Jeder kann ein kleiner Held sein

Nach dem Tod meines Vaters im September 2010 löste ich einige Haushalte auf. Darunter den bis dahin ruhenden Nachkriegshaushalt meiner Großeltern. Unter den Dokumenten fand ich ein Foto, auf dem ihr Haus mit riesigen Hakenkreuzflaggen geschmückt war. Das Foto sah aus wie ein Propagandabild. Mein Großvater war Malermeister mit Betrieb und die ganze Belegschaft stand mit der Familie auf der Straße. Obwohl ich bis zu meinem achten Lebensjahr in diesem 8-Parteienhaus aufwuchs, unter uns die Großeltern, neben uns der Bruder meines Vaters mit Familie und über uns die Schwester mit Mann, wurde so gut wie nie über den Krieg gesprochen. Ich wusste nur, dass mein Großvater nicht "in der Partei" war und sie ein großes Misstrauen allen Menschen gegenüber teilten, die nicht zur Kernfamilie gehörten. Die Großfamilie stritt gern und laut, nach außen hielt sie zusammen wie Pech und Schwefel.
Als ich meinen älteren Cousin auf das Foto ansprach, erzählte er mir, dass mein Großvater bedroht und gezwungen wurde die Flaggen aufzuhängen. Es gab eine weitere Geschichte, die mich besser verstehen ließ, warum meine Familie väterlicherseits so war, wie sie war.
Mein Großvater lieh einem Mann Geld und als er es beharrlich zurückforderte, wurde er eines nachts abgeholt, an einen "dunklen" Ort gebracht, gefoltert und einige Tage später wieder auf freien Fuß gesetzt. Die Familie litt schreckliche Angst. Als er zurückkam, war er nicht mehr derselbe. Das Privatdarlehen wurde nicht mehr zurückgefordert und auch nicht zurückbezahlt. Der andere Mann hatte Kontakte zur Partei.
Die Familie litt Not. In der Wohnung meiner Großeltern war die Zeit stehengeblieben. Ich fand Geschirrtücher, die bis zur Unkenntlichkeit geflickt waren, jedes Fädchen wurde auf eine Spule aufgewickelt und mit einem Zettel versehen, wofür man es eventuell gebrauchen könnte. Es gab Fotos von ärztlichen Untersuchungen in Lagern in Afrika, wo mein Onkel stationiert war und Liebesbriefe an die Familie, ganz besonders an die Mutter, aus seiner amerikanischen Kriegsgefangenschaft.
Ich begann damals zu verstehen, warum weder mein Vater noch eines seiner drei Geschwister in der Lage war, diesen Haushalt aufzulösen. Er barg die Geschichte der Familie. Er war ein Geschichtsbuch aus Dingen. Eine Erinnerung, ein kleines Museum.

Heute früh beim Morgenkaffee sprach ich mit meinem Mann darüber, dass es heute keine Partei mehr braucht, die uns Menschen Angst einjagt. Wir haben die Geheimdienste, die jede noch so unscheinbar wirkende Information sammeln und speichern. Sollte ein Mensch unbequem werden, gießt man mittels Medien pikante Details aus, die dessen Ansehen, Würde, Glaubhaftigkeit untergraben. Man muss heutzutage keinen mehr in dunklen Löchern foltern um ihn mundtot zu machen. Er wird an den öffentlichen Pranger gestellt. Dank Fernsehen und Internet verbreitet sich die Nachricht von seinen Schandtaten rasant schnell und die Menschen, die den Mund immer nur dann aufmachen um zu verurteilen, verurteilen. Früher musste man einen Stein aufheben und den Menschen zum Ziel machen um ihn zu bestrafen. Je mehr Leute einen Stein warfen, desto berechtigter schien das eigene Handeln. Heutzutage braucht es nur das Öffnen des Kommentarfensters und (augenscheinlich) anonym darf Gift und Galle gespuckt werden. Die Spiele laufen virtuell. Die Macht obliegt den Medien. Daumen rauf oder Daumen runter?

Wahrscheinlich ist uns noch gar nicht bewusst, dass wir uns über alles, was wir sagen, alles, was wir tun und alles, was wir schreiben und verschicken, bewusst sein sollten. Jede noch so kleine Begebenheit aus unserem Leben, die wir vielleicht vergessen wollen, etwas, was wir heute anderes angehen würden, vielleicht sogar bereuen, ist Ursache einer Wirkung. Geheimdienste haben die Möglichkeit sie aus dem Privaten ins Öffentliche zu holen. Jesus sagte "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein". Heute geht es nicht mehr um Sünde, sondern um Interessen. Welcher Mensch hat keine dunklen Flecken in seinem Leben? Wären wir mehr unserem Gewissen verpflichtet als Interessen, auch Eigeninteresse, wären wir vielleicht weniger schnell mit Beurteilung oder Verurteilung. Vielleicht ist uns noch gar nicht bewusst, dass Köpfe rollen können, weil sie irgendwem unbequem geworden sind. Vielleicht rollen sie noch gar nicht, weil noch nicht genügend Informationen gesammelt sind. Vielleicht ist das nur eine Vision, vielleicht aber bereits Realität.

Wer, warum und wofür braucht so viele Informationen? Wissen ist Macht. Und man kann nie wissen ...  wann aus einem kleinen Rädchen ein größeres wird ...

Ich kenne sie gut, diese gesenkten Köpfe "Sei lieber still. Da kann man nichts machen. Wir können sowieso nichts ausrichten". Und etwas in mir wehrt sich. Ich riskiere nicht meine Existenz, indem ich diese kleinen Beiträge schreibe. Die Gedanken sind frei und in diesem Land herrscht doch Meinungsfreiheit. Ist doch so? Alle meine kleinen Beiträge laufen über die Vereinigten Staaten von Amerika, werden dort gesammelt und gespeichert. Schließlich verwende ich für mein Blog ein Layout von Google. Na und? Hat mein Geschreibsel irgendeine Wichtigkeit?
Was würde ich tun, wenn ich eine anonyme Nachricht erhalten würde, dass ich mein Geschreibsel einstellen soll oder in nächster Zeit etwas über mich veröffentlicht wird, was für mich sehr unangenehm werden könnte. War ich mir immer und zu jeder Zeit bewusst, dass alles, was ich in privaten E-Mails geschrieben habe, öffentlich ist? Dass alles, was ich für privat und intim gehalten habe, ans Licht gezerrt werden kann? Noch habe ich keine Angst.
Was würde ich tun, wenn jemand damit droht Dinge an die Öffentlichkeit zu bringen, die ich geschützt glaubte? Wie groß wäre meine Angst vor öffentlicher und privater Verurteilung? Vor Entwürdigung und Isolation? Wie wichtig wäre mir meine Meinung, wenn ich wüsste, dass sie -ausgesprochen- meine Existenz vernichten könnte?
Irgendwann werden wir wieder vor dieser Frage stehen. Die Geheimdienste haben eine größere Macht als jede Partei. Schließlich wissen sie ja auch alles über jedes Parteimitglied. Ist Angela Merkel frei? Wird sie bedroht, erpresst? Was weiß die NSA über sie, was ihr unangenehm sein könnte? Kann es sein, dass ein Politiker so weit geht sein Land zu verkaufen um seinen Ruf zu wahren? Was könnten wir über Frau Merkel lesen, wenn sie Bezug nehmen würde zu NSA, TTIP und vielen anderen brisanten Themen? Warum spricht sie alles gut, wo die Tatsachen doch dagegen sprechen? Sie möchte so gerne positiv in die Geschichtsbücher eingehen. Was denkt sie tun zu müssen, damit das geschieht? Wer ist in der Lage größer zu denken? Über das eigene Wohlergehen, das eigene schöne Leben, die eigene Existenz, die Rolle hinaus?

Statt uns schützen zu wollen, könnten wir die Geheimdienste mit Informationen fluten. Wenn sie alles von jedem wissen, ist keiner mehr angreifbar. Wenn wir wissen, dass sie auch alles von uns wissen, kann uns das, was über andere berichtet wird, kalt lassen. Wenn keiner mehr  hinhört und keiner mehr liest, was über andere berichtet wird, verlieren die gesammelten Informationen ihre Wirkung. Es ist immer die Nachfrage, die das Angebot bestimmt. Wir lernen aus Fehlern und könnten auf das schauen, was Heute ist, was Menschen aus der Vergangenheit entwickelt haben. Wir sollten sie sprechen lassen und nicht Medien oder Geheimdienste.

Jeder schreibt seine eigene Geschichte. Jeder entscheidet darüber, ob er aus der Angst heraus handeln will oder aus der Zivilcourage. Jeder entscheidet für sich wie weit er gehen will. Jeder kann ein kleiner Held in seiner Geschichte sein und etwas riskieren. Wenn nicht jeder von uns es im Kleinen tut, wird es auch nicht im Größeren passieren. Wer nicht vor sich selber die Erwartung erfüllt im Kleinen etwas Großes zu tun, kann auch nicht von anderen erwarten, dass sie im Großen das Kleine erfüllen. Es gibt keine großen Helden, wenn es keine kleinen gibt. Sei ein Held, bleib dir treu, lebe bewusst, überwinde deine Ängste. Wenn nicht du, wer dann?

Und zu all dem Ernst ein bisschen Spaß. Der passende Spruch zum Thema:
Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider.
Er nimmt jedes Mal neu Maß, wenn er mich trifft.          

George B. Shaw






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