Daumen lutschen

Was bedeutet Partnerschaft?

Nach 31 Jahren Partnerschaft ahne ich, dass es etwas damit zu tun hat, einen Partner zu "schaffen".
Was nicht bedeutet sich einen Partner zu "erschaffen". Wir Frauen denken ja gerne, dass wir uns unseren "Traummann" erziehen können. Da gibt es so tolle Backsets, die man super verschenken kann - "Backe Dir Deinen Traummann" (gibt es übrigens auch für Traumfrauen). Guter Witz oder? Jeder, der längere Zeit ernsthaft an einer Partnerschaft interessiert ist, weiß, dass Beziehungsarbeit eine aufwendige Königsdisziplin ist. Und dass man aus einem Hefeteig keinen Mürbteig machen kann. Aber genau das ist es, was wir denken tun zu können. "Schatz, ich mag lieber Mürbteig, also streng dich doch bitte an und verwandel all deine Zutaten so, dass aus dir Hefeteig ein (für mich) schmackhafter Mürbteig wird." Nichts einfacher als das ... Dabei sind wir doch alle gebacken, aus vielerlei verschiedenen Zutaten. Und es ist wirklich nicht einfach Rolle um Rolle rückwärts zu machen.

Ich glaube es geht eher darum, uns über unsere eigene Zutatenliste bewusst zu werden. Damit wir nicht mit dem Etikett "Rührteig" in der Auslage liegen (weil wir das halt gerne wären) und uns dann aber doch als verkappter Hefeteig heraussstellen. Da gibt es Dinge, die sind essentiell - die Art des Teiges - und da gibt es Zutaten, die veränderbar sind - der Geschmack. Es geht für mich darum herauszufinden, was ist wirklich wichtig für mich und wo kann ich Kompromisse machen. Was ist für mich inakzeptabel, weil es mich in meiner Essenz, vielleicht sogar in meiner Existenz oder in meiner Basis grundlegend erschüttert. Das sind für mich die Dinge, die andere wollen, dass ich sie tu oder bin, weil sie für sie wichtig sind, mich aber weit von mir selbst entfernen. Ich bleibe dann zwar ihnen treu, betrüge aber mich selbst, weil es mir, meiner Ethik, meiner angestrebten Ausrichtung widerstrebt. Ich werde mir dann selbst untreu und mag mir nicht mehr in die Augen schauen.

Und dann gibt es die Wünsche, Bedürfnisse und Bedürftigkeiten, die so gerne gestillt werden möchten, weil das unser Leben halt schön, angenehm oder bequem macht. Die Dinge, die wir einfach gerne so oder so hätten.  "Schatz, ich möchte, dass du das genau so machst und genau so bist, weil es mir dann gut geht." Ich nenne das "am Daumen des anderen lutschen". Kinder können so hervorragend ihre Spannungen und ihren Frust übers Daumen lutschen kompensieren. Stress? Wupp - Daumen rein und losgenuckelt was das Zeug hält. Sie können das für sich selbst tun und wir haben es verlernt. Wir laufen durch die Gegend auf der Suche nach jemandem, der ahnt, wann es uns schlecht geht oder wir verstimmt sind oder spannungsgeladen oder gestresst und uns freiwillig seinen Daumen hinhält, damit wir alles Störende darüber kompensieren können.
Ist irgendjemandem von euch schon einmal so jemand begegnet? Mir nicht. Und wenn doch, dann hat er sich als Mogelpackung herausgestellt. Er hat mir den Daumen hingehalten, weil er weitaus mehr von mir wollte als MEINEN Daumen.

Ich glaube, wenn wir es schaffen uns selbst zum Partner zu machen, dann besteht die Möglichkeit, dass es auch der andere schafft. Partner-schafft.

Gestern ging es mir schlecht. Ich hatte mit meiner besseren Hälfte auf der Rückfahrt vom Urlaub eine Auseinandersetzung. Wie ätzend ist das denn? Da verbringt man wunderschöne Tage miteinander, um dann mit einem schlechten Gefühl in den Alltag zu starten. Ich habe gegrummelt und getrotzt, weil er Dinge tut, die ich gerne anders hätte, dass er sie tut. Er soll sich gefälligst ändern oder zumindest einsehen, dass er sich ändern sollte. Das Mindeste ist es, dass er einsieht, dass ich Recht habe. Mann!
Meine Gefühlsgemengelage ist dann komplex, in solchen Situationen schlummert ein kleiner, brodelnder Vulkan in mir, gefährlich nahe am Ausbruch und bereit zu großflächiger Verwüstung.
Aber glücklicherweise! JA! Glücklicherweise neige ich ja tatsächlich auch noch zum Verkopft-Sein. Wenn ich es dann also schaffe diesen Kopf-Schalter auf EIN umzulegen und die Vorwürfe einer, so hart von IHM geforderten, Einsicht Platz machen können, dann verziehen sich die schwefelhaltigen stinkenden Wolken, der Vulkan kühlt runter und ich weiß, dass ich sehr gerne in meinem So-Sein stehengelassen werde. Und ich das genauso mit ihm tun darf. Ich muss mich nicht grundlegend für ihn verändern und er muss das auch nicht für mich tun (nein - es ging nicht um etwas Existentielles, es war ein Wunsch nach Wohlbefinden). Wupp - Daumen rein und nuckeln was das Zeug hält. Entspannen.

Heute geht es mir wieder gut. In meiner Vorstellung laufen viele geschäftige Leute über den Marktplatz - mit dem Daumen im Mund. Wenn sie dann aber kurz vor Ladenschluss noch versuchen ein Brot in der Bäckerei zu ergattern, können sie das tatsächlich freundlich und entspannt tun.

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