You have to be a good actor!

Letzte Woche hatten wir Abitreffen.
Ich nahm teil an einem Gespräch mit einer Jahrgangskameradin, die bereits zu Schulzeiten in der Theatergruppe mitwirkte und deren großer Traum es war Schauspielerin zu werden.

Eine Freundin meinte einmal, dass ich bei bestimmten Themen ein ganz gewisses Lächeln hätte, das ihr ganz und gar nicht gefällt. Ich wusste nicht, was sie meinte.

Das Lächeln begegnete mir im Gespräch, als die Frau (lächelnd) erzählte, dass sie sich während einer Krise schamanischen Beistand holte und in der Sitzung ihre Berufung zur Schamanin offenbar wurde. Zuerst wehrte sie sich dagegen, gab dann aber ihren Widerstand auf und sich ihrer Berufung hin.
Nun konnte ich meine Freundin verstehen.
Bei mir ging es um die Berufung zur Schuld, gegen die ich mich zuerst wehrte, um sie dann genüsslich, mit einem Schuss Märtyrertum, anzunehmen.

Das Lächeln der Schamanenfrau beschäftigte mich. Es gab eine Botschaft für mich in diesem Gespräch, die ich nicht sofort erfassen konnte. Ein Ort für Erkenntnis ist unsere Nasszelle. Beim täglichen Ritual zur Reinigung wurde mir heute klar, dass sich mir folgende Frage stellte:

Ist diese Frau Schamanin oder ist sie einfach über die Jahre eine so gute Schauspielerin  geworden, dass sie die Rolle der Schamanin, nach den Vorstellungen davon, perfekt spielt? So perfekt, dass sie sich selbst mit dem Rollenspiel überzeugt?
Die Antwort auf diese Frage ist (für mich) irrelevant, da mich die Frage lediglich auf etwas aufmerksam machen soll, was mich selbst betrifft.

Mit 21 lernte ich auf einer griechischen Insel einen jungen Mann namens Sokrates (Tatsache!) kennen. Er war in meinem Alter und sein Lebensmotto, das sich nach seinen bisherigen Erfahrungen richtete, lautete "You have to be a good actor!"
Die Fragen, die sich mir tatsächlich stellen, sind:
Habe ich seinen Appell angenommen?
Habe ich mich im Laufe der Jahre zu einer so guten Schauspielerin entwickelt, dass ich mich selbst überzeuge?
Was spiele ich vor zu sein?
Und was versteckt sich hinter dem Rollenspiel?

Ich habe eine schreckliche Ahnung .....

Hinter allen Rollenspielen versteckt sich die Bedeutungslosigkeit.
Alle Rollen, die wir annehmen, geben uns Bedeutung.
Wir sind von Bedeutung als Arbeitnehmer, Arbeitgeber, Unternehmer, Eltern, Kinder, Partner. So lange wir produktiv sind, haben wir Bedeutung. So lange wir in Beziehung zu jemanden stehen, haben wir Bedeutung. Sogar ein Streit ist von Bedeutung. Drama macht bedeutend.
Man muss nur in ein Altersheim gehen um zu sehen, was Bedeutungslosigkeit bedeutet. Sobald wir keiner Arbeit mehr nachgehen können, die für irgendwen oder irgendwas von Nutzen ist, wenn wir unsere Verwandten mit unserer Vergesslichkeit und den ewig gleichen Geschichten nerven, dann liegt unsere Bedeutung nur noch darin, dass wir anderen Arbeit damit geben, dass sie unsere Urinflaschen leeren oder uns zu Bastelarbeiten anregen, die dann bedeutungslos traurig an den Heimwänden hängen und vermitteln sollen "Sie tun ja noch irgendwas und wenns Schnipselarbeiten sind".

Würden wir uns in einem Alter, in dem wir noch produktiv und eigenständig sind, dafür entscheiden, den ganzen Tag auf einem Stuhl zu sitzen, Löcher in die Luft zu starren und nichts zu tun, was von Bedeutung wäre, und würden uns daraufhin alle verzweifelt verlassen, für die wir jemals eine Bedeutung hatten und denen wir Bedeutung gegeben haben, weil wir Bedeutungsvolles getan haben, könnten wir auf diesem Stuhl bedeutungslos vergammeln.

Die essentiellen Fragen, die sich mir stellen, lauten:
Was sind wir, wenn wir jegliche Rollen und damit jegliche Bedeutung loslassen?
Was bleibt übrig, wenn das, was wir denken zu sein, von uns abfällt?
Gibt es noch etwas hinter der ultimativen Bedeutungslosigkeit? Oder ist dieser Gedanke wiederum nur eine weitere Hoffnung auf Bedeutung?
Was ist so schlimm an dem Gedanken, dass wir eventuell letztendlich tatsächlich keinerlei Bedeutung haben und wir uns alle nur so verrückt machen, um dieser Tatsache nicht ins Auge sehen zu müssen?

Was sind wir wirklich?

Die Schamanin meinte, dass sie nichts mehr emotional berührt, weil sie in jedem sein Wahres Selbst erkennt und das ist Licht und Liebe. Ich kann das leider nicht (so) sehen, wenn das aber so sein sollte, könnte es sein, dass auch Licht und Liebe im Universum keinerlei Bedeutung haben? Dass nur wir es sind, die dem eine (positive) Bedeutung geben, weil Bedeutung für uns so bedeutend ist und wir es so wollen?

Ich werde am besten mal eine Nacht drüber schlafen ....

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