Als die Welt noch in Ordnung war

Im Februar diesen Jahres verbrachten wir einige Zeit in einem buddhistischen Kloster der Waldmönchstradition im Osten Thailands.
In einem Gespräch mit dem Kloster-Abt sprachen wir über den Werteverfall, der sich auch in der thailändischen Gesellschaft bemerkbar macht. Als ich erzählte, dass ich vor genau 30 Jahren das erste Mal Thailand besuchte, meinte der Abt "Damals war die Welt noch in Ordnung".

Ich überlegte kurz und musste ihm dann, aus meiner Sicht, widersprechen.

Als ich 1989 das Land des Lächelns besuchte, war ich einerseits tief berührt, andererseits zutiefst schockiert.
In den Tempeln beobachtete ich die Einheimischen beim Praktizieren und war fasziniert von ihrem tiefen Glauben. Auf den Straßen war die Prostitution allgegenwärtig. Der Sextourismus florierte. Mann konnte damals alles kaufen - Frauen, Mädchen, kleine Jungs.

Der Abt lebte zum Zeitpunkt meines Aufenthalts mit seinen Eltern auf einer idyllischen Insel, die auch ich besuchte. Dort war die Welt noch in Ordnung. Die Kinder spielten übermütig am Strand, auf den Grills der einfachen Strandlokale gab es tagesfrischen Fisch, hinter unserer Hütte tobten die Affen. Zu Beginn unseres Urlaubes hielt ich mich genau an dem Ort auf, vor dem ihn seine Mutter eindringlich warnte -  in der Straße der Backpackerszene, in der morgens zum Frühstück in den Coffeeshops bereits Horrorfilme liefen und Drogen verkauft wurden. Dort war die Welt in einer anderen Ordnung. Manch einer könnte sagen, sie war aus der Ordnung geraten.

Mir stellte sich die Frage: War die Welt jemals in Ordnung?

Ist es nicht so, dass sie an manchen Orten in Ordnung ist und an anderen nicht? Dass diese Orte wechseln und es selten DEN Ort gibt, an dem die Welt noch tatsächlich in Ordnung ist? Und auch bleibt? Welcher Ort könnte das sein, an dem die Ordnung noch am ehesten zu Hause ist? Ist es nicht so, dass alles, was einer Ordnung unterliegt, irgendwann in Unordnung gerät? Die idyllische Insel, auf der die Welt 1989 in Ordnung war, wurde vom Tsunami 2004 schwer zerstört. Die behütete Kindheit, während der Eltern Ordnung schaffen, geht über in ein Erwachsenendasein, dem wir uns stellen müssen.
Wie oft habe ich die Erfahrung gemacht, zu glauben, dass Jetzt alles in Ordnung ist, um vor die nächste Herausforderung in Form von Verlust, Existenzangst oder Krise gestellt zu werden.

Ist das Leben nicht ständiger Wandel? Wie kann in einer Welt des Wandels Ordnung bestehen?
Vielleicht liegt im Wandel eine Ordnung, die wir kleinen Geister einfach nicht überblicken können?

Das Gespräch mit dem Abt war sehr anregend.
Der Buddhist möchte die Anhaftung überwinden. Jede Form von Anhaftung erschafft Leid. Ist nicht der Wunsch nach einer Welt, die in Ordnung ist, auch eine Art von Anhaftung? Ist die Welt nicht immer wieder in Dunkelheit und Chaos versunken, um sich dann erneut selbst - und anders - zu erschaffen? Passiert das nicht auch mit uns? Kann es sein, dass wir glauben, dass eine Welt, die in Ordnung ist, auch uns in Ordnung sein lässt? Und kann es funktionieren, dass wir, wenn wir uns selbst in Ordnung bringen, auch eine Welt schaffen können, die in Ordnung ist? Zumindest um uns herum.

Und überhaupt: Was ist DIE WELT?


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