Plätze finden um sie wieder zu verlassen


Letztes Jahr saß ich in unserem Garten und überlegte, warum das Stückchen Erde, auf dem ich sitze, jemandem gehört. Wer eigentlich kam auf die Idee die Erdoberfläche zu verkaufen, sie als Besitz auszurufen? Gehört die Erde nicht uns allen? Nomadenvölker nutzen eine zeitlang den Boden, auf dem sie sich aufhalten und dann ziehen sie weiter, damit sich die Erde wieder erholen kann.
Sehr erstaunt war ich, als mir eine Freundin erzählte, dass sie für ihr verstorbenes Patenkind einen Stern kaufte, der nun seinen Namen trägt und mit bloßem Auge nachts am Himmel zu erkennen ist. Das sitzt er nun, der kleine Mann, und sieht zu uns herunter, von dem Stern, der so heißt wie er. Ob man ihm damit einen Gefallen getan hat? Wem gehören die Sterne und wer kommt auf die Idee sie zu verkaufen? Gibt es nun schon einen Ausverkauf des Universums? Ist es wichtig, dass wir einen Besitz für unsere Seele haben, wenn unser Körper auf der Erde alles hinter sich lassen muss? Müssen wir uns bald nicht nur einen Platz im Altersheim sichern, sondern auch einen für danach? Um uns sicher zu fühlen? Aufgehoben? Und jede Seele sitzt einsam auf ihrem Stern, der nicht einmal eine Blume beherbergen kann, da auf Sonnen nun mal kein Leben exisitiert.
Früher gab es Könige, denen gehörte ein Reich, das sie unter Fürsten und anderen Gefolgsleuten aufteilten, die es an Lehnsmänner für ihre Dienste abgaben, die das Land an Bauern verpachteten. Ich bin ein moderner Bauer, der ein Stückchen Land gepachtet hat um darauf zu leben und von unserem Erwirtschafteten einen verlangten Satz an den Eigentümer des Stückchens Erde bezahle, damit ich darauf leben darf. Letztendlich gehört es weder mir, noch ihm, denn wenn ein Meteorit darauffällt oder sich die Erde auftut und dort, wo das Haus steht, ein Krater geboren wird, gehört dieses Stück Land wieder der Erde und der Natur. Sie kann es sich jederzeit zurückholen, wenn sie möchte. Die Wahrscheinlichkeit ist gering, aber zeigt doch, dass uns letztendlich gar nichts gehört. Wir sind alle nur Gäste auf diesem Planeten. Wir kommen und wir gehen wieder.
Woher kommt dieses menschliche Bedürfnis nach einem Platz, der einem gehört und den man verteidigt, sollte ein anderer ihn uns streitig machen? Versprechen uns solche Plätze Sicherheit?

Auf meinem letzten Karateseminar sprach der argentinische Sensei darüber, dass unsere Grundstellung, aus der jede Technik ausgeführt wird, "home" ist. "Coming home, very important", dieser Satz ist mir im Gedächtnis geblieben. Home bedeutet Sicherheit, home bedeutet du bringst dich selbst immer wieder in Sicherheit, da du zurückgehst an deinen Ausgangspunkt, dort kannst du wieder ruhig werden, dort hast du die Übersicht, von dort aus kannst du angemessen reagieren, dort bringst du dich wieder in Balance. Das ist zuhause. Karate unterscheidet sich nicht vom Leben. Zu sich selbst zurückkommen, das ist home, das ist Heimat. Eine Heimat, die uns niemand nehmen kann.

Wir mögen unseren Platz mit Mauern umgeben und mit einem Zaun sichern, die wenigsten von uns werden an ein und demselben Platz geboren und beerdigt. Wir müssen sehr oft in unserem Leben weiterziehen. Nicht nur von äußeren Plätzen gilt es Abschied zu nehmen.
Ob man nun die Liebe für einen anderen Menschen verloren hat und ungläubig vor dem eigenen Gefühlsverlust steht oder einem das Herz gebrochen wird, weil der andere das Gefühl für einen verloren hat. Ob nun ein geliebter Mensch stirbt, wir unseren Arbeitsplatz verlieren, uns die Mietwohnung wegen Eigenbedarfs gekündigt wird oder der Kredit platzt. Wir verlieren unseren sicher geglaubten Platz. Und mit jedem Verlust versuchen wir uns mehr zu sichern. Wir besorgen uns die Waffe der zivilisierten Welt - einen Rechtsanwalt - und ziehen in den Kampf um unseren Platz zu  verteidigen. Wir bauen Mauern um unser Herz und legen Stacheldraht drumherum, so dass uns keiner mehr zu nahe kommen kann. Anstatt an die Tür zu gehen und den anderen freudig zu begrüßen und hereinzubitten, schauen wir heimlich und misstrauisch aus dem Fenster.

Unsere inneren Welten gleichen unseren äußeren Welten.

Nomaden haben ein freies Herz, das jederzeit darauf vertraut, dass ihm Mutter Erde und die Natur einen Unterschlupf gewähren. Sie finden immer einen Platz, da sie im Einklang mit allem sind, was ist. Sie müssen nichts verteidigen, weil ihnen alles gegeben wird. Sie besitzen nichts, was ihnen genommen werden könnte. Sie hängen nicht fest und sind überall zuhause. Alles ist für alle da.
Auch in unserer Gesellschaft gibt es noch innere Nomaden.
Sie beharren nicht auf ihrem Platz, weil sie sich selbst genügen und ihren Platz in sich gefunden haben. Sie geben und ihnen wird gegeben. Sie vertrauen, weil sie wissen, wenn das eine endet, dann beginnt das andere. Sie müssen nichts verteidigen, weil sie wissen, dass ihnen letztendlich nichts gehört. Weder ein Grundstück, noch ein Herz. Und mit diesem Wissen gehören sie sich selbst und sind frei.
Sie können die Dinge kommen und gehen lassen und die Veränderungen nehmen ohne allzu tiefen Schmerz zu empfinden. Sie sind Meister ihres Lebens.

Möge dieser Stamm sich vermehren.



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