You want it darker

Meine Freundin J. wohnt auf dem Land.

Wenn ich zu ihr fahre, führt mich die Straße durch eine ziemlich romantische Gegend. Vorbei an Mühlen, die teilweise noch in Betrieb sind, entlang an Wäldern und Wiesen. Im Sommer öffne ich spätestens hier die Autofenster, um den starken Duft von Wiese und Heu einzuatmen. Ich liebe diesen Geruch nach Sommer und er begleitet mich schon lange. Er ist so vertraut und weckt Sehnsüchte.

Als ich zwanzig war, überraschte er mich, als ich gerade den Flur eines Krankenhauses entlangeilte. Durch ein geöffnetes Fenster drang dieser unwiderstehliche Duft nach frisch gemähtem Gras. Mich überfiel, wie so oft, der Hunger nach Leben und ich kündigte postwendend meinen Job, um in den Süden zu reisen.

Vor knapp zehn Jahren saß ich auf der japanischen Insel Okinawa im Fond eines Wagens. Es war März und die Temperaturen auf Okinawa zeigten Frühling. Durch das leicht geöffnete Fenster erreichte mich der Geruch, der wohl überall gleich duftet - frisch gemähtes Gras - und mich überkam tiefstes Heimweh.

Jetzt sind die Straßen und die Landschaft in Dunkelheit getaucht. Es riecht nach Metall. Der Winter hat nicht viele Düfte. Das hält mich sehnsuchtsfrei. Mich begleitet ein alter Freund, der 2016 verstorben ist. Kurz vor seinem Tod wurde sein letztes Album veröffentlicht. Ich liebe es, weil es mein Herz erreicht. Da ist jemand, mit dem ich meine Melancholie teilen kann, in dieser Welt ohne Licht, Farben und Gerüche. So long Leonard. Ich hoffe, dass es dort, wo du dich nun aufhältst, lichter ist.





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