bescheidenes Angeben

Kürzlich las ich in einer Glosse, dass das altmodische Wort "Eigenlob" durch das neumodische Wort "humble-brag", was so viel wie "bescheidenes Angeben" bedeutet, ersetzt wurde. Wie soll das nun funktionieren? Bescheidenheit und Angeberei stehen ja ziemlich weit auseinander und wie kommen die zusammen? Hat sich früher jemand durch Eigenlob zum klasse Typ stilisiert, so braucht es heute schon einiger Kunstkniffe, um sich als geilen Typen darzustellen, ohne sich als geilen Typen darzustellen.

Hilfestellung leisten die Medien (altmodisch Puffmutter), denn alles ist käuflich.

Wer genug Geld investiert um sich "Freunde des Egos" (altmodisch Käufliche, Marktschreier, Schmeichler oder Huren) zu generieren, kauft sich die likes und damit das Image als "geiler Typ". Man muss sich nicht mehr selbst hinstellen und das "leider geil Image" propagieren, das besorgen die anderen. Man selbst lässt sich wie frühere Regenten durch die manipulierte Menge tragen, um mit einem bescheidenen Schulterzucken und huldvollem Lächeln die auf einen niederregnenden "leider geil Lobeshymnen" zu feiern.

So ist es bei Amazon nicht unüblich, dass Neuerscheinungen über zwei oder drei Seiten mit Lob überschüttet werden. Das gekaufte Lob geht nicht ins Detail (das Lesen der Bücher oder Hören der CDs ist nicht im Kaufpreis inbegriffen), sondern bleibt an der Oberfläche mit Worten wie "positiv überrascht" (jüngstes Beispiel ist die CD "Bei allem sowieso vielleicht" von Reinhold Beckmann). Diese Flut an positiv überraschten Rezensenten lockt Kaufwillige (das gemeine Volk) an. Leider gibt es da aber immer noch die anderen (Feinde). Die, die vielleicht negativ überrascht sind und das auch noch kund tun. Dann erfolgt eine Flut an ziemlich hässlichen und abwertenden Bemerkungen, die selten an der Oberfläche bleiben und oft ins schmerzhafte Detail gehen (Messer wetzen, angreifen und zustechen, gerne auch hinterrücks). Den seitenlangen 5 Sternen folgen nicht selten bei Amazon die seitenlangen 1 Sterne. Der Regent kann sich wehren oder schmollend zurückziehen.

Wer sich einer solch widersprüchlichen Kommunikation widmet und bescheiden angeben will, muss sich nicht wundern, wenn nach dem gekauften Lob der Shitstorm niederprasselt.
Ich bin gespannt, wann wir uns genug verdreht und verkünstelt haben, es durchschauen, uns langweilen und das alte Eigenlob und die alte Bescheidenheit einen Vintage-Boom auslösen, um uns in alten Kleidern neu interpretiert vorgeführt zu werden.

Vor vielen Jahren stand auf unserer Stadtmauer ein Graffiti "It´s always the same fucking game".

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Ein weiteres Beispiel für das Sternenspiel bei Amazon finden Sie unter Esoterik II: Robert Betz, Amazon und Authentizität

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