Mittwoch, 16. November 2016

Töchter narzisstischer Mütter

Das Buch "Will I ever be good enough?" von Karyl McBride gibt es seit Juni 2016 in deutscher Übersetzung. Im Probst Verlag wurde es mit dem Titel "Werde ich jemals gut genug sein? Heilung für Töchter narzisstischer Mütter" aufgelegt.

Es ist ein wohltuendes, stärkendes Buch.
Dr. McBride ist selbst mit einer narzisstischen Mutter aufgewachsen und erforscht als Ehe- und Familientherapeutin seit vielen Jahren die Situation von Kindern aus narzisstischen Familien, wobei sie sich in erster Linie für Töchter mit narzisstischen Müttern interessiert. Aus ihren zahlreichen therapeutischen Behandlungen hat sie ein Konzept zur Auflösung und Heilung des narzisstischen Erbes erarbeitet.

Das Buch deckt eine Verletzung auf, die wohl wesentlich öfter auftritt, als man vermuten möchte. Das Thema Narzissmus in Familien ist bei uns in Deutschland noch nicht wirklich angekommen.

Der Mythos von der bedingungslosen Mutterliebe wird hier entmystifiziert. Narzisstinnen sind Frauen mit geringem Selbstwert, die ihre Kinder nur zu einem Zweck bekommen - um von ihnen narzisstische Zufuhr in Form von Aufmerksamkeit und Bestätigung zu erhalten. Dafür arbeiten sie mit den subtilsten Mitteln. Narzissmus ist eine Spektrumskrankheit. Es gibt mehr oder minder starke Ausprägungen. An der obersten Schwelle findet sich Sadismus in Reinform. Narzisstische Mütter lieben das Gefühl von Macht und Kontrolle über ihre Kinder, die sie nicht als eigenständige Persönlichkeiten sehen, sondern als Erweiterung ihres Selbst.

Gerade Töchter bieten sich hervorragend als Projektionsfläche an. Da die Mutter selbst keinen Zugang zu ihren Gefühlen hat, projiziert sie ihr eigenes Gefühl von Wertlosigkeit in die Tochter. Wie sehr sich diese auch bemüht, es ist nie genug. Sie ist nie genug. Diese Überzeugung setzt sich fest und manifestiert sich in Töchtern, die leistungsorientiert sind und zur Perfektion neigen. Sie schaffen viel, für sich selbst aber nie genug. Oder in Töchtern, die zur Selbstsabotage neigen, weil sie früh verinnerlicht haben, dass, egal wie sehr sie sich auch bemühen, es sowieso nie gut genug ist.
Ob erfolgreiche Unternehmerin oder Hartz IV Empfängerin - die Seelenlandschaft dieser Töchter ist sehr ähnlich, nämlich leer.

Das Buch ist in 3 Teile gegliedert. In Teil 1 geht es darum das Problem zu erkennen. Teil 2 klärt auf, wie sich der Einfluss einer narzisstischen Mutter auf das ganze Leben auswirkt. Der dritte Teil des Buches enthält die Auflösung des mütterlichen Erbes. Es gibt Schritt-für-Schritt-Anleitungen.

Ich kann dieses Buch allen Frauen empfehlen, die eine konfliktreiche Mutterbeziehung haben.
Allen, bei denen es immer nur um Mutter geht.
Allen, die aus Familien kommen, in denen Geschwister in den Himmel gelobt werden, während man selbst ein Dasein als Nichts fristet.
Allen mit einem irrationalen Scham- und Schuldgefühl und dem Slogan im Ohr "Du bist an allem Schuld! Schäm dich!"
Allen, die als Fassadenwahrer in Familien herhalten dürfen, in denen es nur um den schönen Schein, aber selten um das Sein geht.
Allen, die denken, dass sie ganz viel TUN  müssen um eine Chance auf Liebe zu haben.
Allen, die - ungeachtet dessen, was sie als Arbeitnehmerin, Unternehmerin, Hausfrau oder Mutter geleistet haben - immer mit dem Gefühl rausgehen, dass es nicht gut genug ist, dass es Nichts ist, dass sie nicht genug sind.
Allen, die in Beziehungen festhängen, wo sich ein anderer um sie kümmern muss oder sie sich um einen anderen kümmern müssen.
Allen, die sehr viel Bestätigung von anderen brauchen.
Allen mit einem großen Mangel an Fürsorge, Aufmerksamkeit und Anerkennung.
Allen, die mit ihren Kindern Probleme haben, weil sie zwar nicht mit einer ausgeprägten narzisstischen Störung herumlaufen, aber doch mit der Stirnaufschrift "Ich bin auch als Mutter nie gut genug".
Allen, denen das Stigma überempfindlich, egoistisch, komisch, nicht ganz richtig, verrückt, unehrlich, aufgedrückt wurde.
Allen, die den Menschen in ihrer Umgebung das Gefühl geben, dass sie nicht genügen.

Das Lesen des Buches ist wie der Besuch bei einer guten Freundin, die die eigenen Gefühle in Worte fassen kann und dabei Tacheles redet. Es tut weh, aber der Schmerz kommt mit einer liebevollen Umarmung, Verständnis und einem wertvollen Rat. Seid es euch wert!

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Es wird vermutet, dass in Deutschland 1-4 %  der Bevölkerung an einer NPS (Narzisstische Persönlichkeitsstörung) leiden. Wer sich mit Narzissmus beschäftigt, muss irgendwann erkennen, dass diese Krankeit so gut wie nicht heilbar ist. Da Narzissten keine Fehler machen und völlig uneinsichtig sind, kommen die meisten gar nicht erst zu einer Behandlung, was auf eine hohe Dunkelziffer schließen lässt. Wer sich fragt, ob er Narzisst ist, schließt durch diese Frage alleine schon aus, an dieser Krankheit zu leiden. Ein Narzisst würde sich diese Frage nie stellen. Narzissten agieren subtil und gezielt. Sie suchen sich innerhalb der Familie ein oder mehrere Opfer aus, die sie drangsalieren, ignorieren emotional und/oder körperlich quälen und ausschließen. Auf der anderen Seite steht das "goldene Kind", das immer alles richtig macht und gelobt wird. Es dient als Projektionsfläche für die guten Eigenschaften der Mutter und wird genau so missbraucht wie der "Sündenbock". Das Modell ist auch auf die Arbeitswelt übertragbar.

Wenn Du Dich fragst, ob Deine Mutter narzisstische Anwandlungen hat, kannst Du Dir auf dieser Seite anhand aufgelisteter Eigenschaften ein Bild machen.