Junge Frau, lächeln, die Sonne scheint!

Letzte Woche fuhr ich unser Auto zum elektronisch angeordneten Kundendienst.
Auf dem Weg von der Werkstatt zum Büro fiel meine Wahl auf eine Straße, die ich zwar manchmal mit dem Fahrrad abfahre, aber selten zu Fuß gehe. Meine Aufmerksamkeit war auf die Hauseingänge und Fassadenschilder gerichtet. In einiger Entfernung stand ein Mann Mitte sechzig vor einer Kneipe. Dem Habitus nach der Wirt persönlich. Er trug lange Haare und einen Bauch, wirkte übernächtigt, vielleicht auch verkatert und rauchte. Sein Blick fixierte sich auf mich. Als ich an ihm vorbeigegangen war, rief er mir nicht unbedingt freundlich hinterher "Junge Frau, lächeln, die Sonne scheint!".
Einen kurzen Moment lang wollte ich reagieren, aber mein Kopf war an diesem Tag gelähmt von einer Erkältung und damit auch meine Schlagfertigkeit.
Stattdessen zog ein Bild vor mir auf.
Eine übergewichtige Frau Mitte sechzig steht vor ihrem Etablissement. Die Haare hängen ihr strähnig in das von einer kurzen Nacht gezeichnete Gesicht. Im Mundwinkel hängt eine Zigarette. Sie fixiert einen 15 Jahre jüngeren Mann, der die Straße entlang geht, und versucht seine Aufmerksamkeit zu gewinnen. Als ihr das misslingt, ruft sie ihm höhnisch hinterher "Junger Mann, lächeln, die Sonne scheint!".

Wie würde der Mann reagieren?
Würde er sich belästigt fühlen?
Würde er sich ärgern?
Würde er sich umdrehen und rufen "Alte Schabracke, lächel selber!"?
Würde er denken "Wenn das Scheinen der Sonne ein Grund ist zu lächeln, ist dann das Fehlen des Sonnenscheins ein Grund dafür nicht zu lächeln?"?
Würde er einfach weitergehen und in sich hineinlächeln?

Was würde mir am meisten imponieren?
Ich wählte die letzte Variante.

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