Unerträgliche Gäste


Dieser Zeitungsschnipsel mit einem Zitat von Sibylle Berg liegt schon länger auf meinem Schreibtisch.
Sibylle Berg wird oft angefeindet, bevorzugt von "weißen Männern", die denken zu wissen wie Frauen aussehen und sein sollten. Frau Berg gehört da nicht dazu. Sie meint das liege auch an ihrem Alien-Aussehen. Mir liegen Aliens oft mehr als "normale" Menschen.

Ich finde ihre Worte so klar und wahr. Wir feiern hier eine Party. Und wie das bei langen Partys manchmal so ist - je später der Abend, desto ausgelassener und rücksichtsloser wird eine Gruppe von Gästen. Ich bin kein politischer Mensch. Es gibt Leute, die kämpfen im Außen. Um alles mögliche. Die einen um Bewahrung, die anderen um Veränderung. Ich gehöre zu denen, die im Innen kämpfen. Die Beschäftigung mit dem, was in meinem Inneren ist, bedarf vollends der Kräfte, die mir zur Verfügung stehen.

Trotzdem kann natürlich auch ich mich nicht dem entziehen, was um mich herum vorgeht - Wahl in Thüringen, Corona, Greta, Australien, Trump. Mir fällt immer mehr auf, dass wir Rechte schaffen und denken, dass wir Recht(e) hätten. Obwohl wir alle zur Spezies "Mensch" gehören, gelten diese Rechte aber immer nur für bestimmte Gruppen. Der Weiße hat mehr Recht(e) als der Schwarze, den Juden hat man mal alle Rechte abgesprochen, Männer haben das Recht mehr zu verdienen als Frauen, undsoweiter.
Wir denken auch, dass wir mehr Rechte hätten als die Natur. Wir nehmen uns das Recht Arten auszurotten. Weil wir die Krone der Schöpfung sind? Oder weil wir keine natürlichen Feinde haben? Wenn man keine Angst vor einer anderen Spezies haben muss, dann schafft man sich die Feindbilder innerhalb der eigenen. Dann dürfen Weiße Schwarze verschleppen und versklaven, Nazis dürfen Juden vernichten, Männer dürfen Frauen und Kinder vergewaltigen, Religionen stiften Fanatismus. Warum sollten wir das Recht haben als einzige Spezies überleben zu dürfen? Wer sollte uns dieses Recht verschaffen? Sind wir schon so verblendet, dass wir annehmen, wir schaffen uns dieses Recht und die Natur hat sich daran zu halten? Vielleicht sind wir nur eine Laune der Natur. Nicht willig oder vielleicht auch zu dumm, um uns an die Regeln des Gastgebers zu halten. Wichtigtuer, die gedankenlos das Buffet leeren und mehr konsumieren als ihnen und den anderen gut tut. Was macht man mit Gästen, die sich völlig daneben benehmen? Man wirft sie raus.

Vielleicht hat Mutter Erde langsam genug von uns. Wir sind ihr unangenehm geworden mit unserem Geschrei, unserem respektlosen Verhalten, unserer Nichtachtung und Grausamkeit. Mit unserem Wahn, dass wir alles kontrollieren und beherrschen könnten. Außer uns selbst.

Wenn mir das Getöse zu laut und zu verrückt wird, nehme ich Zuflucht in der Natur. Sie zeigt mir, wie alles geht. Ein ständiges Werden und Vergehen ohne lautes Gejammer. Die Dinge kommen und sie gehen. Warum sollten ausgerechnet wir eine Ausnahme sein? Wir sind Teil der Natur - ob wir das einsehen wollen oder nicht - wir unterliegen IHREM Gesetz. Dem Gesetz von Werden und Vergehen, von stetiger Veränderung, nichts bleibt wie es war.

Wenn der große Feuersturm über die Erde gefegt ist und sie vollständig gereinigt hat, von uns, von dem Müll, den wir hinterlassen haben, von der menschlichen Party, kann sie sich erholen und in einen tiefen Schlaf fallen. Sie hat Millionen von Jahren Zeit. Und wenn sie ausgeruht und bereit ist, wird neues Leben erwach(s)en. Keiner wird sich an uns erinnern. Keiner wird uns vermissen.

Wir waren nicht die Krone der Schöpfung. Wir wurden einfach zu unerträglichen Gästen, die keinerlei Wertschätzung für die Gaben unserer Gastgeberin gezeigt haben.




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