Schlag ins Gesicht

Vor 9 Jahren wurde offensichtlich, dass meine Mutter und ich uns nichts mehr zu sagen hatten.
Ich hörte auf, jede Woche meinen sonntäglichen Pflichtanruf bei ihr zu tätigen und ich beendete die Teilnahme an ihren Audienzen, die sie zwischen ihren vielfältigen Reisen hielt. Auch sie meldete sich nicht mehr bei mir.

Der Kontaktabbruch war jedoch nicht so weit fortgeschritten, dass wir uns nicht auf Familienfeiern begegnet wären.
Die letzte Feier, an der auch ich teilnahm, war die Kommunion meines Patenkindes.
Meine Mutter und ich wurden vorsorglich weit auseinandergesetzt. Zwischen uns stand jedoch meine Tochter. Im wahrsten Sinne des Wortes. Pflichtanrufe und Audienzeinhaltung wird nicht nur von den Kindern, sondern auch von den Enkelkindern erwartet. Meine Tochter hatte ein schlechtes Gewissen, weil sie diese Anforderungen nicht pünktlich eingehalten hatte und sie versuchte, einer Diskussion aus dem Weg zu gehen.

Zwischen Mittagessen und Kaffee gab es Zeit für Bewegung. Einer der Gäste teilte meinem Mann und mir mit, dass Oma und Enkeltochter vor der Gaststätte eine Diskussion führen und unsere Tochter den Tränen nahe sei. Wir eilten hinunter. Unsere Tochter kämpfte mit den Tränen, sie schickte ihre bestürzten Eltern jedoch weg und meinte, sie würde die Sache selbst mit der Oma klären. Wir beobachteten die Szene aus einiger Entfernung. Ohne zu hören, was gesagt wurde, wusste ich, was passierte. Da meine Mutter nicht mehr an mich herankam, ließ sie unsere Tochter, stellvertretend für mich, zusammenbrechen. Ich kannte diese beleidigte Miene und ich wusste, was sie sagte. Es waren die Riemen der Tyrannenpeitsche.

Ich dachte immer du wärst anders als deine Mutter.
Aber du bist wie sie.
Enttäuschend.
Warum tust du mir das an?
Warum tust auch du mir das an?
Musste ich nicht schon genug leiden in meinem Leben?

Unsere Tochter erzählte uns später, dass sie die Oma anflehte aufzuhören. Dass Omas Mann sie bat aufzuhören. Aber die Peitsche sauste so lange hernieder, bis die Tränen flossen. Abschließend ging meine Mutter mit unserer weinenden Tochter an uns vorbei und sah mir kurz in die Augen. Mit einem Funken Triumph.

Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich den Impuls verspürte, einem Menschen mit der Faust ins Gesicht zu schlagen. Ich tat es nicht.

Gestern erzählte ein Bekannter, dass er als Kind von seinem Vater mit dem Gürtel geschlagen wurde. Weil er einen Kleiderschrank ausgeräumt hatte. Oder anderen Unsinn anstellte. Vor einigen Jahren teilte ihm der Vater während einer Autofahrt Suizidabsichten mit. Weil er das Leben mit der Mutter nicht mehr aushalte. Der Sohn sagte "Das war der Augenblick, in dem ich seine Schwäche erkannte. Ich dachte: Du Arschloch. Du schlägst mich mit dem Gürtel und jetzt willst du mir sagen, dass du dich aus dem Leben schleichen willst, weil du es nicht mehr aushältst? Das war der Moment, an dem ich wusste, dass ich mich nie mehr von ihm schlagen lasse. Falls er es versuchen sollte, würde ich zurückschlagen."

Ein Anrufer erzählte, dass sein Bruder von den Eltern geschlagen wurde. Als einmal das Thema darauf kam, meinten die Eltern "Das hat man damals halt so gemacht."

Das hat man halt gemacht. Da hat man halt mitgemacht. Dient das tatsächlich als Rechtfertigung?

Die Tyrannen dieser Welt leiden fast alle an einer Persönlichkeitsstörung. Wenn man sich ihre Kindheiten anschaut, erfuhren sie fast alle Gewalt. Rechtfertigt das ihre Taten?

***

Dieser Beitrag ist Bestandteil der Themensammlung Verlassendes Kind auf meiner Homepage.

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