Mama, du nimmst das Lob von mir


Vor Jahren kam meine Tochter aus der Schule und erzählte mir voller Freude vom Lob ihrer Lehrerin für eine bestimmte Verhaltensweise. Ich hörte mir an, was sie getan hatte, was für lobenswert erachtet wurde, um dann mit stolzgeschwellter Brust zu sagen "Ganz meine Tochter!" Worauf sie empört erwiderte "Mama, du nimmst das Lob von mir".

Ich wusste, dass sie die Wahrheit sprach, musste jedoch erst selbst auf die andere Seite gehen, um zu erkennen, was passiert war.

In einer Feedbackrunde am Ende eines Seminarblocks erzählte ich von einer wichtigen Erkenntnis, die ich aus einer Arbeit gezogen hatte. Die Seminararbeiten fanden in Zweiergruppen statt und die Seminarteilnehmerin, die mit mir die erkenntnisreiche Arbeit teilte, fiel mir ins Wort "Ohne mich wärst du nicht zu dieser Erkenntnis gelangt". Meine Freude schwand und ich fühlte mich plötzlich leer. Sie hatte die Freude von mir genommen.

Da verstand ich, was passiert, wenn wir den Erfolg anderer für uns verbuchen. Wir rauben ihnen die Energie, die mit einem positiven Erlebnis verbunden ist. Wir pflücken die Frucht ihrer Errungenschaft von ihnen ab. Wir machen den anderen zu einer Durchgangsstation und uns zum Ziel. Wir bereichern uns, indem wir ihnen die Freude nehmen und sie uns einverleiben. Hart ausgedrückt - wir schmarotzen.

Auch wenn wir teilhatten am Prozess, der den anderen zum Erfolg führt, so ist es doch er, der vollbringt. Nicht ich habe gehandelt, sondern meine Tochter. Nicht die Seminarteilnehmerin hatte die Erkenntnis, sondern ich. Wir alle räubern gerne Energie, indem wir die Aufmerksamkeit auf uns ziehen. Besonders gerne räubern wir positive Energie in Form von Freude. Letztendlich befriedigt uns dieser Raub jedoch nicht sehr lange. Oft bleiben wir verstimmt zurück, da etwas in uns genau weiß, dass wir uns auf Kosten eines anderen bereichert haben.
Diese Art von Raub im Alltag zu bemerken ist nicht leicht, aber möglich. Wir merken sehr schnell, wenn uns etwas genommen wird. Schwerer fällt es zu erkennen, wenn wir jemanden entleeren. Dafür braucht es Achtsamkeit.
Wenn wir uns selbst gut beobachten und erkennen, was uns die Freude nimmt, dann wissen wir, wie wir die Freude nehmen. Das, was uns verstimmt, ist genau das, was wir verwenden, um andere zu verstimmen. Es ist ein und dasselbe Instrument.
Wenn wir nicht mehr verstimmt werden wollen, sollten wir erkennen, wie wir verstimmen. Nutzen wir das Instrument nicht mehr, kann es auch kein anderer mehr gegen uns benutzen.



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