symphatische Unperfektheit

Perfektion ist der Zustand, den viele von uns anstreben.
Wir wären gerne perfekte Partner, perfekte Eltern, perfekte Töchter und Söhne und oft genug auch noch perfekte Arbeitnehmer oder Unternehmer. Frauen haben gerne eine perfekte Umgebung, einen perfekten Haushalt und einen perfekten Garten. Und der Aufwand für eine perfekte Erscheinung ist oft groß.
Warum?
Was ist das Gute an Perfektheit?
Auch ich zähl(t)e mich zu dieser Kategorie (es lässt einen wohl nie ganz los) und strebte Perfektion auf ganzer Linie an. Heute ist mir klar, dass zum Einen die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Zuneigung dahinter steht. Was wir mit Perfektheit verbinden, ist: Machen wir alles gut, vielleicht sogar mehr als gut, besser, geben wir unser Bestes, dann gehören wir dazu, werden wertgeschätzt und gemocht.
Und zum Anderen denken wir, dass Perfektheit uns unverletzlich macht. Perfektion soll unserem Schutz dienen. Wenn wir keine Schwachstellen mehr haben, keine Fehler machen, uns keine Blöße geben, absolute Selbstkontrolle beherrschen, dann sind wir nicht mehr angreifbar. Dann werden wir nicht mehr ausgelacht, nicht mehr verspottet, nicht mehr runtergemacht, nicht mehr klein gemacht, denn dann sind wir cool, aalglatt, alles prallt und perlt an uns ab, dann werden wir ernst genommen, dann sind wir wer.

Perfektion ist das Drachenblut, in dem Siegfried badete und das ihn unverwundbar machte. Doch es bleibt immer eine Schwachstelle und nach der wird gesucht.
Wer die Dinge perfekt hinbekommt, der wird bewundert. Da jedoch keiner von uns die vollkommene Perfektheit erreicht, die ein Idealzustand ist, den wir lediglich anstreben können, geht mit Bewunderung oft auch Neid einher. Und dieser Neid treibt uns an, die Schwachstelle zu finden. Wo ist das Loch in der Hülle der Perfektion, das den anscheinend perfekten Menschen verletzlich zeigt, ihn vom Sockel stürzt und somit wieder zu unsresgleichen macht? Wo können wir hineinstochern, um eine menschliche Reaktion hervorzurufen?

Schön zu sehen ist das bei Brangelina.
Dieses Paar ist zu schön um wahr zu sein. Sie sehen beide fantastisch aus, haben großartige Karrieren und dazu eine große Familie. Angelina setzt sich als UN-Botschafterin für Menschen in Not ein, Brad spendet viel Geld und baut Häuser für Flutopfer. Sie sind einfach perfekt. Aber so ganz können wir das nicht stehen lassen, denn sie sind doch auch Menschen wie du und ich. Und so saugen wir die Artikel auf, in denen steht, dass sie Eheprobleme haben oder Angelina mal wieder magersüchtig ist. Ha - sogar die schaffen es nicht. Kein perfektes Leben. Es gibt nichts besseres für die Boulevardpresse als Menschen auf den Sockel zu stellen, um sie dann genüsslich zu demontieren, damit wir einmal bewundern, dann beneiden und danach schadenfroh feststellen können, dass die anderen es auch nicht besser hinbekommen.
So funktioniert der menschliche Kleingeist.

Was ist also das Schlechte an (augenscheinlicher) Perfektion?
Sie ruft Neid hervor. Neid spaltet ab. Haben wir den Zustand erreicht, den wir angestrebt haben - Perfektion, dann erhalten wir das, was wir vermeiden wollten. Wir gehören nicht mehr dazu. Denn Schwächen, Fehler und Fehlverhalten sind das, was uns menschlich macht, was den anderen signalisiert: Ich bin einer von euch. Schwächen, die wir nicht mehr verstecken müssen, die wir zugeben können, vielleicht sogar mit einem Lächeln, machen uns symphatisch. Und sie sagen: Schau her, so bin ich, unperfekt, und weil ich so bin, darfst du es auch sein. Das ist es, was die Herzen erobert.

So geschehen bei Frankreichs neuem Präsidenten Hollande und der Frau an seiner Seite.
Valérie Trierweiler, Politikjournalistin, dreifache Mutter, wunderschön, elegant, klug, nun auch noch First Lady, setzte ihren Francois während des Wahlkamps auf Diät und der speckte tatsächlich zehn Kilo ab. Und sie gibt zu, dass sie selber fünf Kilo zunahm.

Gönnen Sie sich also ab und an eine Prise symphatischer Unperfektheit.

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