Freitag, 8. September 2017

Seelengemälde oder Der weite Weg

Für Dani

Im Frühsommer 2007 zog ich (gerade mal 44) meiner Mutter gegenüber eine Grenze auf. Diese Grenzziehung war zunächst ein Graben und hat sich im Laufe der letzten 10 Jahre zu einer hohen, eisigen Mauer aufgetürmt.
Zwischen dem Graben und der Eismauer liegen viele Tränen. Heiß geweint und doch erfroren. Wenn man genau hinschaut, kann man Wünsche, Erwartungen, Ansprüche, Hoffnungen, Verzweiflung, Kummer, Zweifel, Enttäuschung, Frustration und Trauer erkennen.

Ich habe einiges ausprobiert.

Meine Mutter nicht mehr jeden Sonntag anrufen, aber zu Familienfeiern einladen. Bis ich merkte, dass sie vor meinen anderen Gästen, während ich Kaffee aufbrühte, schlecht über mich sprach.
Sie also nicht mehr zu mir einladen, aber noch zu anderen Familienfeiern gehen, zu denen auch sie eingeladen ist. Bis zum Tag des großen Eklat.
Sie meiden und nicht mehr auf Familienfeiern gehen, an deren Teilnahme sie zugesagt hat (was sie bisher immer getan hat). Bis ich heute merkte, dass sie auch damit über mich siegt (wenn ich es erlaube).

Mit dieser letzten Entscheidung schließe ich mich selbst aus dem Familienverbund aus.
Bisher dachte ich, dass es mir gut geht damit. Der Preis ist hoch, aber allemal meine seelische Stabilität wert.

Meine Kinder waren zum Zeitpunkt des Zerwürfnisses 12 und 15 Jahre alt. Ich versuchte sie aus der Thematik rauszuhalten, so weit das möglich war, und ließ sie Kontakt zur Oma halten. Am Tag des Eklat waren sie außer sich. Wie gerne hätte ich sie auf meine Seite gezogen. Sie darin bestätigt wie böse und gemein die Oma ist. Wie gerne hätte ich ihr die Enkel entzogen. Aus Rache. Weil es das war, was ich hätte tun können, um SIE auszuschließen. Aus meinem Verbund. Dafür, dass sie mich vor meinen eigenen Kindern schlecht machte. Dafür, dass sie mir nie eine emotionale Heimat geboten hat. Dafür, dass sie mich verraten hat. Dafür, dass sie mich missbraucht hat. Wie gerne hätte ich meine Kinder, in meinem Sinne, über sie richten lassen. Ich hatte damals gute Karten. Und habe es verpasst den Trumpf auszuspielen. Weil ich wusste, dass ich damit genau so bin wie sie. Macht es mich zu einem besseren Menschen, wenn ich mich anders verhalte? Macht es mein Leben leichter? Tut es nicht.

Wir hatten damals ein intensives Gespräch und ich machte meinen Kindern klar, dass meine Probleme mit meiner Mutter meine Probleme sind, um die ich mich selbst kümmere. Und dass sie für sich selbst entscheiden müssen, ob sie Kontakt zur Oma halten wollen oder nicht. Wenn ja, dann müssen sie sich auch selbst um die Probleme, die sie mit der Oma haben, kümmern. Sie entschieden sich beide für den Kontakt.
Wenn ich mit meiner Mutter nichts mehr zu tun haben möchte, müsste ich mich heute von all den Menschen lösen, die mit ihr Kontakt haben. Von meinen Geschwistern und schlimmstenfalls von meinen Kindern. Dadurch, dass ich ihnen den Kontakt zur Oma freigestellt habe, bleibt sie auch in meinem Leben.
Das ist eine große Herausforderung.
Manchmal, wenn meine Kleinherzigkeit und Kleingeistigkeit zuschlägt, bereue ich zutiefst, dass ich meine Kinder nicht zu muttertreuen Soldaten erzogen habe, die - komme was wolle - auf meiner Seite stehen, mich verteidigen und "Unsere Mutti ist die Beste" schmettern. Heute ist so ein Tag.

Mein Bruder feierte Geburtstag und wir waren alle eingeladen. Mein Kampf ist nicht sein Kampf.

Chronologie eines Absturzes:

Nach reiflicher Überlegung entschließe ich mich NICHT an der Feier teilzunehmen.
Die reifliche Überlegung bot zwei Wahlmöglichkeiten:
1.) Mal wieder eine Mutprobe durchführen und den status quo ausloten (was beeinhaltet: Tage vor dem Eismaueraufenthalt mich innerlich vorbereiten, warm anziehen und aufwärmen, an der Eismauer dann ganz cool tun, danach 2 Wochen lang unter Unwohlsein auftauen, Gefahr: nach dem Eismaueraufenthalt mit Fieber und Gliederschmerzen im Bett liegen und wissen, dass meine Vorbereitung mal wieder grottig unzulänglich war und die Frage aufwirft: Kann ich mich jemals gut genug schützen vor dem emotionalen Eis? Soll ich mich dem jemals wieder aussetzen? Warum sollte ich mich jemals wieder dazu zwingen mich etwas auszusetzen von dem ich weiß, dass es mir nicht gut tut? Warum denke ich dem jemals gewachsen sein zu müssen? Von wem, außer mir, würde ich so etwas verlangen?)
2.) einfach daheim bleiben, mich mit einer warmen Decke aufs Sofa lümmeln und ein Glas Wein trinken.
Ich entschied mich für die 2. Getröstet von der Tatsache, dass meine bessere Hälfte auch daheim bleibt. Treu an meiner Seite.

Am Tag der Feier kommt mir meine Mutter in der Fußgängerzone entgegen. Wir wohnen in derselben Stadt, nicht weit voneinander entfernt. Begegnen uns so gut wie nie, dafür heute. Ich stehe mit meiner Tochter in einem Gespräch, sie mit dem Rücken zur Oma, ich mit dem Gesicht. Was passiert? Ich habe einen starken Fluchtreflex und folge ihm blitzschnell, schaffe es noch zu sagen "Da kommt meine Mutter, ich muss weg", drehe mich um, rette mich in einen Fairtrade-Laden. Denke traurig "Wie schlimm ist das denn, wenn ein Kind vor seiner Mutter flüchten muss?"

Am Tag nach der Feier erzählt unser Sohn, was für einen schönen Abend sie hatten. Wie gut sich alle unterhalten haben.
Meine Kleinherzigkeit schlägt das erste Mal zu. Ich fühle mich ausgeschlossen, war nicht dabei, habe die neuen Freundinnen meiner Neffen nicht kennengelernt, kann nicht mitreden.
Abends auf dem Nachhauseweg von der Arbeit, fährt mein Bruder (zufällig) mit seinem E-Roller an uns ran und meint lächelnd "Das war gestern ein echt schöner Abend". Er besucht eine Veranstaltung, ich fahre mit dem zweiten Schub meiner Kleinherzigkeit nach Hause und packe alles aus, was ich gegen ihn verwenden kann. Mamas Liebling, Schoßhocker, goldenes Kind, ewiger Lächler, Speichellecker, Idiot. Als er nach der Veranstaltung bei uns vorbeikommt, um uns zur nächsten (politischen) Veranstaltung einzuladen, weigere ich mich mit ihm zu sprechen. Mein Herz ist auf ein Minimum geschrumpft. Dafür stehen die Tränen auf Oberkante. Ich weigere mich noch eine einzige Träne zu diesem Thema zu weinen. Der See an ungeweinten Tränen ist abgeweint. Basta.

Heute morgen telefonierte ich mit meiner Tochter.
Auch sie erzählt von dem schönen Abend, den guten Gesprächen. Mein Herz ist nicht mehr vorhanden, sein Platz wird vom Selbstmitleid eingenommen. Als ich von meinem Gefühl des Ausgeschlossenseins erzähle (in Erwartung von Anerkennung meines Leidens), meint sie "Du wurdest nicht ausgeschlossen. Du wurdest eingeladen und hast dich selbst ausgeschlossen. Du brauchst dich also nicht ausgeschlossen zu fühlen." Die Tränen übersteigen die Oberkante und ich muss das Gespräch abbrechen. Warum versteht mich keiner? Nur weil ich mich schützen will und nicht komme, heißt das doch nicht, dass ich nicht dabei sein möchte!
Ich lasse den Tränen freien Lauf und erkenne:
Sie hat Recht.
Das Gefühl des Ausgeschlossenwerdens ist ein uraltes Kindheitsgefühl. Da wurde ich tatsächlich ausgeschlossen. Diesmal habe ich mich aktiv selbst ausgeschlossen. Trotzdem darf ich das Gefühl des Ausgeschlossenseins haben. Ich darf es nur niemandem anlasten. Die anderen dürfen einen schönen Abend haben, auch wenn ich nicht dabei bin. Ich trage die Verantwortung für alle Gefühle, die mit meiner Entscheidung einhergehen. Mein Wohlbefinden sollte nicht davon abhängig sein, was die anderen entscheiden oder erleben.
Es beginnt mit der Entscheidung, dass sie teilnehmen, obwohl ich nicht dabei bin. Dürfen sie. Und wenn ich will, darf es mir gut gehen damit.
Es geht weiter mit den Erzählungen, dass sie einen schönen Abend erlebt haben, obwohl ich nicht dabei war. Dürfen sie. Und wenn ich will, darf es mir gut gehen damit (das erfordert Großherzigkeit - puuh).
Es könnte auch sein, dass sie einen schrecklichen Abend hatten und völlig aufgebracht sind, weil ich nicht dabei war. Dürfen sie. Und wenn ich will, darf es mir gut gehen damit (das erfordert einen Mangel an Schadenfreude - puuh).

Ich bestimme, woran mein Wohlbefinden geknüpft ist.
An mich selbst oder an die Erzählungen anderer.

Nicht, dass ich es bereits gänzlich schaffe so zu leben - hahahaa (siehe oben). Ich bin dabei, Schritt für Schritt.
Es ist ein weiter Weg, oft am Abgrund, mit der Gefahr des Absturzes.

Alles ist gut, ich vertraue, ich schaffe das.