Weg von mir

Vor drei Wochen machte sich bei mir Lagerkoller und eine mentale Dysbalance bemerkbar. Ich war sehr gereizt.

Vor langer Zeit brachten mich Reisen, hauptsächlich alleine, wieder ins Gleichgewicht. Völlig auf mich gestellt, musste ich Neues meistern. Auch ohne Gesellschaft am Tisch zu sitzen und alleine zu essen, gehörte dazu.

Vor drei Wochen überlegte ich, wie ich mich wieder ausgleichen könnte. Ich suchte nach einer einsamen Berghütte und wurde fündig. Sie war aber über Wochen ausgebucht. Wen könnte ich besuchen? Einfach mal weg. Ganz schnell. Am besten sofort.

Mir fiel das Ferienhaus von Freunden ein, in das wir schon oft eingeladen wurden, das aber am anderen Ende der Republik liegt. Lange Anreise, großes Haus, wäre schön, wenn jemand dabei ist, mit dem ich reden und schweigen kann. Meine Tochter.

Als ich meinem Mann vom Plan erzählte, fiel mir ein, dass unser Schwiegersohn frei hat. Meine bessere Hälfte fand den Gedanken an eine kleine Flucht auch sehr reizvoll. Alle waren dabei und so fuhren wir ein paar Tage später zu viert die lange Strecke in den Norden, um vor Ort von unserem Freund empfangen zu werden, der sich unserer Auszeit anschließen wollte.

Wir grillten, stapften im Watt umher, spielten im Sand Boccia, sammelten Äpfel, aßen Apfel-Crumble, redeten, lachten, hatten beim morgendlichen Qi Gong auf der grünen Wiese Hühner als Zuschauer, sausten mit den Rädern über die flache Ebene, lasen und nickerten. Unser Freund wollte ein Fenster streichen, ich packte meine Pinsel ein, wir malerten. Dazu gab es viel Bier.

Und ich merkte, wie mich all diese Dinge wieder in Balance brachten. Es war genau das Gegenprogramm zu dem, was ich ursprünglich wollte. Weg von mir statt eines Retreats für mich alleine. Ich brauchte etwas ganz anderes als mir selbst ausgeliefert zu sein und das Leben hat wieder einmal für mich gesorgt. Mal nicht mit mir alleine sein. Mal etwas tun, was mich wegführt von mir selbst. Ich brauchte genau das, was ich bekam. Mich aufgehoben fühlen in einer Gemeinschaft von Menschen, mit denen ich mich wohl fühle. Mit denen ich einfach nur sein kann.

Es gibt Momente, Tage, in denen das Leben besser weiß, was gut für mich ist. Wenn ich es schaffe mich darauf einzulassen und zu vertrauen, pumpt das Ereignis eine volle Ladung Energie in mich. Mir wird sozusagen ein Ladegerät mit Höchstleistung zur Verfügung gestellt. 

Ich muss nur ja sagen.


Ganz großer Dank für die wunderschöne Zeit an Marsimoto, JoBe und Madame Hübert :-)




 



Beliebte Posts

Brief einer Mutter an ihren Sohn

Brief einer Tochter an ihre Mutter

Kontaktabbruch - Verlassene Eltern

Töchter narzisstischer Mütter

Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation

Esoterik I: Robert Betz - Der Mann fürs gewisse Zeitalter

Du sollst dein Kind ehren

Band ums Herz