Montag, 21. Juli 2014

Worte sind heute dicker als Blut

In einer der letzten ZEIT-Magazin Ausgaben gibt die 30-jährige Teresa Bücker 30 Antworten auf die Frage, wie es ist, heute 30 zu sein.
Unter den 30 Antworten auf verschiedene Stichworte sind mir diese besonders aufgefallen:
2 - Großeltern
Opa erzählt nicht vom Krieg. In Sekundenschnelle kann ich heute im Netz so gut wie alles recherchieren: bereits verstorbene Zeitzeugen berichten in Videos vom Holocaust. Doch die Quellen, die mir am nächsten stehen, sind ein verschlossenes Buch. Opa sagte, ich solle etwas Anständiges lernen, als ich nach dem Abitur Kunst studieren wollte. Was ich immer noch lernen möchte, ist, mit meinen Großeltern echte Gespräche zu führen, denn meine Kinder werden keine Menschen mehr kennenlernen, die vom Zweiten Weltkrieg erzählen können. Worte sind heute dicker als Blut.
4 - Perspektiven
Vielleicht will ich ein Kind, um wieder Fragen und Gedanken zu hören, die mich überraschen. Zynismus ist die Überlebensstrategie meiner Generation, die Gespräche sind davon geprägt. Mit 30 verabschiede ich mein inneres Kind und will es gleichzeitig erhalten, um mit Liebe auf die Welt zu schauen. Jetzt, wo ich selbst noch keine kleinen Menschen um mich herum habe, wünsche ich mir oft, ihre Gedanken zu lesen und zu hören, anstatt dass Medien immer wieder hasserfüllten Leuten eine Bühne bieten, die nichts von der Welt von morgen wissen wollen.
7 - Eltern
Mit 30 muss man einsehen, keine Ahnung mehr davon zu haben, was es bedeutet, heute ein Jugendlicher zu sein. Ältere Menschen rücken emotional näher. Wenn die eigenen Eltern in den Ruhestand gehen, obwohl sie einem selbst noch so jung erscheinen, verändert sich das Zeitgefühl. Man beginnt darüber nachzudenken, wie es ist, ohne sie zu sein. Ich fand meine Eltern immer modern und merkte trotzdem, wie sehr sich mein Lebenslauf von ihrem unterscheidet. Jobwechsel, Kündigungen und befristete Stellen kennen sie aus eigener Erfahrung nicht. Je älter wir nun miteinander werden, desto weniger geht es um Erwartungshaltungen, sondern um gegenseitiges Verstehen.
11 - Religion
"You know how us Catholic girls can be, we make up for so much time a little too late", ist eine Songzeile von Alanis Morissette, die mir in Erinnerung geblieben ist. "So sind wir katholischen Mädchen, wir holen so vieles ein bisschen zu spät nach." Ich habe noch gebeichtet, konnte nicht Messdienerin werden, weil ich kein Junge war, und hatte dennoch katholische Religion als Abiturfach. Kritik am Papst war in Klausuren als Fehler rot angestrichen. Eine weltfremde katholische Erziehung machte mich schließlich zur Atheistin. Mein Hunger auf Spiritualität bleibt. Jeden Sonntagmorgen, wenn ich auf meiner Yogamatte liege, wünsche ich mir, da wäre ein wenig mehr als Schweiß und gelöste Muskeln. 
17 - Therapie
"Austherapiert bist du auch nicht, oder?", brüllt die weibliche Hauptfigur von Fack ju Göhte ihrem Kollegen entgegen. Diesen Satz habe ich mindestens schon einmal über eine andere Person gedacht. In meiner Altersgruppe gehört psychologische Beratung so selbstverständlich dazu wie die Kontrolluntersuchung beim Zahnarzt. Depressionen kommen nun einmal häufiger vor als Beinbrüche. Gespräche mit Psychologen sind Mainstream, und das ist gut. Sich selbst besser zu verstehen, Wut und Trauer Raum zu geben ist wertvoller als ein weiterer Studienabschluss.
30 - Risiko
40 ist nicht "das neue 30". Wir können nicht erwachsen werden, wenn wir zugleich alles dafür tun, jung zu bleiben. Erwachsen werden bedeutet, Dinge loszulassen, anstatt eine Lebensphase, die man schon sehr gut kennt, immer wieder zu verlängern. Es bedeutet, dass man aufhört, mit der Vergangenheit zu hadern, und sich damit anfreundet, dass wir nicht planen können, was passiert.
Die Essenzen dieser Antworten sind für mich folgende:

Worte sind heute dicker als Blut.
Mit 30 verabschiede ich mein inneres Kind und will es gleichzeitig erhalten, um mit Liebe auf die Welt zu schauen.
Je älter wir nun miteinander werden, desto weniger geht es um Erwartungshaltungen, sondern um gegenseitiges Verstehen.
Mein Hunger auf Spiritualität bleibt.
Sich selbst besser zu verstehen, Wut und Trauer Raum zu geben ist wertvoller als ein weiterer Studienabschluss.
Erwachsen werden bedeutet, Dinge loszulassen, anstatt eine Lebensphase, die man schon sehr gut kennt, immer wieder zu verlängern. Es bedeutet, dass man aufhört, mit der Vergangenheit zu hadern, und sich damit anfreundet, dass wir nicht planen können, was passiert.

Ich bin 51 und meine Antworten über das Leben mit 50 würden anders aussehen als die Antworten von Teresa Bücker. In ihrer Essenz wären sie sehr ähnlich.

Ich habe 50 Jahre gebraucht um zu erkennen, dass ich nicht planen kann, was passiert. Dass es gilt die Dinge zu nehmen wie sie kommen. Dass ich in Würde altern möchte und mich deswegen kein Tattoo verzieren muss. Dass es wichtig ist ehrliche Gespräche zu führen. Auch mit sich selbst. Sich die eigenen Gefühle anzuschauen und der Wut und dem Hass auf den Grund zu gehen anstatt sie in die Welt hinauszuschleudern. Dass es darum geht wirklich zuzuhören. Um zu verstehen und nicht um zu antworten oder gute Ratschläge zu geben. Weil unsere Erfahrungen unseren Kindern zum großen Teil nicht weiterhelfen. Weil sich die Welt so schnell dreht und sie andere Fähigkeiten benötigen wie wir, damit sie nicht hinauskatapultiert werden.

Eine religiöse, missionarische Nachbarin meinte einmal zu mir, dass Menschen nur noch der Zynismus bleibt, wenn sie vom Glauben abgefallen sind. Vor 4 Jahren habe ich meine Mitgliedschaft in der katholischen Glaubensgemeinschaft gekündigt. Letzte Woche erhielt ich einen Brief vom Pfarrer der katholischen Gemeinde, der ich zugeordnet wurde/werde. Ich habe ihn tatsächlich bis zu einem gewissen Punkt gelesen, da ich neugierig war, was er mir zu erzählen hat. Da stand, dass er jetzt erst schreibt, damit eine gewisse Zeit zwischen Austritt und Kontaktaufnahme liegt. Schließlich habe ich nicht das Gespräch gesucht. Der Brief flatterte in den Papiermüll, als die alten, wohlbekannten Geschütze der katholischen Kirche aufgefahren wurden, mit denen sie jahrhundertelang überleben konnte. Vorwürfe. Schlechtes Gewissen machen. Drohen.

Ich bin vom katholischen Glauben abgefallen. Aber ich glaube. Ich glaube an ehrliche Gespräche. Ich glaube an das Ende von Autorität und Dominanz. Ich glaube daran, dass es möglich ist auf Augenhöhe zu leben. Alte auf Augenhöhe mit Jungen, Männer auf Augenhöhe mit Frauen, Erwachsene auf Augenhöhe mit Kindern. Weil ich daran glaube, dass wir alle voneinander lernen können. Ich glaube an diese Strömung einer jungen Generation, die mit 30 bereits weiß, was ich mir bis 50 mühsam aneignete. Ich glaube daran, dass die Liebe größer ist als der Zynismus. Und ich glaube daran, dass dem Reden in Zukunft eine größere Bedeutung zugeordnet wird als Tradition, Religion und Blutsbande. Wir müssen reden.

Der Weg dorthin scheint weit, aber ich glaube fest daran, dass nachfolgende Generationen dieses Ziel erreichen. Ich selber kann einen Schritt in diese Richtung machen. Einen Anfang.

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Dieser Beitrag ist Teil eines Themas, das ihr auf meiner Homepage unter "Traumatisierte Familien -Stricke lösen" findet.


Donnerstag, 10. Juli 2014

Was uns wichtig ist

In einem Interview, das ich kürzlich gelesen habe, wird der Interviewte gefragt, was er seinen Kindern mit auf den Weg geben möchte. Was er für wichtig erachtet. Er führt drei Punkte auf:
  • Hab Mitgefühl mit allen Lebewesen
  • Hinterfrage die bestehenden Meinungen und Regeln
  • Höre auf dein Herz und handle danach
Ich finde das großartig. In einem der Seminare, die ich die letzten Jahre besuchte, wurde uns genau diese Aufgabe gestellt. Ich müsste in meinen Unterlagen kramen, denn ich kann mich nicht erinnern, was ich geantwortet habe.
Heute möchte ich die genannten Punkte ergänzen mit:
  • Verpflichte dich dir selbst gegenüber
  • Bleib dir treu

Was ist dir wichtig?


Freitag, 4. Juli 2014

Barbaren

Diese Woche lief auf ARTE eine Dokumentation über Killerwale.

Ehemalige Tiertrainer wurden interviewt. Der Tod einer der erfahrensten Tiertrainerinnen durch einen Killerwal gab ihnen zu denken. Erzählt wurde die Geschichte des Wals ab dem Zeitpunkt seines Fangs. Darüber sprach der Waljäger, der dabei war, als der Babywal von seiner Mutter weggefangen wurde. Wale ziehen in Sippen durch das Meer. Inzwischen wird vermutet, dass jede Sippe ihre eigene Sprache hat. Als die ganze Gruppe von Walen gejagt wurde, haben sich die Männchen von den Weibchen mit den Jungen getrennt. Die Männchen zeigten sich an der Oberfläche und ließen sich jagen. Die Weibchen schwammen mit den Jungen in eine andere Richtung, verdeckt unter Wasser. Dieser Trick half nichts, denn sie wurden geortet. Eines der Babys wurde mit einem Netz herausgezogen. Am Ende der Jagd gab es drei tote Weibchen, die nicht bereit waren das Baby im Stich zu lassen. Diese wurden aufgeschlitzt, mit Steinen befüllt und mit einem schweren Anker auf den Grund des Meeres versenkt. Der Waljäger, ein Desperado, der davon sprach, dass er in Südamerika Rebellen dabei unterstützte Präsidenten zu stürzen, meinte, dass er schlimme Sachen erlebt hätte. Mit Tränen in den Augen sagte er, dass sein schlimmstes Erlebnis das Kidnapping des Babywals war.
Killerwale haben in freier Wildbahn noch nie einen Menschen angegriffen. Eingesperrt in Becken von Seaworld und Co. kam es desöfteren zu Unfällen - mit Todesfolgen. Diese wurden jedoch lange Zeit vertuscht und schön geredet.

Eine Forscherin berichtete davon, dass das Gehirn von Walen eine Region neben dem limbischen System aufweist, das wir Menschen nicht haben. Sie gehen davon aus, dass dort Gefühle verarbeitet werden. Wale sind hochintelligente Wesen, sehr gute Eltern und äußerst sozial. Wir könnten von ihnen lernen. Stattdessen fangen wir sie. Sperren sie ein um sie zu dressieren. Zu unserem Vergnügen, zu unserer Unterhaltung. Und reden uns ein, dass sie das alles gerne machen. Dass es sie zu etwas Besonderem macht, wenn sie uns Kunststückchen vorführen. Dass die Besonderheit es rechtfertigt sie hungern zu lassen, bis sie gehorchen.

Die Tiertrainer gehen davon aus, dass der traumatisierte Wal die Trainerin vor Frust unter Wasser zog. Ihr ging das Futter aus. Etwas war bei der Vorstellung schief gelaufen. Es kam zu einer Eskalation vor Publikum. Kleine Kinder schauten dabei zu, wie das "liebe" Wesen, das sich Minuten vorher noch streicheln ließ, die Trainerin immer wieder unter Wasser zog. Das liebe Wesen wird zum Monster. Wer ist das Monster?
Zu was wären wir fähig, wenn wir von unserer Mutter und unserer Familie weggefangen werden. Unsere Mutter und die Tanten für uns in den Tod gehen und wir dann eingesperrt nur Essen bekommen, wenn wir bereit sind zu gehorchen und Dinge zu tun, die gegen unserer Natur sind? Würden wir unsere Peiniger lieben?

Eine der Befragten sagte, dass unsere Nachfahren mal denken werden, was wir doch für Barbaren waren.

Die Zeit wird kommen, wo unsere Nachkommen sich wundern, dass wir so offenbare Dinge nicht gewusst haben.
Lucius Annaeus Seneca

Mittwoch, 2. Juli 2014

Bist du richtig?

Kinder, denen das Gefühl vermittelt wird/wurde, dass sie nicht richtig sind, stammen nicht selten aus Familien, in denen die Dinge der Erwachsenen schief liefen/laufen. Sind die Älteren nicht in der Lage ihre Dinge selbst zu richten, wird die Erwartung dies zu tun nicht selten auf den Nachwuchs übertragen. Sind die Kinder dem nicht gewachsen (wann könnten Kinder das jemals sein?), wird ihnen vermittelt, das sie nicht richtig sind, weil sie die Erwachsenenangelegenheiten nicht richten können. Das Unvermögen der Eltern wird auf die Kinder übertragen, bis sie sich selbst für unvermögend halten. Die Vorwürfe über das beiderseitige Unvermögen werden hin- und hergeschoben.
Solltest du zu einem dieser Kinder gehören, das nichts richtig machen kann/konnte und deswegen nicht richtig ist, dann schau doch mal in die Geschichte deiner Eltern und Vorfahren. Lief dort alles richtig? Und wer, wenn nicht du, hätte es richten können/sollen?
Das Maß an Überschätzung, das an Kinder und ihre Fähigkeit im Richten von Erwachsenenangelegenheiten angelegt wird, wird nicht selten weitergegeben. Die Suche nach dem, der es für uns richtet, geht weiter. Das Unvermögen bleibt in der Familie. Und hier können wir nicht entscheiden, ob wir es annehmen oder nicht. Es wird uns übergeben ohne dass es unserer Einwilligung bedarf.

Wir können aber doch etwas tun.

Nämlich die Fähigkeit entwickeln unsere eigenen Angelegenheiten zu richten. Was auch immer passiert ist, welchen Murks auch immer wir selbst verzapft haben, wir können uns bemühen die Fähigkeit zu entwickeln unsere Dinge selbst zu ordnen. Das befreit uns und unsere Kinder.

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Dieser Beitrag ist Teil einer Themenzusammenfassung, die Sie auf meiner Website unter "Traumatisierte Familien" finden.

Schlimme Sachen

Kennt ihr das Gefühl, wenn man sich Sorgen macht und unser Geist sich den Verlauf der Dinge im schlimmsten Fall ausmalt? Wenn man aus dem Vertrauen rausfällt und in die Angst geht? Wenn mir das passiert, versuche ich wieder in mein Vertrauen zu gelangen, aber oft schiebt sich das Bild vom schlimmsten Fall davor. Dann hilft mir Humor. Nach einem Lacher habe ich wieder die nötige Distanz gewonnen, um auch den besten Fall erkennen zu können. Und im besten Fall geht alles gut.
Ich habe
schlimme Sachen
durchgemacht,
von denen einige
auch tatsächlich
eingetreten sind.
Mark Twain