Die Bilderbuchoma und der Willy

Als ich noch Schülerin war, besuchte ich mit dem damaligen Prinzen sehr gerne die Bilderbuchoma.
Sie wohnte im Altmühltal. In einem großen, alten Haus, drumherum ein Garten mit Walnuss- und Apfelbaum, daneben ein Spargelfeld.
Die Bilderbuchoma kochte mir zur Begrüßung immer mein Lieblingsgericht, damals Grillhähnchen und sie zeigte mir wie man Apfelstrudel macht. Zur Spargelzeit mussten wir sehr früh aufstehen, um den Spargel zu stechen. Im Herbst saßen wir in der geräumigen, gekachelten Küche und pulten die Walnüsse aus ihrer Schale. Dazu lief der Klassikradiosender.
Abends schaute sie die Tagesschau. Ich saß immer ein bisschen hinter ihr, so konnte ich beobachten, wie sie sich fürchterlich aufregte. Wild gestikulierend beschimpfte sie alle Politiker. Danach erholte sie sich bei einem Gläschen Schnaps und einer Zigarre. So sehr sie sich über die Nachrichten aufregen konnte, so ruhig wurde sie beim Paffen. Wenn die Zigarre alle war, spielten wir Stadt-Land-Fluss oder Wörter zerdeppern. Das ist gut fürs Hirn, meinte sie.
Das Arbeitszimmer der Bilderbuchoma bestand aus Echt-Biedermeier, aber ihr Wohnzimmer war ein Sammelsurium aller Stilepochen, die sie durchlebt hatte. Ich liebte dieses Zimmer.
Wenn die Bilderbuchoma jemanden nicht mochte, und da gab es schon einige, konnte sie sehr gereizt reagieren. Glücklicherweise mochte sie mich und ich verehrte sie zutiefst.
Jedes ihrer Enkelkinder hatte ein eigenes Zimmer im großen Haus. Sie durften sich die Farbe für die Wände und die Möbel aussuchen. Da gab es ein gelb-blaues, ein grün-blaues und ein rot-braunes Zimmer. Ich wohnte am liebsten im rot-braunen Zimmer unter dem Dach. Vom kleinen Fenster blickte ich auf das gegenüberliegende Sägewerk, das sie mit ihrem Mann bis zu seinem Tod betrieben hatte. Ich liebte es am Fenster zu stehen und den Geruch von frisch gesägtem Holz einzusaugen, während mir der Philosophenprinz aus einem seiner vielen Bücher vorlas.
Der Prinz und ich warfen uns gerne verbotenerweise in die Sägespänekammer. Das war nicht ungefährlich, denn man konnte leicht am feinen Staub ersticken.
Bei der Bilderbuchoma durfte ich so oft und so lange baden wie ich wollte. Sie hatte ein geräumiges Bad mit einer großen Wanne und einem Diwan. Ich liebte es mich nach dem Bad mit ihrer Körperlotion einzucremen und so ihren Duft an mir zu tragen. Manchmal wickelte ich mich in ihren Bademantel, legte mich auf den Diwan und paffte eine imaginäre Zigarre.
Einmal zeigte sie mir ein Fotoalbum. Auf einem Foto stand sie da, mondän im dicken Pelzmantel und ondolierten Locken, daneben ihr stattlicher Mann. Sie erzählte mir, dass sie desöfteren gerne und ausgiebig in Gesellschaft feierten. Den Tag darauf tranken sie dann nur Milch. Gegen den Kater und für die Linie.
In der Umgebung gab es eine Kneipe mit Kleinkunstbühne. Der Prinz und ich tranken dort ganz gerne mal ein Bier. Eines abends trat dort der Münchner Stadtindianer Willy Michl auf. Willy war und ist ein Unikum. Er zählte zu den Liedermachern. Auf der LP, die der Prinz und ich uns teilten, hatte mein Lieblingslied folgenden Refrain:

Sitz di her,
sei mei Freind,
und trink mit mia aus oam Kruag,
und erzäj und verzäj,
wos't scho warst, auf der Wejt.

Diese Worte begleiten mich noch immer. Sie tauchen auf, wenn es an der Zeit ist sich auszuruhen, wenn ich eine Bank sehe, wenn ich mit einem Bierkrug anstoße, wenn mich ein Mensch und seine Geschichte interessieren.

Sitz di her, sei mei Freind  und trink mit mia aus oam Kruag ....


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