Eigenverantwortung

Ich beobachte weiter das Geschehen um Robert Betz.

Der NDR widmete Ende November dem selbsternannten Lebenslehrer eine Berichterstattung unter dem Namen "Robert Betz: "Glücks-Coach" oder Scharlatan?"
So viel Neues ist dort nicht zu finden, da hauptsächlich die bereits im Netz veröffentlichten Berichte zusammengetragen wurden. Die Reporter, die eine Veranstaltung besuchten, wundern sich, wie viel Geld manche Leute bereit sind auszugeben - für Glück und Heil.

Neu ist ein Interview mit Sabine Riede, Leiterin der Sekten-Info NRW, bei der sich seit drei Jahren immer mehr Menschen melden, die schlechte Erfahrungen mt Robert Betz gemacht haben. Ein Viertel der esoterischen Beratungen drehten sich im Jahr 2013 um den Lebenslehrer.

Dazu ein Auszug aus dem Interview:

Warum ist Betz mit seiner Lehre so erfolgreich?
Riede: Er gibt den Menschen das Gefühl, dass alles machbar ist, dass sie alles in ihren Händen halten. Zunächst hat die Botschaft, man sei alleiniger Erschaffer seines Lebensglücks, einen positiven Effekt. Gerade wenn Menschen an Krankheiten oder Kummer leiden, vermittelt sie ihnen das Gefühl, den Umständen nicht hilflos ausgeliefert zu sein. Aber es ist eine Botschaft, die nicht der Realität entspricht - und entsprechende Probleme hervorrufen kann, wenn die Menschen wieder mit ihrem Leiden oder ihrem Kummer allein gelassen werden.
Wie erklären Sie sich den großen Zulauf?
Riede: Betz bedient die Sehnsucht vieler Menschen, sich wieder wie ein Kind geborgen zu fühlen. Seine Anhänger fühlen sich bei ihm vollkommen angenommen. Ebenso bedient er eine Sehnsucht nach Märchen, in denen am Ende alles gut ausgeht. Dazu passen auch seine angeblichen Kontakte zu Engeln und die Botschaften aus der sogenannten geistigen Welt. All dies bietet einen fantastischen Gegenpol zu unserer schnelllebigen Gesellschaft, die hohe Ansprüche an den Einzelnen stellt. Dazu passt übrigens, dass die Hilfe, die Betz verspricht, wie eine Instant-Therapie schnell wirken soll. Niemand mag langwierige Aufarbeitungsprozesse.
Wer fühlt sich besonders zu Betz hingezogen?
Riede: Es sind deutlich mehr Frauen als Männer, die dieses Angebot wahrnehmen. Das mag damit zu tun haben, dass in unserer momentanen gesellschaftlichen Situation Frauen besonders unter Druck stehen. Zum einen wollen oder sollen sie beruflich so erfolgreich wie die Männer sein und sich zum anderen um Familie und Kinder kümmern. Da viele beides leisten wollen, stehen sie besonders unter Druck.

Wir wollen uns geborgen fühlen, niemand mag lange Aufarbeitungsprozesse und die Frauen stehen besonders unter Druck. Sind das die Gründe warum Menschen, bevorzugt Frauen, bereit sind viel Geld auszugeben? Für Geborgenheit, für eine Instant-Therapie, für das Nehmen von Druck? Für eine Soforthilfmaßnahme, die uns aus allem Unangenehmen herauskatapultiert ins Glück und ins Heil?

Es gibt Fragen, die mich umtreiben.
Warum streben gerade wir Westler, die materiell alles haben, was Mensch sich wünschen kann, nach Heil und nach Glück? Warum braucht die Menschheit dazu immer wieder "Führer"?
Und warum trifft es uns Frauen so sehr?
Es gibt Berichte, dass Familien verlassen werden nach der Transformationswoche. Auch auf den Seminaren, die ich besuchte, habe ich das erlebt. Aus dem Hype heraus, dass da keiner ist, der urteilt, wird es als Notwendigkeit angesehen sich der Dinge zu entledigen, die einem "nicht gut tun". Endlich ist da mal keiner, der sagt "Das darfst du nicht, das schickt sich nicht, was sollen die anderen denken". Sich um sich selbst kümmern wird interpretiert als "sich um nichts anderes mehr kümmern".
Wenn Frauen oder Männer es schaffen aus missbräuchlichen Beziehungen zu gehen, ist das das Eine. Aber wenn sie gehen, weil ihnen Dinge nicht passen, der Partner nicht so ist wie in ihren Vorstellungen oder er nicht bereit ist dieselben Seminare zu besuchen und sich zu entwickeln, wird das Wort "Eigenverantwortung" missverstanden. Aus einer Beziehung zu fliehen, die nicht so ist, wie ich sie mir erträume, heißt lediglich, dass ich vor mir selbst fliehe und hat weder etwas mit Verantwortung, noch mit Eigenverantwortung zu tun. Sondern mit Flucht. Denn ich selbst bin mit daran beteiligt, dass sich Dinge entwickeln und ich sollte mich fragen "Was habe ich dazu getan, dass es so ist, wie es ist?" Es ist nie der Partner alleine "it takes two to Tango".
Hilfreich wäre es sich die Vorwürfe anzuschauen, die ich an meinen Partner richte. "Er hört mir nie zu - er kümmert sich nur um seine eigenen Interessen - er macht nichts im Haushalt - die Kinder sind ihm egal - er arbeitet nur und alles andere geht vor - er denkt nur an sich". Was ist es, was an Vorwürfen da ist?
Und dann kann ich es umdrehen, denn ich kann nur vorwerfen, was in mir bereits definiert ist. Mein Partner ist lediglich ein Spiegel und die Vorwürfe, die ich an ihn richte, richte ich indirekt an mich selbst.
Wo höre ich (mir) nicht zu? Wo drehe ich mich nur um mich selber? Wo tu ich nichts dazu und drücke mich? Wo ist mir etwas egal? Bin ich mir egal? Wo arbeite ich nur und die Arbeit geht immer vor und ich habe keine Zeit? Wo erlaube ich mir nicht an mich zu denken, denn manchmal werfen wir dem anderen etwas vor, was wir uns selbst nicht erlauben.
So kommen wir zu uns selbst zurück und können etwas an unserem Verhalten ändern. Wir können den anderen und sein Verhalten nicht ändern und schon gar nicht durch Vorwurf. Wenn wir aus der Beziehung fliehen, nehmen wir uns und unser Verhalten mit und in der nächsten Beziehung zeigen sich genau diese Muster über kurz oder lang wieder. Dann können wir uns fragen, warum wir immer an die gleiche Sorte von Männer (Frauen) geraten und die Welt zu uns so ungerecht ist. Das Spiel ist endlos wiederholbar und heutzutage können wir auch zehn mal heiraten. Es stehen immer wieder neue Spielpartner zur Verfügung. Nach dem gleichen Muster gestrickt wie wir selber.
Aus dem Opfer kommen heißt nicht alles hinzuwerfen, was anstrengend ist. Sich um sich selbst kümmern heißt Verantwortung zu übernehmen für das, was ich dazu beitrage. Nach der Erkenntnis darf es verwirklicht werden. Das ist die Herausforderung.
Da diese Einstellung aber nicht populär und damit kein Geld zu  verdienen ist, weil anstrengend, suchen wir uns die Lehrer, die uns ein Instant-Glück versprechen und die gibt es natürlich. Das Angebot wird von der Nachfrage bestimmt, auch in Sachen Glück. Wie ein Maggi-Fix-Produkt, Masse ins Wasser einrühren, fertig. Macht nicht viel Arbeit und schmeckt gut. Wir lieben die Surrogate. Sie schaffen uns die Zeit, die wir für unsere Glückssuche brauchen. Anstatt das Glück im Kochen der Suppe zu finden, kochen wir uns ein Schnellgericht und suchen das Glück woanders. Das Glück in der selbstgekochten Suppe wäre ja auch zu einfach.
Das Echte ist out, es lebe der Ersatz. Und es lebe der Führer, der uns möglichst schnell auf den höchsten Gipfel des Glücks führt ohne uns auf eventuelle Risiken aufmerksam zu machen. Wir brauchen keine Anpassung, keine Fitness, keine Ausdauer, keine Kenntnisse. Wir brauchen nur einen Führer, der uns überzeugt, dass wir das alles nicht brauchen. Dann ist der Gipfelsturm für jeden machbar. Ist er das? Scheint so. Auch auf dem Mount Everest stehen die Leute Schlange, ab und zu gibt es Ausfälle und Tote, aber es schaffen so viele nach oben wie noch nie zuvor in der Geschichte.
Für welchen Preis?
Ich  beobachte weiter .....

***

Eine Übersicht zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Esoterik - eine Reflexion".




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