Bruttonationalglück

Zum Glück gehört viel mehr als Geld
Macht Wachstum glücklich? Dann müssten die Chinesen mit ihren satten Zuwachsraten am glücklichsten sein. Sind sie aber nicht. Weltweit hat daher ein Nachdenken darüber begonnen, wie sich der Zustand von Nationen besser messen lässt als mit dem rein ökonomischen Bruttoinlandsprodukt BIP
So las ich es heute morgen in unserer Tageszeitung. Interessant, dass dieser Artikel in der Sparte "Politik" zu finden war.
"Glück und Wohlbefinden - Definition eines neuen ökonomischen Paradigmas", das war das Thema einer Konferenz der Vereinten Nationen, zu dem das kleine arme asiatische Königreich Bhutan eingeladen hatte, in dessen Verfassung das Recht auf Glück steht und dessen Einwohner angeblich am glücklichsten sind.
Es gibt ein Land, in dessen Verfassung das RECHT auf GLÜCK steht.
Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen und es langsam ins Herz vordringen lassen. Ein Recht auf Glück. In Bhutan wird nicht das Bruttoinlandsprodukt gemessen, sondern das Bruttonationalglück! Ist Glück messbar?
Ich denke, dass vielen Menschen in den Industrienationen klar wurde, dass Geld und materieller Wachstum, das Ziel, dem wir nachjagen, nicht unbedingt glücklicher und zufriedener macht. Da gibt es ein kleines Teufelchen und das flüstert mir ins Ohr "Es ist nicht mehr in dem Maße verfügbar, wie es sein sollte. Es gibt kein Geld mehr für den Großteil der Leute und auch keinen Wachstum. Deswegen muss jetzt etwas anderes propagiert werden. Wie wäre es mit "Armut und Stillstand machen glücklich". Deswegen steht der Artikel auch nicht unter "Lifestyle", sondern unter Politik. Damit kann jeder Politiker das Sparen durchsetzen und uns auch noch glauben machen, dass es uns glücklich macht, wenn für nichts mehr Geld da ist".
Ich stelle das Teufelchen ruhig und lese weiter
Das Bruttoinlandsprodukt verfehlt das Ziel, die Faktoren zu erfassen, die im Leben der Menschen Bedeutung haben und zu ihrem Glück beitragen - wie Sicherheit, Freizeit, Einkommensverteilung und eine saubere Umwelt. Glück kann nicht durch ökonomisches Wohlbefinden erreicht werden, wie es das BIP misst
Das sagten der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stieglitz und Kollege Jeffrey Sachs auf der UN-Tagung. Einleuchtend, denn das BIP steigt auch dann, wenn die persönliche Zufriedenheit sinkt. Bestes Beispiel ist die Reaktorkatastrophe von Fukushima, das die Wachstumsrate durch massive Wiederaufbauproramme emporschnellen ließ, wohl aber nicht den Glücksfaktor in der Bevölkerung.
Rund 80 Prozent der Deutschen, das zeigen Umfragen, sind unzufrieden mit der Art, wie wir wirtschaften. Die Bevölkerung hat weitgehend verstanden, dass die bisherige Art unseres Wachstums noch tiefer in die Krise führt und nicht aus ihr heraus. Wir müssen weg von der Fixierung aufs Wachstum und hin zu Werten, die Glück und Zufriedenheit schaffen: Bildung, Gesundheit, gute Arbeit mit einer ausgewogenen Work-Life-Balance, soziale Beziehungen, Freundschaften - darauf kommt es an
Das sagten Jesuitenpater Jörg Alt und Wirtschaftsprofessor Karlheinz Ruckriegel, die auch in Deutschland erfreut ein allmähliches Umdenken der tätigen Ökonomen registrieren.
Interessiert und wohlwollend wird eine kleine Gemeinde im Schwarzwald beobachtet, die sich "Glücksgemeinde" nennt. Sie eifern ihrem Partnerschaftsland Bhutan nach und haben sich das Ziel gesteckt
Nach dem Vorbild Bhutans will Schömberg das Glück seiner Bürger in den Mittelpunkt seiner Entscheidungen stellen. Harte und weiche Standortfaktoren sollen so gestaltet werden, dass Glücksempfinden für jede und jeden individuell erlebbar wird. Langfristig sollen Entscheidungen des Gemeinderates nicht nur nach finanziellen Aspekten getroffen werden, sondern vor allem unter dem Aspekt, was den Bürgern nachhaltig ein glücklicheres Leben ermöglicht
Ich bräuchte ein Beispiel. Was wird in Schömberg inzwischen anders entschieden unter dem Aspekt des Bürgerglücks? Dass endlich die Umgehungsstraße gebaut wird? Mehr Tempo-30-Zonen? Welche Gemeindeentscheidungen machen den Bürger glücklich?
Das klingt doch alles gut, sagt eine andere Stimme in mir, sieht so aus, als ob sich was bewegt. Etwas in mir fühlt sich unwohl. Das, was sich unwohl fühlt, denkt zurück an die Zeit, als PISA in den Medien war und Finnland an erster Stelle stand. Es wurden Pläne gemacht, alle waren überzeugt, dass ganz schnell Reformen nötig sind, es sollten Testphasen eingeführt werden, die dann über den Haufen geworfen wurden und Hals über Kopf wurde das G8 aus der Taufe gehoben, Schüler verheizt, Eltern durch die Mangel gedreht, Lehrer ausgesaugt, der Abiturschnitt des ersten G8-Jahrgangs auf Anweisung des Kultusministeriums geschönt. Heute weiß man, dass von den Politikern etwas Wichtiges übersehen wurde.  Finnland hatte völlig andere Grundbedingungen, wie kleine Klassen, so gut wie keine Schüler mit Migrationshintergrund (ich liebe diese Wortschöpfung, sie taucht überall auf, vor allem in den Fußballstadien), andere Lehrpläne. Übereifrig, übereilt, undurchdacht wurde über Nacht eine Struktur geändert, wie so oft nicht zum Besten. Leidtragende sind die Bürger, in diesem Fall alle, die mit Schule zu tun hatten.
Wenn nun das eher philosophische Wort "Glück" bereits in der Politik angekommen ist, werden es die Politiker schaffen, auch hier wieder eine völlig verfehlte Entscheidung zu treffen.
Szenario: Glück steht als Recht in der Verfassung, es wird von einem "Amt für durchgesetztes und gelebtes Glück" überwacht, dass die Bürger ihr Recht auch leben und vor allem einfordern. Das könnte einen neuen Boom in der Juristenszene auslösen "Fordern Sie Ihr Recht auf Glück ein" und es gibt Prozesse, in denen unglückliche Bürger klagen, weil sie ihr versprochenes Glück nicht bekommen haben. Zum Glück gezwungen dank Verfassung. Glück als Konsumartikel. Vielleicht in Dosen? Heute schon glücklich gewesen? Nein - na da gibt es doch Abhilfe, bestellen Sie ihr tägliches Glück als Minipille. Erhältlich auch in Mehrwegflaschen.
Wer verdient dann am Glück? Dieselben, die heute am Unglück verdienen?
Wenn ich etwas verstanden habe, dann die Lektion, dass Glück eine Einstellung ist. Ratsam wäre es, die Leute aus Bhutan zu besuchen, versuchen ihr Leben und ihre Einstellung zum Leben zu erfassen, ihre Bräuche und Werte, ihre Spiritualität, eventuell spielt ja auch die Religion oder Lebensphilosophie eine Rolle.
Die Frage ist: Was würde uns Deutsche zu glücklichen Menschen machen? Oder: Was hält uns davon ab glücklich zu sein? Wären wir es, dann hätten wir die Konferenz einberufen können. Wir können viel, aber im Glücklichsein stehen wir nicht an der Weltspitze.
Und ich glaube, dass diese Antwort keiner für uns beantworten kann. Das individuelle Glück, das in Schömberg angestrebt wird, kann jeder nur für sich suchen und finden. Was macht mich glücklich? Was brauche ich zu meinem Glück? Müssen wir auch hier wieder Statistiken vertrauen, die uns einen Durchschnittswert vermitteln, der dann als allgemeingültig gesetzt wird, um dann durchschnittlich glücklich zu sein? Und was, wenn wir wieder nicht dem Durchschnitt entsprechen und unser individuelles Glück so auseinanderdriftet, dass es nicht in einem Wert, Index oder Faktor gemessen und festgelegt werden kann. Ich will nicht in die Statistik des BNG (Bruttonationalglück), das nun den BIP ablöst. Ich will keinen Fragebogen zum Glück ausfüllen.
Es würde mich glücklich machen, wenn die Politiker und auch die Bürger dieses Landes versuchen würden die Dinge zu durchdringen, die sie propagieren. Wenn jeder es schaffen würde, mehr bei sich zu bleiben, bei sich zu schauen, sich über sein individuelles Glück Gedanken zu machen, davon wegzukommen alles einfach nur konsumieren zu wollen.
Wir können uns nicht die Schablone von Bhutan auflegen und davon ausgehen, dass wir dann auch glücklich sind. Glück ist eine Einstellung. Diese Einstellung gilt es zu finden, durch inneren Wachstum.

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