Durch Uns statt Von Uns

        Von den Kindern

        Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
        Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selbst.
        Sie treten durch euch in die Welt, aber nicht aus euch,
        und obgleich sie bei euch sind, gehören sie euch doch nicht.
        Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
        denn sie haben ihre eigenen.
        Ihrem Körper dürft ihr ein Haus schenken, aber nicht ihren Seelen,
        denn diese wohnen im Haus des Morgen,
        das ihr selbst in euren Träumen nicht zu betreten vermögt.
        Ihr mögt danach streben wie sie zu sein, doch versucht nicht sie euch gleich zu machen,
        denn das Leben schreitet weder zurück noch verharrt es im Gestern.
                                                                       
                                                                        
                                     Khalil Gibran "Der Prophet"

Dieses Gedicht begleitet mich seit der Geburt unseres Sohnes. Als ich das Büchlein damals geschenkt bekam und die Zeilen las, fühlte ich mich tief berührt und spürte die Wahrheit der Worte.
Meinem Mann fiel es schwer mit der Aussage umzugehen, denn ein Sohn ist Stammhalter mit einem festen Platz in der Linie und biologisch kommt er von Vater und Mutter und gehört doch zu einem.
Letztes Jahr las ich das Gedicht unserem inzwischen 17-jährigen Sohn vor und er meinte "Aber Mama, das bedeutet ja ich bin frei".
Ja, das bedeutet es. Du bist frei deine Vorstellungen vom Leben zu leben und nicht unsere. Du gehörst zu uns, aber du gehörst uns nicht. Nicht wir sind da um dich zu formen, sondern du bist da um zu bewegen und zu verändern. Ob es uns passt oder nicht.
Als Mutter eines Sohnes, der bald geht, verstehe ich die Wahrheit und sie tut weh. Aber sie gibt mir auch das Vertrauen ihn loszulassen, ihn dem größten Lehrmeister anzuvertrauen, den ich kennengelernt habe: dem Leben selbst. Und so viele Schutzengel er in seinem Leben bereits verschlissen hat, ich sehe immer zwei an seiner Seite und auch ihnen vertraue ich, dass sie weiterhin so gut auf ihn aufpassen wie bisher.
Was Khalil Gibrans Prophet über die Kinder sagt, wurde für mich zur gefühlten Wahrheit.

Und diese Wahrheit hat mir auch letzte Woche die Augen geöffnet.

Nicht nur Kinder kommen durch uns, alles kommt durch uns. Gedanken, Ideen, Projekte.
In meiner Ausbildung, wie auch im Buddhismus, ist oft vom Ego-Tod die Rede.
Ego bezeichnet all das, worüber wir uns definieren. Das sind sowohl unsere Rollen (Wer bin ich?), als auch unsere Leistungen wie Ausbildung, Studium, Beruf, Titel (Was bin ich?) und vor allem unsere Überzeugungen (Was lebe ich?), die unsere Sicht auf uns, die anderen, die Welt ausmachen. Unser Ego ist auch unser Wille etwas zu vollbringen, etwas durchzusetzen, etwas anzuvisieren und dranzubleiben, etwas zu erreichen.

Wer im Leben steht, möchte etwas verwirklichen. Um etwas in die Wirklichkeit zu bringen, benötigen wir unser Ego. So wie heutzutage ein Kind nicht einfach zu uns kommt, sondern wir uns in der Regel willentlich dafür entscheiden und damit auch für alle Konsequenzen, die es mit sich bringt Vater und Mutter zu sein, so ist es auch mit Projekten.
Wenn die Dinge nicht von uns kommen, sondern durch uns, dann bedeutet das für mich, dass sie bereits da sind und lediglich nach einem Kanal oder Sprachrohr suchen um erschaffen, um ausgedrückt zu werden. Jeder von uns ist einzigartig und hat bestimmte Fähigkeiten entwickelt um etwas Bestimmtes zu erschaffen.
Diese Hypothese, dass die Dinge bereits da sind und nur auf eine Chance warten durch uns in die Welt erschaffen zu werden, würde bedeuten, dass sogar die Relativitätstheorie bereits da war und nur einen brillanten Geist brauchte, der sie zu durchdenken und auszudrücken verstand. Wenn ich diese Hypothese auf alles anwende, hieße das, dass alles nur durch uns kommt, wir stellen uns mit unseren Fähigkeiten den Dingen zur Verfügung und dienen ihnen mit unserer Ausdrucksfähigkeit. Wir erschaffen eine Welt, die in der Idee bereits vorhanden ist. Wie viele Ideen gibt es und welche haben wir ausprobiert? Könnten abenteuerliche Ideen nicht doch eine Chance haben? Braucht es vielleicht nur einen Geist, der sie durchdenken und ausdrücken kann? Hat es das nicht bereits oft genug gegeben? Gibt es nicht viele unterschiedliche Gemeinschaften, die viele unterschiedliche Ideen leben? Was ist deine Idee? Dein Traum? Vielleicht existiert seine Ausführung bereits und sie will durch dich realisiert werden.
Wenn das so ist, dann gehören uns unsere Kreationen nicht, sie gehören uns genau so wenig wie unsere Kinder, sie kommen durch uns, aber nicht von uns. Und wenn wir es schaffen, uns genau so wenig über sie zu definieren wie über unsere Kinder, wenn wir sie genau so ins Leben entlassen können wie unsere Kinder, können wir ein Stück weit unser Ego herausziehen. Denn wir könnten erkennen, dass das, was wir schaffen, nicht uns gehört, es gehört zu uns, aber es ist nicht unser Besitz. Das Ego will schaffen, besitzen, kontrollieren und belohnt werden. Wenn wir unser Ego aus dem, was wir mit Hilfe unseres Egos geschaffen haben, durch das Bewusstsein, dass es durch uns kommt, herausziehen können, könnten wir die Dinge, die wir erschaffen, zur Verfügung stellen ohne anzuhaften. Wir müssten keine Kontrolle mehr ausüben, wie die Dinge, die wir in die Wirklichkeit bringen, von anderen weiterverarbeitet werden. Jeder könnte aus dem, was durch uns erschaffen wurde, etwas machen, was für ihn passt. Es gäbe vielfältige Varianten von dem, was durch einen von uns kam.
Im Netz wird das bereits gelebt.
Es gibt Regeln, aber keiner hält sich dran. Es gibt Urheberschutz, aber keiner schützt. Alles, was im Netz ist, wird genutzt, vermittelt, verteilt, geteilt, verarbeitet, runtergeladen, hochgeladen, kopiert, eingefügt, gelöscht. Alles steht allen zur Verfügung. Noch gibt es welche, die zwar gerne bedingungslos nutzen, aber ungern bedingungslos teilen. Es gibt auch welche, die verkaufen, was andere kostenlos zur Verfügung stellen. Das aktiviert die moralischen Zeigefinger, die darauf hindeuten. Was du nicht willst, was man dir tut, das füg auch keinem andern zu. Weg mit den moralischen Zeigefingern, denn auch hier wirkt das Leben. Alles, was du aussendest, kehrt mehrfach zu dir zurück.

Ich gebe zu, dass dies eine sehr neue Erkenntnis für mich ist, denn auch ich stecke noch fest in Gedanken von Besitz und geistigem Eigentum. Es gäbe dann eine Quelle, aus der ein Bach entspringt. Das Wasser für die Quelle war bereits da, es hat sich lediglich einen Ort des Durchbruchs gesucht. Und der Bach bekommt Zufluss aus anderen Quellen und wird zum Fluss, der sich wieder verästelt und schließlich ins Meer fließt, dessen Verdunstung zu Wolken wird, die wieder die Erde und damit das Wasser für eine Quelle speisen. Gedanken über Besitz und geistiges Eigentum sind Blockaden, die den Fluss der Dinge behindern. Sie beanspruchen für sich das Wasser erfunden zu haben.
Würden wir das Modell leben, würde kein Urheberrecht mehr gelten. Heute brauchen wir das Recht um an dem zu verdienen, was wir erschaffen. Um alles fließen zu lassen, müsste gewährleistet sein, dass alle vom Fluss der Dinge genährt werden. Wir brauchen eine Idee, wie das funktioniert. Was wäre wenn die materielle Fülle bereits da ist? Wenn wir nur zugreifen bräuchten? Wenn sie in der Idee bereits vorhanden ist und nur auf ihren Ausdruck wartet? Vorstellbar?

Wenn ich  unseren Sohn sehe, der durch uns kam, und frei ist das zu tun, was er tun will, frei das zu erschaffen, was er erschaffen will und wir als Eltern es schaffen alle unsere Schablonen, die wir auf ihn gelegt haben, wegzuziehen, dann muss er nicht nur seinen Eltern eine Freude machen, indem er macht was uns glücklich macht, sondern er kann erschaffen was ihn glücklich macht. Wir sind alle hier um unser Leben zu leben und nicht das eines anderen oder für einen anderen.

Dann hieße das, dass wir als Eltern etwas erschaffen haben, was durch uns kam und wir einer Sache dienten, die nun frei ist sich zu entwickeln.
Für mich ist das ein sehr schöner Gedanke.






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