Mein Gewissen ist rein


Mein Gewissen ist rein.

Ich habe es nie benutzt.


So stand es auf einer Postkarte, die mein Mann und ich in unserem letzten Urlaub in einem Shop nahe des Wiener Naschmarktes entdeckten. Ich musste lachen und mit mir lachte der Shopinhaber. Wir stöberten in den zwei Kisten mit Spruchkarten und kauften ein. Karten, in denen wir uns selbst fanden, Karten, von denen wir dachten, dass sich unsere Kinder wiederfinden und Karten für Freunde, die noch analoge Post schätzen. Die Gewissenskarte blieb liegen. Es wäre die passende Karte für meine Mutter gewesen, aber ihr schreibe ich schon lange keine Urlaubspostkarten mehr.

Im Jahr 2007, da war ich 44 Jahre alt und Mutter zweier Teenager, fand ich endlich den Mut, meiner Mutter gegenüber eine Grenze aufzuzeigen. Bis dahin hatte ich nicht geschafft ihr etwas klar zu machen, was mir meine Kinder jeden Tag aufzeigten "Mama, halt dich da raus und lass mich mein Ding machen."
Die Auseinandersetzung entzündete sich an einer Banalität. Ich wollte die nachträgliche Familienfeier anlässlich des Geburtstages meines Sohnes um eine Woche verschieben, da am vereinbarten Termin kurzfristig ein Kampfkunstseminar anberaumt wurde, an dem ich unbedingt teilnehmen wollte. Da meine Mutter jedoch am darauffolgenden Wochenende Besuch erwartete, setzte sie alles daran, mich dazu zu bringen, den vereinbarten Termin einzuhalten. Sie wollte auf keinen Fall auf der Feier fehlen, sie wollte auf keinen Fall den Besuch für eine Stunde in Obhut ihres zweiten Mannes lassen, um auf einen schnellen Kaffee vorbeizuschauen. Sie wollte mich, wie zuvor in meinem Leben, dazu zwingen, ihren Interessen Priorität einzuräumen. Und das erste und letzte Mal in meinem Leben schaffte ich zu sagen "Mutter, du machst die Dinge so, wie du sie für richtig hältst und ich mache sie so, wie ich sie für richtig halte. Die Feier wird verschoben."
Sie reagierte so, wie ich es in all den Jahren bereits gewohnt war, wenn etwas nicht genau nach ihren Vorstellungen lief. Beleidigt. Auf meine Abbitte wartend.
Ich reagierte so, wie ich es in all den Jahren nie getan hatte. Stumm.

Als ich 13 war, zog ich zu einer Feier nicht die Kleider an, die sie sich wünschte, dass ich sie anziehe. Zur Schule durfte ich die abgetragenen Kleidungsstücke eines Jungen aus der Bekanntschaft weiter abtragen. Für den Kirchgang oder Anlässe, an denen sie teilnahm, wurde ich mit Dirndl herausgeputzt. Dieser Tag war der Beginn meiner Rebellion, die mir teuer zu stehen kam. Ich zog den überweiten Pullover meines älteren Bruders an. Dafür wurde ich mit einer Woche Aufmerksamkeitsentzug in Form von Schweigen bestraft. Geredet wurde erst wieder mit mir, nachdem ich mich gebührlich für mein ungebührliches Verhalten entschuldigt hatte.

Mit 44 hatte ich plötzlich keine Lust mehr, mich für eine Sache zu entschuldigen, an der ich keinerlei "Schuld" erkennen konnte. Das Beleidigtsein meiner Mutter hält nun seit 9 Jahren an. Sie schickt Botschafter, die mir sagen, wie sehr sie unter der Situation leidet und dass sie "doch nichts getan hätte".

Meine Mutter trägt ein schweres Schicksal. Sie hat für sich eine Überlebenstaktik entwickelt. Jeder, dem sie ihre Geschichten erzählt und diese Geschichten handeln so gut wie immer vom "Dasein eines Opfers", empfindet Mitleid mit ihr. Vor einigen Jahren fertigte ich eine dreiteilige Collage an. Ich nannte sie "Dem ewigen Opfer wird ewig geopfert". Auf dem zweiten Bild ist meine Mutter als Madonnenfigur auf einem Sockel dargestellt. Sie hat ein Herz aus Stein und fordert mit einem überlangen Arm von mir "Gib!" Ich knie vor ihr in Demutshaltung und halte ihr auf einem Tablett mein blutiges, herausgerissenes Herz hin.
Meine Mutter hat aus dem zutiefst verletzten und verstörten Kind, das sie einmal war, nach und nach einen inneren Tyrannen entwickelt. Diesem Tyrannen konnte man es selten Recht machen. Er schürte bei seinen drei Untertanen, über die er die Macht hatte, den Konkurrenzkampf. So sicherte er sich ein hohes Maß an Aufmerksamkeit, das sich völlig auf ihn fixierte. Die Gunst seiner Untertanen band er an sich mit Worten wie "Euer Vater hat noch nie etwas für euch getan" und den eigenen Selbstwert hob er durch das Niedermachen anderer. Keiner war so gut wie er. Die Untertanen glaubten es. Ein Tyrann macht keine Fehler. Wenn etwas schief läuft, ist immer ein anderer Schuld. Ein Tyrann hat keine Fehler. Alle anderen sind fehlerhaft. Traut sich ein Untertan den Tyrannen auf Unvermögen hinzuweisen, wird er größtmöglich bestraft. Auf den Riemen der Tyrannenpeitsche steht:

Du bist Schuld
Du bist ungenügend
Du bist nicht liebenswert
Du bist nichts Wert
Du bist nichtig

Diese Woche hatte ich eine Nachricht auf meinem AB. Jemand hatte den BR-Beitrag über "Verlassene Eltern" gesehen und auf meiner Homepage nach einer Selbsthilfegruppe für "Verlassende Kinder" gesucht. Er wurde dort nicht fündig und fragte mich nach einem Tipp. Tja, es gibt viele Informationen, Selbsthilfegruppen, Videos, Bücher, Artikel, Beiträge über Verlassene Eltern. Und es gibt nichts über Verlassende Kinder (die tarnen sich in der Regel mit dem Begriff "Kriegsenkel").
Die Verlassenden Kinder sind nichtig.
Ich habe inzwischen viele Artikel über Verlassene Eltern gelesen und im BR-Beitrag kommt ja auch eine Verlassene Mutter zu Wort. In all diesen Beiträgen trifft die Eltern der Kontaktabbruch wie aus dem NICHTS. Es werden Dankes- und Liebesbriefe der Verlassenden Kinder gezeigt und anschaulich gemacht, dass doch mal alles GUT war. Die Mütter und ihre Kinder galten mal als TRAUMPAARE und immer kommt das Wort SCHULD.
"Ich habe doch gar nichts gemacht, ich habe es immer nur gut gemeint, ich verstehe das nicht, es kam so plötzlich, wie aus dem Nichts, da muss ein Missverständnis vorliegen."

Wer die Anliegen seiner Kinder als nichtig erachtet, muss sich nicht wundern, wenn dann der Bruch auch wie aus dem Nicht(s) erscheint. Wer seine Kinder nicht versteht, muss sich nicht wundern, wenn sie sich missverstanden fühlen.

Auch ich habe meiner Mutter zum Muttertag Liebesbriefe geschrieben. Dazu wurden wir ja bereits im Kindergarten und in der Schule angeleitet. Wenn sie sagte "Bilde dir ja nicht ein, dass du etwas Besonderes bist", war ich traurig, habe es ihr aber geglaubt. Ich habe mich angestrengt es ihr Recht zu machen, ihr Genüge zu leisten, eine gute Tochter zu sein, ihr keinen Kummer zu machen.
Als ich älter wurde, merkte ich, wie sehr mich dieses Bemühen auslaugte. Die Dinge waren in Ordnung, so lange alles (mein Äußeres, mein Benehmen, mein Verhalten) den Erwartungen meiner Mutter entsprach. War das nicht der Fall, ließ sie mich mit einem Fingerschnippen zusammenbrechen. Das ist die Fähigkeit, die sich der Tyrann in all den Jahren der Manipulation, des Besitzanspruches, des Machtmissbrauchs und der emotionalen Folter angeeignet hat. Die Fähigkeit zum Systemzusammenbruch des Untertanen.

Menschen, die mit Zerstörung zu tun haben, sei es aktive oder passive Aggression, körperlich oder emotional, haben zwei Möglichkeiten. Entweder sie gehen in die Selbstzerstörung in Form von Depression, Essstörungen, psychischen oder körperlichen Krankheiten, Süchten, Drogenmissbrauch, Suizid. Oder sie wählen den Weg andere zu zerstören. Die Zerstörung anderer läuft oft sehr subtil ab. Es dauert lange, bis die Zerstörten merken, dass es da jemand gibt, der es auf ihre Zerstörung anlegt. Weil dieser Zerstörer nach Außen oft eine völlig andere Person abgibt. Charmant, charismatisch, kompetent. Wie viele der Personen, mit denen ich über die Problematik zwischen meiner Mutter und mir sprach, meinten "Aber deine Mutter ist doch so eine nette, symphatische Person! Bildest du dir da nicht was ein?" So muss es sein. Ich bilde mir was ein! Das habe ich ja von Kindheit an aufgesaugt "Ich bin Schuld!" "Ich sehe das falsch!" "Mit mir stimmt was nicht!"

Vor einigen Jahren kam ich bei Recherchen auf die Website von Kira Cossa und das Kind bekam einen Namen: Narzisstische Persönlichkeitsstörung. Die Seite Töchter Narzisstischer Mütter war für mich eine Offenbarung. Ich las Seite um Seite und begann zu verstehen. Es ist so erleichternd, wenn jemand die Worte findet.

Liebe Verlassene Eltern, liebe Journalisten, Autoren, Moderatoren. Ich hoffe, dass euch meine Zeilen erreichen, wenn mal wieder die Rede davon ist, dass ein Kind den Kontakt aus dem NICHTS abbricht. Ich kann ja nur für mich sprechen, und das ist schon schwierig genug, denn wenn ihr mal auf der Seite von Töchter Narzisstischer Mütter nachlest, dann erkennt ihr, dass die wenigsten narzisstisch gestörten Persönlichkeiten auch eine solche Diagnose erhalten, da sie als Narzissten unfehlbar sind, die Schuld immer bei den anderen liegt, und deswegen auch die anderen zum Therapeuten sollten. Für die Narzissten besteht keinerlei Notwendigkeit.

Das Fatale ist, dass man als Kind emotional an seine Mutter angebunden ist. Die Mutter erhält Energie in Form von Aufmerksamkeit - völlig egal ob anwesend oder abwesend. Jede Beschäftigung mit einer Person aus dem System (der Familie) ist reine Energie und enorm kräftezehrend. Jede dieser Zeilen, in denen ich mich mit meiner Mutter, egal in welcher Form, beschäftige, ist Energie. Energie, Kraft, die in das Thema und damit ihr zufließt und mir in meinem eigenen Leben fehlt.

Der Kontaktabbruch zu den Eltern ist häufig reiner Selbstschutz. Da uns die Strategien und Abwehrmechanismen unserer Eltern meistens fehlen, da es in der Regel keine konstruktive Kommunikation und Auseinandersetzung gibt, bleibt den Verlassenden Kindern oft kein anderer Weg, wenn sie nicht mehr, im Sinne ihrer Eltern, folgen und funktionieren wollen/können.
Viele der Verlassenen Eltern verfügen über die Macht der Destabilisierung. Ich habe es am eigenen Leib und vor allem an eigener Seele erfahren. Es ist so mühsam und kräftezehrend, sich immer wieder in Therapien, Seminaren und Gesprächen zu stabilisieren, um dann bei einem Kontakt mit den Eltern im Handumdrehen erneut destabilisiert zu werden. Es ist ein ermüdender Kreislauf, der den Eltern in keinster Weise bewusst ist und den sie in der Regel nicht wahrnehmen können/wollen.

Heute weiß ich, dass das Verhalten meiner Mutter von ihren Verlustängsten gesteuert wurde. Wer aber einen anderen in einen festen Rahmen pressen will, um sich selbst ein Gefühl von Sicherheit zu schaffen, nimmt ihm den Raum für Entwicklung. Er zwingt den anderen in einen Zustand von Stagnation und Starre. Das macht krank, da wir nicht mehr mit dem Leben schwingen können, dem Leben, das sich in ständiger Veränderung befindet. Man konnte mir als Kind die Flügel stutzen, aber irgendwann bahnte sich mein lebendiges Wesen wieder einen Weg an die Oberfläche und ich war nicht mehr bereit, auf meinen eigenen Wachstum und mein Leben zu verzichten, um meiner Mutter kurzfristige Momente von Sicherheit, Wohlbefinden oder Genugtuung zu verschaffen.

Und hier möchte ich etwas klarstellen. Im BR-Beitrag "Verlassene Eltern: Wenn Kinder den Kontakt abbrechen" spricht der Kommentator davon, dass ich die Kraft gefunden habe, mich von der Vergangenheit zu lösen. Das entspricht nicht ganz meiner Sichtweise. Ich persönlich habe es bisher nicht geschafft, mich komplett von meiner Vergangenheit zu lösen, und ich bin gespannt, ob ich das in Zukunft schaffen werde. Ich brauche die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, um meine Eltern und ihre Verhaltensweisen zu verstehen, damit ich mich und meine Verhaltensweisen verstehen kann. Damit ich verstehen kann, was in meinem Leben wirkt. Verständnis ist für mich wichtig, um loslassen zu können.

Loslassen von meinem eigenen Unverständnis warum die Dinge so sind wie sie sind. Loslassen von meinen kindlichen Erwartungen, dass meine Mutter sich eines Tages ändern wird und mich als ihr Kind annimmt, so wie ich bin. Loslassen von der Hoffnung, dass meine Mutter eines Tages erkennt, dass sie vom Opfer zum Täter wurde. Loslassen der Tränen, die jedes Mal in mir aufsteigen, wenn jemand von seiner schönen Kindheit erzählt. Loslassen von der Enge, die sich in meiner Brust auftut, wenn jemand sagt "Meine Eltern würden alles für mich tun. Sie lieben mich". Loslassen vom Neid, wenn jemand sagt "Ich habe eine ganz herzliche, liebevolle Verbindung zu meiner Mutter". Loslassen von diesem Bild einer "heilen" Familie. Loslassen von meiner Selbstdestruktion. Loslassen der Illusion, dass ich als Mutter meinen Kindern alles geben konnte, was sie brauchten.

"Wenn man an Wiedergeburt glaubt, dann treffen in Familien oft die größten Feinde aus früheren Leben aufeinander, um Hass in Liebe zu transformieren", sagte mal jemand. "Wer sich diesen Plan ausgedacht hat, muss ein beschissener Idealist sein", dachte ich damals.

***

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Themensammlung Verlassendes Kind auf meiner Homepage. 




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