Autoritäten

Gestern schaute ich mir auf Sat 1 die Doku zu Aufstieg und Fall des Politikers mit Adelstitel Karl Theodor zu Guttenberg an. Die Internetorganisation GuttenPlag Wiki hatte damals einen großen Anteil an der Aufdeckung des Ausmaßes von Plagiaten in seiner Doktorarbeit. Die Gliederung der Plagiate zeigte auf, dass Passagen aus einer Diplomarbeit fast wortwörtlich übernommen wurden. Die Verfasserin der Diplomarbeit fühlte sich anfangs fast "geehrt", dass ein Minister aus ihrer Arbeit abgeschrieben hat. Bei Durchsicht der Doktorarbeit fühlte sie sich mehr und mehr beraubt. In einem Interview meinte sie, dass sie in der Rücktrittsrede von Guttenberg etwas Entscheidendes vermisste: Reue und eine Entschuldigung. Von Guttenberg gab Fehler zu, die menschliche Komponente bezog er nur auf sich, indem er sich als Opfer der Medien sah. Die Ausbeutung anderer, deren Arbeiten er dazu benutzte sich einen Doktortitel zu verschaffen, erwähnte er mit keinem Wort.

Desweiteren fand ich gestern einen sehr interessanten und ehrlichen Artikel über die Genese des "normalen" Missbrauchs von Dr. Angelika Hirsch mit dem Titel "Im Bermudadreieck von Idealisierung, Erwählung und Scham". Der Artikel beschreibt, wie anfällig wir Menschen für Machtmissbrauch werden, wenn wir zu den "Suchenden" gehören und im Status der Idealisierung oder des Idealisiertwerdens sind.

In der Phase des Idealisierens ist die Gefahr, selbst missbraucht zu werden außerordentlich groß. In der Phase des Idealisiertwerdens wird man leicht selbst zum Missbrauchenden.
Ich rede hier nicht von gewalttätigen Übergriffen, von pathologischer Pädophilie oder von
Sadismus. So schlimm diese sind, sie sind in der Minderheit und Gut und Böse so eindeutig, dass sich die Opfer von den Tätern leichter distanzieren können. Ich rede von dem schleichenden, dem "gutgemeinten" Missbrauch, der aus einer Gemengelage uneingestandener, verdrängter, sublimierter, redefinierter Bedürfnisse in einer Atmosphäre besonders hohen Idealismus entsteht.
Ich rede von dem Missbrauch, der nicht gewaltsam und bewusst über Grenzen geht, sondern sie unmerklich immer weiter verschiebt. Ich rede von dem Missbrauch, der mich durch meinen eigenen Idealismus zum Komplizen macht.
Sie beschreibt eine eigene Erfahrung, ihren Eintritt in ein Kloster und die Grenzüberschreitung ihrer Intuition, die sie zum Komplizen des Systems von Missbrauch machte.

Als ich in Kloster eintrat, war ich weder blutjung noch geistig eingeschränkt. Ich kannte das Kloster seit 10 Jahren, wusste seit über zwei Jahren, dass ich diesen Schritt tun würde, unvorbereitet nennt man das nicht. Ich hatte nicht nur meinen Haushalt, sondern mein ganzes weltliches Sein aufgelöst und war mit zwei Koffern, in denen sich die Sachen befanden, die ich laut einer Liste mitbringen durfte, angereist. Schwester B., die ich sehr mochte, nahm mir die Koffer ab, ich wurde inzwischen durch die Klausur geführt. Etwas später lief uns Schwester B. zufällig wieder über den Weg und rief gut gelaunt: "Ich habe die Dose mit der Nachtcreme mitgenommen, die dürfen Sie nicht haben." Ich erstarrte, nicht wegen einer Kleinigkeit, die ich nicht haben durfte, sondern weil sie offenbar ganz selbstverständlich meinen Koffer aufgemacht hatte. Als ich in meine Zelle kam, fand ich dann auch meine Schlüpfer, Hemden und Strümpfe hübsch ordentlich in den Schrank geräumt. Es gab keine Geheimnisse in diesem Koffer und wenn sie gefragt hätte, ob sie ihn ausräumen dürfte, wäre es in Ordnung gewesen. Aber die Selbstverständlichkeit mit der dies geschah, erschütterte mich im Innersten und ich empfand sie als extrem übergriffig. Genau in diesem Moment hätte ich mich umdrehen und gehen müssen. Aber ich hatte nicht ansatzweise den Mut, mir und aller Welt zu erklären, dass ich an diesem Ort falsch war, ich wäre vor Scham im Boden versunken. Ich hatte behauptet, hier bis zum Ende meiner Tage zu bleiben, ich hatte groß und tränenreich Abschied genommen, alle wussten, dass ich mutig genug war, in ein strenges Kloster zu gehen. Ich versuchte also, die Sache mit mir auszumachen, die Episode als lächerlich und mich als zickig zu stempeln und stürzte mich kopfüber in das Experiment, eine besonders gute Nonnen zu werden. Dies war die erste und bei weitem harmloseste Geschichte, der Beginn meiner Komplizenschaft.
Gleichzeitig war ich erfüllt von der Liturgie, dem Chorgebet, den Festen, der strengen Struktur, ich mochte die Schwestern, liebte die Oberen und bekam auch Liebe. Ich habe mitgemacht. Ich habe eingewilligt. Es hat mir gefallen. Vieles jedenfalls. Ich war kein hilfloses Opfer. Dass ich emotional abhängig war, habe ich damals natürlich nicht gewusst, dunkel geahnt wohl schon. Und das ist das, was man sich kaum wieder verzeiht, das ist der tödliche Sumpf der Scham. Auch wenn eine deutliche Hierarchie besteht, wenn Schwächere von Mächtigeren missbraucht werden, hat man doch als Schwacher und Abhängiger seinen Verstand und sein Gefühl nicht vollständig an der Garderobe abgegeben. Dass man tatsächlich zu schwach war, glaubt man auch im Nachhinein kaum.
Die Asymmetrie der Macht ist gerade durch das "Gute", das man bekommen hat, nicht fühlbar. 
Auf der Seite "Sekten und Psychogruppen" bietet der Berliner Senat eine Checkliste, unter anderem für Seminaranbieter. Ich denke nicht, dass ich in meiner Ausbildung Sekten aufgesessen bin, unter der Rubrik "Atmosphäre" jedoch gab es Anhaltspunkte, die mir zu denken gaben.
Die Erfahrung von Frau Dr. Hirsch ist anwendbar auf alle Systeme, die mit "Hierarchie" arbeiten. Du Schüler - ich Lehrer und sofort ist man als Seminarteilnehmer in der Schülerrolle von einst. Da sitzt man als erwachsene Person oder denkt das zumindest über sich und kämpft mit all den Schatten, die wir aus unserer Schulzeit noch kennen. Und schneller als man denken kann, ist man in der Überzeugung "Der Lehrer (ersatzweise jegliche Autorität) weiß es besser".
Bei Dr. Hirsch kommt das Etikett "Elite-" vor. Wer zur Elite gehört fühlt sich auserwählt, er hebt ein bisschen ab und verliert manchmal den Kontakt zum Boden(ständigen). Eine weitere Gefahr ist der unterschwellige Glaube, dass nur ein Elitärer eine Elite ausbilden kann. Und schon sind wir wieder in der Idealisierung. Man will ja schließlich nur von den Besten lernen.

Auch ich habe eine Ausbildung bei einer Institution gemacht, das auf seiner Homepage warb "Wir bilden die zukünftige ...-Elite aus". Dieser Slogan bereitete mir ein unbehagliches Gefühl. Da ich gelernt habe bei mir selber hinzuschauen, versuchte ich meine Blockaden bezüglich "Elite" zu lösen. Heute weiß ich, dass ich sie nicht lösen muss. Oft wird mit etwas geworben, was nicht eingehalten wird. Es werden Idealisierungen inszeniert, indem nur begeistert positive feedbacks auf Homepages gestellt werden. Die Authentizität zeigt sich, wenn kritische feedbacks als das genommen werden, was sie sind. Möglichkeiten zu Verbesserungen. Sie zeigt sich auch darin, dass ein Seminarleiter (ein Politiker, ein Ordensmann, jegliche Autorität) sich entschuldigt, wenn er einen Fehler gemacht hat. Gewählte oder selbsterwählte oder ernannte Autoritäten sind auch nur Menschen. Sie machen Fehler. Wer sich darüber erhebt, wer seine Macht missbraucht, andere ausbeutet und benutzt, vorführt und demütigt, sollte sich zumindest entschuldigen können. Wenn ein Ausbilder das Werkzeug, das er lehrt, selbst nicht anwendet, welche Elite will er dann ausbilden?
Es gibt Autoritäten, die dienen als gutes Beispiel. Zur Nachahmung oder zur Abschreckung. Da wir aus unseren Lernphasen oft gute Dinge mitnehmen, ist es so schwer das Ungute wahrzunehmen. Und wenn wir es wahrnehmen, tendieren wir dazu es schönzureden, weil wir uns das Gute nicht schlecht machen wollen. Weil wir an dem Ideal, das wir hatten, festhalten (wollen). Weil wir anderen gegenüber loyal sein wollen und uns selber oft damit verraten. Werden Grenzüberschreitungen begangen, versuchen wir sie irgendwo einzuordnen, manchmal sogar zu entschuldigen. Letzendlich führt diese Taktik in die Scham. Weil wir nicht agiert, weil wir nicht reagiert, weil wir nicht "Nein" gesagt haben. Weil wir mitgemacht haben.

Gibt es eine Lösung?

Hier die Antwort von Frau Dr. Hirsch

Gibt es einen Ausweg? Für den Einzelnen ja. Er besteht in dem schmerzhaften Prozess, sich dieser Scham zu stellen, sie nicht weiter zu verdrängen. Gut ist, wenn man sich von Menschen dabei helfen lässt, die selbst diesen Prozess schon durchlaufen haben.
Gibt es einen Ausweg für die Kirche, die Gesellschaft? Nur graduell. Menschen wollen idealisieren und werden idealisieren. Wenn sie nicht mehr die Jesuiten, Benediktiner oder eine
Reformbewegung idealisieren, dann eben Popstars, tibetische Mönche, Kronprinzen oder
Präsidenten. Die Kirche muss sich öffnen, Kontrolle ihrer Machtstrukturen zulassen, die Arroganz bekämpfen, sie muss lernen, mehr zwischen Rolle und Person zu unterscheiden. Das nutzt aber nichts, wenn nicht gleichzeitig jeder Einzelne wachsamer wird für seine Idealisierungen, die er an Priester, Ordensleute und Institutionen wie Klöster und Elite-Schulen heranträgt.
Ich kann dem nur zustimmen. Arroganz und Grenzüberschreitungen sind verbreitet, wo es Hierarchien gibt. So lange wir unsere eigene Autorität nicht annehmen, die uns auf Augenhöhe mit anderen sein lässt, so lange wir idealisieren und idealisiert werden wollen, wird es Machtmissbrauch geben. Es gilt zwischen Rolle und Mensch zu unterscheiden. Mir kann jemand als Mensch symphatisch sein und in seiner Rolle als "Autorität" meine Grenzen überschreiten. Ich kann zum Mensch "ja" und zur Autorität "nein" sagen. Das ist mein Recht, das ich mir selbst nehmen muss. Es gilt die eigene Autorität anzuerkennen, indem wir auf unsere innere Stimme hören. Sie zeigt uns immer den richtigen Weg.

***

Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".


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