Artgerechte Menschhaltung

Heute Morgen, kurz nach dem Aufwachen, stellte mein Mann eine laute Frage. Sie war wohl eher an ihn selbst gerichtet "Was heißt das eigentlich? Sein Leben leben? Wir reden immer über artgerechte Tierhaltung, leben wir in einer artgerechten Menschhaltung?"

Diese Frage finde ich sehr interessant. Was ist eine artgerechte Menschhaltung?
Wir wissen ja, wie man Tiere halten sollte, damit sie glücklich sind und uns gute Produkte liefern. Eier von glücklichen Hühnern. Die kaufen wir gerne. Was ist mit unseren Produkten? Schert es uns, ob sie von glücklichen oder unglücklichen Menschen gefertigt werden? Von Menschen, die in artgerechter Haltung leben? Kann man Fabriken mit Legebatterien vergleichen? Und wie ist das mit Großraumbüros? Welche Auswirkung hat die Art, wie wir gehalten werden, auf die Produkte, die wir fertigen?

Eine Bekannte, die bei einer großen Firma arbeitet, erzählte mir, dass sich früher, als es noch einheitliche Arbeitszeiten gab, alle morgens in der Kaffeeküche auf ein Pläuschchen trafen. Heute fängt jeder dank Gleitzeit irgendwann an, man geht mit der Kaffeetasse an seinen Arbeitsplatz und nickt den anderen kurz zu, da sie bereits im Arbeitsprozess sind. Als Softwareentwicklerin konnte sie bis vor kurzem wenigstens einmal im Jahr das von der Gemeinschaft erarbeitete Produkt in Form einer Scheibe feiern. Heute werden die Updates ohne Scheibe heruntergeladen. Die Zäsur zwischen "eines ist fertig" und "das nächste beginnt" gibt es nicht mehr. Das Eine ist noch nicht auf dem Markt, das Nächste bereits in Arbeit. Wir legen nicht mal mehr ein Ei. Und das Gackern aus Freude ist nicht mehr angebracht. Der Lohn für die Arbeit besteht aus wechselnden Zahlen auf etwas, das sich Konto nennt und auf weiteren Zahlen beruht. Dank SEPA inzwischen auf langen Zahlenreihen mit Buchstaben. Die Welt wird mehr und mehr abstrakt, es gibt immer weniger, was wir in unseren Händen halten. Artgerechte Menschhaltung?

Wer geht für uns auf die Straße und setzt sich ein? Dafür, dass unsere unsichtbar gewordenen Eier nicht mehr in Legebatterien produziert werden und frei von Aufputschmitteln, Kopfschmerztabletten, Antibiotika und ausgeschütteten Stresshormonen sind. Dass unser Futter frei von Zusatzstoffen ist. Dass wir freilaufend das produzieren können, was unserer Art entspricht.

Würden wir Menschen Produkte für eine andere Art liefern, würde diese Art besser auf uns aufpassen, als wir es selbst tun? Würde sie sich einsetzen für "Produkte von glücklichen Menschen in Freilandhaltung"?
Gäbe es ein Gütesiegel "Produkt aus artgerechter Haltung", ein Biosiegel "garantiert artgerechte Haltung und Futter ohne jegliche Zusatz- oder Schadstoffe" und welchen Maßstab würde die andere Art an unsere Produkte anlegen, damit sie zufriedenstellend sind?



Beliebte Posts

Brief einer Mutter an ihren Sohn

Brief einer Tochter an ihre Mutter

Kontaktabbruch - Verlassene Eltern

Töchter narzisstischer Mütter

Kriegsenkel - Die Erben der vergessenen Generation

Esoterik I: Robert Betz - Der Mann fürs gewisse Zeitalter

Du sollst dein Kind ehren

Band ums Herz