Ich bin schwierig. Ich bin kompliziert. Und das ist gut so.

Meine Freunde sind großartig. Ich mag und schätze sie. Jeder von ihnen ist anders und gerade die Vielseitigkeit dieser mir nahestehenden Menschen inspiriert mich.

Es gibt eine Sache, in der sich einige von ihnen einig sind. Sie schätzen mich als Gesprächspartner und wir können über die Welt reden, selten aber über "Gott". Sobald die Gespräche auf Themen kommen, die nicht der Norm entsprechen (Beziehung, Arbeit, Kinder, Essen, andere Leute, Politik), sobald es ums "Eingemachte" geht, ums Persönliche, um Stellungnahme, um Gefühle, heben sie abwehrend die Hände und meinen: Du bist so schwierig, so kompliziert.

Lange Zeit hat mich das traurig gemacht. Es hat das Kind in mir aktiviert, das sich mit seinem eigenen Kopf einen Platz in der Welt ergattern wollte und dem gesagt wurde: Der Mann, der dich mal heiratet, ist noch nicht geboren. Was nichts anderes hieß als: Kind, sei nicht so schwierig, nicht so kompliziert, hör auf mich zu löchern, lass mich in Ruhe, so findest du nie einen.

Heute weiß ich: Mein Leben war bereits sehr früh kompliziert und schwierig. Komplexität und Schwierigkeiten katapultierten mich aus meinem KindSein. Ich lernte sehr früh zu beobachten, Gefahren zu erkennen, mich zurückzuziehen. Selbstvergessenes Spielen war mir fremd, ich musste lernen mich zu konzentrieren und hinzuspüren. Ich wurde zu einem ernsten Kind. Ernste Kinder sind nicht sehr beliebt. Genau so wenig wie ernste Jugendliche, die anfangen zu hinterfragen oder ernsthafte Erwachsene, die es genau wissen wollen.

Manche meiner Freunde schwimmen gerne an der Oberfläche. Sie haben ihre Sicht auf die Welt und können oder wollen sich nicht vorstellen, dass sich die Welt für andere ganz anders darstellt. Das ist gut so.

Ich tauche gerne unter die Oberfläche und schaue mir an, wie die Dinge "darunter" aussehen. Außen Hui, darunter Pfui? Oder andersrum? Ich bin kompliziert, ich bin schwierig und das ist gut so.

Falls ihr auch zu denen gehört, von denen gesagt wird, dass sie anders sind (und anders ist gefährlich, es ist nicht normal und wird deswegen beargwöhnt, vielleicht auch abgelehnt), dass sie schwierig und kompliziert sind (was schlecht ist, weil gut ist einfach, leicht und unkompliziert) - Leute, ihr seid richtig genau so wie ihr seid! Es hat einen Grund, warum wir so sind wie wir sind. Oft wissen wir den nicht. Manchmal wissen wir ihn, aber nicht jeder hat Lust das immer wieder zu erörtern. Das ist gut so. Ihr seid gut so.

Und so ganz nebenbei - der Mann, der mich geheiratet hat, war schon drei Jahre vor mir auf der Welt (Erwachsene wissen eben nicht alles). Er liebt mich genau so wie ich bin: lebendig, schwierig, komplex und kompliziert, immer eine Frage hinter der gerunzelten Stirn. Er meint, mit mir wäre es nie langweilig. Das ist gut so.


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