Medien und das Thema Kontaktabbruch

Immer wieder habe ich Anfragen von Medien, ob ich an einem Projekt zum Thema "Kontaktabbruch" teilnehmen möchte.
Bei den Fernsehformaten sind es oft Diskussionsrunden, die angeboten werden. Wenn ich das Geschmeichelt fühlen meines Egos überwunden habe, bleiben die Fragen stehen, was ich damit erreichen will und vor allem, was es für mich bedeutet. An Zeit, an Aufwand, an Kraft. Fühle ich mich stabil genug? Was will das Format von mir? Aufklärung? Sensation? Habe ich das Gefühl, dass ich mich dort rechtfertigen, verteidigen muss? Wieviel Information ist bereits vorhanden, hat sich der Journalist/Moderator in meinem Blog oder auf meiner Website einen Eindruck über das Thema verschafft?
Dann gibt es zwei Sparten: Die Betroffenen, die selbst ein schwieriges Verhältnis zu den Eltern oder einem Elternteil haben. Und die, die keine Ahnung haben, das Thema aber ganz spannend finden, weil es eben gerade in der Gesellschaft vorhanden ist.

Vor einigen Jahren traf ich mich mit einer Journalistin, die mich zum Thema "Kontaktabbruch" für eine Zeitschrift interviewte. Sie war selbst betroffen und ich musste im Gespräch nicht bei A anfangen. Auch sie litt unter einer Mutter mit narzisstischen Zügen. Die Zeitschrift bestand auf Authentizität und wollte den Artikel mit meinem Namen und einem Foto herausbringen. Als ich den Abzug des Artikels las, war ich entsetzt. Da hat jemand die Stationen meines Lebens genommen und mit seinen Worten eine Geschichte daraus gemacht, in der ich mich als Person nicht wiederfinden konnte. Die Story hatte einen weinerlichen Kontext. Sie wurde in einer Frauenzeitschrift veröffentlicht und da musste anscheinend ein bestimmter Ton getroffen werden. Ich stimmte der Veröffentlichung (schließlich hatte die Journalistin Aufwendungen, mir selbst wurde noch nie ein finanzieller Ausgleich für meine zur Verfügung gestellte Zeit und meine Geschichte angeboten) unter der Bedingung zu, dass mein Name geändert und das Foto herausgenommen wird. Mir wurde klar, dass ich selbst zu viel geschrieben habe, als dass ich mich und meine Geschichte von jemand anderen beschreiben lassen könnte.

Nun wurde ich von einer Journalistin angefragt, die Lebensreportagen verfilmt. Wir telefonierten und ich sah mir zwei ihrer Porträts an. Die gefielen mir und ich sagte zu.
Meine Familie fragte mich, welche Intention ich dabei habe.
Es geht mir um Aufklärung. Darum, dass Kinder, die den Kontakt abbrechen, nicht diejenigen sind, die spontan verlassen, sondern vorher von ihren Eltern oder einem Elternteil verraten und verlassen wurden. Für mich persönlich hatte ich den Eindruck, dass es mich einen Schritt weiterbringen könnte.
Beim zweiten Telefonat wurde der Wunsch an mich herangetragen auf alle Fälle in Interaktion mit Familie oder Freunden zu treten, da das Format davon lebt. Was bedeutet, dass ich im Vorfeld andere Personen ansprechen muss, die mit mir den Film bestreiten. Desweiteren möchte die Redaktion eine Einverständniserklärung meiner Mutter, um einer eventuellen Unterlassungsklage zu entgehen. Ich musste lachen. Die Filmemacherin schlug vor, dass man meine Mutter doch kurz zum Thema befragen könnte. Das klang so normal. Im Nachgespräch mit meinem Mann wurde mir die Absurdität bewusst.
Ich kann verstehen, dass sich Redaktionen absichern wollen. Ich kann auch verstehen, dass Journalisten ein gewisses Profil erfüllen müssen.

Ich verstand auch, dass etwas ganz anderes mich einen Schritt weiterbringt:

Ich wurde dazu erzogen Unerträglichkeiten bis zum bitteren Ende auszuhalten. Mir wurde mittels Liebesentzug beigebracht, dass die Erfüllung der Bedürfnisse meiner Mutter Vorrang vor allem anderen hat. Vor allem vor meinen Bedürfnissen.
Das bringt mich immer wieder in Situationen, in denen ich mich selbst missbrauche, um die Bedingungen anderer zu erfüllen. Ich bereit bin mir selbst zu schaden, um anderen keinen Schaden zuzufügen.
Es geht darum mich selbst zu (be)schützen. Mir die Erlaubnis zu erteilen meine Meinung zu ändern oder eine Entscheidung rückgängig zu machen, wenn ich merke, dass mir das Dabeibleiben schadet oder Schaden zufügen könnte.
Etwas absagen zu dürfen ohne schlechtes Gewissen, ohne Schuldgefühle. Meinem eigenen Wohlergehen Priorität zu geben. Auch wenn das den anderen eventuell in Schwierigkeiten bringt.

Ganz große Herausforderung. Und immense Erleichterung.

Liebe A.,

unser letztes Telefonat hat in mir den Entschluss reifen lassen, dass ich nicht an dem Fernsehprojekt teilnehmen möchte.

Dafür gibt es verschiedene Gründe:

Ich kann und möchte nicht die Adresse meiner Mutter weitergeben.
Ich möchte nicht an einem Projekt teilnehmen, das von der Zusage meiner Mutter abhängig ist.
Ich möchte auch nicht, dass sie eine Rolle spielt.
Leider haben sich erst bei unserem zweiten Telefonat Bedingungen aufgetan, die ich nicht erfüllen kann.

Ich zähle mich nicht wirklich zu den Verlassenden Kindern, sondern sehe mich als Verlassenes Kind.

Die Thematik, die zu dem fehlenden Kontakt zwischen meiner Mutter und mir führte, ist komplex. Ich schreibe dazu seit 8 Jahren und versuche es in Worte zu fassen. Mir ist klar geworden, dass ich es nicht in 20, 25 oder auch 45 Minuten Fernsehformat fassen werde können.

Es ist für mich nicht möglich Verwandte oder Freunde einzubeziehen. Jahrzehntelang versuchte ich Verständnis für meine Situation zu bekommen. Wie soll ich Menschen besuchen und mit ihnen über das Thema reden, wenn sie mich bis heute nicht wirklich verstehen. So einer Situation möchte ich mich nicht aussetzen.
In unserem Gespräch habe ich  gemerkt, dass ich es nicht schaffe die Komplexität zu transportieren. Nun bist du ein offener Mensch, hast viel Kontakt mit unterschiedlichen Menschen und hörst zu. Trotzdem hatte ich nicht das Gefühl, dass ich mich verständlich machen kann. Das macht es für mich mühsam. Es wäre ein zeitraubender und kräftezehrender Prozess mit ungewissem Ausgang, den ich so nicht eingehen kann.

Ich habe mir sehr viel Mühe mit meinem Blog gegeben. Mit meinen Beiträgen schaffe ich es Menschen zu erreichen, die ähnliche Situationen erlebt haben. Ich glaube nicht, dass ich das in einem Fernsehbeitrag rüberbringen kann. Wie gesagt - das Verständnis für jemanden, der als Kind körperlich missbraucht, geprügelt oder sich selbst überlassen wurde, ist da. Emotionaler Totalausfall ist schwer zu beschreiben. Unbewusste, subtile Manipulation ebenso. So lange das Kind gefüttert und adrett angezogen wurde, passt doch alles. Seelische Grausamkeit hinterlässt keine offensichtlichen Wunden. Meine Mutter ist eine sympathische, offene Frau, die gerne reist und einen großen Bekanntenkreis hat. Keiner, der sie kennenlernt, würde ihr so etwas zutrauen. Eine schwer traumatisierte Mutter traumatisiert ihre Kinder. Oder zumindest eines davon.

Die Aufgabe, die du mir übertragen hast - Leute zu finden, die etwas beitragen und mir eine Handlung zu überlegen, kann ich nicht erfüllen.
Mir haben die beiden Reportagen über G. und die andere Frau sehr gut gefallen. Aber meine Thematik passt nicht in dieses Format. Nicht für mich.

Es tut mir leid, dass ich das jetzt erst erkannt habe und dir absagen muss.


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