Erbe

Vorletzte Woche habe ich ein weiteres Kapitel meines Familienerbes hinter mich gebracht.
Mein Schredder hat gequalmt und mehrmals überhitzt Pausen eingefordert. Eingehüllt in Papierstaub, musste ich nach der Aktion erst einmal einen Schnaps trinken.

Vor 9 Jahren starb mein Vater sehr plötzlich an einem Herzinfarkt. Als ich zu ihm in die Klinik gerufen wurde, lag er bereits unter einer Sauerstoffmaske und schnappte panisch nach Luft, während ein Arzt mit einem Ultraschallgerät auf seinem Bauch herumfuhrwerkte. Entsetzt sah ich, dass mein Vater fixiert und hilflos der Situation ausgeliefert war. Die Fixierung dient seinem Schutz, sagte man mir, weil er versucht hatte sich alle Schläuche aus dem Körper zu reißen. Ich streichelte den Kopf meines Vaters und versuchte ihn zu beruhigen. Den Infarkt hatte er wohl bereits einige Tage vorher erlitten. Die Symptome, er brach ohnmächtig im Bad zusammen ohne es jemandem zu erzählen, ignorierte er. Schwäche konnte er sich mit seinen 82 Jahren zu diesem Zeitpunkt nicht leisten. Hatte er doch zuhause eine inkontinente, demente Frau zu versorgen und sich 25 Kilometer entfernt um seine angehend demente, paranoide, vom Schlaganfall genesende Schwester zu kümmern. "So lange dir etwas weh tut, weißt du, dass du noch lebst", war einer seiner Sprüche. Als der Schmerz heftiger wurde, ging er zum Orthopäden - er muss sich wohl verrissen haben. Passanten, die ihn vor der Praxis zusammklappen sahen, riefen den Notarzt. Mit Verdacht auf Schlaganfall kam er zuerst in die Kopfklinik. Die Diagnose Herzinfarkt führte zu einer Notoperation, die zwar das Herz mittels eines Stents weiter schlagen ließ, jedoch nichts an den inzwischen weitreichenden Schädigungen der Organe aufgrund von Unterversorgung ausrichten konnte. Schwerer Pflegefall - das war die Aussage des ultraschallbewehrten Arztes. Akutes Nierenversagen - Dialysepatient obendrein. Ein perfekter Zeitpunkt um loszulassen und zu gehen. Vor allem für einen Menschen, der nie jemandem zur Last fallen wollte. Ich hielt seine Hand, die zu diesem Zeitpunkt nicht mehr fixiert war, als er nachts um 2 Uhr die Entscheidung getroffen hatte. Er ging schnell, ohne Kampf, friedlich, erlöst. Um 4 Uhr gaben mir die Krankenschwestern eine Plastiktüte mit seinen Habseligkeiten und seine Schuhe, in denen die Brille lag, die er nie mehr wieder aufsetzen würde. Da erst kamen die Tränen.

Ich fuhr nach Hause und hatte eine sehr kurze Pause, bevor mich die Kinder seiner zweiten Frau anriefen, die bereits den Bestatter informiert hatten und ganz schnell die Formalitäten erledigt wissen wollten. Die Mutter soll baldmöglichst ins Heim, jetzt so ohne Kümmerer, und das Haus verkauft werden. Das kleine Kinderzimmer, das meinem Vater im Haus seiner Frau - zur Miete von 300 Euro - zugestanden wurde und in dem er all die Dinge aufbewahrte, die er aus seinem ersten Familienleben nicht missen wollte, war schnell ausgeräumt. Mann, Kinder, Bruder, Schwägerin, Neffen - alle halfen zusammen und innerhalb weniger Stunden war das, was meinem Vater mal wichtig gewesen war, aufgeteilt, zum Gebrauchtwarenhof gebracht, weggeworfen. Nur der Schrank, der mal als Schlafzimmerschrank meiner Eltern diente, musste noch abgebaut werden. Schall und Rauch, mehr ist nicht, was bleibt. An Empire of Dirt.

Aber da gab es noch das menschliche Erbe. Und das war mit mehr Schwierigkeiten verbunden.

Die Schwester meines Vaters befand sich zum Zeitpunkt seines Todes in der Psychogeriatrie. Schlau Papa, dachte ich mir, du wusstest sie aufgehoben. Zwei Tage nach seinem Tod stattete ich meiner Tante, die darauf wartete, dass ihr jüngerer Bruder sie abholt und nach Hause bringt, einen traurigen Besuch ab. Es dauerte einen Vormittag, einen Mittag und einen Nachmittag, bis die Nachricht bei ihr durchtickerte. Sie versteckte sich hinter einem Vorhang und besprach die entsetzliche Mitteilung mit zwei imaginären Personen. Der Musiker und sein Sohn begleiteten uns lange Zeit.
Einige Jahre zuvor sollte meine Tante einen gesetzlichen Betreuer bekommen. Sie war auffällig geworden. Rief nachts Notrufnummern an, weil sie in der Wohnung unter ihr Schreie hörte. Dort wird ein Kind gefoltert und gequält, meinte sie. Es war die Wohnung, in der ich die ersten sieben Jahre meines Lebens verbrachte. In der später meine einzige Cousine mit Mann und Kind gewohnt hatte. Die Wohnung war noch möbliert, meine Cousine und ihr Mann verstorben, das Kind ausgezogen. Sie wurde von Passanten auf der Straße angesprochen, weil sie verwirrt durch die Gegend lief und mit dem Musiker und seinem Sohn sprach. Die Polizisten, die gerufen wurden, kannten inzwischen ihre Adresse.
Mein Vater wollte nicht, dass sie einen gesetzlichen Betreuer bekommt. Das wollte er selbst in die Hand nehmen. Also marschierten wir zu dritt zu einem Notar und mein Vater ließ seine Vollmacht und meine Ersatzvollmacht für seine Schwester beglaubigen.
Ich wurde gefragt, ob ich die Vollmacht an Stelle meines Vaters annehme. Es muss eine Lösung für die Versorgung meiner Tante her.
Für die Frau, die kinderlos die ersten Jahre meines Lebens über uns wohnte. Deren Tür nie offen war für mich. Die meine Mutter schlagen wollte, als wir auszogen. Die mich, wie alle anderen, die nicht Mutter Vater Geschwister waren, für einen Erbschleicher hielt.
Ich sagte Ja.
Wissend, das war der Deal, damit mein Vater in Ruhe gehen konnte.
Er hätte sowieso nichts mehr ausrichten können. Die körperliche Versehrtheit hätte ihn ans Bett gefesselt. Hilflos und ohnmächtig. Und wie ich eben so bin, dachte ich, dass ich - egal was kommt - alles meistere. Nur ein pflegebedürftiger, vor sich hinsiechender Vater hätte mich gebrochen.

Ich erbte einen Schlüsselbund, der die meisten Türen im Acht-Parteien-Mietshaus meiner Großeltern öffnete. Das Haus stand zum Verkauf. Der Verkauf aber schleppte sich. Es galt Mieter, die schon lange keine Miete mehr zahlten, aus dem Haus zu bekommen. Da war der komplette Haushalt meiner Tante, die ich nicht mehr nach Hause lassen konnte und in einem Heim in meiner Nähe untergebracht hatte. Neben ihrer Wohnung hatte sie meinem Großneffen, der für sie eine Art Ziehsohn war, eine Wohnung zur Verfügung gestellt. Der Ziehsohn war ausgezogen, was er nicht brauchte, hatte er zurückgelassen. Die Wohnung darunter hatten die Mietnomaden verlassen und als Hinterlassenschaft eine Flasche Nagellack über Wanne und Waschbecken verteilt.
Die Wohnung daneben betrat ich mit Herzklopfen.
Es war die, an die ich sehr viele Erinnerungen hatte.
An das Wandbild in unserem Kinderzimmer, das eine Mühle mit einem Weg daneben, der in einen sehr dunklen Wald führt, zeigte. Das gemalte Ölbild verursachte mir regelmäßige Albträume. In dem kleinen Zimmer, das meine beiden Brüder und ich uns teilten, brachte uns der Vater den Kopfstand bei. An die kleine Wohnküche, die Küche, Ess- und Wohnzimmer zugleich war und von der aus man die erleuchtete Burg sehen konnte. An das Bad, das meine Eltern damals fliesen ließen. Ein Mal die Woche schürte meine Mutter den Holzbadeofen an und wir drei Kinder wurden durch die Wanne gezogen. Danach gab es Griesbrei.
Nach dem Tod meiner Cousine, wohnte dort ihr Mann - Schwerstalkoholiker und Messie - mit Sohn. Mein Vater hatte mich bereits vor dem Zustand der Wohnung gewarnt und meinte, er würde mich dorthin nicht mehr mitnehmen.
Als ich die Tür öffnete, kam mir ein übler Gestank entgegen. Die Eckbank, die mein Vater gebaut und die drei Seiten hatte, stand noch immer. Darauf menschliche Exkremente, die mit Zeitungspapier abgedeckt waren, darauf wieder Exkremente. Überall Flaschen, Müll, Dreck. A Real Empire Of Real Dirt.
Unter dieser Wohnung die meiner Großeltern. Ein original Nachkriegshaushalt, Art Deco. Ich sah mir alles an, schaute in jeden Schub, hob jeden Vorhang hoch. Meine Großeltern vermieteten die Wohnungen einstmals möbliert. Es gab viel Stoff und es gab viele Fadenröllchen, sorgfältigst beschriftet. Ich fand Fotos von meinem Onkel. Aufnahmen von ärztlichen Untersuchungen, die an den Soldaten, die im Afrikakrieg kämpften, vorgenommen wurden. Fand liebevolle Briefe dieses Onkels, des ältesten Sohnes, die er an seine Mutter aus der Kriegsgefangenschaft schrieb. Fand juristische Protokolle einer streitbaren Familie, die schon lange an Verfolgungswahn litt.
Ich erstellte ein Online-Album und schickte es an alle Antiquitätenhändler der Region. Keine große Nachfrage. Einer kam und holte sich Kleinigkeiten. Als er weg war, stellte ich fest, dass er alle Kriegsfotos gestohlen hatte.
Nachdem ich mit meiner Tante ihren gesamten Haushalt durchgegangen bin, blieb mir keine andere Wahl als die einer Hausauktion. Ich war sehr froh, dass ich davor alles gewürdigt und verabschiedet hatte. Die Auktionsteilnehmer fielen wie Hyänen über die Sachen her. Schrank und Schrankinhalt wurde getrennt versteigert. Wollte keiner den Inhalt, wurde einfach alles auf den Boden gekippt.

Ihren größten Schatz versteckte meine Tante unter ihrem Bett. Wie der Drache auf seinem Gold schläft, so schlief sie auf ihren Aktenordnern. Sie blieb kinderlos und übernahm die Hausverwaltung. Einen Großteil dieser Ordner nahm ich mit und durchforstete sie. Sie offenbarten mir das Leben meiner Tante und meiner Ahnen. Ich bekam Verständnis für das schwere Leben während und nach dem Krieg.
Drei Jahre betreute ich sie. Ihr größtes Vergnügen bestand in Kaffe und Kuchen. Also organisierte ich ihr eine Frau, die ein Mal die Woche kam, um für ihre Bedürfnisse da zu sein. Sie gingen Kaffee trinken und Kuchen essen oder machten Besorgungen, da im Heim die Wäsche immer stark dezimiert wurde.
Mein altes, dementes, paranoides, kaum einen Meter großes Tantchen schaffte es, dass diese Frau sie zur Bank fuhr. Dort behauptete sie, dass ich ihr Geld gestohlen hätte und mir davon ein Haus gekauft habe und Weltreisen mache. Die Bank strich mir die Bankvollmacht. Ohne das mit mir zu besprechen. Ich merkte es erst, als ich die Rechnungen meiner Tante online tätigen wollte und keinen Zugriff mehr hatte.
Da gab ich auf. Und übergab die Betreuung an einen gesetzlichen Betreuer.

Letztes Jahr starb sie. 93 Jahre alt ist sie geworden.
Der Notarzt rief mich an und wollte wissen, ob er sie ins Krankenhaus bringen soll. Sie lag bereits im Sterben. Als ich kam, war sie schon woanders.
Vom Amtsgericht wurde ich, unter Strafandrohung falls ich es nicht tun sollte, aufgefordert, mich um ihre Angelegenheiten zu kümmern. Auch ihr Zimmer im Heim war schnell ausgeräumt. Ich durfte ihr kleines Barvermögen, das ich ja eigentlich bereits verprasst haben soll, auf eine Erbengemeinschaft von 8 Leuten verteilen. Eine Nichte, sechs Neffen und ein Großneffe. Wir haben es geschafft, die Angelegenheit zu einem friedlichen Ende zu bringen. Kein Streit.

Jedes Mal, wenn ich unseren Stahlschrank aufmachte, wehte mir der Geruch der Wohnung meiner Tante entgegen. Mit all den Erinnerungen. Den Familienfeiern in ihrer großen Küche. Das Geschrei ihrer Geschwister, die sich im Gespräch nie zuhörten, aber immer viel zu erzählen hatten. Meine Cousine, die älter war als ich, sich gerne mit respektlosen und antiautoritären Heldentaten brüstete und dafür vom Mann meiner Tante gefeiert wurde. Seine Pornoheftchen, die einfach so herumlagen und die wir Kinder mit aufgerissenen Augen durchblätterten, ohne dass sich jemals irgendwer irgendwelche Gedanken darüber gemacht hätte. Das Räuchermännchen, das an Weihnachten seinen Rauch ausblies. Dieser besagte Onkel, ein Bär von Mann, der alkoholisiert meinen wesentlich kleineren Vater am Schlips in die Höhe hob. Die Angst, die ich damals um ihn hatte, weil er im Streit meinem gewalttätigen Onkel nie gewachsen war. Der Onkel, der im Sommer, wenn wir Kinder barfuß liefen, mit unseren Zehen "Maikäfer köpfen" spielte und laut lachte, wenn wir vor Schmerz und Entrüstung schrien.
Nach über 9 Jahren hängte dieser Geruch noch immer in all den Ordnern, die ich über die Jahre weiter lichtete. Die Geschichte und die Geschichten meiner Familie väterlicherseits.

Vorletzte Woche trieb ich mehrere Tage hintereinander alles durch den Schredder. Der Geruch, der aus unserem Stahlschrank kam, war kein heimeliger Geruch. Nichts, was Geborgenheit, Wärme oder Heimat bedeutet hätte.

Als ich meinen Schnaps trank, fühlte ich mich ein weiteres Stück befreit von einem Erbe, das nichts weiter hinterlässt als Schall und Rauch. An Empire Of Dirt.


Beliebte Posts

Brief einer Mutter an ihren Sohn

Brief einer Tochter an ihre Mutter

Kontaktabbruch - Verlassene Eltern

Töchter narzisstischer Mütter

Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation

Esoterik I: Robert Betz - Der Mann fürs gewisse Zeitalter

Du sollst dein Kind ehren

Band ums Herz