Chance - Falle - Scheinriese?

Vor einigen Tagen fand ich in meinem Posteingang die Anfrage eines Verlages. Sie wären auf mich aufmerksam geworden, ob ich autobiografische Aufzeichnungen hätte, die ich bei ihnen verlegen möchte. Für einen kurzen Augenblick fühlte ich mich geehrt. Ich kenne die Geschichte nur andersherum. Autoren, die mit ihrem Manuskript Verlage abklappern. Der Augenblick des Geschmeicheltfühlens war, wie gesagt, nur von kurzer Dauer, dann fiel mir ein, was ich über mich und meinen Lebensverlauf gelernt hatte.

Es gab zwei Dinge, die mich in meinem bisherigen Leben anspornten.

Einschätzungen anderer über mich, die mir etwas nicht zutrauten oder Einschätzungen anderer über mich, die mir etwas zutrauten. Beides führte mich weit weg von mir.

Als Kind und Jugendliche war es die Meinung anderer, dass ich etwas nicht kann, die mich dazu brachte über meine Grenzen hinauszugehen.
"Du kannst das nicht, weil du ein Mädchen bist", hörte ich von meinen beiden Brüdern. Diese Worte forderten mich dazu heraus ein besserer Junge zu werden.  Ich lernte meinen Körper zu beherrschen, kletterte auf die höchsten Bäume und schluckte zur Mutprobe einen Regenwurm. Ich wollte kein Mädchen sein.
"Du kannst das nicht, weil du dafür viel zu egoistisch bist", war die Meinung meiner Mutter über mich. Daraus entwickelte ich eine Übersensibilität für den Gemütszustand anderer und pflegte schwerkranke Menschen. Ich wollte kein Egoist sein.
"Das traust du dich nicht, weil das viel zu gefährlich ist", war die Meinung von Freunden, wenn es um Entscheidungen und das Durchsetzen von Projekten ging. Ich trampte alleine nach Griechenland, übernachtete auf dem Krater eines aktiven Vulkans und lernte einen Drachen zu fliegen. Ich wollte kein Feigling sein.

Im Erwachsenenalter war es die Meinung anderer, dass ich etwas kann.
"Ich sehe da ganz viel Potenzial", diese Worte schmeichelten mir und ich wollte dem entsprechen, was in mir gesehen wurde. Ich machte meinen schwarzen Gürtel in Karate, begann und beendete diverse Ausbildungen, eröffnete eine Praxis. Ich wollte eine gute Karateka, eine gute Schülerin, eine gute Therapeutin sein.
Was auch immer in mir gesehen oder nicht gesehen wurde und was auch immer ich daraus entwickelte, es fehlte die alles entscheidende Frage "Will ich das? Will ich das tun, will ich das sein? Bin ich das?"

Heute weiß ich, dass ich immer nur als Spiegel für die Projektionen anderer gedient habe.
Dass meine Brüder in mir das Schwache gesehen haben, das sie zu diesem Zeitpunkt ignorieren, ablehnen mussten. Dass meine Mutter in mir ihre eigene Selbstbezogenheit gesehen hat, so wie ich meinen Freunden ihre Ängste spiegelte. Hat mich all das, was sie auf mich geworfen haben wie auf eine Leinwand und was ich aufgenommen habe um es wieder loszuwerden, stark gemacht?
Die Lehrer, die ich mir im fortgeschrittenen Alter gesucht habe und die etwas in mir gesehen haben, was sie selbst gerne umgesetzt hätten, die in mir eine Verlängerung, eine Erweiterung, eine Selbstbestätigung gesehen haben, haben sie mich weitergebracht?
Ja, jeder einzelne von ihnen hat mir etwas gegeben, was mir geholfen hat mich selbst zu erweitern.
Nun fühle ich mich stark und erweitert genug.

Und jetzt? Was will ich?  Was ist es, was ich jetzt will? Das ist es, was ich mich frage.
Ich weiß es nicht.
Ich habe so oft in meinem Leben Dinge angestrebt, von denen ich dachte sie zu wollen, dass ich nicht mehr weiß, was ich wirklich will. Will ich dieses Buch schreiben? Ich weiß es nicht.
Da sind zwei Stimmen in mir. Die eine, eine altbekannte vertraute sagt "Yeah, boah, das ist DIE Chance, verpass sie nicht, mach, los mach, zöger nicht so lange rum. Zu allem anderen, was du bisher gemacht hast, kannst du dann auch noch ein Buch nennen". Die andere, eine relativ neue gelassenere sagt "Immer mit der Ruhe, es kann eine Chance sein oder die nächste Falle. Brauchst du die nächste Trophäe in deinem Regal? Was denkst du, was es bringt? Was willst du erreichen? Überlege es dir gut."

Ich war immer besser darin zu wissen, was ich nicht will und ich bin müde mich zu beweisen in Dingen, die man mir nicht zutraut, so wie ich müde bin Dinge zu erfüllen, die man mir zutraut. Was will ich? Was will ich wirklich? Alles, was ich jemals voll und ganz für mich wollte, war Freiheit.

Und ich habe das Gefühl, dass ich den Weg noch einmal in die umgekehrte Richtung gehen muss.

Dass es darum geht mich meinen tiefsten Ängsten zu stellen, dass ich immer wieder auf mich selbst Bezug nehmen soll, um mich in all meiner Schwäche zu akzeptieren. Damit ich leben kann, was ich wirklich bin. Wirkliche Freiheit bedeutet frei zu sein von Ängsten.....
Warum ergieße ich mich hier so?
Ob ihr es glaubt oder nicht, ich stelle mich damit einer meiner größten Ängste, der Angst mich zu verlautbaren. "Je mehr ich mich offenbare, desto angreifbarer mache ich mich", das ist, was ich aufgenommen und verinnerlicht habe. Stimmt das? Oder sind Ängste oft lediglich Zerrbilder, Scheinriesen? Erinnert ihr euch an Herrn Tur Tur, der kleiner wurde, je näher Jim Knopf ihm kam?

Ich nähere mich meinen Herrn Tur Turs und schaue, was passiert ......

***

Eine Zusammenfassung zum Thema finden Sie auf meiner Website unter "Ist die Aufgabe von Erfolg Verrat?".



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