Lesen Deine Kinder Deinen Blog oder Warum ich hier Seelenstriptease betreibe

Heute erhielt ich folgende Frage einer mir bekannten Bloggerin:

Lesen Deine Kinder Deinen Blog? Bzw. könnten sie, wenn sie wollen würden?


Meine Antwort darauf:

Ein Blog ist öffentlich. Jeder kann es lesen. Wir haben jedoch noch nie über einen Post diskutiert.
Ich habe sie lediglich um ihr Einverständnis gebeten, wenn sie darin vorkamen.

Sie haben beide ganz andere Interessen als den Seelenstriptease ihrer Mutter zu verfolgen. Wie - übrigens auch - alle anderen Angehörigen. Ich schreibe das Blog auch nicht für sie. Ich schreibe für mich. Um meine eigene Entwicklung verfolgen zu können. Die Posts sind ein persönlicher Selbstausdruck. Ich mache mir dadurch ein Bild von mir selber. Ich lese die Posts immer wieder durch und spüre nach, ob sich das noch so anfühlt oder verändert hat. Manchmal bin ich über mich selbst erstaunt, was da aus mir kam. Manchmal bin ich versucht zu löschen, weil Scham aufkommt oder ein Gefühl von Schande. Dann nehme ich das als Gelegenheit, um damit zu arbeiten. Mich ein weiteres Stück zu befreien oder auch tiefer zu verstehen. Ich habe oft gezittert bevor ich veröffentlichte. Tausend Gedanken gemacht. Aber die Menschen sind so beschäftigt mit sich selbst. Und die, die lesen, interpretieren das für sich. Es gibt aber auch welche, die sind empört. Der Wind der Empörung ist scharf und fördert wieder Gefühle wie Scham, Unwert, Einsamkeit, Nichtzugehörigkeit. Alles Gelegenheiten für Wachstum.

Je mehr ich preisgebe, desto freier fühle ich mich. Ich versuche bei mir zu bleiben, wenn möglich niemanden zu verurteilen, sondern zu beschreiben, was Erlebnisse mit mir machen.
Manche Leute denken, sie lesen mein Blog und kennen mich. Durch das Ausdrücken bin ich aber schon einen Schritt weiter und sie sehen die Vergangenheit,  nicht das Jetzt. Dadurch, dass ich es in die Öffentlichkeit stelle, muss ich stark überprüfen, ob ich ehrlich bin, ob es sich jetzt stimmig anfühlt. Auf mein Blog kommen Menschen, die etwas suchen. Diese Menschen sind höchst dankbar, weil sich jemand traut. Sie fühlen sich getröstet und das ist doch, wonach die meisten seelisch Verletzten suchen - Trost.
Meine Kinder wollen das alles gar nicht wissen. Meine Vergangenheit interessiert sie nicht. Ich existiere für sie nicht als Mensch, ich bin ihre Mutter. Das Blog ist mein Vermächtnis an sie - für den Fall, dass in ihrer Biografie Fragen auftauchen. Aber dadurch, dass ich mich bereits befreie, wird das vielleicht nicht eintreten. Außerdem lösen sie ihre Probleme anders. Und für den Fall, dass sie ein Problem mit dem haben, was ihre Mutter macht und schreibt, muss ich sie selbst ihren Gefühlen überlassen. Dann haben sie eine Gelegenheit zu wachsen. Bin durch tausend Feuer gegangen, um da hin zu kommen. Frage beantwortet (also das, was alles dahinter mitschwingt?)?

***

Warum ich hier Seelenstriptease betreibe

Diese Frage habe ich bereits desöfteren beantwortet.
Heute möchte ich meine Motivation anhand eines aktuellen Vorfalls verdeutlichen.

Asia Argento, italienische Schauspielerin, Regisseurin, Filmproduzentin, Drehbuchautorin, Schriftstellerin, Sängerin und Model, ist eine der Frontfrauen der #MeToo-Bewegung. Sie erhebt den Vorwurf, dass Filmproduzent Harvey Weinstein sie 1997 (sie war damals 21) bei den Cannes-Filmfestspielen sexuell missbrauchte.
Diese Woche wurden Vorwürfe des jungen Schauspielers Jimmy Bennett laut, dass er 2013, damals 17 Jahre alt, von Asia Argento in einem Hotelzimmer sexuell genötigt wurde.
Sein Trauma kam hoch, als sich Asia Argento im Zuge der #MeToo-Kampagne als Opfer darstellte.

Das sind die Vorgänge, die in der Öffentlichkeit landen. Es sind Promis (A,B oder C) und meistens geht es auch noch um viel Geld (Jimmy Bennett soll Schweigegeld gefordert und 380.000 Dollar bekommen haben) und natürlich um Publicity.
Man kann sich die Frage stellen, ob Schweigegeld das Trauma wett macht. Es kann Genugtuung darstellen, aber löst es belastende Gefühle? Hinzu kommt, dass hier die "Täter" außerfamiliär sind.

Was das Beispiel aber deutlich zeigt ist, dass eine Frau, die sich lautstark als Opfer deklariert, zum Täter wurde. Dass sie als Täterin dasselbe Verhalten an den Tag legt wie der Mann, als deren Opfer sie sich sieht. Sowohl Argento, als auch Weinstein, leugnen, weisen die Vorwürfe zurück, streiten ab, prozessieren. Auch Harvey Weinstein sieht sich als Opfer. Wir haben nur Opfer, aber keine Täter.

So lange kein Bewusstsein dafür da ist, dass wir vom Opfer zum Täter werden können, dreht sich das Karussell weiter. Nicht nur in der äußeren Gesellschaft, es passiert in uns. Die äußeren Begebenheiten sind Phänomene unserer inneren Begebenheiten.
Deswegen ist es für mich wichtig, mich meinem Opferdasein zu stellen, damit ich mir meines Potentials als Täter bewusst werde.
Ich möchte das, was mir möglich ist, lösen. Vielleicht bleibt es ja nur ein Versuch, aber ein Versuch ist allemal besser als es ganz sein zu lassen.
Heute weiß ich, dass auch ich alles in mir trage.
Wenn ich mich als Opfer sehe, kann ich selbstgerecht und böse werden. Ich kann verletzend sein. Ich arbeite darauf hin, dass ich nicht mit einer weißen Weste durch die Gegend laufen muss, die allen zeigen soll, dass ich ein guter Mensch bin. Das bin ich auch - aber nicht nur.
Wenn jemand zu mir kommt und sagt "Du hast mich traurig gemacht", dann möchte ich sagen können "Oh ich verstehe, das tut mir aufrichtig leid". Für diese Haltung muss ich tagtäglich hart arbeiten, denn ich laufe in der Konditionierung der Antwort "Ich doch nicht!"

Ähnlicher Beitrag Schwamm drüber oder die Täter-Opfer-Spaltung .


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