journalistin und Autorin "Die vergessene Generation"
Jens Orback - Generalsekretär Olof-Palme-Stiftung und Autor "Schatten auf meiner Seele. Ein Kriegsenkel entdeckt die Geschichte seiner Familie"
Katrin Himmler - Großnichte von Heinrich Himmler, Publizistin und Autorin "Die Brüder Himmler - Eine deutsche Familiengeschichte"

Freitag, 26. August 2016

Der therapierte Mann oder Männer kennen (k)einen Schmerz

Der Mythos vom unkomplizierten Geschlecht
Gestern hatte ich kurzen Whatsappkontakt mit einer Freundin. Ich schrieb
Menschen, die von sich behaupten unkompliziert zu sein, sind noch viel anstrengender als die komplizierten. Es gibt nämlich keine unkomplizierten Menschen. Es gibt unbewusste.
Ihre Antwort
Das, was man von sich behauptet, ist oft genau das Gegenteil von dem, was man ist. Wenn man unbewusst ist.
Ihre Erkenntnis zu diesem Thema ist empirisch. Gewonnen auf einer Partnerschaftsplattform. Dort hat sie herausgefunden, dass die suchenden Männer gerne in ihrem Profil Eigenschaften angeben, die eher ihrem Wunschbild von sich selbst entsprechen als der Realität. Meine Freundin neigt zur Bodenständigkeit und hat, in meinen Augen, kein überzogenes Bild von Romantik. Deswegen glaube ich ihr, wenn sie sagt, dass Männer auf diesen Plattformen gerne von sich behaupten romantisch zu sein, sie aber selten unromantischere Begegnungen hatte. Ein Trick? Ein verschobenes Selbstbild? Keine Ahnung von Romantik? Keine Ahnung wer sie sind?

Im neuen ZEIT-Magazin Nr. 36 gibt es einen Artikel "Männer, lasst euch helfen!" Untertitel "Endlich trauen sich die Männer zu einem Psychologen zu gehen. Was geschieht da mit ihnen? Eine Reise in eine verborgene Gefühlswelt".

Und einer der drei Männer, die dort vorgestellt werden, sagt
Das Gefühlsleben der Männer ist schon immer kompliziert gewesen, sie haben sich nur nicht damit beschäftigt. Aber die Anforderungen an Männer sind heute eben komplexer und da erlebe ich bei Männern viel zu sehr das Bedürfnis, den widersprüchlichsten Erwartungen zu entsprechen, anstatt sich zu besinnen: Was will ich eigentlich? Wie stelle ich mir eigentlich Männlichkeit vor? Viel zu oft werde gefragt: Wie hat der Mann heutzutage zu sein?
Im Artikel werden drei Männer vorgestellt, die alle mit Therapie zu tun haben.

Der ehemalige Unternehmer
Ein österreichischer Bauernsohn aus kinderreicher Familie, der von der Schule flog, Autoverkäufer wurde und eine steile Karriere zum Unternehmer (eigenes Autohaus) startete. Früh verheiratet, junger Vater (erstes Kind mit 22 Jahren), Hausabzahler, mit 30 beginnende innere Unruhe und Leere, die mit Statussymbolen (Porsche, Harley) und Alkohol verdrängt werden. Körperliche Symptome: starke Verspannungen, Kopfschmerzen, Druck im Bauch, mit 38 Jahren die ärztliche Diagnose: chronische Schmerzen, mit denen er leben muss. Ehe auf dem Tiefpunkt, Nervenzusammenbrüche. Er macht neben seinem Job als Chef eines Autohauses eine berufliche Fortbildung zum professionellen Sozial- und Lebensberater (um seine Mitarbeiter besser verstehen und Kunden besser beraten zu können). Die Ausbildung wird zur Selbsttherapie. Er verkauft sein Unternehmen und gründet ein Bildungshaus, wirbt mit Unternehmerkraft, Führungskräftecoaching, Stressprävention, Zeitmanagement, Büroorganisation. Sein Fazit
Männer haben keine Depressionen - sie bringen sich höchstens um.
Im Laufe meiner Ausbildung sind mir Monat für Monat Lichter aufgegangen. Ich lernte, warum Männer so lange am äußeren Erfolg festhalten, ihre Beschwerden ignorieren, sich selbst belügen. Der Hauptgrund ist bei vielen die fehlende Anerkennung durch den Vater oder die fehlende Liebe der Mutter. Viele Männer werden erfolgreich aus einem Mangel an Zuwendung, deren große Lebenslüge lautet: Du bist nur dann etwas Wert, wenn du viel Anerkennung kriegst.
Acht Jahre hat er selbst gebraucht, um aus seinem Tief herauszukommen.
Die Zeit, die vergeht zwischen der Erkenntnis, du musst was ändern, bis zu dem Punkt, wo das verinnerlicht ist, ist eine ganz große Herausforderung. Für viele dauert es zu lang, und sie schaffen es nicht. Weil es so mühsam ist, diesen Weg der Selbstbestimmung zu gehen, geben viele wieder auf und fallen zurück in alte Muster.

Ein Therapeut nur für Männer und ein Buchschreiber
Ein Männertherapeut aus der man-o-mann männerberatung, Autor des Buches Männer: Erfindet. Euch. Neu. - Was es heute heißt, ein Mann zu sein.
Zuständig für den wortkargen Mann, der sich nicht in die Karten gucken lassen will, alle Geschwätzigkeit verachtet und wenn schon, dann eher an Burn-out leidet als an Depression. In seinem Buch unterscheidet er zwischen Männerkrisen, die als Teil der männlichen Existenz akzeptiert und als Chance gesehen werden sollten und den Männerkatastrophen wie Suizid und Selbstzerstörung.
Die traditionelle Männlichkeit existiert noch, bröckelt aber. Bei der modernen Männlichkeit weiß niemand so genau, wie sie definiert ist oder für welche Version man sich entscheiden sollte. Leute, seid froh, dass das alles im Zerfall ist! Wir brauchen die alten Rollenbilder nicht mehr.
Er selbst geht den Weg der "Emanzipation des Mannes".
Emanzipation ist eine Hinwendung zu sich selbst, die dazu führt, dass auch die anschließende Hinwendung zu anderen leichter fällt. Wo die Hinwendung zu sich selbst unterdrückt wird, entsteht eine meist unbewusste Unwilligkeit, sich dem anderen zuzuwenden und etwas für ihn zu tun. Manchmal sogar eine infantile Bockigkeit.
Der therapierte Mann, das klingt so nach "durchtherapiert", als ob das einen Anfang und ein Ende habe. Man müsse wegkommen von diesem "Katharsis-Denken", so laufe Therapie nicht. Statt einer filmreifen Erweckung, nach der nichts mehr ist wie zuvor, erwartet den modernen Mann in der Therapie eher eine stetige Auseinandersetzung mit den eigenen Gefühlen - und weniger Veränderung, als viele hoffen. Oder befürchten. Unsere psychischen Mechanismen sind unglaublich stabil. Es geht nicht darum sie wegzukriegen, sondern darum, zu lernen, mit ihnen umzugehen. Oft brauchen wir dafür eine Krise.
Ein Therapeut mit Männerquote
Ein Therapeut und Coach, der sich in seiner Praxis zu einer Männerquote verpflichtete (mindestens 50 Prozent) und seine Motivation für die Arbeit mit Männern damit begründet, dass er vier Brüder und drei Söhne hat. Für ihn muss eine Männertherapie handlungs- und sachorientiert sein. Seine Patienten bewegen sich zwischen 18 und 93 Jahren und er beobachtet, dass jüngere Männer mit der gleichen Selbstverständlichkeit zum Psychotherapeuten gehen wie Frauen. Sein globales Ziel für die therapierten Männer:
Dass sie flexibler werden in ihren Reaktionen. Dass sie sich besser kennenlernen. An welchen Stellen reagiere ich klassisch männlich - und wo finde ich das vielleicht sogar ganz gut?
Der Grund für die männliche Therapieverweigerung
Psychotherapie gilt ja für viele Männer noch immer als etwas für "Weicheier". Dahinter steckt ein traditionelles Männerbild, das sich nach wie vor hartnäckig hält: Männer kennen keinen Schmerz! Da werden kantige Kiefer zusammengepresst und sich durchgebissen. Und da gibt es die Angst, dass es in einer Psychotherapie darum gehe Männer weniger männlich zu machen. Die tiefsitzende männliche Angst davor, durchschaut zu werden.
Weil sie Angst haben, mit diesem Schmerz, der unter der Oberfläche verborgen ist, in Verbindung zu kommen.
Weit verbreitet ist noch immer das 
Gesetz der Traditionellen Männlichkeit
Mann-Sein heißt, keine Gefühle zu haben
Es ist verboten, Dinge zu tun, die mit Frau-Sein assoziiert sind
Es ist verboten, Männer zu begehren
Es ist verboten, Dinge zu tun, für die Männer „nicht gemacht“ sind
Es ist verboten, zu versagen
Es ist verboten, nicht Erster zu sein
Es ist verboten, unterlegen zu sein
Die Antworten der männlichen Therapeuten
Der Quoten-Therapeut
Ich habe nichts gegen männliche Statusbedürfnisse. Das Streben nach Status ist bei Männern stärker ausgeprägt als bei Frauen. "Statusmotiv" heißt ja übersetzt: Ich hab Bock, andere zu beeindrucken und ein Stück weit überlegen zu sein. Man(n) müsse bloß begreifen, dass man dadurch kein "besserer Mensch" werde. Das Statusmotiv ist ja nur dann ein Problem, wenn ich mein Selbstwertgefühl davon abhängig mache. Zu sagen "Ich finde es toll, die Nase vorne zu haben" - das ist doch mal ein gesundes Motiv.
Der Unternehmer-Therapeut
Jahrhundertelang hatte der Mann - als Familienoberhaupt, als Boss - das Sagen, einfach, weil er der Mann war. Seit das nicht mehr so ist, muss sich der Mann erklären. Das kann er aber nur, wenn er weiß, was in ihm vorgeht.
Der Mann-Therapeut
Was es für den emanzipierten Mann zu  gewinnen gibt, ist ein Selbst. Es ist vielleicht nicht immer schön, dieses Selbst, aber es ist wahr. Und es ist meins.
Der lonesome Cowboy, der einsame Wolf, der müde Krieger, er kann nun dem Sonnenuntergang entgegenreiten und sich selbst erzählen, was ihn bewegt. Die Frau an seiner Seite, hört ihm gespannt zu.


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Mittwoch, 10. August 2016

Mittwoch, 3. August 2016

Verlassene Eltern und Kinder - Thema Entfremdung und Anspruch

Gestern war der Bayerische Rundfunk bei mir. Zu Beginn dieses Jahres erhielt ich von vier Fernsehsendern Anfragen. Sie recherchierten zum Thema "Verlassene Eltern - Wenn Kinder den Kontakt abbrechen", aber auch zu einer Dokumentation über "Narzisstische Eltern". Nun - ich entschied mich für einen regionalen Sender Interviewpartnerin zu sein. Den Ausstrahlungstermin der kurzen Sendung werde ich noch bekannt geben. In diesem Post möchte ich vorab darüber schreiben, was mich zwischen Anfrage und Dreh beschäftigte.

In den Vorgesprächen wurde desöfteren das Wort Entfremdung verwendet. Zunächst gefiel mir dieses Wort recht gut für das, was zwischen Kindern und Eltern passiert, bevor der Kontakt abbricht. Je öfter ich jedoch dieses Wort für meine Geschichte verwendete, desto mehr fiel mir auf, dass es nicht wirklich passte. Warum nicht?

Entfremdung setzt voraus, dass einem etwas vertraut oder zumindest nah ist, bevor es einem fremd wird. Meine Mutter und ich teilten eine räumliche Nähe, solange ich zuhause wohnte. Wir teilten keine emotionale Nähe oder Vertrautheit. Meine Mutter blieb auch in der räumlichen Nähe emotional fremd für mich. Als sich die räumliche Nähe durch meinen Auszug auflöste, wurde die emotionale Fremdheit deutlich sichtbar und (noch mehr) spürbar. Insofern entstand keine Entfremdung, die existierende Fremdheit zeigte sich erst in der Entnäherung oder räumlichen Distanzierung in ihrem Ausmaß.
Meine Mutter war sich selbst fremd und ich mir damit auch.

Eine der Schlussfragen lautete "Was müsste passieren, damit das Verhältnis wieder gut wird?".
Die Frage müsste heißen "Was müsste passieren, damit das Verhältnis gut wird?".
Über die Gründe, warum zwischen meiner Mutter und mir emotional kein Verhältnis entstehen konnte, habe ich lang und breit in diesem Blog geschrieben (gesammelt nachzulesen auf meiner Homepage unter Traumatisierte Familien).

Ich habe über diese Frage nachgedacht und mir wurde klar: Alles ist dynamisch. Jeder Mensch hat seine eigene Wahrnehmung und damit seine eigene Wahrheit. Jede dieser Wahrheiten ist gleichwertig. Es gilt sie stehen zu lassen und zu akzeptieren, denn keine Wahrheit ist wahrer als eine andere. Wenn nun zwei unterschiedliche Wahrnehmungen und damit Wahrheiten aufeinanderprallen, dürfen sie angeschaut werden. Dafür braucht es Auseinandersetzung. Auseinandersetzung besteht nicht in "Das magst du ja so sehen, aaaber ...", sondern in "Ich habe gehört, was du gesagt hast und werde darüber nachdenken. Lass uns später noch einmal darüber sprechen". Konstruktive Auseinandersetzung bedarf der Fähigkeit und dem Willen zur Reflexion. Noch einmal: Alles ist dymanisch, verändert sich, entwickelt sich. Ohne wahrhaftige Auseinandersetzung kann jedoch keine Entwicklung stattfinden. Die Dinge stagnieren.

Das ist, was zwischen meiner Mutter und mir passiert. Die Dinge stagnieren, weil es keine wahrhaftige Auseinandersetzung mit ihnen gibt. Für meine Mutter gibt es eine allgemeingültige Sichtweise und damit Wahrheit: Die ihrige. Und so lange ich nicht bereit bin, diese wie eine Schablone (wieder) über mich legen zu lassen, wird es keine Annäherung geben.

Was müsste also passieren, damit wir aus unserer emotionalen Fremdheit in eine Nähe übergehen können?
Entweder bin ich bereit die Wahrheit meiner Mutter wieder wie eine Schablone über mich legen zu lassen und meinen Platz in ihrem Konstrukt wieder einzunehmen, was für sie Nähe bedeutet und für mich Fassaden erhalten. Oder sie ist bereit zu erkennen, dass ein jeder Mensch seine eigene Wahrnehmung hat, damit auch ich und eine differierende von der ihrigen, und geht in eine aufrichtige Auseinandersetzung.
In beiden Fällen müsste ein Wunder geschehen.
Würde ich tun, was sie sich wünscht, würde ich mich wieder mir selbst entfremden.
Würde sie tun, was ich mir wünsche, müsste sie einen Großteil ihres Lebens hinterfragen und könnte sich selbst verlieren (oder finden).
Hätte ich eine Lösung, würde ich hier nicht mehr schreiben.

Eine der immer wieder aufkommenden Fragen ist "Wenn Ihre Mutter eine Therapie machen würde, könnte sich das nicht positiv auf die Annäherung auswirken?"
Den Therapieanspruch habe ich schon oft gehört und gelesen. Er wird meistens von denen gewünscht, die sich bereits mit dem Thema in Therapien oder Seminaren beschäftigt haben. Auch ich hatte diesen Anspruch an meine Mutter "Sie sollte ihre Traumata angehen und eine Therapie machen anstatt sie mit Freizeitstress zu überdecken und zu verdrängen".
Heute denke ich anders darüber.
Meine Mutter wird dann eine Therapie machen, wenn in ihrem Leben eine Notwendigkeit dazu auftaucht. So lange sie keine Notwendigkeit dazu sieht, wird sie das auch nicht tun. Wenn ich es von ihr VERLANGE, tu ich das, damit es MIR besser geht. Wer kann eine Garantie geben, dass es IHR mit einer Therapie besser geht. Oder dass es uns beiden dann miteinander besser geht? Sie alleine kann und darf für sich selbst entscheiden, was ihr gut tut. Wenn sie der Meinung ist, dass sie die alten Erlebnisse bis zu ihrem Lebensende verdrängen will, dann ist es gut, wenn sie es tut. Ich habe das zu akzeptieren. Es liegt in ihrer Verantwortung so für sich zu sorgen, dass ihr Leben erträglich ist. Ich habe diese Entscheidung zu ertragen. Und es liegt in meiner Verantwortung für mich zu sorgen. Wenn ich der Meinung bin "Ohne meine Mutter geht es mir besser als mit", darf auch sie meine Entscheidung akzeptieren und ertragen.


Dieser Beitrag ist Bestandteil der Themensammlung Verlassendes Kind auf meiner Homepage.