Oma Schatzili, offene Räume und Sprache als Rettung

Ich hatte mal einen englischsprachigen Freund. Der Großteil unserer Korrespondenz lief schriftlich und irgendwann erkannte ich, dass ich meine Komplexität nicht in die englische Sprache fassen konnte. Der Wortschatz, der mir zur Verfügung stand, gepaart mit allen Wörtern, die neu dazukamen und wissbegierig von mir aufgenommen wurden, steckte dennoch zu enge Grenzen, in die ich mich nicht fassen konnte. Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt, erkannte Ludwig Wittgenstein. Damals wurde mir klar, wie arm mich die englische Sprache fühlen ließ und wie reich die deutsche Sprache ist, in der ich zu Hause bin. Bereits als Grundschülerin verschlang ich jedes Buch, das mir in die Hände fiel. Die Bücher eröffneten mir unbekannte Welten und das Lernen neuer Wörter öffnete mir Türen in bis dahin verschlossene Räume. Über die Sprache lotete ich die Grenzen meiner (Innen-)Welt aus.

Dass Sprache auch offene Räume schaffen kann, erfuhr ich vor einigen Tagen, als die Urne einer verstorbenen Tante beigesetzt wurde und der Pfarrer eine Rede über diesen Menschen hielt.

Vorab hatten der Pfarrer und ich ein Gespräch, in dem ich etwas über sie erzählen sollte. Ich wuchs meine ersten sieben Lebensjahre in einem Mehrgenerationenhaus auf, in dem auch diese Tante mit ihrem Mann wohnte. Da sie keine eigenen Kinder, sich aber immer einen Sohn gewünscht hatte, beachtete sie mich schlichtweg nicht. Wir fanden nicht zueinander.
Vor acht Jahren starb mein Vater sehr plötzlich. Er hatte die Betreuung für sie. Um meinen Vater zu unterstützen, hatte ich mich als Ersatzbetreuerin eintragen lassen. Als er dann vor seiner älteren Schwester verstarb, fiel mir die Betreuung zu. So saß ich einen ganzen langen Tag mit ihr auf einer Station der Psychogeriatrie, wo sie darauf wartete, dass ihr Bruder sie abholte und nach Hause brachte. Ihr Leben erfuhr eine große Veränderung, was sie mir persönlich übel nahm und auch in drei Jahren Betreuungszeit fanden wir nicht zueinander. Ich hatte kein emotional freudiges Erlebnis mit ihr.
Trotzdem schaffte es der Pfarrer eine schöne Rede zu halten und seine Worte ließen Räume offen für alle Nachfahren, von denen ein jeder sie mit unterschiedlichen Augen betrachtet hatte. Obwohl sie in keinem der Herzen eine wirkliche Spur von Liebe hinterlassen konnte, schafften es Worte, eine friedliche, andächtige, respektvolle Atmosphäre zu hinterlassen, wofür ich sehr dankbar war.

Loredana Nemes, Fotokünstlerin, kam als 13-Jährige mit ihren Eltern aus Rumänien nach Deutschland und bezeichnet Deutsch als ihre Fühl- und Muttersprache. In einem Interview (ZEIT-Magazin vom 2. August 2018) unter der Rubrik "Das war meine Rettung", spricht sie sehr berührend und mir aus dem Herzen:

Wie können deutsche Sprache und Literatur eine Rettung sein?

In dieser Sprache ist so viel Raum, so viel Härte und Weichheit zugleich. Ich weiß, dass ich sie brauchte, um mich immer wieder gerade zu machen, zu fassen. Seit Neuestem höre ich der Lyrikerin Rose Ausländer zu, wie sie Gedichte liest. Sie klingt genauso wie jene wunderbare Frau, die mir die deutsche Sprache beigebracht hat, eine Siebenbürger Sächsin. Sie war 80, als ich geboren wurde, und mit 87 starb sie. Oma Schatzili war meine erste große Liebe.

Wer war sie?

Sie lebte mit meinen Eltern und mir in der gleichen Wohnung. Oma Schatzili hatte einen Buckel, der sie klein und mir nah sein ließ. Gern gingen wir miteinander spazieren, und dann lag ihre Hand stets auf meinem Kopf. Durch ihre Hand ist die Liebe in meinen Kopf geflossen und die kostbare deutsche Sprache. Die Liebe ist das Wurzelwerk, die Sprache meine Rettung.



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